Das internationale Leseprojekt „Seitenweise“ soll Jugendlichen Spaß am Lesen bringen und sie motivieren, sich kreativ auszuleben. Insgesamt 1.800 Jugendliche aus 13 Ländern haben 2025 daran teilgenommen. Die Landessiegerinnen und -sieger haben sich im Oktober in Leipzig getroffen.
Okan aus Bulgarien hat bisher genau ein Buch auf Deutsch gelesen: „Krummer Hund“ heißt es und war in diesem Jahr das ausgewählte Buch im Projekt „Seitenweise“. „Das hat mich stark motiviert, mehr Bücher auf Deutsch zu lesen“, sagt der 17-Jährige, „und auch mehr Videos auf Deutsch zu schauen oder andere Sachen auf Deutsch kennenzulernen.“ Okan und seine Mitschülerin Daria haben außerdem einen Kurzfilm zu dem Jugendbuch gedreht. Mit dem Video gewannen sie den „Seitenweise“-Landeswettbewerb in Bulgarien und durften im Oktober nach Leipzig fahren, um es dort anderen Jugendlichen vorzustellen.
Okan | © Katja Hanke
Warum liest du gern?
Doch: Was genau ist „Seitenweise“ überhaupt? In diesem Projekt lesen die Teilnehmenden ein deutsches Jugendbuch auf B1-Niveau und beschäftigen sich danach kreativ mit dem Inhalt. Das Buch in diesem Jahr, „Krummer Hund“ von Juliane Pickel, erzählt vom Teenager Daniel. Sein Vater hat die Familie verlassen, danach starb der Hund, den ihm sein Vater geschenkt hatte. Nun ist Daniel wütend, er fühlt sich schuldig und weiß nicht, wer er wirklich ist. In der Geschichte geht es um Gefühle, Trauer, Freundschaft und die Suche nach sich selbst.
Während die Jugendlichen das Buch lesen, führen sie ein Lesetagebuch. „Darin bearbeiten sie verschiedene Fragestellungen, die das Leseverstehen erleichtern sollen“, sagt Claudia Popov-Jenninger. Sie ist für die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen als Fachberaterin für Deutsch in Bratislava tätig und entwickelt die Aufgaben für das Lesetagebuch. Gemeinsam mit Alexander Schleich, Fachberater Deutsch in Vilnius in Litauen, organisiert sie das Projekt und die Veranstaltungen. „Das Besondere an „Seitenweise“ ist, dass der Wettbewerbsgedanke nicht im Vordergrund steht“, sagt sie. „Wir möchten kreative Beiträge bekommen. Die Jugendlichen sollen das Buch selbstständig weiterdenken und sich mit den Themen auseinandersetzen.“ In diesem Jahr stand das Thema Gefühle im Mittelpunkt. Die Jugendlichen haben nach dem Lesen zum Beispiel auch Gedichte geschrieben, Comics gemalt, Brettspiele entwickelt oder etwas gebastelt.
Welche Funktion hat das Lesetagebuch, dass die Teilnehmenden führen?
Wie genau kann denn „Seitenweise“ die Jugendlichen motivieren, mehr zu lesen?
Der 16-jährigen Daniela aus der Slowakei hat das ganze Projekt großen Spaß gemacht. „Wir haben einen kurzen Film gedreht, etwa fünf Minuten, und unsere Freunde, Mitschülerinnen und Mitschüler sowie die Lehrkräfte haben mitgeholfen“, sagt Daniela, die nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern auch mitgespielt hat. „Das war eine gute Erfahrung“, sagt sie. Auch das Buch mochte sie sehr. Es war nicht das erste, das sie auf Deutsch gelesen hat. Der Jugendroman „Ostwind – zusammen sind wir frei“ von Carola Wimmer hat ihr auch gefallen. „Weil es darin um Pferde geht“, sagt sie, „und ich selbst auch reite.“
Beispielvideo aus der Slowakei | © Daniela Račková, Oliver Halák und Matúš Goda
Daniela | © Katja Hanke
Welche neuen Fähigkeiten hast du durch „Seitenweise“ bekommen?
Was bedeutet dir das Lesen?
Wo liest du normalerweise?
Ernestas aus Litauen erzählt, dass er selten schöngeistige Literatur liest, Bücher über Selbstentwicklung mag er lieber. „Ich finde es gut, wenn man mehrere Dinge zur gleichen Zeit macht“, sagt er. Also, nicht nur eine Geschichte lesen, sondern dabei auch nützliche Tipps für das eigene Leben bekommen. Normalerweise liest er mindestens eine Stunde am Wochenende. „Es gibt viele verschiedene Arten von Büchern, die ich mag“, sagt er. Vor kurzem hat er „Dazwischen: Ich“ von Julya Rabinowich gelesen. In diesem Roman geht es um ein Mädchen, das vor einem Krieg nach Deutschland geflohen ist. „Aus welchem Land sie kommt, bleibt ein Geheimnis“, sagt Ernestas. „Denn die Autorin findet das nicht wichtig. Was jetzt im neuen Leben passiert, ist viel wichtiger.“ Gerade hat er allerdings keine Zeit zu lesen, weil er für das International Baccalaureate (IB) lernt. Das ist ein internationaler Schulabschluss, mit dem man in den meisten Ländern der Welt an einer Universität studieren kann.
Ernestas | © Katja Hanke
Für „Seitenweise“ hat Ernestas mit einer Mitschülerin ein künstlerisches Video gedreht: mit dunklen Bildern, Naturaufnahmen, nachdenklichen Monologen und Musik mit großer Wirkung. „Wir sind sehr stolz darauf“, sagt er. „Wir haben sehr viel über das Filmen gelernt.“
Wie fandest du das Projekt „Seitenweise“?
Welche neuen Fähigkeiten hast du dadurch entwickelt?
Überhaupt kommt das Projekt sehr gut an. „Es nehmen immer mehr Schulen teil“, sagt Claudia Popov-Jenninger. „Nachdem sie einmal mitgemacht haben, sind sie so begeistert, dass sie unbedingt wieder mitmachen möchten.“ Teilnehmen können Schülerinnen und Schüler der achten, neunten und zehnten Klassen von Schulen, in denen das Deutsche Sprachdiplom (DSD) abgelegt werden kann. Zurzeit nehmen DSD-Schulen aus Bulgarien, Estland, Georgien, Kirgistan, Lettland, Litauen, der Mongolei, Rumänien, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn teil.
„Mit „Seitenweise“ möchten wir erreichen, dass die Vorbereitung auf das DSD nicht immer nur pure Vorbereitung auf den Test ist“, sagt Claudia Popov-Jenninger, „sondern dass es kommunikativ ist und die Jugendlichen spüren, sie lernen im Deutschunterricht nicht nur Grammatik und Wortschatz.“
Nachdem die Schülerinnen und Schüler das Buch gelesen und ihre kreativen Projekte dazu beendet haben, werden an jeder Schule die Schulsiegerinnen und -sieger ermittelt. Manche arbeiten allein daran, die meisten zu zweit oder auch zu dritt. Die Gewinnerinnen und Gewinner der Landesfinale der einzelnen Länder werden jedes Jahr nach Leipzig eingeladen, um dort ihre Projekte zu präsentieren. In diesem Jahr waren 27 Jugendliche aus dreizehn Ländern beim Siegertreffen in Leipzig. Das war für alle eine ganz besondere Erfahrung. Daniela aus der Slowakei ist begeistert. „Am besten finde ich, dass hier alle aus verschiedenen Ländern kommen“, sagt sie. „Es ist wirklich schön, dass wir uns hier kennenlernen können.“