Schule und Ausbildung

Hochbegabt – zu gut für die Schule

Sprachniveau: B2

Mehrere hunderttausend Kinder gelten in Deutschland als hochbegabt – doch sie sind damit keineswegs automatisch schulische Überflieger. Das Bildungssystem macht es den Hochbegabten oft unnötig schwer.

Die Berichte klingen oft ähnlich. So wie bei Leons Mutter, einer 34-jährigen Nürnbergerin. „Unser Sohn hatte einen nicht gerade einfachen Start in der Grundschule“, erzählt sie in einem Internet-Forum, „seine Erwartungen an die Schule waren sehr hoch, doch die Realität stellte sich für ihn schnell als ernüchternd, wenn nicht gar als frustrierend dar.“ Der Sechsjährige ist hochbegabt – und war nach der Einschulung innerhalb weniger Tage völlig unterfordert. Erst in einem Förderverein fand Leon die Herausforderungen, die er brauchte: Einmal wöchentlich besucht er seither einen Kurs für hochbegabte Kinder. Die Kinder in dieser Gruppe, sagt Leon, „sind anders als die in der Grundschule, die sind wenigstens normal und stellen keine komischen Fragen“ – für ihn offensichtlich ein ganz wichtiges Kriterium.

Die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) schätzt die Zahl hochbegabter Kinder in Deutschland auf rund 300.000. Der Münchner Psychologie-Professor Kurt Heller, Autor zahlreicher Hochbegabten-Studien, schätzt die Zahl der hochbegabten Deutschen – Kinder und Erwachsene – auf rund 800.000. Mal nehmen Experten eine Intelligenzquotienten von 125 als Grenzwert, mal ist es ein IQ-Wert von 130 – entsprechend schwanken die Zahlen.

Doch ungenaue Betroffenenzahlen sind nur ein Aspekt des Problems, das wurde auf einer Fachtagung der Initiative Bildung & Begabung im Dezember 2011 in Bonn deutlich. Dort berichtete Elke Völmicke, Geschäftsführerin von Bildung & Begabung, von einer aktuellen Allensbach-Umfrage, nach der 77 Prozent der Eltern die Förderung benachteiligter Kinder als „besonders wichtig“ eingestuft hatten – bei den begabten Kindern waren nur 55 Prozent für eine solche Extra-Förderung. Als besonders aufschlussreich erwiesen sich die Antworten von Lehrern: „58 Prozent von ihnen gaben an, dass die gezielte Förderung von begabten Kindern an einer guten Schule unbedingt gegeben sein müsse“, sagt Völmicke, „aber nur 17 Prozent der Lehrer kreuzten bei dieser Frage an: ‚Trifft auf meine Schule zu.‘“

Schule muss sich ändern

Für hoch- und höchstbegabte Kinder ist es also meist Glückssache, ob sie im schulischen Umfeld ausreichend gefördert werden. Ein Zustand, der sich nach Meinung vieler Experten so schnell wie möglich ändern sollte. „Denn Jugendliche, deren Lernpotenzial in der Schule unentdeckt bleibt, erhalten beim Übergang in die Arbeitswelt keine zweite Chance“, verweist Elke Völmicke auf eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin zum Verlauf von Bildungskarrieren.

Schule muss sich also ändern – ein Befund, den auch der Wiener Trendforscher und Strategieberater Franz Kühmeyer unterstreicht. „Es gibt nur drei Systeme, in denen Menschen nach Anwesenheitszeit beurteilt werden: Fabriken, Gefängnisse und Schulen“, sagt Kühmayer und schiebt süffisant nach: „Die Wirtschaft beginnt, sich davon bereits zu verabschieden.“ Anwesenheitszeit als Messgröße, also „Bildung nach der Stechuhr“, sei denkbar ungeeignet, um pädagogische Prozesse sinnvoll und vor allem der Begabung entsprechend zu organisieren.

