Schule und Ausbildung

Bauernhof statt Klassenzimmer – Schulmodelle für die Pubertät

Sprachniveau: B2

Klassischer Unterricht in der Pubertät ist Unsinn. Zwei Schulen in Potsdam und Berlin suchen jetzt für ihre Siebt- bis Neuntklässler nach neuen, reformpädagogischen Wegen.

Was der Reformpädagoge Hartmut von Hentig vor ein paar Jahren zum Besten gab, ging vielen Lehrern und Eltern doch zu weit: Pubertierende hätten im Klassenzimmer nichts zu suchen, mahnte er Gründer der Laborschule Bielefeld an. Vielmehr sollten die vom Unterricht gelangweilten und nach Emanzipation strebenden Heranwachsenden zwischen 13 und 15 Jahren lieber eine Gaststätte betreiben, Häuser renovieren oder einen Bauernhof führen – ein Konzept, das Anfang des 20. Jahrhunderts in ähnlicher Weise bereits Maria Montessori vertrat. Von einer „Entschulung“ der Mittelstufe sprach von Hentig. „Bewährung statt Belehrung“ lautete die Devise.

Baustelle im Großhirn

Erziehungswissenschaftler und Hirnforscher sehen das inzwischen ähnlich. Ganz offenbar hat der pubertäre Kopf anderes zu tun, als Formeln zu pauken und Goethe zu deuten. Laut der mehrjährigen „Hamburger Lernen-Ausgangslage-Untersuchung“ (LAU 9) lernen selbst die Klassenbesten von der siebten bis zur neunten Klasse in Rechtschreibung und Englisch, Deutsch und Mathe so gut wie nichts dazu.

Zu sehr ist das Teenagergehirn laut neuesten Erkenntnissen damit beschäftigt, mit der Wachstumsexplosion des präfrontalen Cortex umzugehen: jenes Großhirnteils also, der Sinneswahrnehmungen mit Gedächtnisinhalten abgleicht und dafür Sorge trägt, wie emotionale Bewertungen in Handlungen übergehen. Zum Gefühls- und Gedankenchaos kommt, dass das Hormon Melatonin nur verzögert ausgebildet wird: Schlaflosigkeit und Vergesslichkeit sind die Folgen. Wer, fragen die Forscher, soll dabei noch ans Lernen denken?

Bei Brett vorm Kopf: Hüttenbau

„Pubertät ist wie Leben mit einem Brett vorm Kopf, auf dem ‚Wegen Umbau geschlossen‘ steht“, betont auch Jens Großpietsch. Er ist Rektor der reformpädagogischen Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule in Berlin-Moabit, die sich laut Presseberichten von einer „Horrorpenne zur Vorzeigeschulegemausert hat. Großpietsch hat sich vorgenommen, beim Unterricht für die Mittelstufe neue Wege einzuschlagen – und hat in Ulrike Kegler eine resolute Seelenverwandte gefunden.

Vor Beginn einer Pflanzaktion im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, an der sich auch Schülerinnen und Schüler beteiligen | © picture alliance / ZB, Bernd Wüstneck

Kegler leitet die Potsdamer Montessori-Oberschule, die 2007 wegen ihrer innovativen Lernkonzepte den Deutschen Schulpreis erhielt. Vor einigen Jahren hat sie mit viel Durchsetzungskraft ein überwuchertes und zugemülltes Grundstück von rund drei Hektar Größe im Landschaftsschutzgebiet am Schänitzsee nördlich von Potsdam erworben, das einst der DDR-Staatssicherheit als Feriengelände diente.

Dort sollen einmal blühende Lernlandschaften mit Obstplantagen und kleinem Viehbestand, Sägewerk, Werkstätten und Wetterstation entstehen: geplant, aufgebaut und bewirtschaftet von Pubertierenden aus beiden Schulen, die hier nach Wunsch ihrer Leiter schon bald Tag und Nacht in selbstgebauten Hütten leben sollen. Eine „Pädagogik des Ortes“ nennt Kegler dies nach Montessori: „Lebensraum wird zum Lernraum“, der durch körperliche Arbeit das schlafende Gehirn belebt.

