Schule und Ausbildung

Flexibles Chaos? Längere Grundschulzeit in Deutschland

Sprachniveau: C1
Demonstration von Hamburger Schulreformgegnern © picture-alliance / dpa, Bodo Marks
Vier, fünf oder sechs Jahre? In Deutschland streiten sich Bildungspolitiker und Pädagogen über die Dauer der Grundschulzeit.

Dass kindgerechte Bildung für Erwachsene knallharte Politik bedeutet, ließ sich schon in den 1970er- und 1980er-Jahren in Westdeutschland beobachten. Damals rangen konservative und sozialdemokratische Bildungspolitiker um die Etablierung der sogenannten Gesamtschule, in der die Dreigliedrigkeit von Hauptschule, Realschule und Gymnasium mindestens bis zur zehnten Klasse (Sekundarstufe I) verschmelzen sollte.

Was für konservative Kreise ein „Schulchaos“ bedeutete, werteten modern eingestellte Pädagogen als optimale Methode, um Kindern verschiedener Gesellschaftsschichten eine gleiche Ausgangsbasis für ihre kognitive und intellektuelle Entwicklung zu schaffen.

Experimentiertiegel Hamburg

Im Jahr 2010 erlebte nun der deutsche Stadtstaat Hamburg sein eigenes „Schulchaos“, bei dem es ebenfalls um die von Teilen der Bevölkerung gewünschte Zusammenlegung von Schulformen ging, diesmal von Grundschule (Primarschule) und der sogenannten Orientierungsstufe, also der weiterführenden Klassen 5 und 6.

Einschulung 2013 © picture alliance, Andreas Franke

Die Senatsmehrheit aus CDU und Grün-Alternativer Liste unter Ole von Beust (CDU) hatte sich nach langen Verhandlungen auf den Kompromiss der „Primarschule“ geeinigt: Ab 2011 sollten Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse gemeinsam die Schulbank drücken, anschließend ginge es weiter entweder aufs Gymnasium (bis Klasse 12) oder auf die „Stadtteilschulen“, an denen neben dem Abitur (hier allerdings in der Klasse 13) auch der Haupt- oder Realschulabschluss gemacht werden kann.

Anstoß PISA-Studie

Ein wesentlicher Grund für diese schwarz-grüne Entscheidung war die mangelhafte Einstufung der schulischen Leistungen vor allem in der PISA-Erweiterungsstudie von 2003 (PISA-E). Höchstens im Mittelmaß, wenn nicht gar im unteren Drittel fanden sich dort Hamburgs Schülerleistungen wieder.

Pädagogen und Bildungspolitiker erinnerten sich an die bereits 1994 vom Vorsitzenden des Berliner Grundschulverbandes Peter Heyer geäußerte These, dass „der schulische Bildungsweg vor allem Angelegenheit der Kinder“ sei: „Sie haben mit den Konsequenzen zu leben.“ Längeres Lernen indes steigere das Selbstwertgefühl der Kinder „kontinuierlich“. Außerdem stünde die vierjährige Grundschule „in der Tradition ständestaatlichen Denkens des vorvorigen Jahrhunderts“.

Ende des Gymnasiums?

Obwohl sich selbst der damalige CDU-Bürgermeister Ole von Beust letztlich vom Primarschule-Konzept überzeugt zeigte, setzten sich am 18. Juli 2010 vor allem liberal-konservative Hamburger aus mittleren und oberen Gesellschaftsschichten in einem Volksentscheid gegen die Schulreform durch: Von 491.600 Wählern stimmten mehr als ausreichende 276.304 gegen die Reform.

Warnwesten für Schulkinder © picture alliance / ZB, Jens Büttner

Der Vorsitzende der Reform-gegnerischen Elterninitiative „Wir wollen lernen“, Walter Scheuerl freute sich „für die Hamburger Schüler und Schülerinnen, dass wir ein gutes Schulsystem haben werden.“ Scheuerl und seine Mitstreiter hatten befürchtet, dass leistungsstarke Schüler durch das Primarschule-Modell beim Lernen beeinträchtigt würden und das Gymnasium als eigenständige weiterbildende Schulform abgewertet werden würde.

Vorbilder: Berlin und Brandenburg

Genuin sechsjährigen Grundschulunterricht gibt es in Deutschland derzeit nur in Berlin und Brandenburg. Beide Bundesländer werden jeweils von einer sozialdemokratisch-linken Koalition regiert. Allerdings gibt es in Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls die sogenannte Regionalschule, die nach der vierten Klasse besucht wird, um auf das Gymnasium oder die Mittlere Reife vorzubereiten. In einigen Bundesländern existiert an den drei weiterführenden Schultypen auch eine „Orientierungs-“ oder „Förderstufe“, die Kindern die Eingewöhnung vom „vorfachlichen zum fachlichen Lernen“ erleichtern helfen soll.

