Schule und Ausbildung

Lernen wie zu Großelterns Zeiten? – die „Dorfschule“ Kürten-Dürscheid

Sprachniveau: B2/C1

Vor einem Jahr schaffte die Grundschule Kürten-Dürscheid die üblichen, nach Jahrgängen unterteilten Klassenverbände ab. Seitdem sitzen Erst- bis Viertklässler zusammen im Klassenzimmer und lernen gemeinsam.

Es ist Freitagmorgen in der Grundschule Kürten-Dürscheid. Die 22 Schüler der „Marienkäfer“-Klasse haben Unterricht. Schon auf den ersten Blick wirkt die Klassenkonstellation ungewöhnlich: Zwischen schüchternen Sechsjährigen mit niedlichen Milchzahnlücken sitzen Mädchen und Jungs, die schon sehr viel reifer wirken – angehende Teenager eben.

In Kürten-Dürscheid gibt es keine Klasse 1a, 3b oder 4d, sondern nur die „Raben“, die „Bären“ und eben die „Marienkäfer“. Denn hier lösen Neunjährige mit Sechs-, Sieben- oder Achtjährigen in insgesamt sieben Klassenverbänden gemeinschaftlich Matheaufgaben oder machen Rechtschreibübungen.

Eine Chance für das Lehrkonzept

„Unser Unterrichtskonzept hat uns schnell den Namen ‚Dorfschule‘ eingebracht“, erinnert sich Schulleiterin Elisabeth Michalk. Trotzdem ist die Pädagogin davon überzeugt, 2008 den richtigen Schritt gemacht zu haben. Bis dahin war ihre Grundschule ganz herkömmlich strukturiert: Sechsjährige gingen in die erste, Neun- und Zehnjährige in die vierte Klasse. Allerdings stand intern schon seit vier Jahren fest, dass die Schule irgendwann jahrgangsübergreifend unterrichten würde. Doch erst nach vielen gezielten Fortbildungen und Planungen wurde die Umstellung des Unterrichts dann umgesetzt.

„Als wir den Eltern unserer Schüler, die bereits mehrere Jahre bei uns auf der Schule waren, erklärt haben, dass wir ab dem nächsten Schuljahr gemeinsamen Unterricht einführen wurden, waren die Reaktionen sehr durchwachsen“, erinnert sich Michalk. Weniger schön ausgedrückt bedeutet das: Manche Eltern nahmen als Reaktion auf diesen Schritt ihr Kind von der Schule, Neuanmeldungen wurden storniert. Andere Eltern hinterfragten das neue System kritisch – so wie Jutta Josten und ihr Ehemann. „Wir waren sehr skeptisch und konnten uns nicht vorstellen, was das bringen soll“, erklärt Jutta Josten. „Ich hatte Angst, dass die Schule zu einem Unterrichtssystem zurückkehrt, das bereits seit Jahrzehnten als veraltet gilt“. Trotzdem nahm Familie Josten ihren Sohn nach langem Zögern nicht von der Schule, sondern schulte auch noch ihren Jüngsten in Kürten-Dürscheid ein: „Wir wollten einem mutigen, modernen Lehrkonzept eine Chance geben.“

Jahrgangsübergreifender Unterricht in einer ersten und zweiten Klasse in der Dorfschule in Görzig in Brandenburg | © picture-alliance / ZB

Fördern und Fordern

Tatsächlich stellte Schulleiterin Elisabeth Michalk nicht nur die Zusammensetzung der Klassen um: „Es reicht ja nicht, dass man sagt: ‚Nun unterrichten alle zusammen‘ und dann klappt es.“ Stattdessen wurde ein Unterrichtsmodell eingeführt, das möglichst individuell auf die Stärken und Schwächen der Grundschüler eingeht. Dadurch können schwächere Schüler gefördert, stärkere gefordert werden. Neben dem gemeinsamen, jahrgangsübergreifenden Lernen im Unterricht bekommt jeder Schüler einen Wochenplan. Darin wird festgehalten, welche Übungen in den nächsten fünf Wochentagen zu absolvieren sind. „Was wir dort verlangen, denken wir uns nicht aus“, betont Michalk „Das richtet sich letztlich nach den Anforderungen, die das Schulministerium fest vorschreibt.“


