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Die kulturweit-Freiwillige Sophie über ihre Zeit in Lettland


Sophie absolvierte ihren Freiwilligendienst in Lettland. Zwölf Monate lang unterstützte sie das Deutschkollegium an einer PASCH-Schule in Riga – und begann, sich wieder für deutsches Kinderfernsehen zu begeistern.

„Warum Lettland?“ Das ist die Frage, die mich während meines gesamten Aufenthaltes in Riga begleitet hat. Viele Menschen, besonders junge Letten, haben mir diese Frage wieder und wieder mit verblüfftem Unterton gestellt. Warum sollte ich freiwillig nach Lettland kommen wollen, wenn ich selbst aus einem reicheren Industriestaat komme und auch in anderen Ländern leben könnte? Die Antwort darauf ist eigentlich ziemlich einfach zu geben: Ich habe die letzten zwölf Monate lang hier gearbeitet. Meistens muss ich dann erläutern, was genau ich mache, denn in Lettland ist meine Arbeit nämlich nicht besonders bekannt.

Vielleicht haben Sie ja auch noch nie davon gehört

Gestalten wir diesen Artikel doch einmal ein bisschen alternativ und spielen eine kurze Runde „Wer bin ich?“ Ich gebe Ihnen Informationen über meine Arbeit und Sie können erraten, was ich mache. Ich öffne jeden Tag das Schultor, betrete den Schulhof, komme zur Eingangstür und gehe ins Schulgebäude hinein. Ich gehe zum Klassenraum und bereite mich auf den Unterricht vor. Ich habe die Möglichkeit, den Schlüssel für jeden Raum der Schule auszuleihen. Ich bin weder eine Schülerin, noch bin ich Lehrerin. Nein, ich bin auch keine Praktikantin, Hausmeisterin oder Putzfrau. Wer bin ich? Sie wissen es noch nicht? Nun, anfangs wussten dies viele meiner lettischen Kolleginnen auch nicht, als ich an der Herderschule Riga angefangen habe zu arbeiten. Ich bin die Kollegin, die in vielerlei Hinsicht etwas auffällt. Ich bin diejenige, die den Altersdurchschnitt des Kollegiums deutlich senkt und die auch noch als Schülerin durchgehen könnte. Diejenige, die auch noch gar nicht studiert hat. Diejenige, die anfangs – zum allgemeinen Vergnügen der Umstehenden – nur mit viel Gestik und wackeligen Sprachkenntnissen das Kantinenessen bestellen konnte. Und ich bin diejenige, der die Schülerinnen und Schüler auf den Fluren High-Fives anbieten. All diese Beschreibungen passen nun wirklich nicht zu dem Bild, welches die meisten von einer Lehrerin haben, und doch gehöre ich zum Lehrerkollegium.

Wissen Sie es inzwischen?

Ich bin eine kulturweit-Freiwillige. kulturweit ist ein internationaler Freiwilligendienst, der von der Deutschen UNESCO-Kommission konzipiert und koordiniert und durch das Auswärtige Amt gefördert wird. Die Freiwilligen werden primär in Institutionen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik aktiv. Hierzu gehören der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), das Deutsche Archäologische Institut (DAI), die Deutsche Welle (DW), das Goethe-Institut (GI), der Pädagogische Austauschdienst (PAD) und die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA). Ich wurde im Herbst 2014 vom Pädagogischen Austauschdienst (PAD) der Kultusministerkonferenz nach Riga entsandt, damit ich dort zwölf Monate lang das Deutschkollegium an der Herderschule unterstütze. Die Herderschule Riga ist eine von der ZfA betreute Sprachdiplomschule. Demnach bin ich weder eine Lehrerin noch eine Praktikantin, die auf dem Weg ist, Lehrerin zu werden. Ich stehe sozusagen „zwischen den Fronten“ der Schule – und genau das macht meine Arbeit interessant.