Interessant in diesem bildungspolitischen Diskurs ist die Tatsache, dass einige Bundesländer weniger die Grundschulzeit verlängern als vielmehr die Qualität der vorhandenen vier Jahre optimieren wollen. So findet etwa in Bayern derzeit ein dreijähriger Modellversuch namens „Flexible Grundschule“ statt: Gemäß ihrem eigenen Lerntempo sollen sich die kleinen Schüler Lesen, Schreiben und Rechnen im Rahmen einer „Eingangsstufe“ aneignen. Diese darf dann ruhig zwischen ein und drei Jahre dauern. Erst dann folgt die dritte und vierte Klasse.

die Reform, die Reformen: die politische Neuerung
knallhart: rücksichtslos, kompromisslos
konservativ: bürgerlich, an Tradition festhalten wollen; hier: Politiker der CDU (Christlich Demokratische Union) und CSU (Christlich-Soziale Union)
sozialdemokratisch: Werte der Sozialdemokratie vertretend; hier: Politiker der SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands)
die Gesamtschule, die Gesamtschulen: Kinder und Jugendliche lernen von Klasse 5 bis 10 zusammen in einer Schule, also in einem Gebäude; Sie werden nicht nach Haupt- oder Realschule getrennt, machen aber trotzdem einen Haupt- oder einen Realschulabschluss. Die Gesamtschulen sind in den Bundesländern unterschiedlich gestaltet. In manchen können die Jugendlichen in einer Oberstufe das Abitur machen.
die Dreigliedrigkeit: die drei Schularten (Hauptschule, Realschule, Gymnasium), zwischen denen die Schüler nach der Grundschule wählen müssen.
die Hauptschule, die Hauptschulen: eine der drei Schularten nach der Grundschule, von Klasse 5 bis 9 oder 10; Sie soll die Schüler auf einen Beruf vorbereiten. Sie wird mit dem Hauptschulabschluss abgeschlossen. Der ist schon nach Klasse 9 möglich. Danach können die Jugendlichen eine Ausbildung machen.
die Realschule, die Realschulen: eine der drei Schularten nach der Grundschule, von Klasse 5 bis 10; Sie vermittelt eine breitere Allgemeinbildung als die Hauptschule und wird mit der Mittleren Reife, also dem Realschulabschluss, abgeschlossen. Danach können die Jugendlichen eine Ausbildung machen aber auch eine Fachoberschule besuchen oder auf das Gymnasium wechseln.
das Gymnasium, die Gymnasien: eine der drei Schularten nach der Grundschule, in von Klasse 5 bis 12 oder 13; Das Gymnasium vermittelt die höchste Bildung und wird mit dem Abitur abgeschlossen. Die Jugendlichen können danach die Universität besuchen. Mit einer Reform wurde die Schulzeit des Gymnasiums von neun auf acht Jahre verkürzt, mittlerweile sind die meisten Bundesländer wieder zu neun Jahren zurückgekehrt. Am Abitur nach Klasse 12 halten einige neue Bundesländer (ehemalige DDR) fest. In der DDR wurde das Abitur nach Klasse 12 abgelegt.
die Gesellschaftsschicht, die Gesellschaftsschichten: unterschiedliche Gruppen in der Gesellschaft, nach Bildung und Einkommen unterschieden in: die Unterschicht (geringe Bildung, meistens geringes Einkommen), die Mittelschicht (gute bis sehr gute Bildung, gutes bis sehr gutes Einkommen), die Oberschicht, die Elite (sehr gute Bildung, meist an Privatschulen erworben, hohes Einkommen)
die kognitive und intellektuelle Entwicklung: die Fähigkeit zu denken und die Welt zu verstehen, entwickelt sich
der Stadtstaat, die Stadtstaaten: ein Bundesland, das nur aus einer Stadt besteht; Drei der 16 Bundesländer sind Stadtstaaten: Hamburg, Berlin und Bremen.
die Senatsmehrheit: der größte Teil des Senats; (der Senat = die Landesregierung der Stadtstaaten)
die Schulbank drücken: in die Schule gehen
die Stadtteilschule, die Stadtteilschulen: eine Schule nach der Grundschule, die der Stadtstaat Hamburg 2010 eingeführt hat. In der Stadtteilschule können die Schülerinnen und Schüler neben dem Abitur auch den Haupt- oder Realschulabschluss machen. Haupt- und Realschule wurden abgeschafft.
schwarz-grün: hier: die Hamburger Regierung aus CDU (schwarz) und Grün-Alternativer Liste (grün)
PISA-Erweiterungsstudie von 2003 (PISA-E): PISA steht für „Programme for International Student Assessment“ (Deutsch: Programm zur internationalen Schülerbewertung) Seit 2000 werden alle drei Jahre internationale Studien durchgeführt und die Leistungen der Schüler verglichen. Die Ergebnisse der ersten Studien waren 2001 für die Deutschen eine böse Überraschung: Die deutschen Schüler lagen auf den hintersten Plätzen.
PISA-E sind nationale Studien, die als Ergänzung zu den internationalen dienen. Durch diese Studie wurde 2003 zum ersten Mal der starke Unterschied zwischen den einzelnen Bundesländern deutlich: Besonders gut waren die Schüler zum Beispiel in Bayern, sehr schlecht dagegen in Brandenburg.
das Mittelmaß: im Mittelfeld, in der Mitte
indes: indessen, gleichzeitig
das ständestaatliche Denken: elitäres Denken; die Sicht von Menschen, die in der Gesellschaft eine Sonderstellung haben
liberal-konservativ: Menschen, die für freie Marktwirtschaft sind, für absolute Eigenverantwortung ohne Hilfe des Staates und für Traditionen
der Volksentscheid, die Volksentscheide: die Bürger entscheiden direkt über ein Thema; Jeder darf abstimmen: dafür oder dagegen.
genuin: rein, echt
die sozialdemokratisch-linke Koalition, die sozialdemokratisch-linke Koalitionen: die Landesregierung aus einem Bündnis von SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) und der Partei Die Linke
die Mittlere Reife: der Realschulabschluss
weiterführende Schultypen: die drei Schularten nach der Grundschule: Hauptschule, Realschule, Gymnasium
der Modellversuch, die Modellversuche: ein Test, der auf eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort beschränkt ist und etwas Neues prüfen soll.

