Reportagen

Lernen für Kasachstan

Lernen für Kasachstan | © Deutsche WelleIn der jungen, ehrgeizigen Hauptstadt Astana werden Schülerinnen und Schüler zu vorbildlichen Patrioten erzogen. Einige von ihnen lernen Deutsch an der vom Goethe-Institut betreuten PASCH-Schule – und träumen von einem Leben in Deutschland.

Sanft schwebt der Fahrstuhl des Aussichtsturms Bajterek in die Höhe. Eine elegante Bremsung, die Türen öffnen sich, und der Blick fällt auf eine gigantische Architekturkulisse. Ich bin mit vier Schülern des Lyzeums Nr. 62 unterwegs, die mir ihre Stadt zeigen. Seit Astana 1997 zur Hauptstadt Kasachstans ernannt wurde, hat man hier einen Luxusbau nach dem anderen aus dem Steppenboden gestampft: goldene Zwillingstürme, Kopien aus Dubai oder New York, ein Hochhaus mit chinesischem Pagodendach. Schön finden das die Jugendlichen, sie sind sehr, sehr stolz auf ihre Stadt. „Diese Gebäude sind fantastisch“, schwärmt Sarina aus der zehnten Klasse. Aber zugleich ist ihnen dieses Stück Astana fremd. Sie leben im alten Teil der Stadt, wo die Menschen wohnen, die mit Einkommen weit unter europäischem Standard auskommen müssen. „Der neue Teil der Stadt“, sagen sie, und sie sagen es ohne großes Bedauern, „gehört den Reichen“.

Blick auf die Meile der Macht und der Pracht | © Deutsche WelleBlick auf die Meile der Macht und der Pracht - Dascha im Aussichtsturm Bajterek

Macht und Pracht im Steppengras

Und er gehört den Mächtigen. Auf einer gigantischen Schaumeile wurden Ministerien und Repräsentationsbauten der Wirtschaft symmetrisch aufgepflanzt. Eine hellblaue Kuppel krönt den Palast des nahezu allmächtigen Präsidenten Nasarbajew. Für die Bauten an beiden Enden der Achse verpflichtete man den britischen Stararchitekten Norman Foster: Eine Pyramide hat er in die Ödnis hinter den Palast gesetzt, der zweite Bau zwischen Steppengras und Mückentümpeln ist noch in Arbeit: Hier soll sich der neue kasachische Mensch in einem luxuriösen Vergnügungstempel amüsieren. Doch bisher ist dieser künstliche Stadtteil beinahe menschenleer: „Ich finde es hier ziemlich langweilig“, meint die 17-jährige Xiuscha – und bewundert doch die neue Pracht.

Selbstbewusstsein der Nation

Xiuscha, Sarina, Dascha und Amir sind es gewohnt, ihrem Staat zu dienen: Sie werden oft zu patriotischen Pflichten herangezogen, es macht sie auch ein bisschen stolz. Außerdem fällt dann Unterricht aus, so wie gestern für Sarina, die zu einer Denkmalseinweihung antreten musste. Ihre Schule spielt eine wichtige politische Rolle, denn sie steht unter kasachischer Leitung – nicht unter russischer wie so viele Schulen im Land, in dem bis vor wenigen Jahren noch die Russen in der Mehrheit waren. Das ist zwar heute anders, aber das Selbstbewusstsein der kasachischen Nation soll erst noch geformt, die jungen Menschen zu loyalen Staatsbürgern erzogen werden. Zugleich sucht das Land den Anschluss an die globalisierte Welt.

Ein Spagat, der sich auch in der Bildungspolitik spiegelt: Die Schüler sollten Kasachisch, Russisch und Englisch lernen, ließ der Präsident vor einiger Zeit verlauten. Das wurde vielfach so verstanden, als sollten andere Fremdsprachen abgeschafft werden, auch wenn niemals die Rede davon war. So ist es nicht selbstverständlich, dass ausgerechnet am Vorzeige-Lyzeum Nr. 62 der Deutschunterricht eine besondere Rolle spielt.

Traumwelt hinter Bauzäunen | © Deutsche WelleTraumwelt hinter Bauzäunen: Das neue Astana soll in den Himmel wachsen - doch Vieles ist kaum mehr als Fassade

Dramatischer Fachkräftemangel

„Ich habe früher selbst Deutsch gelernt, darum liebe ich diese Sprache“, sagt Direktorin Aliya Maratovna, „ich war zweimal in Deutschland!“. Den Deutschunterricht zu fördern, sagt sie selbstbewusst, sei wichtig – „für unsere Schule und für unser Land“. Sie findet die Konzentration auf Englisch allein nicht sinnvoll, möchte ihren Schülern die Chance geben, sich in Deutschland für anspruchsvolle Berufe zu qualifizieren - zumal ihre Schule mit naturwissenschaftlich-technischer Ausrichtung mithelfen könnte, den desaströsen Fachkräftemangel im Lande zu lindern. So trägt sie die Partnerschaft mit dem Goethe-Institut, kurz PASCH, aus patriotischer Überzeugung mit.