Für Lehrkräfte und Bildungsforscher ist die Frage, wie Schulen das Lernen für Hochbegabte organisieren können, eine der derzeit größten Herausforderungen. So plädiert Jutta Billhardt, Vorsitzende von Hochbegabtenförderung e. V.: „Wir brauchen eigentlich Sonderklassen für hochbegabte Kinder, damit sie ihr geistiges Potenzial in einer Gemeinschaft umsetzen können in Leistung.“ Das sei der falsche Weg, widerspricht dagegen Stephan Hußmann, Erziehungswissenschaftler an der TU Dortmund: Wichtiger als die Aussonderung besonders begabter Kinder sei das Eingehen auf die unterschiedlichsten persönlichen Voraussetzungen innerhalb einer Lerngruppe. „Kinder stärken heißt, ihren je eigenen Standpunkt ernst nehmen und sich einladen lassen, sie ein Stück des Weges zu begleiten. Und das gilt gleichermaßen für jede Schülerin und jeden Schüler, egal ob klein oder groß, langsam oder schnell, dick oder dünn“, so Hußmann.

Begabungsorientierte Bildung

Dass Begabtenförderung sich durchaus in den regulären Unterrichtsalltag integrieren lässt, zeigt der Blick in andere Länder. So hat Anne Sliwka von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg zahlreiche Schulen in Kanada, Schottland und den USA besucht, die auf kooperative Lernmodelle setzen – also etwa auf Mathematik-Unterricht, in dem hochbegabte Schüler mal gemeinsam besonders anspruchsvolle Aufgaben lösen, dann aber auch wieder ihren weniger begabten Mitschülern unterstützend zur Seite stehen. Dafür müssen Lehrerinnen und Lehrer zwar differenzierte Unterrichtsangebote entwickeln, sie vermeiden aber im Gegenzug, dass die besonders begabten Schüler in Hochbegabten-Internate abgeschoben werden.

Viele dieser Differenzierungsansätze, so Anne Sliwka, könnten ohne großen Aufwand im Unterricht eingesetzt werden – und werden es an etlichen deutschen Schulen auch schon. Als Beispiele nennt die Pädagogik-Professorin etwa „Lernverträge“ mit Zielen, die der Schüler selbst setzt, oder die Teilnahme an Wettbewerben sowie projektorientierten Unterricht. „Die Fokussierung auf die Begabungen, Leidenschaften und Talente des einzelnen Schülers ist ein Reform-Auftrag an Struktur und Kultur des Bildungssystems gleichermaßen“, bestätigt Zukunftsforscher Franz Kühmayer, „begabungsorientierte Bildung orientiert sich an Neugierde, Kreativität, Begeisterung und Leistungsbereitschaft.“

Beratung für Eltern

Darauf, dass sich das Thema Hochbegabung nicht allein auf Unterrichtsfragen reduzieren lässt, verweist der Psychologe Dietrich Arnold von der Uni Trier. Er hält die Beratungsanliegen betroffener Eltern für mindestens genau so wichtig und berechtigt – denn schließlich seien es die Eltern, die als erste mit dem hochbegabten Kund zu tun haben und oftmals schon lange vor der Einschulung über ein Erfahrungsspektrum verfügen, das Lehrer erst nach jahrelanger Berufspraxis erreichen.

„Jeder Mensch hat ganz viel Potenzial – und es ist die Aufgabe von Bildungssystemen, das herauszuholen und zu entwickeln“, sagt Erziehungspsychologin Ulrike Stedtnitz in einer Umfrage des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft. Und weiter: „Wir tun Kindern und Schulen keinen Gefallen, wenn wir an einem statischen Hochbegabungskonstrukt – etwa über den IQ-Wert – festhalten.“ Die Debatte muss und wird also weitergehen.