Vom Leben lernen

Noch steht im „Freilandlabor“ (Kegler) am Schlänitzsee nur ein hölzernes Toilettenhäuschen mit Plumpsklo; die Jugendlichen kommen bisher nur alle paar Tage oder zu Projektphasen her. Aber der Weg zum Ziel ist bereits Teil des Ziels. Denn die Siebt- und Achtklässler haben das Gelände seit dem Schuljahr 2008/2009 schon vermessen sowie eine Karte und ein Konzept für die Zukunft erstellt. Die Entrümpelung des Grundstücks geht voran, die Büsche sind zum Teil beschnitten, einige Bäume schon gefällt. Mit Feuereifer sind Schülerinnen und Schüler bei der Sache – und haben in dieser „Bewährungsphase“ schon einiges fürs spätere Leben gelernt.



Wie viel Brot muss ich backen, um 17 Jungs und Mädchen zwei Wochen lang satt zu machen – und wie messe ich die nötigen Zutaten? Auf welche Art kann ich Bauschutt am effektivsten von A nach B transportieren? Was ist ein Landschaftsschutzgebiet – und was war eigentlich die Stasi? Bei der Arbeit werden genügend Fragen gestellt, um ein großes Fächerspektrum abzudecken. Selbst „die kulturgeschichtlichen Phasen der Menschheitsgeschichte“ erfahren die Jugendlichen nach Ulrike Keglers Meinung „in Form ihres Zusammenlebens am eigenen Leib“.

Tatsache ist, dass einiges an unterrichtsrelevantem Stoff zusammenkommt. Manches beantworten sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig. Und wo selbst die Lehrer nicht weiterwissen, hilft ein betreuender Landwirt als Mann der Praxis aus. Neben ihm gehört auch ein Kanubauer zu den Projektleitern.

Die Welt befragen

Auch bei Schülerinnen und Schülern, die sich sonst ausschließlich von Fastfood ernähren und ihre städtische Umgebung noch nie verlassen haben, kommt das an. „Erfrischend“ nennen sie ihr alltagsnahes Unterrichtsprojekt, das seit Mitte 2009 unter dem Namen „Statt Schule – Im Leben lernen“ von der Stiftung Brandenburger Tor gefördert wird. „Beinahe unglaublich“ findet Lehrerin Anke Markowski von der Berliner Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule, wie viele ihrer Schützlinge sich bereits verändert haben: „Nur weil sie hier lernen dürfen, was sie interessiert“. Plötzlich, so Markowski, „stellen sie ihre eigenen Fragen an die Welt“.

