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Deutschland – wie ich es sehe

Sprachniveau: B1
Studierende

Die DAAD-Stipendiatin Yoanna Zhecheva studiert an der Universität Freiburg. Hier erzählt Yoanna eine Geschichte über Fernweh und über ihren persönlichen Weg nach Deutschland.

Deutschland und ich, unsere gemeinsame Geschichte ist nicht so lang. Zuerst war es für mich nur ein Schulfach mit einer strengen Lehrerin. Deutsch waren damals Räuchermännchen, Weihnachtsmarkt, Glühwein, Knödel, Currywurst und noch ein paar weitere Begriffe. Nichts weiter als Zungenbrecher für mich und doch gehörten sie angeblich zur deutschen Kultur. Und der dicke gelbe Duden.

Yoanna Zhecheva

Direkt an der Quelle

Zwei Jahre vor meinem Abitur lernte ich Deutschland anders kennen, direkt an der Quelle – als Austauschschülerin. Ich lernte Menschen kennen, ich lernte die Sprache, ich lernte, den Müll zu trennen, auf dem Land zu wohnen und das Fahrrad als Verkehrsmittel zu benutzen. Aber vor allem lernte ich, was es bedeutet, Bulgarin zu sein. Ich fand mein Land für mich, ich erfuhr zum ersten Mal, was meine Heimat ausmacht und warum ich sie liebe.

Dementsprechend war Deutschland für mich nicht mehr als das, was Bulgarien nicht war. Die Busse kamen pünktlich, die Straßen waren sauber, die Menschen organisiert. Alles maß ich an meiner Heimat. Und ich stellte fest, dass Menschen grenzübergreifend doch immer Menschen bleiben und egal ob hier oder dort, ähnliche Bedürfnisse haben.

Zum Studium nach Deutschland

Das Austauschjahr war schnell vorbei und da war ich schon wieder in Bulgarien, mit meinem kleinen Deutschland in der Tasche, dem Herzen voller Fernweh und dem festen Entschluss,zurückzukehren. Das tat ich auch bald genug und Deutschland empfing mich herzlich. Es gab mir das Geld, um zu studieren. Alles andere – zwei Koffer, etwas bessere sprachliche Ausrüstungund noch mehr Neugierde als das erste Mal, brachte ich selbst mit.

Und nun bin ich hier. Ich konzentriere mich auf das Studium, auf die Noten, auf die Bücher und denke viel zu selten über das nach, was um mich herum ist. Im Prinzip bin ich ein bisschen deutsch geworden – für mich ist Deutschland eine Gegebenheit.

Einerseits finde ich es gut, denn nun lebe ich hier und erlebe, ohne alles mit meiner Heimat zu vergleichen. So habe ich ein realistischeres Bild – der Bus zur Uni kommt häufig zu spät, nicht alle meine Freunde lernen organisiert und trinken Bier. Ich bin hier. Andererseits bleibt die Frage offen – Was ist mein Deutschland?

Ein buntes Land

Deutschland hat viele Gesichter. Man kann an die Wirtschaft denken oder an die Politik, an die Geschichte, an die Kunst. Ich, als zukünftige Psychologin, suche nach dem Herzen eines Landes bei den Menschen, die dort leben. Die Menschen, die ich treffe, meine Freunde, all die sind mein Deutschland. Ein buntes Deutschland, viel mehr als nur schwarz, rot, gelb. Studentendemonstration
So gewöhnte ich es mir schnell ab, von den „Deutschen“ zu reden. Und doch finde ich eine Sache immer wieder: die Freiheit. Daran muss ich jedes Mal denken, wenn ich Leute sehe, die auf der Wiese liegen und Gitarre spielen. Es sind freie Menschen und sie nehmen ihre Freiheit wahr. Sie demonstrieren und protestieren, wenn ihnen etwas missfällt, sie trauen sich, ihre Meinung zu sagen. So leben sie die Demokratie, von der meine Heimat schon zwanzig Jahre träumt.

Und manchmal kann ich mir nicht erklären, warum ich unter meinen Bekannten so schwer welche finde, die gerne sagen, dass sie deutsch sind. Für die meisten ist es sogar schwer, etwas zu nennen, was deutsch ist.

Deutsch – Sprache meiner Gedanken und Träume

Die deutsche Sprache erlebe ich heute auch anders. Nun erlaubt sie mir, mich auszudrücken und über Sachen zu reflektieren, so wie ich es selbst in meiner Muttersprache nicht immer kann. Sie öffnet mir wundervolle Bücher. Sie ist längst kein Schulfach mehr. Sie ist die Sprache meiner Gedanken, meiner Träume, meines Alltags und inzwischen sind wir beide gute Freunde geworden.
Lernpause
Mein ganzes Deutschland hat sich verändert. Es ist viel bunter geworden. Mein Austauschjahr habe ich in dem schönen flachen Norden verbracht, das Studium genieße ich in Baden, am Fuß des Schwarzwalds und vor kurzem durfte ich ein Praktikum im Saarland machen. Heute sind das nicht nur Namen. Dazu gehören Erfahrungen, Menschen, die Melodie der verschiedenenDialekte, die Landschaften. Und die Überzeugung, dass Deutschland ein Blumenstrauß ist, in dem verschiedene Blumen ihren Platz finden.

streng: strikt, hart
Zungenbrecher, -, der: ein schwieriges Wort oder ein Satz, der sehr schwer auszusprechen ist, zum Beispiel: „Fischers Fritze fischt viele Fische“.
Duden, der: Wörterbuch der deutschen Sprache mit gelbem Cover, benannt nach Konrad Duden
Quelle, -en, die: Ort, wo Wasser entspringt; direkt an der Quelle: direkt vor Ort
Müll trennen: den Müll sortieren (zum Recycling), zum Beispiel nach Plastik, Altpapier und Bio-Müll
Verkehrsmittel, -, das: zum Beispiel: das Fahrrad, der Bus, das Auto, die Tram
etwas ausmachen: hier: typisch für etwas sein
messen an: hier: vergleichen
grenzübergreifend: über Grenzen hinweg; hier: in allen Ländern der Welt
Bedürfnis, -se, das : etwas, das man braucht
Fernweh, das: Lust, in ein fremdes Land zu fahren; Gegenteil: Heimweh
zurückkehren: zurückkommen, wiederkommen
Ausrüstung, die: das Werkzeug; hier: Sprachkenntnisse
Gegebenheit -en, die: Faktum; hier: „Für mich ist Deutschland einfach da.“
zukünftig: in der Zukunft, später
sich etwas abgewöhnen: etwas nicht mehr machen, mit etwas aufhören, zum Beispiel: sich das Rauchen abgewöhnen
etwas wahrnehmen: etwas sehen, sich über etwas bewusst sein
reflektieren: nachdenken
längst: schon lange
Praktikum -a, das: Tätigkeit für Schüler oder Studenten, die erste berufliche Erfahrungen sammeln möchten
Dialekt, -e, der: regionale Variante einer Sprache; zum Beispiel: Bayrisch, Sächsisch, Hessisch
Überzeugung, -en, die: feste Meinung, Position
Yoanna Zhecheva ist Bulgarin und studiert Psychologie an der Uni Freiburg. Mit einer längeren Version dieses Textes nahm sie erfolgreich an einem Essay-Wettbewerb des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zum Thema „Deutschland – wie ich es sehe“ teil. Am Wettbewerb konnten sich alle Absolventen deutscher Schulen im Ausland beteiligen, die mit einem DAAD-Stipendium in Deutschland studieren.

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