Politik und Geschichte

30 Jahre deutsche Wiedervereinigung

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Erzähl uns von einem historischen Ereignis in deinem Land. Haben deine Eltern oder Großeltern diesen Moment miterlebt? Was erzählen sie davon?

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30 Jahre deutsche Wiedervereinigung - Lasse vor der Berliner Mauer
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Vier Jahrzehnte lang gab es zwei deutsche Staaten. Mit der Wiedervereinigung 1990 war das geteilte Deutschland Geschichte. Neun von zehn Deutschen sagen heute: Die Wiedervereinigung ist gut gelungen. Was bedeutet das Thema für Jugendliche heute? Welche Rolle spielt es in ihrem Alltag und in ihren Familien? Jugendliche aus Deutschland berichten.

Lasse aus Berlin, 15 Jahre, 10. Klasse

Wann sprecht ihr in eurer Familie über die Wiedervereinigung oder über das Leben damals im geteilten Deutschland?
Wir sprechen oft darüber, es geht dann aber vor allem um Dinge aus der Schule. Ich bin jetzt in der zehnten Klasse und da ist es ein wichtiges Thema in Geschichte und in meinem Zusatzkurs Politik. Das Thema kommt auch immer vor, wenn wir meine Oma besuchen. Sie wohnt in Hessen an der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West. Meine Mutter ist dort aufgewachsen. Sie hat mir zum Beispiel erzählt, dass sie früher nicht zu nahe an den Grenzzaun gehen durfte.

Was gibt es noch für Geschichten aus dieser Zeit in eurer Familie?
Mein Vater hat mir erzählt, dass er als Jugendlicher eine Klassenfahrt nach West-Berlin gemacht hat. Einen Tag waren sie auch in Ost-Berlin. Für diesen Tag mussten sie auch Geld umtauschen. Das Essen war in Ost-Berlin aber so billig, dass sie gar nicht viel Geld ausgeben konnten. Dann haben sie viele Bücher und Schallplatten gekauft, weil die in West-Berlin viel teurer waren. Meine Eltern haben auch viele Freunde, die in der DDR aufgewachsen sind. Wenn sie bei uns zu Besuch sind, dann erzählen sie oft von früher. Die meisten Geschichten kenne ich von ihnen.

An welche Geschichte erinnerst du dich?
Sie haben uns erzählt, dass sie viele Dinge über die DDR erst nach dem Fall der Mauer erfahren haben. Zum Beispiel hat die DDR-Regierung Menschen, die etwas gegen sie gesagt haben, verhaftet. Aber das wusste man nicht. Sie waren einfach weg und irgendwann waren sie wieder da. Erst viel später hat man erfahren, dass sie im Gefängnis waren. Das fand ich sehr interessant. Bei diesen Gesprächen haben sie auch erzählt, dass viele Ost- und Westdeutsche sich in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung nicht mochten. Beide haben schlecht über die anderen geredet. Aber jetzt ist es nicht mehr so, sagen sie.

Ist es für dich noch wichtig, ob jemand aus dem Osten oder aus dem Westen kommt?
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Was denkst du über die Wiedervereinigung?
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  • 30 Jahre deutsche Wiedervereinigung - Lasse
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  • Was ist das für eine Brücke auf dem Foto?
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    Emily aus Zwickau, 17 Jahre, 11. Klasse

    Emily, ist die Wiedervereinigung und die Zeit davor ein Thema in deiner Familie?
    Ja, klar. Meine Großeltern sprechen viel über diese Zeit und meine Eltern auch. Sie sind in der DDR groß geworden und erzählen oft, wie es in der DDR, in der Wendezeit und nach der Wiedervereinigung war. Im vereinten Deutschland war für sie alles neu, sie hatten so viele neue Eindrücke. Ich finde das alles sehr interessant. Wir behandeln diese Themen auch in der Schule und dann ist es schön, wenn ich von meiner Familie zusätzlich die Geschichten von früher höre.

    Wann erzählen sie solche Geschichten?
    Oft an Weihnachten, wenn wir mit der größeren Familie zusammen sitzen. Oder an Wochenenden mit meinen Eltern. Wenn ich erzähle, was bei mir so passiert, dann erzählen sie oft, wie es in ihrer Jugend war. Da merke ich immer, wie unterschiedlich wir groß geworden sind.

