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Politik und Geschichte

Die Bundesschülerkonferenz – wo Engagement Schule verändert

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Junge Menschen stimmen ab per Handzeichen.
© pressfoto, freepik.com

Mehr Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, faire Bildungschancen, bessere Strukturen: Die Bundesschülerkonferenz bringt die Anliegen von Schülerinnen und Schülern in die Politik. Wie funktioniert das und welchen Beitrag leisten dabei die Deutschen Auslandsschulen?

Gerade mal knapp zwei Jahre ist es her, dass die 17-jährige Rose aus Rheinland-Pfalz beschloss, sich in der regionalen Schülervertretung zu engagieren – und heute ist sie nicht nur Delegierte der Bundesschülerkonferenz, sondern sogar Mitglied des Bundessekretariates. „Das Bildungssystem in Rheinland-Pfalz ist nicht das beste“, sagt sie. „Ich wollte ein bisschen was ändern.“ Was sie antrieb? Großer Notendruck in der Schule, eine schlechte Schulatmosphäre und zu wenige Schulpsychologinnen und Schulpsychologen. Also wurde Rose aktiv und engagierte sich in der Schülervertretung ihrer Schule. Eine solche Vertretung gibt es an jeder Schule in Deutschland. Sie vertritt die Wünsche und Ideen der Lernenden gegenüber der Schulleitung und entsendet Delegierte auf die Bezirksebene. Von dort werden wiederum Vertreterinnen und Vertreter in die Landesschülervertretung gewählt, die sich für die Interessen der Lernenden auf Landesebene einsetzen. Jedes Bundesland schickt schließlich drei Delegierte zur Bundesschülerkonferenz. Genau diesen Weg ist Rose erfolgreich gegangen – Wahl für Wahl.

Struktur und Aufgaben der Bundesschülerkonferenz

Die Bundesschülerkonferenz, kurz BSK, ist die bundesweite Vertretung der Landesschülervertretungen und damit das gemeinsame Sprachrohr aller Schülerinnen und Schüler gegenüber der Politik und Öffentlichkeit. Alle Bundesländer bis auf Nordrhein-Westfalen sind Mitglieder. Die BSK behandelt bildungspolitische Fragen von überregionaler Bedeutung, entwickelt gemeinsame Positionen und setzt sich dafür ein, dass Schülerinnen und Schülern mehr mitbestimmen können. Die rund 45 Delegierten kommen mehrmals im Jahr zusammen – entweder digital oder bei sogenannten Plenartagungen. Dort tauschen sie Erfahrungen aus, treffen Entscheidungen und formulieren gemeinsame Forderungen. „Zum Beispiel an das Bildungsministerium“, erklärt Rose, „dazu, was sich in unserem Bildungssystem und in den Schulen ändern sollte“. Rose ist darüber hinaus Mitglied des Bundessekretariats, wo sie als „International Officer“ tätig ist. Das Bundessekretariat besteht aus zehn Personen, die jährlich von den Delegierten gewählt werden. Es organisiert die Tagungen, regelt die Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern und vertritt die BSK nach außen.

Rose

Rose | © privat

Das Thema mentale Gesundheit in den Mittelpunkt rücken

Im Frühjahr 2025 startete die BSK die Kampagne „UNS GEHT’S GUT?“ und rückte damit das Thema mentale Gesundheit in den Mittelpunkt. Seitdem die Schulen während der Corona-Pandemie monatelang geschlossen waren, fühlen sich mehr Kinder und Jugendliche als vor der Pandemie einsam oder leiden unter psychischen Erkrankungen wie Angstzuständen oder Depressionen. Das belegt auch das Deutsche Schulbarometer 2025/26, für das 1.507 Schülerinnen und Schüler im Alter von 8 bis 17 Jahren befragt wurden. Ein Viertel von ihnen bezeichnet sich als psychisch belastet und 26 Prozent berichten von geringer Lebensqualität. Außerdem geben zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler an, dass sie mindestens in einigen Unterrichtsstunden regelmäßig an ihre Grenzen stoßen.

In der Bildungspolitik wurde das Thema bisher  kaum beachtet. Die BSK wollte das ändern und veröffentlichte im Oktober 2025 zehn Forderungen an die politischen Entscheidungsträger.  „Wir befinden uns in einer schweren Krise der psychischen Gesundheit junger Menschen“, sagte der damalige Generalsekretär der BSK, Quentin Gärtner, bei einer Pressekonferenz in Berlin. „Kein Land der Welt kann es sich leisten, den eigenen Nachwuchs zu vergessen. Wenn jetzt nicht gehandelt wird, dann entwickelt sich diese Notlage zu einer ernsthaften Bedrohung für unsere Wirtschaft und Demokratie.“ Zahlreiche Verbände, Krankenkassen und Stiftungen schlossen sich den Forderungen für ein gesünderes Bildungssystem an.