In Kürten-Dürscheid sind immer nur maximal sieben Schüler desselben Jahrgangs in einer Klasse. „Deshalb fallen Probleme viel schneller auf als in einer großen Jahrgangsklasse“, sagt Schulleiterin Michalk. Das Konzept beinhaltet auch, Kindern wenn nötig mehr Zeit für ihr Lernpensum einzuräumen. Schneller lernende Kinder können dagegen den Unterrichtsstoff manchmal schon in kürzerer Zeit bewältigen. Zudem ist in der jahrgangsgemischten Klasse ein Wiederholen oder Überspringen einer Stufe leichter möglich: Kein Kind muss dann seine Klassenlehrerin, die gewohnten Klassenkameraden oder den Klassenraum verlassen.

Die Veränderung nach einem Jahr

Nun, ein Schuljahr später, ist Familie Josten vom modernen „Dorfschulen“-Konzept überzeugt. „Ich sehe im Lerntempo meiner Kinder keinen Unterschied zu Gleichaltrigen an anderen Schulen“, sagt Jutta Josten. Dafür hat sie aber neue Charakterzüge bei ihrem Nachwuchs festgestellt: „Unser Jüngster war immer schon etwas zurückhaltend und scheu. Doch dadurch, dass sich in jeder Klasse ältere Schüler finden, die eine Art Patenfunktion übernehmen und auch mal helfen, ist er nach einer kurzen Eingewöhnungsphase sehr viel selbstbewusster geworden.“ Und auch der älteste Sohn hat sich verändert. „Er beendet nun die zweite Klasse und ist sehr viel unabhängiger. Auch übernimmt er Verantwortung für andere.“

Durch Beispiele wie diese fühlt sich Schulleiterin Michalk in ihren Anstrengungen bestärkt: „Die Umstrukturierung der Schule hat uns sicher so manche Neuanmeldung gekostet, doch das neue System bereitet die Schüler gut auf die weiterführende Schule vor.“ Das sieht man in der Umgebung von Kürten-Dürscheid inzwischen offenbar ähnlich. Für das kommende Schuljahr sind schon fast 40 neue Kinder an der „Dorfschule“ angemeldet.

die Grundschule, die Grundschulen: eine Schule, die alle Kinder von Klasse 1 bis 4 besuchen müssen (in Berlin und Brandenburg geht die Grundschule bis Klasse 6)
der Klassenverband, die Klassenverbände: eine Gruppe, in der Kinder des gleichen Alters zusammen lernen
die Klassenkonstellation, die Klassenkonstellationen: die Zusammenstellung einer Lerngruppe
die Milchzahnlücke, die Milchzahnlücken: einige Zähne fehlen. Kinder verlieren mit ungefähr sechs Jahren ihre ersten Zähne, die so genannten Milchzähne
das Lehrkonzept, die Lehrkonzepte: ein Plan, wie der Unterricht organisiert ist
die Dorfschule, die Dorfschulen: eine Schule in einem Dorf. In diesen Schulen wurden früher Kinder unterschiedlichen Alters zusammen unterrichtet, da es in den Dörfern nicht genügend Kinder einer Altersstufe gab. Mittlerweile fahren Kinder in die nächst größere Stadt, um dort die Schule zu besuchen.
die Schulleiterin, die Schulleiterinnen: die Chefin der Schule
herkömmlich: normal; wie alle anderen
jahrgangsübergreifend: hier: Kinder unterschiedlicher Altersgruppen zusammen unterrichten
durchwachsen: hier: unterschiedlich; gemischt
von der Schule nehmen: hier: Das Kind geht nicht mehr in diese Schule, sondern besucht jetzt eine andere.
stornieren: hier: stoppen; löschen
das Unterrichtsmodell, die Unterrichtsmodelle: ein Plan, wie der Unterricht organisiert ist
das Schulministerium, die Schulministerien: die Behörde für alle Bundesländer für den Bereich Bildung
das Lernpensum, die Lernpensen: der Lernstoff; alles, was die Kinder in einem bestimmten Alter wissen müssen
der Unterrichtsstoff: alles, was im Unterricht behandelt werden muss. Das Schulministerium schreibt den Unterrichtsstoff vor.
das Lerntempo, die Lerntempi: wie schnell ein Kind lernt
der Charakterzug, die Charakterzüge: eine persönliche Eigenschaft
die Patenfunktion: hier: ein älteres Kind, das einem jüngeren hilft und auch Vorbild ist
die Eingewöhnungsphase: hier: die Zeit, die ein Kind braucht, um sich an den neuen Unterricht zu gewöhnen
die weiterführende Schule, die weiterführenden Schulen: die drei Schularten nach der Grundschule, also Hauptschule, Realschule, Gymnasium