    Was sind denn zum Beispiel solche Geschichten?
    Meine Mutter erzählt oft von der Wendezeit. Da war sie mit meiner Schwester schwanger und hat einen Kinderwagen gebraucht. Sie war damals dann sehr froh, dass die Grenzen offen waren, und sie sich im Westen einen schönen Kinderwagen kaufen konnte.

    Meine Großeltern erzählen viel von ihrer Arbeit in der DDR. Meine Oma hat im Lebensmittelgeschäft Konsum gearbeitet und mein Opa in der Industrie. Er sagt immer, dass er sehr, sehr viel gearbeitet hat. Er ist sehr früh zur Arbeit gegangen und erst gegen 20 Uhr nach Hause gekommen. Meine Oma erzählt, dass sie damals fast alle Kunden kannte und dass man sich viel mehr mit den Leuten unterhalten hat. Nicht so wie heute, sagt sie, wo einige Leute nicht einmal mehr „Hallo“ sagen.

    Welche Bedeutung hat das Thema sonst in deinem Leben?
    Es ist schon relevant für mich. Ich finde, dass es die Teilung in Ost und West auch nach 30 Jahren  immer noch irgendwie gibt. Die Mauer ist zwar weg, aber im Denken ist sie immer noch da. Viele Deutsche haben immer noch Vorurteile. Ich höre oft: „Ja, du bist eben aus dem Osten.“ Mich stört es nicht so sehr, aber andere werden richtig sauer. Ich glaube, dass es noch sehr lange dauern wird, bis das aus den Köpfen raus ist. Für mich ist dieses Thema auch wichtig, weil ich mich nach dem Abitur entscheiden muss: Gehe ich vielleicht in den Westen, weil ich dort beruflich bessere Chancen habe, oder bleibe ich hier?

    Ronja aus Berlin, 14 Jahre, 9. Klasse

    Ronja, welche Rolle spielt das Thema Wiedervereinigung in deiner Familie? Gibt es Geschichten über diese Zeit in der Familie?
    Es spielt bei uns nicht wirklich eine Rolle. Wir reden nicht über das Thema und meine Eltern erzählen auch keine Geschichten über diese Zeit, einfach, weil es für sie nicht so schlimm war. Meine Eltern kommen beide aus der freien Hälfte von Deutschland, aus dem Westen. Ich verbinde das Thema auch mehr mit meinen Großeltern. Bei ihnen spielt diese Zeit mehr eine Rolle. Meine eine Oma war aus der DDR. Sie ist damals geflüchtet. Ich habe sie aber nie kennengelernt. Sie ist gestorben, als ich noch klein war. Deshalb weiß ich nichts davon. Es ist komisch: Die Wiedervereinigung ist gar nicht so lange her, aber es ist nicht mehr aktuell – zumindest bei uns in der Familie nicht.

    30 Jahre deutsche Wiedervereinigung - Ronja © privat

    Was bedeutet das Thema für dich?
    Es interessiert mich schon, aber ich weiß nicht viel darüber. Also, im Geschichtsunterricht in der Schule hatten wir das Thema noch nicht. Für mich spielt es aber schon eine Rolle, weil ich eine enge Verbindung zur Kapelle der Versöhnung am Mauerstreifen habe. Ich wurde in der Kapelle nicht nur getauft, wir waren dort auch oft sonntags in der Kirche und danach immer am Mauerstreifen spazieren. Ich gehe da immer noch oft mit meinem Hund spazieren. An diesem Ort bin ich seit 14 Jahren regelmäßig.

    Welche Rolle spielt das Thema Wiedervereinigung in eurer Familie?
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    30 Jahre deutsche Wiedervereinigung - Ronja © privat
    Warum magst du den Mauerstreifen?
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    Was denkst du dann, wenn du auf dem Mauerstreifen spazieren gehst?
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    Olivia aus Zwickau, 16 Jahre, 10. Klasse

    Olivia, in welchen Situationen sprecht ihr in deiner Familie über die Wiedervereinigung oder die Zeit davor?
    In relativ vielen. Natürlich oft, wenn es um die Schule geht, aber auch, wenn es um Technik oder Reisen geht. Dann sagen meine Eltern immer: „Ja, früher war das ja alles ganz anders. Ihr habt jetzt viel mehr Möglichkeiten.“ Manchmal sagen sie aber auch, dass es früher besser war.