Warum hast du angefangen, dich in der Schülervertretung zu engagieren?

Wie sieht deine spezielle Aufgabe als International Officer bei der Bundesschülerkonferenz aus?

Warum hat sich die Bundesschülerkonferenz der mentalen Gesundheit im Bildungssystem in einer großen Kampagne gewidmet?

Doch was genau wird gefordert? „Mentale Gesundheit sollte auch im Unterricht Thema sein“, sagt Rose, „nicht nur einmal, sondern öfter, sodass es nicht mehr stigmatisiert ist.“ Gleichzeitig sei es wichtig, in den Schulen selbst mehr Unterstützungsangebote zu schaffen. „Es muss die Möglichkeit geben, sich Hilfe zu suchen und mit jemandem zu reden.“ Konkret verlangt die BSK mehr Personal für Sozialarbeit an den Schulen und für den schulpsychologischen Dienst. Darüber hinaus fordert sie bessere Schulstrukturen: individuelle Förderung, eine Entlastung der Lehrkräfte, mehr Pausen und gute Ganztagsmodelle. Unterrichtsinhalt sollte außerdem Medienkompetenz sein – und zwar in allen Fächern. Hinzu kommen unter anderem mehr Fortbildungen für Lehrkräfte zum Umgang mit psychischen Problemen sowie die Vermittlung von Kompetenzen wie Stressbewältigung und Selbstregulation im Unterricht. Um die Forderungen bekannt zu machen, hat die BSK sie auf einer Tagung präsentiert und in den Medien veröffentlicht.

Soziale Ungleichheiten aufbrechen

Ein anderes Thema, das die Bundesschülerkonferenz immer wieder beschäftigt, ist die Bildungsgerechtigkeit. Denn in Deutschland hängt der schulische Erfolg nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab – ein Problem, das die BSK in ihrem Grundsatzprogramm benennt. Besonders in großen Städten führt die Einteilung von Schuleinzugsgebieten dazu, dass Kinder und Jugendliche verschiedener gesellschaftlicher Klassen kaum miteinander lernen. Dieser Zustand verfestige soziale Ungleichheiten, so die BSK, und müsse aufgebrochen werden. Ein möglicher Weg dazu seien Projekttage oder gemeinsame Veranstaltungen, die den Austausch von Schülerinnen und Schülern verschiedener Schulen fördern. Die BSK appelliert dabei insbesondere an die Kultusministerien der Länder. Sie sollen dem Thema mehr Aufmerksamkeit schenken und gemeinsam mit den betroffenen Schulen nach Lösungen suchen, die der Situation vor Ort gerecht werden. „Das ist ein ganz großer Punkt“, sagt Rose, „dass es faire Bildungschancen unabhängig vom Einkommen der Eltern gibt“.

Schülervertretungsarbeit an den Deutschen Auslandsschulen

Auch an den 135 Deutschen Auslandsschulen gibt es Schülervertretungen – und auch sie haben ein höheres Gremium: den Beirat der Schülerinnen und Schüler im Netzwerk Deutscher Auslandsschulen, kurz SV-Beirat. Die Auslandsschulen sind in 14 verschiedene Regionen aufgeteilt, von denen jede ein ordentliches und ein stellvertretendes Mitglied in den Beirat entsendet. Die 17-jährige Antonie vertritt die Region N, zu der die Schulen in China, Taiwan, Südkorea und Japan gehören. Sie besucht die Deutsche Botschaftsschule Peking und ist nicht nur Regionalleiterin im SV-Beirat, sondern auch eine Sprecherin des Netzwerks. Im November 2024 nahm sie am ersten Präsenztreffen des SV-Beirates teil. „Dort haben wir uns erstmalig austauschen und vernetzen können“, sagt sie. „Unsere Schulen gehören zwar zum deutschen Bildungssystem, aber wir sind doch an sehr verschiedenen Orten und unser Schulalltag ist sehr verschieden.“

Antonie

Antonie | © privat

Warum engagierst du dich in der Schülervertretung?

Wie bist du Mitglied im SV-Beirat geworden?

Was genau macht ihr im SV-Beirat?

