Jugendherbergen

Jugendherbergen – eine deutsche Erfindung feiert ihren 100. Geburtstag

Sprachniveau: B2

„Sehr gut. Eine günstige Möglichkeit zu übernachten, auch für Familien. Und für Gruppen ist es natürlich was Tolles“, lobt Markus aus Stuttgart die Jugendherbergen. Er betreut eine Gruppe elf- bis zwölfjähriger venezolanischer Schüler und Schülerinnen, denen der Humboldteum e.V. ein dreiwöchiges Sprachcamp in Heidelberg ermöglicht hat. Sie haben Deutschunterricht, beteiligen sich in Heidelberger Schulen an Unterricht, Sportfest und Projektwochen und unternehmen Ausflüge zu interessanten Orten in der Umgebung, z.B. zum Lichterfest in Schwetzingen. Deutsche und ausländische Jugendgruppen haben traditionell einen hohen Anteil an den Jugendherbergsgästen – nicht nur in Heidelberg, wo sie ca. die Hälfte aller Gäste ausmachen. Aber auch für Familien und Individualreisende haben die Jugendherbergen Einiges zu bieten, wie der Heidelberger Leiter, Andreas Rihm betont:
 Zielgruppen einer Jugendherberge

Wie alles begann

Geboren wurde die Jugendherbergs-Idee vor 100 Jahren. Im Sommer 1909 geriet der Lehrer Richard Schirrmann während einer mehrtägigen Wanderung mit einer Gruppe von Schülern in ein Gewitter. Ein Bauer gab ihnen ein bisschen Stroh, und die Lehrersfrau der Dorfschule erlaubte ihnen, dass sie sich in der leer stehenden Schule ein Nachtlager bereiteten. „Das Unwetter tobte während der ganzen Nacht mit Blitz und Donnerschlag, mit Sturm und Wolkenbruch und Hagelprasseln, als wenn die Welt untergehen sollte. Während die wandermüden Jungen fest schliefen, lag ich hellwach ...“ erinnert sich Schirrmann. In dieser Nacht entwickelte er seine Idee: ein Netz von Herbergen, einen Tagesmarsch voneinander entfernt, die der Wanderjugend Deutschlands eine preiswerte Unterkunft bieten sollten. 1910 erläuterte Schirrmann seine Ideen zu „Volksschülerherbergen“ in einem Aufsatz: „Jede Stadt und fast jedes Dorf hat eine Volksschule, die in den Ferien mit leeren Räumen geradezu darauf wartet, in einen Schlaf- und Speisesaal für wanderlustige Kinder verwandelt zu werden. Zwei Klassenzimmer genügen, eins für Buben, eins für Mädel. Die Bänke werden teilweise übereinander gesetzt. Das gibt freien Raum zur Aufstellung von 15 Betten. (...) Jede Lagerstatt besteht aus einem straff mit Stroh gestopften Sack und Kopfpolster, zwei Betttüchern und einer Wolldecke (...) Jedes Kind wird angehalten, seine Lagerstatt wieder fein säuberlich in Ordnung zu bringen (...).“

1912 wurde nach Schirrmanns Plänen die weltweit erste ständige Jugendherberge in der restaurierten Burg Altena im märkischen Kreis eröffnet. Sie bestand aus zwei Schlafsälen mit dreistöckigen Betten und einem Tagesraum mit Küche. Später erst kamen Waschräume hinzu.

Jahrzehnte lang waren Jugendherbergen gleichbedeutend mit billigen Übernachtungen in großen Schlafsälen mit Etagenbetten und Nachtruhe ab 22 Uhr. Man bezog selbst das Bett, wusch sich zusammen mit anderen Gästen in Gemeinschaftswaschräumen, trank süßen Pfefferminztee, aß Eintopf und trocknete das Geschirr selbst ab. Vor der Abreise hatte man die Wolldecken ordentlich zu falten – vorher bekam man den Herbergsausweis nicht zurück.

Diese Zeiten sind vorbei, die Jugendherbergen sind modern geworden. Frau Dr. Müller, die Leiterin der Frankfurter Jugenherberge weiß: „Für die Jugendherberge gibt es immer noch die alte Erinnerung: Man kommt hin und muss erst mal Bett beziehen. Das ist bei uns nicht so. Die sind bezogen.“ Die Küche ist hochwertig und abwechslungsreich – sie bietet für jeden Geschmack etwas und berücksichtigt sogar die internationale Herkunft vieler Gäste, wie Herr Rihm uns erklärt:
 Essen in der Heidelberger Jugendherberge

Ein dichtes Netz mit internationaler Reichweite

Rasch verbreitete sich Schirrmanns Idee, denn sie passte zu der naturverbundenen Jugendkultur zu Beginn des 20.Jahrhunderts und ermöglichte Reisen für alle Bevölkerungsschichten, lange bevor der Massentourismus aufkam. 1914 zählte man in Deutschland bereits 535 Jugendherbergen. Nachdem auch in vielen anderen europäischen Ländern Jugendherbergen eröffnet waren, wurde 1932 in Amsterdam der internationale Jugendherbergsverband (International Youth Hostel Federation) gegründet, dessen Sitz heute in Welwyn Garden City bei London ist.