Die technische Ausrichtung der Schule war auch bei „Goethe“ ein Grund für die Partnerschaft. Annemarie Bechert, die das Projekt vor Ort betreut, beklagt die dramatische Ausbildungs-Situation im Land. Wer wie sie in Astana lebt, weiß, was sich hinter den schicken Fassaden verbirgt: eklatante Baumängel, die auch auf schlecht ausgebildete Handwerker und Planer zurückzuführen sind.

Davon bekam übrigens auch die Schule etwas zu spüren. Ihr nagelneues Gebäude stand nach wenigen Monaten unter Wasser, weil das Flachdach dem Regen nicht standhielt, die Schäden sind noch immer sichtbar. „Die Ausbildung von Fachkräften zu unterstützen, ist dringend notwendig“, sagt Annemarie Bechert, da kann das PASCH-Projekt eine wertvolle Hilfe sein.

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Fingerpuppen und Computer

Doch es gibt noch einen wichtigen Grund für die Goethe-Partnerschaft, und der trägt den Namen Saure Sabirovna. Die Deutschlehrerin ist außergewöhnlich engagiert, lässt ihre Schüler nicht stur Grammatik pauken, wie es in alter sowjetischer Tradition noch immer oft geschieht, sondern vermittelt ihnen Spaß am Sprechen. Für die Achtjährigen, die gerade mit Deutsch beginnen, besorgt sie Stofftiere oder Fingerpuppen, damit ihnen das Lernen Freude macht. Bei den Größeren arbeitet sie gerne mit Filmen oder mit dem Computer. Für Saure Sabirovna ist PASCH ein Segen. „Früher musste ich all diese Dinge selbst suchen und an meinen Unterricht anpassen“, sagt sie - ein mühevolles Geschäft in Kasachstan. Manchmal ließ sie sich von Freunden aus Deutschland etwas zuschicken, jetzt bekommt sie didaktisch abgestimmtes Material zugeliefert - und ist begeistert.

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Shoppen in Thüringen

Das sind auch die Schüler, immer mehr von ihnen wollen jetzt Deutsch lernen. Seit dem PASCH-Start vor gut einem Jahr ist die Zahl um fast 15 Prozent gestiegen: Es hat sich herumgesprochen, dass der Unterricht jetzt noch kreativer und anregender ist - und dass besonders gute Schüler eine dreiwöchiges Stipendium in Deutschland bekommen. Xiuscha war im Sommer in Thüringen. Das war „Shopping, Shopping, Shopping“, erzählt sie lachend, aber sie hat auch ihr Deutsch verbessert und will selbst Deutschlehrerin werden. Darum möchte sie ein paar Semester in Deutschland studieren. Und danach – ganz kasachische Staatsbürgerin – wiederkommen und mithelfen, ihr Land nach vorne zu bringen.

Die drei anderen sind da nicht ganz so sicher. Sarina weiß zwar noch nicht, was sie studieren will, aber dass sie nach Deutschland gehen möchte, steht für sie fest. Trotzdem ist sie ein bisschen hin- und hergerissen: „Wir sind ja die junge Generation, und es ist wichtig, dass wir eine gute Ausbildung bekommen, denn in Kasachstan fehlen qualifizierte Spezialisten. Aber es ist ja auch wichtig, dass man kasachische Spezialisten im Ausland hat“.

Traumziel Bayern München

Dascha mit dem langen, leuchtend rot gefärbten Haar ist wild entschlossen, in Deutschland zu studieren und am liebsten ganz dort zu bleiben. Obwohl sie ja eigentlich auch gerne zur kasachischen Armee ginge, die findet sie toll.

Aber sie hat drei Wochen Deutschland geschnuppert und sich regelrecht in das Land verliebt. „Ich möchte dort einen Mann finden und heiraten. Die Männer in Deutschland sind sehr nett“, kichert sie. Für Amir aus der neunten Klasse ist das Heiraten noch ziemlich weit weg. Sein Traum: als Fußballprofi bei Bayern München spielen. Als ich frage, was er dann noch für sein Land tun kann, stutzt er nur einen kurzen Moment: „Ich werde dort für den Ruhm Kasachstans auftreten!“

Schuldirektorin Aliya Maratovna ist sowieso überzeugt, dass die jungen Menschen, die ihr Lyzeum in Richtung Deutschland verlassen wollen, bald wiederkommen: „In Kasachstan wird alles getan für das Volk. Auch unsere Schule tut alles dafür, junge Patrioten auszubilden. Ich liebe Kasachstan, und meine Schüler auch!“

Reportage als Audiobeitrag

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Autorin: Aya Bach
Redaktion: Gabriela Schaaf
2009

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