Soziale Medien sind ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags – für Jugendliche und Erwachsene. Aber es wird zunehmend darüber diskutiert, ob Schulen nicht einen sicheren Raum ohne Smartphones und soziale Medien bieten sollten. Können solche Verbote das Lernen verbessern?
Wer kennt es nicht: Ob zu Hause auf dem Sofa, in der Schule oder auch bei der Arbeit – der schnelle Blick auf das Handy verspricht etwas Abwechslung und man befürchtet, etwas Wichtiges zu verpassen, wenn man nicht durch seine Apps scrollt. Viele Fachleute kritisieren, dass Algorithmen von Social-Media-Plattformen darauf abzielen, Nutzerinnen und Nutzer zu animieren, die Apps möglichst lange zu nutzen. Und so bleibt weniger Aufmerksamkeit und Konzentration für andere Dinge.
Wie sollen Schulen und Bildungsbehörden nun darauf reagieren, dass soziale Medien einerseits eine zentrale Bedeutung im Leben der Jugendlichen einnehmen und andererseits aber auch das Lernen beeinträchtigen und sogar die psychische Gesundheit belasten können? Die deutsche Bildungsministerkonferenz betont in ihrer „Erklärung zum Umgang mit Social Media im schulischen Bereich“, dass soziale Medien nicht nur verteufelt werden sollten, sondern Jugendlichen auch Chancen zur Vernetzung und zur Persönlichkeitsentwicklung geben können. Positiv erwähnt werden der niedrigschwellige Zugang zu Gleichgesinnten und Interessensgruppen, der besonders für vulnerable Gruppen wichtig sein kann. Außerdem ermöglichen soziale Medien jungen Leuten demokratische Teilhabe, sie finden hier Möglichkeiten, sich zu informieren und eigene Positionen zu artikulieren. Es darf aber gleichzeitig nicht übersehen werden, so die Bildungsministerkonferenz, dass wissenschaftliche Erkenntnisse mögliche negative Effekte auf die Entwicklung von jungen Menschen belegen. So kann intensive Social-Media-Nutzung zu einem erhöhten sozialen Vergleichdruck, einem verminderten Selbstwertgefühl oder auch zu Schlafstörungen und Depressionen führen.
Vorbild Australien?
Über die Frage, welche Konsequenzen Schule und Gesellschaft aus diesen Beobachtungen ziehen sollen, wird aktuell heiß diskutiert. Befeuert wurde diese Diskussion durch das Beispiel eines Social-Media-Verbots für Unter-16-Jährige in Australien, das im Dezember 2025 eingeführt wurde. Viele Stimmen in der Öffentlichkeit waren der Ansicht, dass nun auch Deutschland und die EU nachziehen müssten, um Kinder und Jugendliche besser vor den Gefahren der Sozialen Medien zu schützen. Ein halbes Jahr später ziehen Fachleute jedoch noch keine eindeutige Bilanz. Erste Berichte zeigen, dass viele Jugendliche das Verbot umgehen. Ob sich ihr Nutzungsverhalten langfristig verändert, ist bislang offen.
Eine spannende globale Diskussion
Sind Verbote also richtig und nötig? Wie kann ein Dreiklang zwischen Schutz, Befähigung und Teilhabe entstehen, so dass es Kindern und Jugendlichen ermöglicht wird, digitale Räume sicher, reflektiert und selbstbestimmt zu nutzen? Darüber haben wir im Juni im Rahmen einer Online-Veranstaltung der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen mit Schulleitungen, Lehrkräften und Jugendlichen aus dem In- und Ausland diskutiert. Zwei Stimmen aus dieser Debatte möchten wir euch hier vorstellen.
Elliot Belmadani
Elliot Belmadani ist Abiturient und engagiert sich in der Bundesschülerkonferenz. Er plädiert dafür, dass Kinder und Jugendliche bei der Entwicklung von Regeln für die Social-Media-Nutzung eng einbezogen werden müssen und setzt sich dafür ein, dass Medienkompetenz als Kernthema für den Unterricht wahrgenommen wird. Für ihn kann ein sinnvoller Weg nur sein: Befähigung statt Bevormundung!