Deutschland verfügt heute über ein flächendeckendes Netz von fast 600 Jugendherbergen mit jährlich mehr als zehn Millionen Übernachtungen. Die Herbergen sind so vielfältig wie die Orte, in denen sie liegen. In Großstädten und Touristenmagneten wie Heidelberg oder Frankfurt haben die Häuser über 400 Betten. Die größte und die kleinste Jugendherberge finden wir allerdings nicht in den Metropolen. Auf der ostfriesischen Insel Borkum liegt die Jugendherberge „Am Wattenmeer“. Mit 611 Betten ist sie die größte Jugendherberge Deutschlands. Das nahe Meer bestimmt ihr Programm: Wattwandern, Fischen oder Segeln gehören zu den angebotenen Aktivitäten. Die kleinste Jugendherberge Deutschlands hat nur drei Zimmer mit sechs bzw. zwölf Betten. Pro Etage gibt es nur ein Zimmer, denn in Ochsenfurt ist die Jugendherberge in einem 300 Jahre alten Turm in der Stadtmauer untergebracht. Von dort hat man einen wunderschönen Blick auf die mittelalterliche Stadt und das Maintal.

Das Deutsche Jugendherbergswerk ist weltweit der größte nationale Jugendherbergsverband. Um seine Dienste in Anspruch nehmen zu können, muss man einen gültigen Mitgliedsausweis besitzen. Der Ausweis jedes nationalen Verbandes ist international gültig und öffnet die Tür zu über 4000 Jugendherbergen in rund 80 Ländern. Dieses Jahr wurden Häuser in China, Vietnam und Nepal eröffnet. In Deutschland beträgt der Jahresbeitrag zwischen 12,50 € (bis 26 Jahre) und 21,– € (über 26 Jahre und Familienausweis). 2009 erreichte die Mitgliederzahl die Zwei-Millionen-Marke: Am 13. Juni wurde Familie Wieczorek aus Sachsen feierlich im Verband willkommen geheißen.

Ein konkurrenzlos günstiges Preis-Leistungsverhältnis

Jugendherbergen stellen weiterhin wirklich günstige Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung. Auch Markus schätzt deshalb die ‚JuHes’, wie er die Jugendherbergen kurz nennt: „Es sei denn, ich verdiene genug. Dann würde ich natürlich im Carlton oder im Bayrischen Hof übernachten. Aber das werde ich vermutlich auch mit 60 noch nicht können.“

Über die niedrigen Preise freuen sich in Deutschland vor allem junge Reisende und Familien. Selbst in einer Metropole wie Frankfurt finden sie in der Jugendherberge schon ab 17,– € Unterkunft. Der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei 16,– €. In einem Familienzimmer zahlen Kinder unter drei Jahren gar nichts, von drei bis sechs Jahren nur die Hälfte. Von diesen sehr preiswerten Angeboten in Mehrbettzimmern geht es hinauf bis zu Hotelqualität, wie Frau Dr. Müller erklärt:
 Zum Preisspektrum in Jugendherbergen

Die heutigen Jugendherbergen haben sich auf die vielfältigen Bedürfnisse ihrer Gäste eingestellt und bieten modernen Service, zu dem zentrale Einrichtungen genauso gehören wie freundliche Beratung und Informationen über das Kultur- und Freizeitprogramm der jeweiligen Stadt. Schritt für Schritt wurden und werden die Häuser modernisiert und geben sich neue Profile. Die Einrichtungen der Frankfurter Jugendherberge beschreibt Frau Dr. Müller:
 Zur Ausstattung von Jugendherbergen

In Jugendherbergen|international, die ihr Profil besonders auf internationale Gäste ausrichten, ist der besonders gekennzeichnete ‚Tourist Point‘ eine kompetente Anlaufstelle für alle Reisenden. Home again ist ihr Motto, denn die ausländischen Gäste sollen sich in ihnen wie zu Hause fühlen. In ländlichen Gegenden sind sie oftmals idealer Ausgangspunkt für Wander- oder Trekkingtouren, Kletterausflüge oder Kajakfahrten. Umwelt|Jugendherbergen wiederum zeichnen sich durch eine ökologisch ausgerichtete Ausstattung sowie ein umweltpädagogisches Programm aus.

Gemeinschaft erleben

In Jugendherbergen kommen die Menschen miteinander ins Gespräch, heute eher in der Cafeteria oder beim Tischtennisspiel als in großen Schlafsälen. Die Begegnung mit anderen Menschen und gegenseitiges Verständnis in einer offenen und lockeren Atmosphäre zu fördern, ist nach wie vor eines ihrer zentralen Anliegen. Deshalb haben sie „Gemeinschaft erleben“ als Motto für ihr Jubiläumsjahr gewählt, erklärt Andreas Rihm:
 „Gemeinschaft erleben“ in Heidelberg

Markus kennt die Vorteile dieser Gemeinschaft für Individualreisende: „In Jugendherbergen lernt man Leute kennen, die sagen einem was gut ist, was schlecht ist. Man trifft immer Leute und tauscht sich aus. Und so entsteht halt auch irgendwo ein kleines Netzwerk, ein Informationsnetzwerk. Wenn man einfach ins Blaue hinein fährt, ist eine JuHe eigentlich schon das Beste.“

Die meisten Jugendherbergen fördern Austausch und Begegnung ganz gezielt durch die verschiedensten Programmangebote. Die reichen vom Erlebnisfeld Bauernhof über den Kreativurlaub bis hin zu Angeboten zum außerschulischen Lernen. Frau Dr. Müller beschreibt das breit gefächerte Angebot der Frankfurter Jugendherberge.
 Programm der Jugendherberge Frankfurt

Oft stehen die Programme in Zusammenhang mit den Charakteristika der Umgebung oder haben einen jahreszeitlichen Bezug, wie die Heidelberger Halloween-Tage, die speziell Familien ansprechen möchten.
 Halloween in der Jugendherberge Heidelberg

Das Jubiläumstransparent in der Eingangshalle der Heidelberger Jugendherberge zeigt: Die Jugendherbergen sehen einer viel versprechenden Zukunft entgegen. Herr Rihms Tipp für alle, die für eine Reise nach Deutschland das Netz der Jugendherbergen nutzen möchte:
 Tipp von Andreas Rihm

Bildergalerie 



Angelika Braun

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