    Und was erzählen deine Großeltern von früher?
    Meine zwei Omas finden, dass früher auch eine ziemlich anstrengende Zeit war. Für die eine Oma war es besonders schlimm, dass die Familie getrennt war: Die eine Hälfte war im Westen und die andere im Osten. Jetzt kommt das Thema bei ihr aber nicht mehr oft vor.

    Sind das geteilte Deutschland und die Wiedervereinigung ein Thema mit deinen Freunden?
    Nein, nicht wirklich. In meinem Freundeskreis sprechen wir nicht darüber. Nur, wenn wir ein paar Fakten aus dem Geschichtsunterricht auswerten.

    Gibt es in deiner Stadt einen Ort, der dich an diese Zeit erinnert?
    Ja, es gibt ein altes Haus. Wenn ich dort vorbeigehe, muss ich an die DDR denken. Das Haus steht schon lange leer und verfällt langsam. Auf dem Haus steht: „Haus der deutsch-sowjetischen Freundschaft“. Die DDR war ja ein enger Partner der Sowjetunion.

    Das geteilte Deutschland und die Wiedervereinigung sind immer noch ein wichtiges Thema in deiner Familie. Wie findest du das?
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    Deine Eltern sagen, dass in der DDR ein paar Dinge besser waren. Welche?
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    Was denkst du, wenn du die Geschichten von früher hörst?
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    30 Jahre deutsche Wiedervereinigung
     
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    Erzähl uns von einem historischen Ereignis in deinem Land. Haben deine Eltern oder Großeltern diesen Moment miterlebt? Was erzählen sie davon?

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    die Wiedervereinigung: hier: Am 3. Oktober 1990 hat sich die Deutsche Demokratische Republik (DDR) der Bundesrepublik Deutschland (BRD) angeschlossen.
    das geteilte Deutschland: Es gab zwei deutsche Staaten: die DDR und die BRD.
    gelingen: etwas hat den gewünschten Erfolg; funktionieren; glücken
    eine Rolle spielen: hier: wichtig sein
    vorkommen: hier: da sein; passieren
    der Grenzzaun, die Grenzzäune: eine Wand aus Metall entlang der Grenze zwischen der DDR und der BRD
    die Klassenfahrt, die Klassenfahrten: eine Reise mit der Schulklasse
    Geld umtauschen: eine Währung in eine andere wechseln, zum Beispiel: Euro in Dollar umtauschen
    die Schallplatte, die Schallplatten: eine schwarze Scheibe aus Plastik mit Musik
    verhaften: Wenn eine Person etwas gegen das Gesetz tut, nimmt die Polizei sie fest. Sie kommen vor ein Gericht.
    das Gefängnis, die Gefängnisse: Hier sind die verhafteten Personen. Sie dürfen das Gebäude nicht mehr verlassen, manche viele Jahre nicht.
    die Wendezeit: die Zeit, als sich die DDR in eine Demokratie veränderte; ungefähr von Mitte 1989 bis Oktober 1990
    der Eindruck, die Eindrücke: die Erfahrung; das Erlebnis
    die Industrie (Sg.): hier: der Industriebetrieb; Dort stellen Maschinen viele Produkte her.
    die Teilung, die Teilungen: teilen; ein Ganzes in verschiedene Teile trennen
    zwar: schon
    das Vorurteil, die Vorurteile: eine negative Meinung über andere Personen oder Dinge haben und dazu keine Tatsachen überprüfen
    entscheiden: wählen
    die Hälfte, die Hälften: einer der zwei gleich großen Teile eines Ganzen
    flüchten: hier: Das eigene Land verlassen und in ein anderes gehen, weil es in der Heimat zu gefährlich ist.
    zumindest: auf jeden Fall
    eine enge Verbindung zu etwas haben: eine besondere Beziehung haben
    die Kapelle, die Kapellen: eine kleine Kirche
    die Versöhnung, die Versöhnungen: nach einem Streit oder Krieg wieder in Frieden zusammen leben
    der Mauerstreifen, die Mauerstreifen: eine Strecke von rund 40 Kilometern mitten durch die Stadt Berlin, wo früher die Mauer war
    der Freundeskreis; die Freundeskreise: alle Freunde und Freundinnen einer Person
    auswerten: hier: vergleichen und diskutieren
    verfallen: hier: der Zustand wird immer schlechter