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28. Juni 2018, Deutschland: Theaterfestival der Fit-Schulen Mittelosteuropas in Zittau

Theaterfestival der Fit-Schulen Mittelosteuropas in Zittau
„Was, schon 10 Jahre?!?“. Der programmatische Titel des PASCH-Theaterfestivals Anfang Juni 2018 am Gerhart-Hauptmann-Theater verrät: Wir befinden uns mitten im Jubiläumsjahr der Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“. Und es ist Zeit darüber nachzudenken, was sie mit uns macht und das auch auf die Bühne zu bringen. 


Insgesamt sechs Theatergruppen aus Ungarn, Litauen, Polen und aus der Slowakei zeigten bizarre und berührende Geschichten von der Zeit, wie sie vergeht und was das mit uns macht. Den Aufführungen gingen intensive Proben- und Begegnungstage im Dreiländereck (Spielstätte in Deutschland, Unterkunft in Tschechien, tägliche Fahrt durch Polen) voraus.
 
Die Stücke stammen allesamt aus Schülerfeder und wurden in Zusammenarbeit mit Theaterpädagogen bühnenreif geschliffen. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller beeindruckten mit hoher Präsenz und außerordentlichen Talenten, mitreißenden Geschichten, unerwartetem Witz und aktuellen Bezügen.

Zeit für Träume?

Hat man Zeit einfach oder muss man sie sich nehmen? Aber wofür soll man sie sich nehmen? Für die Freunde, fürs Lernen, für seine Talente und Träume oder doch für die Pläne der Eltern? Sieben tanzbegeisterte Mädchen aus Stadnicka Wola/Polen rufen mit ihrem Gänsehaut-Stück dazu auf, den persönlichen Traum zumindest auszuprobieren, auch wenn Hindernisse hoch scheinen. Dazu braucht es Freundinnen, Mut und das Entlarven der „inneren Ängste“ – eindrucksvoll als mehrköpfiges Wesen, im Chor zischelnd verkörpert: „Du bist nicht gut genug! Was sagen die anderen? Das hältst du nicht durch!“
 
Das Mädchen im Stück (wechselnd besetzt) zähmt ihre Ängste, wagt seinen Traum und inspiriert (oder erzieht) damit sogar ihre Eltern: In einer beeindruckenden, tänzerischen Formation stellen die Mädchen auf der Bühne den ersten Fallschirmsprung des Vaters dar. Somit ist klar: Träume verjähren zwar nicht unbedingt, doch die Zeit vergeht so oder so, ob wir unsere Träume leben oder nicht. Wie willst du also leben? 

 

Passiert auch etwas ohne Zeit?

Der Schreiber des Stückes aus Debrecen/Ungarn macht es gerne wie Hitchcock und spielt in seinem eigenen Stück mit. Hier die unscheinbare Putzfrau, der nichts entgeht. In der Kneipe Sorgenbrecher Zeitlos treffen sich Todgeweihte, die statt des zu frühen Ablebens die Existenz in der scheinbaren Ereignislosigkeit dieser Kneipe gewählt haben. Ihre grotesken Geschichten und allerlei Absurditäten, wie sie nur die Ewigkeit gebären kann, unterhalten aufs Beste, erinnern uns an die Vorzüge der Endlichkeit und beziehen dabei auch das Publikum mit ein.

Schmetterlingsdefekt

Was passiert nach einem plötzlichen, schrillen Schrei um Mitternacht? Ein Wissenschaftler will es analysieren, doch er rechnet nicht mit seinen Nachbarinnen und Nachbarn im hellhörigen Mietshaus. Obwohl eigentlich nichts passiert ist, sind die vermeintlichen Schuldigen schnell gefunden, und die Situation eskaliert ins Gewaltsame. „Ach Oma, das könnte heute nicht mehr passieren, wir sind doch alle so aufgeklärt!“, sagt der Enkelsohn zu seiner Großmutter, die ihm diese Geschichte, die sich einst in ihrem Haus zugetragen hat, erzählt. Wirklich nicht? Die Gruppe aus Warschau/Polen lässt die Frage offen.

 

Zeit ist Geld ist Familienzeit

In präziser, quasi schwarz-weißer, Pantomime stellt die Gruppe aus Győr/Ungarn – als Einschübe in ihr ansonsten grellbuntes, drastisches Stück „Familienzeit“ – Szenen von Waffen- und Menschenhandel dar. Damit häuft Omi, das Familienoberhaupt, mit der Zeit ein Vermögen an (oder zumindest glauben das alle) und an jedem ihrer runden Geburtstage, die wir im Zeitraffer auf der Bühne miterleben, liefern sich die am Familienunternehmen Beteiligten einen bizarren Kampf um Gunst und Geld von Omi. Das wird niemand überleben.

„Alt sein ist nichts für Junge“

Vergeht die Zeit schneller, wenn man alt ist? Im Stück aus Vilnius/Litauen wollen es die Alten nochmals wissen und beauftragen die Jugendlichen damit, ihnen zu zeigen wie jung sein heute geht. Beeindruckende Darstellung der Großelterngeneration, die alles mitmacht, um noch einmal jung zu sein und beim Tanzen den Jungen die Schau stiehlt.

 

Lebe den Moment

Die Zeit verraucht buchstäblich im Stück der Gruppe aus Dolný Kubín/Slowakei. Spielt sich das Leben eigentlich vor oder hinter der (Schattenspiel-)Kulisse ab und muss sich eigentlich von Jahr zu Jahr und von Generation zu Generation alles wiederholen? Mit ausgeklügelten, großformatigen Schattenspielelementen, die dank professioneller Theatertechnik und großer Spielfreude sehr atmosphärisch umgesetzt wurden, tauchen die Schauspielerinnen in diese Fragen förmlich ein.

Unser Theater-Partner 

Das Theaterfestival 2018 wurde in Kooperation mit dem Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau durchgeführt, das über langjährige internationale Kooperationserfahrungen verfügt, insbesondere im Rahmen der Initiative J-O-Ś, die junge Theatermacher aus Deutschland, Tschechien und Polen zusammenbringt.

Auf dem Rahmenprogramm des PASCH-Festivals stand neben diversen Workshops auch der Besuch des aktuellen Stückes dieses trinationalen Projekts, House at the Crossroads 2.0, das sehr gut bei den Jugendlichen ankam und in einen langen und lustigen multinationalen Begegnungsabend im Theatergarten mündete.

 
PASCH-Theaterfestival in Mittelosteuropa – teilnehmende Schulen 2018:
  • Szkoła Podstawowa nr 46 im. St. Starzynskiego aus Warschau/Polen
  • Zespół Placówek Oświatowych w Stadnickiej Woli aus Stadnicka Wola/Polen
  • Vilniaus licėjus aus Vilnius/Litauen
  • Gymnázium P.O. Hviezdoslava aus Dolný Kubín/Slowakei
  • Révai Miklós Gimnázium és Kollégium aus Győr/Ungarn
  • Debreceni Egyetem Kossuth Lajos Gyakorló Gimnáziuma és Általános Iskolája aus Debrecen/Ungarn
Eva Pritscher, Expertin für Unterricht
Goethe-Institut Budapest


июнь 2018
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