Wissen und Umwelt

Boden als Ressource – „Verbietet das Bauen!“

Sprachniveau: C1 Dieser Text auf C1-Niveau ist für Lerngruppen zu empfehlen, die anstreben, das Deutsche Sprachdiplom zweiter Stufe (DSD II) zu erwerben.
In einem Neubaugebiet im Kölner Westen werden Einfamilienhäuser gebaut
Tag für Tag wird in Deutschland rund 74 Hektar ökologisch wertvoller Boden zu Bau- und Straßenland. Daniel Fuhrhop zeigt mit seiner Initiative „Verbietet das Bauen!“, wie es anders gehen könnte.


Daniel Fuhrhop, der sich mit seinem Blog „Verbietet das Bauen!“ für einen komplettes Bauverbot einsetzt, war früher Verleger von Architekturbüchern. Über 15 Jahre lang warb er für Neubauten. „Ich liebe Architektur und freue mich über schöne Gebäude“, erklärt der Aktivist. „Gerade weil ich mich seit Jahren intensiv mit Bauen und Architektur beschäftige, bin ich heute überzeugt: Neubau ist nicht mehr zeitgemäß. Denn Neubauten sind teuer, sie schaden der Umwelt und sind Gift für gewachsene, lebendige Stadtviertel. Wenn wir leerstehende Gebäude umbauen und alle Flächen effizienter nutzen, brauchen wir nicht neu zu bauen.“ Zersiedelte Landschaften, wachsende Verkehrsströme, verödete Innenstädte seien die Folge von immer neuen Shoppingcentern und Siedlungen auf der „Grünen Wiese“. Teure Neubauten in der Stadt würden die Mieten in die Höhe treiben, während gleichzeitig das Geld für die Sanierung bestehender Gebäude fehle.

Daniel Fuhrhop ist davon überzeugt, dass zum guten Zusammenleben in den Städten auch Freiräume gehören. Mit dieser Ansicht steht er keineswegs allein. So möchte das Bündnis Bremer Bürgerinitiativen erreichen, dass 99 Freiflächen in ihrer Stadt durch ein Ortsgesetz vor Bebauung geschützt werden. Und die Berlinerinnen und Berliner erteilten dem Plan, das Tempelhofer Feld und damit eine der größten und beliebtesten Freiflächen der Stadt zu bebauen, per Volksentscheid im Mai 2014 eine deutliche Abfuhr.

Büroturm wird zum Wohnhaus

Ob der Bedarf an Wohnungen tatsächlich ohne Neubau zu decken ist, kann man bezweifeln. Doch fest steht: Das Potenzial, das in Umnutzungen bestehender Gebäude steckt, ist noch längst nicht ausgeschöpft. Beispiel Frankfurt am Main: Wohnungen sind knapp, während gleichzeitig hunderttausende Quadratmeter Büro- und Gewerbefläche leer stehen. Ein Büroturm im Stadtteil Niederrad wurde nun in ein Wohnhaus mit fast 100 Appartements umgebaut – der Beginn der Umwandlung einer stellenweise verödeten Bürostadt in ein lebendiges Viertel. Auch ein lange leer stehendes Parkhaus in Münster beherbergt nach einem Umbau inzwischen Laden- und Büroräume sowie Wohnungen.

Weniger individuelle Fläche, dafür mehr Raum für die Gemeinschaft: Nach diesem Prinzip vermieten verschiedene Wohnungsgenossenschaften, darunter die Wogeno München, vergleichsweise kleine Wohnungen, die aber durch großzügige Gemeinschaftsbereiche zum Kochen oder Feiern und Gästeappartements für Besucher ergänzt werden. Ein weiteres Beispiel von Flächeneffizienz sind die Tauschprogramme mit Umzugsbonus, die manche Wohnungsunternehmen ihren Mietern anbieten. So kann die alleinstehende Seniorin ihre zu groß gewordene Wohnung einer Familie mit Kindern überlassen und in eine passende kleinere Wohnung ziehen, ohne dass ihr dadurch finanzielle Nachteile entstehen.

Aufschub für neue Wohnbauprojekte

Nachhaltig bauen bedeutet für Michael Kopatz vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie vor allem: weniger bauen. Innovative Materialen und Techniken führten zwar zu Energieeinsparungen im Bereich Bauen und Wohnen. Doch dieser Einspareffekt werde durch ungebremsten Neubau und die steigende Wohnfläche pro Einwohner weitgehend wieder aufgehoben. „In vielen Regionen Deutschlands sinkt die Bevölkerungszahl. Trotzdem werden ständig neue Siedlungs- und Gewerbeflächen ausgewiesen“, sagt Michael Kopatz. Er schlägt deshalb ein „Wohnflächenmoratorium“ vor: „ Kommunen mit stagnierender oder sinkender Einwohnerzahl bewilligen keine Wohnneubauprojekte mehr. Das erhöht den Anreiz, mit dem bestehenden Gebäudebestand besser zu wirtschaften. Schließlich stehen in Deutschland von knapp 40 Millionen Wohnungen 3,5 Millionen leer.“ Sein Vorschlag sei administrativ leicht umzusetzen, allerdings fehle der politische Wille dafür.