Engagement liegt Antonie schon lange am Herzen: Bereits in der fünften Klasse wurde sie Klassensprecherin und blieb es während ihrer gesamten Schulzeit in Deutschland. Seit dreieinhalb Jahren besucht sie die Schule in Peking und ist seit zwei Jahren auch dort Klassensprecherin. Als Vertreterin ihrer Schule wurde sie dann im Netzwerk Deutscher Auslandsschulen zur Repräsentantin der ganzen Region gewählt. Genau dort sieht sie auch ihre wichtigste Rolle. „Ich bin in der Region sehr aktiv, weil ich direkt etwas bewirken kann“, sagt sie. Ein Beispiel dafür ist das persönliche Treffen der Vertreterinnen und Vertreter von zwölf Schulen in Asien. „Das hat viel Zeit und Planung in Anspruch genommen“, sagt Antonie, „aber wir hatten erstmalig die Möglichkeit, mit vielen Schulen zusammenzukommen. In ein paar Monaten wollen wir in Asien einen Spendenlauf machen, an dem jede Schule teilnimmt.“

Antonie würde den SV-Beirat der Auslandsschulen gern als Mitglied der Bundesschülerkonferenz sehen. Momentan hat er dort lediglich einen beratenden Sitz. „Die Auslandsschulen sind eigentlich auch ein Teil des deutschen Bildungssystems, aber wir haben als Schülerinnen und Schüler keine direkte Stimme in den Schülervertretungsstrukturen in Deutschland“, sagt sie und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Einerseits haben wir jetzt diese Vernetzung, andererseits, finde ich, könnten wir vielleicht schon gemeinsam als ein halbes Bundesland fungieren.“

die Schülervertretung, die Schülervertretungen: eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die die Interessen der Lernenden in der Schule vertreten
der/die Delegierte, die Delegierten: eine Person, die eine Gruppe vertritt und für sie an bestimmten Treffen teilnimmt
der Notendruck: starker Stress, gute Noten erreichen zu müssen
die Bezirksebene: eine regionale Ebene zwischen Schule und Bundesland (z. B. mehrere Schulen in einer Region
bundesweit: in ganz Deutschland
das Sprachrohr: jemand oder etwas, das die Meinung einer Gruppe öffentlich ausdrückt
die Plenartagung, die Plenartagungen: ein großes Treffen, bei dem alle Mitglieder einer Organisation zusammenkommen
die Kampagne, die Kampagnen: eine geplante Aktion, um auf ein Thema aufmerksam zu machen oder etwas zu verändern
etwas in den Mittelpunkt rücken: ein Thema besonders wichtig machen und viel Aufmerksamkeit darauf lenken
etwas in den Mittelpunkt rücken: ein Thema besonders wichtig machen und viel Aufmerksamkeit darauf lenken
der Angstzustand, die Angstzustände: eine wiederkehrende Situation, in der man starke Angst und Sorgen bekommt
etwas belegen: mit Zahlen, Fakten oder Studien zeigen, dass etwas stimmt
an seine Grenzen stoßen: merken, dass man nicht mehr weiterkann; dass es zu viel für einen wird
etwas kaum beachten: etwas wenig Aufmerksamkeit geben
der Entscheidungsträger, die Entscheidungsträger: Personen (zum Beispiel Politikerinnen und Politiker), die wichtige Entscheidungen treffen
die Notlage, die Notlagen: eine schwierige, oft kritische Situation, in der Hilfe nötig ist
der Verband, die Verbände: eine Organisation, in der sich Menschen oder Gruppen mit gleichen Interessen zusammenschließen
etwas stigmatisieren: jemanden oder etwas negativ bewerten und ausgrenzen
der schulpsychologische Dienst: Angebot an Schulen, bei dem Fachleute Schülerinnen und Schülern bei Problemen helfen
die Entlastung: Hilfe bei Arbeiten und Pflichten
die Selbstregulation: die Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit, Emotionen, Impulse und Handlungen zu steuern
das Grundsatzprogramm: ein Dokument, in dem die wichtigsten Ziele und Ideen einer Organisation stehen
das Schuleinzugsgebiet, die Schuleinzugsgebiete: ein Gebiet, das offiziell festgelegt ist und aus dem die Schülerinnen und Schüler zu einer bestimmten Schule kommen
an jemanden appellieren: jemanden auffordern oder bitten, etwas zu tun
das Gremium, die Gremien: eine Gruppe von Personen, die gemeinsam beraten oder Entscheidungen treffen
das ordentliche Mitglied: ein vollwertiges Mitglied mit allen Rechten, zum Beispiel bei Abstimmungen
das ordentliche Mitglied: ein vollwertiges Mitglied mit allen Rechten, zum Beispiel bei Abstimmungen
der Spendenlauf, die Spendenläufe: eine Laufveranstaltung, bei der Geld für einen guten Zweck gesammelt wird
der beratende Sitz: eine Teilnahme an einem Gremium ohne Stimmrecht, nur mit beratender Funktion
mit einem Augenzwinkern hinzufügen: etwas humorvoll oder nicht ganz ernst gemeint sagen