Schule und Ausbildung

Interkulturelles Lernen in der Schule – neue Perspektiven durch Vielfalt

Sprachniveau: B1+
Interkulturelles Lernen
Am Appleby College im kanadischen Oakville lernen Jugendliche aus über 40 Ländern. Ihre verschiedenen Kulturen spielen auch im Schulalltag eine Rolle. Muska, Sehaj, Clara, Owen und Junyi erzählen, wie sie mit- und voneinander lernen.


Muska Muska, 16 Jahre
Für mich ist das Interkulturelle an unserer Schule vor allem durch unsere Veranstaltungen sichtbar. Schüler aus verschiedenen Kulturen organisieren Feste, die man in ihren Ländern feiert. Dann dekorieren sie die Cafeteria genauso, wie man es an diesem Fest in ihrem Land macht und es gibt das Essen, dass man dort an diesem Tag isst. Zum hinduistischen Feiertag Diwali haben sie sogar Frauen organisiert, die unsere Hände mit Hennapulver bemalt haben – genauso wie man es in Indien machen würde.

An unserer Schule ist man auch sehr offen für neue Ideen: Wenn jemand eine Idee für eine Veranstaltung hat, wird diese unterstützt. Vor drei Jahren wollten ein paar Schüler aus verschiedenen Kulturen eine AG für alle diejenigen gründen, die sich für Wissenschaft interessieren. Die Schule hat ihnen einen Raum dafür gegeben und auch einen Lehrer gefunden, der ihnen geholfen hat. Am Anfang war es nur eine AG zu Wissenschaftsthemen, es sollte gar nicht um Interkulturelles gehen. Letztendlich kamen die Jugendlichen aus den verschiedenen Kulturen aber dadurch zusammen und haben sich intensiv unterhalten.

Ich persönlich habe zum Beispiel viel von Junyi aus China gelernt. Vor allem im Deutschunterricht sprechen wir viel darüber, wie man in den unterschiedlichen Ländern lernt. Junyi, die sonst sehr ruhig ist, hat viel über den Unterricht und das Leben in China erzählt und wie es für sie war, nach Kanada zu kommen. Das war sehr interessant.
 
SehajSehaj, 17 Jahre
Für mich zeigt sich das interkulturelle Lernen an unserer Schule zum Beispiel darin, dass wir im Geografieunterricht auch über andere Länder sprechen, zum Beispiel über die Probleme der Landwirtschaft und der schnell steigenden Bevölkerung in Indien oder über den wachsenden Einfluss Chinas auf die kanadische Politik.

Außerdem besuchen wir alle jeden Freitag einen multireligiösen Unterricht. Er ist nicht wirklich religiös ausgerichtet, es geht eher um die Erfahrungen, die man in verschiedenen Religionen wie dem Hinduismus, dem Islam oder anderen macht. Über den Atheismus sprechen wir auch. Wir nehmen Stücke von allen Religionen und lernen daraus. Dieser Unterricht ist sehr international, denn die Schülerinnen und Schüler kommen aus Indien, Griechenland, China, der Türkei, Kanada und vielen anderen Ländern.
Wir lernen auch viel voneinander. Ich finde es besonders toll, dass wir durch unsere Vielfalt immer eine andere Perspektive zu einem Thema bekommen. Ich selbst habe natürlich eine bestimmte Art zu denken, aber Mitschüler aus China zum Beispiel sehen viele Dinge ganz anders. Oder noch ein Beispiel: Wenn wir im Englischunterricht Informationen über andere Länder herausfinden sollen, fragen wir einfach die Mitschüler aus den jeweiligen Ländern und bekommen die Informationen aus erster Hand.

Clara, 16 Jahre Clara
Ich sehe das Interkulturelle an den vielen Postern, Fotos und Berichten zu den verschiedenen Aktivitäten, Veranstaltungen und Reisen, die überall in der Schule hängen. Das meiste über andere Kulturen lerne ich aber über Gespräche. Man kann viel lernen, wenn man sich mit den Menschen unterhält. Die Art, wie sie sprechen oder über ihre Hobbys reden, verrät viel über ihre Kultur. Schon vom ersten Eindruck bekomme ich ein Gefühl dafür. Ich finde das sehr spannend und möchte so viel wie möglich über andere Kulturen erfahren. Ich lerne auch gern Sprachen. Ich kann Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch, Mandarin und ein bisschen Latein.