Planspiel Flächenhandel

Böden stellen Nahrung, Futtermittel und nachwachsende Rohstoffe bereit, sie filtern Schadstoffe, binden Nährstoffe und sichern als Wasserspeicher die Trinkwasserversorgung. Um die Ressource Boden besser zu schützen, möchte die Bundesregierung die Versiegelung von Flächen für Siedlungen und Verkehr bis zum Jahr 2020 von den aktuellen 74 Hektar auf 30 Hektar pro Tag verringern.

Ob effiziente Flächennutzung oder Umzugsbonus: Wer anfängt, nach Alternativen zum Neubau zu suchen, findet erstaunlich viele. Die Forderung von Daniel Fuhrhops Initiative, das Bauen komplett zu verbieten, mag vor allem eine Provokation sein. Aber schon Albert Einstein wusste: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“


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Elisabeth Schwiontek
ist freie Journalistin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2015

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Was man hochladen darf und was nicht
der Verleger, die Verleger: eine Person, die Bücher verlegt
der Neubau, die Neubauten: hier: ein neu gebautes Gebäude
der Aktivist, die Aktivisten: eine Person, die sich für ein bestimmtes (politisches) Ziel engagiert
zeitgemäß: modern; fortschrittlich
Gift sein für etwas: schlecht sein; nicht gut sein
effizient: besser; mit mehr Struktur zu einem besseren Ergebnis gelangen
zersiedelt: viele einzeln stehende Häuser über eine bestimmte Fläche ausgebreitet
der Verkehrsstrom, die Verkehrsströme: viele Fahrzeuge fahren in die gleiche Richtung
verödet: hier: leer; ohne Menschen, Geschäfte, Restaurants 
die Siedlung, die Siedlungen: hier: eine Gruppe von kleinen Wohnhäusern mit Garten
in die Höhe treiben: hier: teurer machen
die Sanierung, die Sanierungen: hier: ältere Gebäude wieder neu und modern machen
die Bürgerinitiative, die Bürgerinitiativen: Bürger schließen sich zusammen, um ein Problem öffentlich zu machen
jemandem oder etwas eine Abfuhr erteilen: jemanden oder etwas ablehnen; dagegen sein
das Tempelhofer Feld: Der Flughafen Tempelhof im Zentrum von Berlin wurde 2008 geschlossen. Seitdem ist das Gelände, wo früher die Flugzeuge landeten, ein öffentlicher Park – eine riesige freie Fläche mitten in der Stadt. Viele Berliner kommen jeden Tag dorthin und gehen spazieren, fahren Rad, arbeiten in kleinen Gärten, machen ein Picknick, grillen und vieles mehr. 
der Volksentscheid, die Volksentscheide: Die Bürger entscheiden direkt über ein Thema, jeder darf abstimmen: dafür oder dagegen.
jemandem oder etwas eine Abfuhr erteilen: jemanden oder etwas ablehnen; dagegen sein
den Bedarf decken: etwas, das benötigt wird, bereitstellen; die Nachfrage nach etwas bedienen
den Bedarf decken: etwas, das benötigt wird, bereitstellen; die Nachfrage nach etwas bedienen
das Potenzial ausschöpfen: Es ist mehr möglich, als man denkt. hier: Es können noch mehr alte Gebäude genutzt werden. 
die Umnutzung, die Umnutzungen: anders nutzen als bisher
das Potenzial ausschöpfen: Es ist mehr möglich, als man denkt. hier: Es können noch mehr alte Gebäude genutzt werden. 
beherbergen: hier: Platz haben; Platz bieten
die Wohnungsgenossenschaft, die Wohnungsgenossenschaften: eine Vereinigung, die ihre Mitglieder mit günstigen Wohnungen versorgt
großzügig: groß; mit viel Platz
alleinstehend: unverheiratet; ledig; hier: allein lebend
der Aufschub, die Aufschübe: etwas später machen als geplant; die Verspätung
nachhaltig: möglichst umweltfreundlich und mit wenig Verbrauch von Energie und Material
innovativ: an der Zukunft orientiert; mit vielen neuen Ideen
der Einspareffekt, die Einspareffekte: das, was man einspart; hier: die eingesparte Energie
ungebremst: hier: ohne Ende; immer weiter
ausweisen: hier: bestimmen; festlegen
die Kommune, die Kommunen: die Gemeinde
stagnieren: stehen bleiben; gleich bleiben
administrativ: behördlich; von den Behörden geregelt
der nachwachsende Rohstoff, die nachwachsenden Rohstoffe: ein Rohstoff, der nicht begrenzt ist, sondern neu wächst (zum Beispiel Holz)
filtern: herausholen 
der Schadstoff, die Schadstoffe: ein Stoff, der für Menschen, Tiere und Umwelt schlecht ist 
binden: hier: festhalten
der Nährstoff, die Nährstoffe: ein Stoff, der wichtig ist für Lebewesen
die Ressource, die Ressourcen: hier: etwas, das in der Natur vorkommt und für die Ernährung der Menschen wichtig ist
die Versieglung: hier: Der Boden ist mit Beton überzogen.
die Provokation, die Provokationen: etwas sagen oder tun, um andere zum Handeln zu bringen