hochbegabt: sehr intelligent, überdurchschnittlich klug
der Überflieger, die Überflieger: ein Schüler oder eine Schülerin mit sehr guten Leistungen
die Grundschule, die Grundschulen: die Schule, die alle Kinder von Klasse 1 bis 4 besuchen (in Berlin und Brandenburg geht die Grundschule bis Klasse 6).
unterfordert sein: nicht genug gefordert; hier: Er hat sich im Unterricht gelangweilt, da der Unterricht zu einfach für ihn war.
der Förderverein, die Fördervereine: hier: eine Gruppe von Menschen, die den hochbegabten Kindern hilft
der Intelligenzquotient, die Intelligenzquotienten: eine Zahl, die mit einem Test ermittelt wird und die allgemeine Intelligenz angibt
der Grenzwert, die Grenzwerte: hier: eine festgelegte Zahl, ab der ein Kind als hochbegabt gilt
die Betroffenenzahl, die Betroffenenzahlen: hier: die Anzahl der hochbegabten Kinder
die Allensbach-Umfrage: Das Allensbach-Institut führt Umfragen unter den Deutschen zu verschiedenen Themen wie Familienleben, Arbeitsmarkt oder Bildung durch.
benachteiligt: hier: Kinder, die zu Hause wenig oder fast keine Hilfe beim Lernen bekommen, da ihre Eltern keine gute Bildung haben oder kein Deutsch sprechen
die Glückssache: hier: Es ist nicht sicher, dass hochbegabte Kinder an jeder Schule gefördert werden. Sie müssen Glück haben, dass ihre Schule es tut.
der Übergang in die Arbeitswelt: hier: in der Ausbildung
die Bildungskarriere, die Bildungskarrieren: der Weg eines Kinds vom Kindergarten bis zum Ende der Ausbildung
der Befund, die Befunde: das Ergebnis, die Feststellung
süffisant: hier: Er weiß, dass er klug klingt und findet das gut.
die Stechuhr, die Stechuhren: eine Kontrolluhr; In vielen Betrieben mussten die Arbeiter früher vor Arbeitsbeginn eine Karte abstempeln, um zu beweisen, dass sie pünktlich waren.
die Herausforderung, die Herausforderungen: hier: das Problem
die Sonderklasse, die Sonderklassen: eine spezielle Lerngruppe
das geistige Potenzial: die Intelligenz, die Fähigkeit zu denken
die Aussonderung: die Auswahl, die Auslese; hier: die hochbegabten Kinder von den anderen trennen und in Sonderklassen unterrichten
das kooperative Lernmodell, die kooperativen Lernmodelle: der gemeinsame Unterricht
das Internat, die Internate: eine Schule mit einem Wohnheim; Die Kinder bleiben die ganze Woche dort und fahren nur am Wochenende nach Hause.
der Differenzierungsansatz, die Differenzierungsansätze: hier: die Idee, die hochbegabten Kinder von den anderen getrennt zu unterrichten
der projektorientierte Unterricht: hier: Die Schüler arbeiten selbstständig an Projekten, sie erkunden ein Thema selbst, beantworten eine umfangreiche Frage oder suchen nach der Lösung eines Problems.
die Begabung, die Begabungen: die Klugheit, die Fähigkeit
die Leidenschaft, die Leidenschaften: hier: das Interesse
die Reform, die Reformen: die politische Neuerung
der Zukunftsforscher, die Zukunftsforscher: ein Wissenschaftler, der untersucht, wie sich die Gesellschaft in der Zukunft entwickeln wird
die Neugierde: großes Interesse haben, viel wissen wollen
die Begeisterung: der Enthusiasmus; hier: die Freude am Lernen
die Leistungsbereitschaft: der Wille zu lernen
das Beratungsanliegen, die Beratungsanliegen: hier: Die Eltern möchten beraten werden und Hilfe bekommen.
das Erfahrungsspektrum: viele unterschiedliche Erfahrungen
jemandem einen Gefallen tun: einer Person etwas Gutes tun, helfen