Elliot, wann fühlt sich eine Regel aus Schülerperspektive sinnvoll an und wann eher wie Kontrolle ohne Vertrauen?
Was müssten Erwachsene besser verstehen, wenn sie Regeln zu Social Media entwickeln?
Anne Sander
Anne Sander ist als Fachberaterin für Deutsch als Fremdsprache in Stockholm tätig und kennt die Diskussion um ein Social-Media-Verbot an Schulen auch aus der Perspektive als Mutter. Sie betont, dass die Rolle der Eltern in der Debatte übersehen wird und ist der festen Überzeugung, dass es ohne Grenzen und Richtlinien nicht geht!
Anne, du betonst besonders die Verantwortung der Erwachsenen in der Debatte um Social-Media-Verbote. Was wird aus deiner Sicht in dieser Debatte übersehen?
Reicht eine pädagogische Begleitung mit Social Media überhaupt aus oder braucht es an bestimmten Stellen doch klare Grenzen?
Social Media sinnvoll nutzen: die Initiative DigitalSchoolStory
Befähigung – dieser Begriff tauchte in unserer Diskussion immer wieder auf. Doch was bedeutet das eigentlich im Schulalltag? Die gemeinnützige Bildungsinitiative DigitalSchoolStory (DSS) möchte darauf eine Antwort geben. Mit ihrer Methode lernen Schülerinnen und Schüler, wie sie Unterrichtsinhalte ab der 5. Jahrgangsstufe kreativ in kurze Social Media-Videoformate verpacken können. So soll der Unterricht zeitgemäß gestaltet und die Lebenswelt sowie die digitalen Kompetenzen der jungen Menschen sinnvoll in den Schulalltag integriert werden.
Nina Mülhens, die Co-Founderin von DSS, hat uns erzählt, was sie zur Gründung dieser Initiative bewegt hat und wie sie Kritikern begegnet, die gegen eine Integration von Social Media in den Unterricht sind.
Nina, wie bist du auf die Idee gekommen, Digital School Story zu gründen?
Was antwortest du Leuten, die sagen, solche „TikTok-Videos“ von DigitalSchoolStory haben in der Schule nichts verloren?
DigitalSchoolStory – ein Praxisbeispiel aus Argentinien
DigitalSchoolStory wird bereits an vielen Schulen in Deutschland erfolgreich eingesetzt. Aber würde die Methode auch mit Lernenden von Deutsch als Fremdsprache funktionieren? Dieser Herausforderung stellte sich Sofía Ahets Etcheberry, Deutschlehrerin am Instituto Schiller in Buenos Aires, Argentinien. Die Schülerinnen und Schüler ihrer siebten Klasse erstellten im Schuljahr 2026 kreative Videos zum Thema Umweltschutz und bewerteten die Erfahrung mit DSS durchweg positiv. Sofia erkannte einen besonderen Mehrwert für ihren Unterricht darin, dass Social-Media-Formate durchaus auch wichtige Fertigkeiten schulen: „Die Schülerinnen und Schüler setzen sich intensiv mit einem Thema auseinander, weil sie es kreativ und verständlich für andere aufbereiten müssen.“ Darüber hinaus steigerte sich das Engagement in ihrem Unterricht: „Besonders schön fand ich, dass die Schülerinnen und Schüler mit viel Motivation arbeiteten und am Ende sehr stolz auf ihre eigenen Videos waren“, so Sofía.
Schutz, Befähigung und Teilhabe – die Diskussion um den richtigen Umgang mit Social Media wird weitergehen. Unstrittig ist wohl, dass sinnvolle Regeln und Leitplanken nur entstehen können, wenn alle Beteiligten – und im Besonderen auch die Jugendlichen – dabei gehört werden.