Interview mit Annabell, Chioma und Mizgin (durchgeführt von Wiebke Schwinger)

Annabell, Chioma und Mizgin | © Wiebke Schwinger

Annabell, Chioma und Mizgin haben vom 1.-25. Juli 2015 ein Schülerpraktikum beim PASCH-Jugendkurs in Duderstadt absolviert. Im Interview mit Wiebke Schwinger (Goethe-Institut) berichten sie von ihren Erfahrungen, ihren Aufgaben und dem Zusammenleben in einer internationalen Lerngemeinschaft.

Wer seid ihr und warum habt ihr euch für das Praktikum beim PASCH-Jugendkurs entschieden?


Mizgin: Ich heiße Mizgin Aslan, ich bin 17 Jahre alt und komme aus Paderborn. Warum ich hier mitmache? Einfach aus dem Grund, dass hier viele verschiedene Kulturen zusammenkommen. Hier in Deutschland leben ja auch viele Menschen mit Migrationshintergrund, aber die sind alle mehr oder weniger assimiliert. Und die Kursteilnehmer kommen ja direkt aus ihrem Land angereist und ticken dann ganz anders. Und es ist einfach schön zu beobachten, wie sie einander näher kommen. Ich habe auch viele positive Erfahrungsberichte gehört, von Freunden und aus dem Internet.

Chioma: Ich heiße Chioma Samuel, ich bin 16 Jahre alt und komme aus Lünen bei Dortmund. Ich habe mich hier beworben, weil ich diesen kulturellen Austausch miterleben wollte und finde es auch interessant, dass so viele Schüler aus der ganzen Welt hier aufeinander treffen. Sie haben alle verschiedene Kulturen, sprechen verschiedene Sprachen, haben verschiedene Traditionen, aber trotzdem verstehen sich alle super. Und ich finde es auch interessant zu beobachten, wie alle Deutsch lernen.

Annabell: Mein Name ist Annabell Ferdinand. Ich komme aus einem kleinen Dörfchen namens Schmachthagen, das liegt zwischen Hamburg und Lübeck, und ich bin hier, weil mir immer viel davon erzählt wurde. Ich finde, man sammelt hier Erfahrungen, die man auf andere Weise nicht einfach so bekommen würde, und das ist einfach interessant.

Und was genau sind eure Aufgaben beim Jugendkurs?

Mizgin: Am Anfang wussten wir das selbst nicht so genau. Das war so eine Grauzone: Wir gehören zum Team, aber irgendwie auch zu den Stipendiatinnen und Stipendiaten, weil wir in deren Alter sind. Wir organisieren viel mit, aber gleichzeitig sind wir auch viel mit den Stipendiatinnen unterwegs und kommen mit ihnen ins Gespräch. Am Anfang haben sich das manche aber gar nicht getraut.

Chioma: Am Anfang haben viele gedacht, dass wir Studentinnen wären, und haben sich deswegen nicht getraut, sich mit uns zu unterhalten. Aber dafür sind wir ja eigentlich da, dass sie sich auch mit Deutsch-Muttersprachlern in ihrem Alter unterhalten! Aber jetzt haben Sie sich doch getraut und es ist meistens total lustig.

Mizgin: Wir haben auch eine Brückenfunktion: Die Stipendiaten wissen, dass wir mehr Verständnis für ihre Probleme haben als die älteren Betreuer. Bei mir war es des Öfteren so, dass manche mit ihren Problemen zu mir gekommen sind und ich versucht habe, ihnen zu helfen.

Wie sieht denn ein typischer Tagesablauf für euch aus?

Annabell: Wir stehen auf, frühstücken, dann haben wir meistens Teambesprechung, während die KTN im Unterricht sitzen. Dann planen wir und bereiten Aktivitäten vor, dann gibt es Mittagessen. Und nachmittags führen wir die Aktionen durch, die wir geplant haben, oder fahren mit auf Ausflüge.

Mizgin: Oder es gibt Projekte, an denen einige von uns beteiligt sind.

Chioma: In der ersten Woche habe ich vor dem Frühstück Fitness angeboten, dann sind wir um sieben Uhr Joggen gegangen oder haben ein paar Übungen gemacht.

Und wie funktioniert das Zusammenleben mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus so vielen verschiedenen Ländern? War das schwierig am Anfang?

Mizgin: Gar nicht! Also klar, am Tag der Anreise, als alle zusammen Mittag gegessen haben, war es komplett still, aber direkt zum Abendessen oder am nächsten Tag wurde es dann wieder lauter. Natürlich treffen viele verschiedene Mentalitäten aufeinander, aber Missverständnisse oder Streit, weil etwas in der einen Kultur so ist und in der anderen ganz anders, gibt es gar nicht! Alle verstehen sich komplett gut, es ist ein friedliches Zusammenleben. Ich wünschte, die ganze Welt würde sich davon ein Stückchen abschneiden!

Hat sich euer Blick auf Deutschland eigentlich verändert durch das Praktikum?

Annabell: Mir wird richtig bewusst, was wir hier eigentlich für ein gutes Leben haben. Ich kriege das sonst teilweise gar nicht mit, wie schlecht es Menschen in anderen Ländern geht.

Mizgin: Also, nicht nur schlecht. Ich mag das deutsche System wirklich sehr und bin sehr kritisch gegenüber anderen Systemen. Ich habe mich schon oft gefragt, wie Menschen eigentlich glücklich sein können, wenn die Länder insgesamt ein bisschen strenger sind. Aber die Leute hier sind so voller Lebensfreude! Wenn sie mir von ihren Ländern erzählen, dann denke ich: "Oh, ist doch nicht so schlimm, wie man behauptet."

Was habt ihr für euch persönlich im Jugendkurs gelernt? Welche Erfahrungen nehmt ihr mit?

Annabell: Man lernt hier, dass man sich seine eigene Meinung bilden sollte und sich die nicht vorschreiben lassen sollte.

Chioma: …und dass man generell offen gegenüber allen sein sollte. Man sollte sich nicht ein Bild im Kopf vorstellen, wie die Leute sein könnten, sondern einfach offen auf sie zugehen und gucken, was passiert.

Mizgin: Für mich war es auch das erste Mal außerhalb der Familie, dass ich eine Verantwortungsperson geworden bin für andere Menschen, dass ich auch mal "ja" oder "nein" sagen musste. Und das war schon eine gute Erfahrung.

Könnt ihr euch vorstellen, später noch mal an einem Jugendkurs teilzunehmen, zum Beispiel als Betreuerinnen?

Mizgin: Ja, definitiv. Ich habe gemerkt, wie schwer es die Betreuer haben, aber ich denke schon.

Chioma: Ja, ich auch.

Annabell: Ich habe auch Lust, nächstes Jahr wiederzukommen.