die Pubertät: das Lebensalter von ungefähr 10 bis 20 Jahren, in dem sich ein Mensch vom Kind zum Erwachsenen entwickelt
nach neuen reformpädagogischen Wegen suchen: hier: Sie probieren Konzepte, die vom herkömmlichen Schulsystem abweichen. In diesen Konzepten geht es darum, dass die Kinder selbstständig denken und allein nach Lösungen suchen sollen.
zum Besten geben: hier: sagen
die/der Pubertierende, die Pubertierenden: eine Person in der Pubertät
die Laborschule, die Laborschulen: eine Schule, an der Unterricht stattfindet, gleichzeitig aber auch geforscht wird und Lehrer ausgebildet werden
die Emanzipation: hier: die Selbstständigkeit
die/der Heranwachsende, die Heranwachsenden: die Jugendlichen
Maria Montessori: eine italienische Kinderärztin, die von 1870–1952 gelebt hat: Sie hat ein Konzept der Reformpädagogik entwickelt, in der es keinen festen Unterricht gibt. Die Kinder wählen die Themen selbst und entscheiden auch wie, wann und mit wem sie lernen. Die Lehrer beraten sie und geben Feedback.
die Mittelstufe: die Klassen 7 bis 10 an Hauptschulen, Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien
„Bewährung statt Belehrung“: etwas selbst zu erleben, ist besser, als im Unterricht nur davon zu hören
der Hirnforscher, die Hirnforscher: Wissenschaftler, die untersuchen, wie das Gehirn funktioniert
die Wachstumsexplosion: hier: Teile des Gehirns wachsen plötzlich sehr schnell
die Sinneswahrnehmung, die Sinneswahrnehmungen: was ein Mensch mit den fünf Sinnen (hören, sehen, riechen, tasten, schmecken) aufnimmt
der Gedächtnisinhalt, die Gedächtnisinhalte: Informationen, die schon im Gehirn gespeichert sind
ein Brett vor dem Kopf haben: nicht gut denken können, dumm sein
der Rektor, die Rektoren: der Schulleiter
die Gemeinschaftsschule, die Gemeinschaftsschulen: Kinder und Jugendliche lernen von Klasse 1 bis 10 zusammen in einer Schule, also in einem Gebäude. Sie werden nach der Grundschulzeit nicht getrennt. Sie machen aber trotzdem einen Haupt- oder Realschulabschluss oder das Abitur, falls die Schule eine gymnasiale Oberstufe hat. Die Gemeinschaftsschulen sind in den Bundesländern unterschiedlich gestaltet.
die Horrorpenne: eine schreckliche Schule (die Penne = negativ für Schule)
die Vorzeigeschule, die Vorzeigeschulen: eine positives Beispiel; eine Schule, die ein Vorbild ist
sich mausern: sich von schlecht zu gut entwickeln
resolut: konsequent, energisch
die Seelenverwandte, die Seelenverwandten: Menschen, die gleich denken und empfinden
der Deutsche Schulpreis: ein Preis, der jedes Jahr an Schulen vergeben wird, die neue Konzepte ausprobieren und die Lust am Lernen fördern
die Durchsetzungskraft: die Fähigkeit, die eigenen Ideen durchzusetzen
überwuchert: viele Pflanzen wachsen wild und unkontrolliert
zugemüllt: mit viel Müll bedeckt
das Landschaftsschutzgebiet, die Landschaftsschutzgebiete: ein Stück Natur, das geschützt ist und nicht bebaut werden darf
die DDR-Staatssicherheit: der Geheimdienst der DDR (= Deutsche Demokratische Republik. Bis 1989 war Deutschland in zwei Staaten geteilt: die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik. Die beiden Staaten waren durch eine Mauer voneinander getrennt.)
der Viehbestand, die Viehbestände: eine bestimmte Zahl von Tieren
das Sägewerk, die Sägewerke: eine Fabrik, in der aus Baumstämmen Bretter gemacht werden
das Plumpsklo, die Plumpsklos: eine Toilette ohne Wasserspülung
vermessen: hier: messen, wie lang und wie breit das Gelände ist
die Entrümpelung, die Entrümpelungen: Müll und alte Dinge wegräumen
der Feuereifer: die Begeisterung, die Energie
von A nach B: von einem Punkt zum anderen
die Stasi: (kurz für) „Ministerium für Staatssicherheit“; der Geheimdienst der DDR (= Deutsche Demokratische Republik. Bis 1989 war Deutschland in zwei Staaten geteilt: die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik. Die beiden Staaten waren durch eine Mauer voneinander getrennt.)
etwas am eigenen Leib erfahren: etwas selbst erleben, eine praktische Erfahrung machen
der Landwirt, die Landwirte: der Bauer
das Fastfood: Essen, das schnell zubereitet ist oder in Schnellrestaurants angeboten wird; gilt als nicht gesund
der Schützling, die Schützlinge: hier: die Schülerinnen und Schüler