Worterklärungen

die Grundschule, die Grundschulen: eine Schule, die alle Kinder von Klasse 1 bis 4 besuchen müssen (in Berlin und Brandenburg geht die Grundschule bis Klasse 6)
der Klassenverband, die Klassenverbände: eine Gruppe, in der Kinder des gleichen Alters zusammen lernen
die Klassenkonstellation, die Klassenkonstellationen: die Zusammenstellung einer Lerngruppe
die Milchzahnlücke, die Milchzahnlücken: einige Zähne fehlen. Kinder verlieren mit ungefähr sechs Jahren ihre ersten Zähne, die so genannten Milchzähne
das Lehrkonzept, die Lehrkonzepte: ein Plan, wie der Unterricht organisiert ist
die Dorfschule, die Dorfschulen: eine Schule in einem Dorf. In diesen Schulen wurden früher Kinder unterschiedlichen Alters zusammen unterrichtet, da es in den Dörfern nicht genügend Kinder einer Altersstufe gab. Mittlerweile fahren Kinder in die nächst größere Stadt, um dort die Schule zu besuchen.
die Schulleiterin, die Schulleiterinnen: die Chefin der Schule
herkömmlich: normal; wie alle anderen
jahrgangsübergreifend: hier: Kinder unterschiedlicher Altersgruppen zusammen unterrichten
durchwachsen: hier: unterschiedlich; gemischt
von der Schule nehmen: hier: Das Kind geht nicht mehr in diese Schule, sondern besucht jetzt eine andere.
stornieren: hier: stoppen; löschen
das Unterrichtsmodell, die Unterrichtsmodelle: ein Plan, wie der Unterricht organisiert ist
das Schulministerium, die Schulministerien: die Behörde für alle Bundesländer für den Bereich Bildung
das Lernpensum, die Lernpensen: der Lernstoff; alles, was die Kinder in einem bestimmten Alter wissen müssen
der Unterrichtsstoff: alles, was im Unterricht behandelt werden muss. Das Schulministerium schreibt den Unterrichtsstoff vor.
das Lerntempo, die Lerntempi: wie schnell ein Kind lernt
der Charakterzug, die Charakterzüge: eine persönliche Eigenschaft
die Patenfunktion: hier: ein älteres Kind, das einem jüngeren hilft und auch Vorbild ist
die Eingewöhnungsphase: hier: die Zeit, die ein Kind braucht, um sich an den neuen Unterricht zu gewöhnen
die weiterführende Schule, die weiterführenden Schulen: die drei Schularten nach der Grundschule, also Hauptschule, Realschule, Gymnasium
Rüdiger Teutsch
arbeitet als Bildungsjournalist in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

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