Wissen und Umwelt

„100-Prozent-Regionen“ – Gemeinden vollziehen die Energiewende von unten

Sprachniveau: C1
Windenergie contra Braunkohle| © pa picture alliance/ZB; Foto: Patrick Pleul /lbn Autark wollen sie sein, unabhängig von den großen Kohlekraftwerken und erst recht von den Atommeilern: Immer mehr Kommunen sind dabei, sich mit „sauberer“, regenerativ erzeugter Energie zu versorgen.

Das Projekt „100%-Erneuerbare-Energie-Regionen“ identifiziert, begleitet und vernetzt Regionen und Kommunen, die ihre Energieversorgung auf lange Sicht vollständig auf Wind- und Wasserkraft, Solarenergie und Biogas umstellen wollen. Derzeit gibt es über einhundert Landkreise, Gemeinden und Regionen in Deutschland, die dieses Ziel verfolgen, und es werden immer mehr.

 
Landauf, landab erstellen heute in ganz Deutschland findige Bürgerinnen und Bürger Energiekonzepte für ihre Gemeinden. Langfristige Verträge mit den großen Versorgern werden gekündigt. Wo es geht, werden Fördermittel von Bund, Ländern und auch der EU beantragt. Und verbaut: Auf der grünen Wiese entstehen Windparks, Dächer werden mit Fotovoltaikpanels gedeckt, Bauern gewinnen aus Biomasse Gas zum Heizen und zur Warmwasseraufbereitung.

Motiv: knappe Finanzen

Fotovoltaikanlage| © pa picture alliance/ZB; Foto: Patrick Pleul /lbn

Beflügelt hat das Ganze die nationale Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums. Neben dem Klimaschutz ist das wichtigste Motiv für die Energiewende die Finanzknappheit: Die Preise für fossile Rohstoffe steigen weiter, die großen Energieanbieter diktieren die Tarife und die kommunalen Haushalte sind leer. So manche Gemeinde erhofft sich von einer regionalen Energieversorgung klare Einsparungen.

So wie der zwischen der Hansestadt Bremen und Cuxhaven gelegene Landkreis Osterholz. Einige seiner sieben Kommunen sind verschuldet. Gerade deswegen investieren sie, und zwar in Energie. Rund 150 Millionen Euro zahlen die knapp 120.000 Bürger jährlich für Energie. Martin Wagener, der Bürgermeister der Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck, sieht das nicht mehr ein. „Diese Kaufkraft fließt ab. Wir wollen ein Maßnahmenbündel erarbeiten und die Finanzströme in den Landkreis umlenken.“ Energiewende 2030 heißt das Projekt. Heute decken Erneuerbare Energien gerade acht Prozent des Strom- und ein knappes Prozent des Wärmebedarfs. 2030 wollen Landkreis und Kommunen unabhängig von Energielieferungen sein. Für sein Engagement ist der Landkreis im Juni 2010 als „Energie-Kommune“ ausgezeichnet worden.

Autarke Kommunen werden Energieexporteure

Mit diesem Titel würdigt die Agentur für Erneuerbare Energien vorbildliche kommunale Energieprojekte. Auf ihrem Infoportal wird klar, dass der Landkreis Osterholz ein herausragendes, aber kein Einzelbeispiel ist. So erwirtschaftet der rheinland-pfälzische Landkreis Rhein-Hunsrück, wo es bis vor kurzem keine nennenswerte Energieerzeugung gab, inzwischen mehr als 11,2 Millionen Euro im Jahr durch Erneuerbare Energie. Rund 1.500 regenerative Energieanlagen decken bereits zwei Drittel des Strombedarfs. Allein die genehmigten Windräder werden etwa 50 Prozent mehr Strom erzeugen als verbraucht wird. Bald will man Energieexporteur sein.

Das ist der Kreis Dithmarschen bereits. Er besitzt für die Erzeugung erneuerbarer Energien aus Wind und Sonne eindeutige Standortvorteile durch die Küstenlage an der Nordsee. Mit 971 genehmigten Windkraftanlagen steht der Kreis an der Spitze der Stromerzeugung aus Windkraft im Land Schleswig-Holstein. Installiert sind derzeit 759 Anlagen mit 540 Megawatt Nennleistung.

Netzverbund und leistungsfähige Speicher

Auch größere Städte sind bei den 100%-Regionen dabei: Bamberg hat sich mit dem Landkreis zu einem Klimabündnis zusammengeschlossen. Alle vorhandenen Potenziale wurden analysiert als Basis für eine gemeinsame Raumplanung. Im nächsten Schritt soll ein Energiekonzept für Stadt und Landkreis entstehen. „Mittlerweile erkennen immer mehr Regionen ihre Potenziale im Bereich der Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Chancen“, resümiert Jörg Mayer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energie.

Energiewende| © pa picture-alliance / Eibner-Pressefoto

Kritiker an dem Autarkie-Boom wenden ein, dass Gemeinden ohne den sie umgebenden „Strom-See“, also den Netzverbund der Stromkonzerne, nicht auskommen würden. Immer dann, wenn die erneuerbaren Energiequellen (Wind und Sonne) mal nicht liefern können, fließt Strom aus dem Verbundnetz und sichert die kontinuierliche Versorgung. Das wissen auch die 100%-Projektbetreiber und setzen verstärkt auf einen eigenen Netzverbund. Doch ein anderes Problem bleibt: Sollte das von wechselnden Wetterlagen abhängige Stromangebot aus Windrädern und Fotovoltaikanlagen weiter zunehmen, müssen dringend leistungsfähige Speicher gebaut werden.

 

e Energiewende: Strom soll immer häufiger aus regenerativen Energie erzeugt werden und weniger aus Atom- oder Kohlekraft
r Atommeiler: das Atomkraftwerk
landauf, landab: im ganzen Land
findig: schlau, einfallsreich
e Biomasse: die gesamte durch Pflanzen und Tiere anfallende / erzeugte organische Substanz
r Tarif, e: hier: der Strompreis
e Kaufkraft: das Geld, das Menschen haben, um etwas kaufen zu können
s Maßnahmenbündel: eine Reihe von Dingen, die getan werden können/müssen
würdigen: auszeichnen
r Standortvorteil: Vorteil, der durch die Lage entsteht
r Netzverbund: s Netzwerk
Volker Thomas
ist freier Journalist und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung (www.thomas-ppr.de).
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011
Links zum Thema

PASCH-net und Social Media

Erfinderland Deutschland – Baukasten Forschung

Welt­be­weg­en­de deut­sche Er­fin­dung­en aus den natur­wissen­schaft­lichen Disziplinen

Umdenken - von der Natur lernen

Spiele, Filme und Mitmach-Angebote, um die Perspektive zu wechseln und die Bedeutung der Natur neu schätzen zu lernen.

Ticket nach Berlin

Begleite sechs junge Deutsch­lerner auf ihrer Reise quer durch Deutschland: Videos ansehen, mitfiebern und Deutsch üben!

© Regeln auf PASCH-net

Was man hochladen darf und was nicht