Worterklärungen

hochbegabt: sehr intelligent, überdurchschnittlich klug
der Überflieger, die Überflieger: ein Schüler oder eine Schülerin mit sehr guten Leistungen
die Grundschule, die Grundschulen: die Schule, die alle Kinder von Klasse 1 bis 4 besuchen (in Berlin und Brandenburg geht die Grundschule bis Klasse 6).
unterfordert sein: nicht genug gefordert; hier: Er hat sich im Unterricht gelangweilt, da der Unterricht zu einfach für ihn war.
der Förderverein, die Fördervereine: hier: eine Gruppe von Menschen, die den hochbegabten Kindern hilft
der Intelligenzquotient, die Intelligenzquotienten: eine Zahl, die mit einem Test ermittelt wird und die allgemeine Intelligenz angibt
der Grenzwert, die Grenzwerte: hier: eine festgelegte Zahl, ab der ein Kind als hochbegabt gilt
die Betroffenenzahl, die Betroffenenzahlen: hier: die Anzahl der hochbegabten Kinder
die Allensbach-Umfrage: Das Allensbach-Institut führt Umfragen unter den Deutschen zu verschiedenen Themen wie Familienleben, Arbeitsmarkt oder Bildung durch.
benachteiligt: hier: Kinder, die zu Hause wenig oder fast keine Hilfe beim Lernen bekommen, da ihre Eltern keine gute Bildung haben oder kein Deutsch sprechen
die Glückssache: hier: Es ist nicht sicher, dass hochbegabte Kinder an jeder Schule gefördert werden. Sie müssen Glück haben, dass ihre Schule es tut.
der Übergang in die Arbeitswelt: hier: in der Ausbildung
die Bildungskarriere, die Bildungskarrieren: der Weg eines Kinds vom Kindergarten bis zum Ende der Ausbildung
der Befund, die Befunde: das Ergebnis, die Feststellung
süffisant: hier: Er weiß, dass er klug klingt und findet das gut.
die Stechuhr, die Stechuhren: eine Kontrolluhr; In vielen Betrieben mussten die Arbeiter früher vor Arbeitsbeginn eine Karte abstempeln, um zu beweisen, dass sie pünktlich waren.
die Herausforderung, die Herausforderungen: hier: das Problem
die Sonderklasse, die Sonderklassen: eine spezielle Lerngruppe
das geistige Potenzial: die Intelligenz, die Fähigkeit zu denken
die Aussonderung: die Auswahl, die Auslese; hier: die hochbegabten Kinder von den anderen trennen und in Sonderklassen unterrichten
das kooperative Lernmodell, die kooperativen Lernmodelle: der gemeinsame Unterricht
das Internat, die Internate: eine Schule mit einem Wohnheim; Die Kinder bleiben die ganze Woche dort und fahren nur am Wochenende nach Hause.
der Differenzierungsansatz, die Differenzierungsansätze: hier: die Idee, die hochbegabten Kinder von den anderen getrennt zu unterrichten
der projektorientierte Unterricht: hier: Die Schüler arbeiten selbstständig an Projekten, sie erkunden ein Thema selbst, beantworten eine umfangreiche Frage oder suchen nach der Lösung eines Problems.
die Begabung, die Begabungen: die Klugheit, die Fähigkeit
die Leidenschaft, die Leidenschaften: hier: das Interesse
die Reform, die Reformen: die politische Neuerung
der Zukunftsforscher, die Zukunftsforscher: ein Wissenschaftler, der untersucht, wie sich die Gesellschaft in der Zukunft entwickeln wird
die Neugierde: großes Interesse haben, viel wissen wollen
die Begeisterung: der Enthusiasmus; hier: die Freude am Lernen
die Leistungsbereitschaft: der Wille zu lernen
das Beratungsanliegen, die Beratungsanliegen: hier: Die Eltern möchten beraten werden und Hilfe bekommen.
das Erfahrungsspektrum: viele unterschiedliche Erfahrungen
jemandem einen Gefallen tun: einer Person etwas Gutes tun, helfen
Armin Himmelrath
arbeitet als freier Journalist und Publizist für Bildungs- und Wissenschaftsthemen (unter anderem für den Deutschlandfunk, den Westdeutschen Rundfunk, den Spiegel) in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

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