Durch mein junges Alter bin ich viel näher an den Schülerinnen und Schülern dran und kann auf einer anderen Ebene mit ihnen kommunizieren. Ich bin auch nicht offiziell bei der Schule angestellt, darf meine Schüler und Schülerinnen nicht bewerten und habe viele Freiheiten, die Lehrer unserer Schulsysteme heutzutage mit den vorgegebenen Lehr- und Zeitplänen nur noch selten bis gar nicht mehr haben. Meine Arbeit umfasst viele Elemente, die im Unterricht aus Zeitgründen nur selten umzusetzen sind. Ich begleite den Unterricht und helfe gezielt den Schülerinnen und Schülern, die nicht mitkommen. Manchmal nehme ich auch einzelne Schülerinnen und Schüler aus dem Unterricht heraus und arbeite an ihren persönlichen Schwächen und Wissenslücken oder trainiere mit den Jüngeren die richtige Aussprache. Den Älteren habe ich einige kommunikative Sonderstunden oder auch Einzelförderung angeboten. Auf der anderen Seite erweitere ich den Unterricht mit Beiträgen und Geschichten über Deutschland, die deutsche Kultur, Geschichte, Landeskunde und vielen anderen Themen. Oft bringe ich auch Lern- oder Bewegungsspiele mit, bei denen die Schülerinnen und Schüler spontan Vokabeln und Satzbausteine verwenden müssen.

Zu meinen Aufgaben gehört auch die Vorbereitung einiger Schülerinnen und Schüler auf besondere Veranstaltungen wie zum Beispiel „Jugend debattiert international“ oder den Wettbewerb „Lesefüchse“. Ein Projekt, das ich niemals erwartet hätte, welches aber zu meinen absoluten Lieblingen gehörte, hat mich dazu gebracht, wieder deutsches Kinderfernsehen zu gucken. Kinderfernsehen zu gucken – und das mit neunzehn!

Dabei ging es aber nicht allgemein um deutsche Serien, sondern um die Quizsendung „1, 2 oder 3“, die ich als Kind auch gern gesehen habe. Die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer beantworten Multiple-Choice Fragen, indem sie auf „1, 2 oder 3“-Antwortflächen springen, und nach dem wohlbekannten Spruch „Und ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht!“ leuchtet das Feld mit der richtigen Antwortnummer auf.

Drei meiner Schüler aus der vierten Klasse sind im Mai nach München geflogen, um bei dieser Sendung gegen zwei deutschsprachige Teams anzutreten. Ich habe sie auf diese Reise vorbereitet und war erstaunt, wie viel Spaß auch ich damit hatte, mir alte Sendungen anzusehen und Kinderlexika zu lesen, um die drei mit potentiell wichtigen Infos zu füttern. Jede Woche haben wir uns außerunterrichtlich getroffen und haben mit Atlaskarten, Fotos und von mir selbsterstellten Arbeitsblättern neue Themen erarbeitet. Da wir nicht wussten, welches Thema die Sendung haben würde, haben wir über ganz verschiedene Themen wie Klima- und Landschaftszonen, Landeskunde, fremde Kulturen und Religionen und manchmal auch über Anatomie von Mensch und Tier gesprochen. Mein Ziel war es, dass sie ihren Vokabelschatz erweitern, damit sie die Fragen und Erklärungen in der Sendung verstehen können, was für die gegnerischen Teams selbstverständlich sein würde. Jede Stunde habe ich ihnen – auch ohne dieses Thema explizit mit ihnen besprochen zu haben – Multiple-Choice Fragen gestellt, damit sie lernen, logisch auszuschließen und spontan zu antworten.