Ich finde, wenn man mit Jugendlichen aus vielen verschiedenen Kulturen zusammen lernt, bekommt man ein besseres Verständnis und Gefühl für die Welt. Wir leben hier in Oakville eher in einer kleinen Welt, aber es gibt viel mehr da draußen.
 
Owen, 17 JahreOwen
Wir erfahren im Unterricht viel über andere Kontinente. Im Geschichtsunterricht weist unser Lehrer uns zum Beispiel immer darauf hin, wenn Geschichte sich wiederholt und dann reden wir darüber. Das ist sehr interessant.

An unserer Schule gibt es viele Veranstaltungen aus den verschiedenen Kulturen. Zum Beispiel machen die indischen Mitschüler ein traditionelles Essen zum hinduistischen Feiertag Diwali. Genauso gibt es ein Essen zum chinesischen Neujahr, zu Thanksgiving, zu jüdischen Festen oder zu Ramadan. In unserer Caféteria wird außerdem jeden Tag ein internationales Gericht angeboten: zum Beispiel ein indisches, ein italienisches, chinesisches oder ägyptisches.

Was wir voneinander lernen können? Ich lerne zum Beispiel viel von den asiatischen Schülerinnen und Schülern. Sie sind sehr gut in Mathematik. Sie können schnell rechnen und lösen Aufgaben sehr effektiv. Dadurch sehe ich, dass es auch einen anderen Weg als meinen zu einer Lösung gibt. Beim Mittagessen unterhalten wir uns oft über solche Dinge und wie man am besten lernt. Hinzu kommt, dass ich durch die Sichtweisen und Perspektiven der anderen deutlicher erkenne, wie die Dinge in der Welt zusammenhängen.
 
Junyi Junyi, 17 Jahre
Die Schülerinnen und Schüler aus den verschiedenen Ländern bringen ganz unterschiedliche Perspektiven in den Unterricht. Wenn wir zum Beispiel in Geschichte über den Kalten Krieg sprechen, haben die Jugendlichen aus Asien eine andere Sicht darauf als die aus Nordamerika.
Ich komme aus China und war außerdem überhaupt nicht gewohnt, dass im Unterricht diskutiert wird. In China sind meistens 40 Schülerinnen und Schüler in einer Klasse. Hier sind die Klassen viel kleiner und wir sprechen und diskutieren viel mehr miteinander. Alle beteiligen sich aktiv am Unterricht. Ich musste erst lernen, meine Meinung zu sagen und offener zu sein.

Wir lernen definitiv sehr viel voneinander. Eine meiner Freundinnen ist Muslima. Ich wusste früher überhaupt nichts über den Islam. Sie hat mir zum Beispiel vom Fastenmonat Ramadan erzählt. Jetzt verstehe ich viel besser, warum Muslime einen Monat lang tagsüber nicht essen und trinken und wie man das überhaupt aushalten kann.
Wir unterhalten uns untereinander auch über unsere Sicht auf das Leben und was für uns im Leben wichtig ist. In China ist Jugendlichen vor allem das Lernen und ein guter Schulabschluss wichtig. Eine Freundin aus Nordamerika hat mir erzählt, dass ihr aber soziale Kontakte und Netzwerke viel wichtiger sind. So etwas war ganz neu für mich.

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Katja Hanke
arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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Was man hochladen darf und was nicht
das Hennapulver: Hennapulver kommt von den Blättern einer Pflanze, man benutzt es um Haare oder Hände zu färben
die AG: kurz für: Arbeitsgemeinschaft; eine Aktivität an einer Schule für Jugendliche, die ähnliche Interessen haben, hier die Wissenschaft
 
letztendlich: eigentlich
ausrichten: hier: ausgerichtet sein = sein
die Vielfalt: hier: es gibt viele Perspektiven, weil die Schülerinnen und Schüler aus vielen verschiedenen Ländern kommen
spannend: hier: sehr interessant
die Sichtweise, die Sichtweisen: wie man etwas sieht; welche Meinung man zu etwas hat
der Fastenmonat, die Fastenmonate: Ein Monat, in dem Muslime tagsüber fasten = nichts essen und trinken dürfen
aushalten: hier: es schaffen, nichts zu essen und zu trinken
die Sicht: hier: wie man das Leben sieht