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Neue Chancen für Zuwandernde – das Fachkräfteeinwanderungsgesetz

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Welche Chancen und Risiken gibt es, wenn man für eine Arbeit oder ein Studium sein Land verlässt? Würdest du gerne im Ausland, zum Beispiel in Deutschland, leben und arbeiten?

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Neue Chancen für Zuwandernde –  das Fachkräfteeinwanderungsgesetz
© Colourbox.de

Zahlreiche deutsche Unternehmen suchen kontinuierlich nach neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Lange haben sie auf ein Gesetz gewartet, das es auch ausländischen Fachkräften leichter macht, nach Deutschland zu kommen. Endlich ist es da. Was hat sich geändert?

Sternchentext DSD II: Thema (Aus)Bildung

Tausende unbesetzte Arbeitsstellen in ganz Deutschland müssen gefüllt werden, ganz besonders in der IT-Branche, in medizinischen Berufen, in der Pflege oder im Handwerk. Sehr gern würden diese Unternehmen Menschen aus dem Ausland einstellen. Die Anforderungen waren dafür bisher aber hoch und die Prozesse langwierig und kompliziert – vor allem für Personen aus Ländern, die nicht zur Europäischen Union gehören. Deshalb haben viele Unternehmen darauf gedrängt, die Einwanderung von qualifizierten Fachkräften zu vereinfachen. Bisher konnten nur Akademiker relativ einfach nach Deutschland einwandern. Jetzt soll der Arbeitsmarkt auch für Personen mit beruflicher Ausbildung geöffnet werden. Dafür gibt es ein neues Gesetz: das Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Anfang März ist es in Kraft getreten. Das Interesse war groß.

Wesentliche Neuerungen im Gesetz

„Wir hatten ab Ende Februar deutlich mehr Anfragen von Unternehmen, die Fachkräfte einstellen wollten“, sagt Franziska Röder, Projektmanagerin IQ - Internationale Fachkräfte bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nürnberg für Mittelfranken. In der Region um Nürnberg sitzen viele florierende Unternehmen, die konstant Fachkräfte suchen. Röder unterstützt sie dabei, ausländische Fachkräfte einzustellen, und kennt das neue Gesetz gut. Was hält sie für die wichtigste Neuerung? „Dass die Positivliste weggefallen ist“, sagt sie. Bisher durften Personen mit beruflichen Abschlüssen nur einwandern, wenn ihr Beruf auf einer Liste mit Berufen stand, in denen besonders viele Stellen frei waren. Jetzt ist der Arbeitsmarkt für alle Berufe offen. Auch die Vorrangprüfung gibt es nicht mehr, also die Forderung, dass bei Personen aus Drittstaaten geprüft werden muss, ob eine Person aus Deutschland oder ein EU-Staatsbürger besser für die Stelle geeignet ist.
 

Franziska Röder von der IHK Nürnberg © privat

Eine große Hürde bleibt aber bestehen: die Anerkennung der beruflichen Abschlüsse. Nach wie vor müssen diese mit den deutschen gleichwertig sein. Das Problem dabei: Die Ausbildungssysteme im Ausland sind ganz anders als in Deutschland. Für Menschen, die in Deutschland arbeiten möchten, bedeutet das oft: Sie müssen noch zusätzliche Kurse besuchen und Qualifikationen nachholen. Auch Franziska Röder von der IHK Nürnberg nennt die Anerkennung „nach wie vor eine Herausforderung“. Sie sieht aber auch die Vorteile: „Die Fachkräfte haben dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“, sagt sie. „Wenn sie sich später woanders bewerben, haben sie einen offiziellen Bescheid, der ihre Qualifikation mit einer deutschen vergleicht.“

Wie lief das Gesetz bei Ihnen in der IHK an?
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Die Hoffnung: schneller und unkomplizierter

Fragt man Franziska Röder, was Unternehmen sich vom neuen Gesetz erhofft haben, sagt sie: „Ich denke, sie haben gehofft, dass es wesentlich einfacher wird und vor allem schneller.“ Mit dem beschleunigten Verfahren und einer Bearbeitungszeit von drei bis vier Monaten sei man zumindest schneller. „Unkomplizierter ist es aber leider nicht“, so Franziska Röder. Deshalb hat die IHK Nürnberg beschlossen, ihren Mitgliedern unter die Arme zu greifen und hat sich einen kompetenten Partner dazu geholt: das Netzwerk Integration durch Qualifizierung (IQ), das schon seit einigen Jahren Personen aus dem Ausland im Anerkennungsverfahren berät. „Wir in Nürnberg sind die einzigen, die so eine weitgehende Dienstleistung anbieten“, sagt Franziska Röder.
 