Von außen müssen diese Lernstunden sehr unterhaltsam ausgesehen haben. Während ich langsamer als sonst auf Deutsch mit einigen russischen Wörtern zur Erklärung gesprochen habe, fehlten ihnen beim Reden immer wieder wichtige Vokabeln, besonders die passenden Verben. Nach 3,5 Jahren Deutschunterricht verstanden sie mich zwar sehr gut, aber ihre eigenen Sätze bestanden zumeist aus Bruchstücken, die durch viel Zeichensprache zusammengepuzzelt wurden. Trotz dieser kleinen Hürde war es überraschend einfach, miteinander zu kommunizieren. Ich bewundere, wie viel Kreativität und Begeisterung sie gezeigt haben, während wir ihre Notizen, Skizzen und Vokabellisten vervollständigt haben. Wenn sie Vokabeln nicht wussten, haben sie überlegt, wie die Wörter wohl auf Deutsch heißen könnten, sodass ich zum Beispiel gelernt habe, dass der Regenwald am Amazonas in „Südenamerika“ liegt.

Um die drei einmal auf die Probe zu stellen, kam ich auf die Idee, eine Sendung von „1, 2 oder 3“ in der Schule für sie zu inszenieren. Sie sollten üben, als Team zu fungieren und dabei ein bisschen von ihrer Nervosität verlieren. Sie sind gegen andere Kinder aus ihrer Klasse angetreten und ich habe in Zusammenarbeit mit einer Siebtklässlerin namens Lana die Sendung vorbereitet. Wir hatten natürlich nicht die Mittel, die im richtigen Studio zur Verfügung stehen, aber wir haben alle Elemente des Bühnenbilds wie die Antwortflächen auf dem Boden vereinfacht dargestellt. In einer gewöhnlichen Schulstunde zum Thema „Europa“ hat dann die gesamte vierte Klasse in der Aula mitgefiebert, während neun der Kinder vorne aktiv mitmachen konnten. Wir haben insgesamt sieben Fragen gestellt und es war toll mit anzusehen, wie viel Spaß die Schülerinnen und Schüler hatten, während sie durch die Aula rannten und auf den Antwortflächen stehen blieben. Diese Veranstaltung ist zu meinem Freiwilligenprojekt geworden, das jeder kulturweit-Freiwillige später einreichen soll. Mein Projekt wurde beim Projektwettbewerb des PAD mit dem dritten Platz ausgezeichnet, sodass ich letztendlich 200 Euro für die Schule gewinnen konnte. Später haben wir erneut eine Sendung inszeniert, bei der andere Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse mitgemacht haben und auch mit der fünften Klasse machen wir inzwischen dieses Quiz, sodass es mittlerweile zu einer kleinen Tradition geworden ist.

Im Mai konnte ich leider nicht mit nach München fliegen, aber vom Ausgang der Sendung bin ich bis heute total begeistert. Das Thema der Sendung „Licht aus“ hatten wir zwar kaum angesprochen, und doch haben meine drei Schützlinge eine beeindruckende Leistung gezeigt und mit einigen Punkten Vorsprung zu den anderen beiden Teams gewonnen. Heute steht der Pokal im Büro unserer Direktorin und die drei laufen stolz mit ihren neuen Umhängetaschen mit dem Logo der Sendung durch die Schulgänge.

Kommen wir zum Schluss nochmals auf die allererste Frage zurück: Warum Lettland? Um ehrlich zu sein war es reiner Zufall, dass mich mein Weg nach Riga geführt hat, denn ich habe mir das Land nicht selbst ausgesucht. Meine freie Wahl in der Bewerbung endete bei allgemeineren Regionen und ich habe mich für Mittel-, Süd- und Osteuropa entschieden. kulturweit schickte mir dann das Angebot, nach Riga zu gehen. Heute kann ich sagen, dass ich auch bei freier Auswahlmöglichkeit wohl kaum eine bessere Wahl hätte treffen können. Wenn ich jetzt erneut die Wahl hätte, ich würde sofort wieder nach Lettland gehen.

kulturweit ist ein internationaler Freiwilligendienst im Bereich der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Er wird von der Deutschen UNESCO-Kommission konzipiert und koordiniert und durch das Auswärtige Amt gefördert.

Autorin: Sophie Wiegand
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