Worterklärungen

die Pubertät: das Lebensalter von ungefähr 10 bis 20 Jahren, in dem sich ein Mensch vom Kind zum Erwachsenen entwickelt
nach neuen reformpädagogischen Wegen suchen: hier: Sie probieren Konzepte, die vom herkömmlichen Schulsystem abweichen. In diesen Konzepten geht es darum, dass die Kinder selbstständig denken und allein nach Lösungen suchen sollen.
zum Besten geben: hier: sagen
die/der Pubertierende, die Pubertierenden: eine Person in der Pubertät
die Laborschule, die Laborschulen: eine Schule, an der Unterricht stattfindet, gleichzeitig aber auch geforscht wird und Lehrer ausgebildet werden
die Emanzipation: hier: die Selbstständigkeit
die/der Heranwachsende, die Heranwachsenden: die Jugendlichen
Maria Montessori: eine italienische Kinderärztin, die von 1870–1952 gelebt hat: Sie hat ein Konzept der Reformpädagogik entwickelt, in der es keinen festen Unterricht gibt. Die Kinder wählen die Themen selbst und entscheiden auch wie, wann und mit wem sie lernen. Die Lehrer beraten sie und geben Feedback.
die Mittelstufe: die Klassen 7 bis 10 an Hauptschulen, Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien
„Bewährung statt Belehrung“: etwas selbst zu erleben, ist besser, als im Unterricht nur davon zu hören
der Hirnforscher, die Hirnforscher: Wissenschaftler, die untersuchen, wie das Gehirn funktioniert
die Wachstumsexplosion: hier: Teile des Gehirns wachsen plötzlich sehr schnell
die Sinneswahrnehmung, die Sinneswahrnehmungen: was ein Mensch mit den fünf Sinnen (hören, sehen, riechen, tasten, schmecken) aufnimmt
der Gedächtnisinhalt, die Gedächtnisinhalte: Informationen, die schon im Gehirn gespeichert sind
ein Brett vor dem Kopf haben: nicht gut denken können, dumm sein
der Rektor, die Rektoren: der Schulleiter
die Gemeinschaftsschule, die Gemeinschaftsschulen: Kinder und Jugendliche lernen von Klasse 1 bis 10 zusammen in einer Schule, also in einem Gebäude. Sie werden nach der Grundschulzeit nicht getrennt. Sie machen aber trotzdem einen Haupt- oder Realschulabschluss oder das Abitur, falls die Schule eine gymnasiale Oberstufe hat. Die Gemeinschaftsschulen sind in den Bundesländern unterschiedlich gestaltet.
die Horrorpenne: eine schreckliche Schule (die Penne = negativ für Schule)
die Vorzeigeschule, die Vorzeigeschulen: eine positives Beispiel; eine Schule, die ein Vorbild ist
sich mausern: sich von schlecht zu gut entwickeln
resolut: konsequent, energisch
die Seelenverwandte, die Seelenverwandten: Menschen, die gleich denken und empfinden
der Deutsche Schulpreis: ein Preis, der jedes Jahr an Schulen vergeben wird, die neue Konzepte ausprobieren und die Lust am Lernen fördern
die Durchsetzungskraft: die Fähigkeit, die eigenen Ideen durchzusetzen
überwuchert: viele Pflanzen wachsen wild und unkontrolliert
zugemüllt: mit viel Müll bedeckt
das Landschaftsschutzgebiet, die Landschaftsschutzgebiete: ein Stück Natur, das geschützt ist und nicht bebaut werden darf
die DDR-Staatssicherheit: der Geheimdienst der DDR (= Deutsche Demokratische Republik. Bis 1989 war Deutschland in zwei Staaten geteilt: die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik. Die beiden Staaten waren durch eine Mauer voneinander getrennt.)
der Viehbestand, die Viehbestände: eine bestimmte Zahl von Tieren
das Sägewerk, die Sägewerke: eine Fabrik, in der aus Baumstämmen Bretter gemacht werden
das Plumpsklo, die Plumpsklos: eine Toilette ohne Wasserspülung
vermessen: hier: messen, wie lang und wie breit das Gelände ist
die Entrümpelung, die Entrümpelungen: Müll und alte Dinge wegräumen
der Feuereifer: die Begeisterung, die Energie
von A nach B: von einem Punkt zum anderen
die Stasi: (kurz für) „Ministerium für Staatssicherheit“; der Geheimdienst der DDR (= Deutsche Demokratische Republik. Bis 1989 war Deutschland in zwei Staaten geteilt: die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik. Die beiden Staaten waren durch eine Mauer voneinander getrennt.)
etwas am eigenen Leib erfahren: etwas selbst erleben, eine praktische Erfahrung machen
der Landwirt, die Landwirte: der Bauer
das Fastfood: Essen, das schnell zubereitet ist oder in Schnellrestaurants angeboten wird; gilt als nicht gesund
der Schützling, die Schützlinge: hier: die Schülerinnen und Schüler
Thomas Köster
arbeitet als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010

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