Ein Unternehmer, der schon davon profitiert hat, ist Bernd Aipperspach, Geschäftsführer von lead alliance. Das Unternehmen ist im Online-Marketing tätig und immer auf der Suche nach Programmierern. Über die Unterstützung der IHK habe er sich gefreut, sagt Bernd Aipperspach, doch unkomplizierter, wie er gehofft hatte, mache das neue Gesetz die Abläufe nicht. „Ich finde, gerade für MINT-Berufe, in denen es in Deutschland grundsätzlich Personalmangel gibt, könnte man die Prozesse noch verschlanken“, erläutert Aipperspach weiter. Warum er alles auf sich genommen und so viel Arbeitszeit investiert hat? Er kannte seinen neuen Mitarbeiter, einen jungen Iraner, schon. Dieser hatte vor einiger Zeit als Werkstudent in der Firma gearbeitet. Vor Kurzem hat er in Spanien seinen Master in Informatik gemacht. Aipperspach wollte ihn unbedingt in der Firma haben.
 

Bernd Aipperspach © PASCH-net / Katja Hanke
Was wünschen Sie sich von einem Fachkräfteeinwanderungsgesetz für die Zukunft?
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Fachkräfte: in der Pflegebranche immer gesucht

Neben der IT-Branche sucht auch die Pflegebranche trotz der Corona-Krise weiter nach ausländischen Fachkräften. Tausende arbeiten bereits in deutschen Pflegeheimen und Krankenhäusern, wie zum Beispiel am Universitätsklinikum Charité in Berlin. Über 4.000 Pflegekräfte sind dort angestellt, rund 80 Stellen seien momentan frei, berichtet Pflegedirektorin Judith Heepe.

Judith Heepe © PASCH-net / Katja Hanke

Seit 2016 wirbt die Klinik im Ausland um Pflegepersonal. 200 Personen konnte sie bisher gewinnen. Auch Judith Heepe hat sich vom neuen Gesetz Vereinfachungen erhofft, so zum Beispiel, „dass es zwischen den Botschaften leichter geht", sagt sie. Teilweise haben sich die Hoffnungen erfüllt. Das habe damit zu tun, dass es jetzt eine staatliche Stelle gibt, die bei der Rekrutierung von Pflegekräften aus Mexiko, Brasilien und den Philippinen hilft – die Deutsche Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe, kurz DeFa. Ziel ist es, dass ausländische Pflegekräfte innerhalb von sechs Monaten in Deutschland arbeiten können. Bisher konnte das bis zu zwei Jahren dauern. „Wir erleben, dass die DeFa tatsächlich unproblematisch und rasch hilft", meint Judith Heepe.

Warum suchen Sie Pflegepersonal im Ausland?
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Was geschieht schon im Heimatland der Pflegekräfte, bevor sie nach Deutschland kommen?
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Ein neuer Weg für PASCH-Alumni

Auch für PASCH-Alumni kann das Gesetz interessant sein. „Vor allem für solche Alumni, die nicht vornehmlich den akademischen Weg suchen, um nach Deutschland zu kommen, sondern andere berufliche Perspektiven ins Auge fassen möchten“, sagt Laura Scherf, Projektkoordinatorin der PASCH-Alumni-Plattform. „Es öffnet sozusagen eine zusätzliche Tür für junge Menschen, insbesondere außerhalb der EU, denen es vorher nicht möglich war, nach Deutschland zu kommen.“

Die Corona-Krise hat das Anwerben von ausländischen Fachkräften in den meisten Branchen vorerst gebremst. Sobald sich die deutsche Wirtschaft erholt, wird die Nachfrage wieder steigen. Welche Effekte das neue Gesetz hat, wird wohl erst dann genau zu erkennen sein.

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unbesetzt: frei
drängen auf: etwas immer wieder fordern
 
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