Worterklärungen

die Reform, die Reformen: die politische Neuerung
knallhart: rücksichtslos, kompromisslos
konservativ: bürgerlich, an Tradition festhalten wollen; hier: Politiker der CDU (Christlich Demokratische Union) und CSU (Christlich-Soziale Union)
sozialdemokratisch: Werte der Sozialdemokratie vertretend; hier: Politiker der SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands)
die Gesamtschule, die Gesamtschulen: Kinder und Jugendliche lernen von Klasse 5 bis 10 zusammen in einer Schule, also in einem Gebäude; Sie werden nicht nach Haupt- oder Realschule getrennt, machen aber trotzdem einen Haupt- oder einen Realschulabschluss. Die Gesamtschulen sind in den Bundesländern unterschiedlich gestaltet. In manchen können die Jugendlichen in einer Oberstufe das Abitur machen.
die Dreigliedrigkeit: die drei Schularten (Hauptschule, Realschule, Gymnasium), zwischen denen die Schüler nach der Grundschule wählen müssen.
die Hauptschule, die Hauptschulen: eine der drei Schularten nach der Grundschule, von Klasse 5 bis 9 oder 10; Sie soll die Schüler auf einen Beruf vorbereiten. Sie wird mit dem Hauptschulabschluss abgeschlossen. Der ist schon nach Klasse 9 möglich. Danach können die Jugendlichen eine Ausbildung machen.
die Realschule, die Realschulen: eine der drei Schularten nach der Grundschule, von Klasse 5 bis 10; Sie vermittelt eine breitere Allgemeinbildung als die Hauptschule und wird mit der Mittleren Reife, also dem Realschulabschluss, abgeschlossen. Danach können die Jugendlichen eine Ausbildung machen aber auch eine Fachoberschule besuchen oder auf das Gymnasium wechseln.
das Gymnasium, die Gymnasien: eine der drei Schularten nach der Grundschule, in von Klasse 5 bis 12 oder 13; Das Gymnasium vermittelt die höchste Bildung und wird mit dem Abitur abgeschlossen. Die Jugendlichen können danach die Universität besuchen. Mit einer Reform wurde die Schulzeit des Gymnasiums von neun auf acht Jahre verkürzt, mittlerweile sind die meisten Bundesländer wieder zu neun Jahren zurückgekehrt. Am Abitur nach Klasse 12 halten einige neue Bundesländer (ehemalige DDR) fest. In der DDR wurde das Abitur nach Klasse 12 abgelegt.
die Gesellschaftsschicht, die Gesellschaftsschichten: unterschiedliche Gruppen in der Gesellschaft, nach Bildung und Einkommen unterschieden in: die Unterschicht (geringe Bildung, meistens geringes Einkommen), die Mittelschicht (gute bis sehr gute Bildung, gutes bis sehr gutes Einkommen), die Oberschicht, die Elite (sehr gute Bildung, meist an Privatschulen erworben, hohes Einkommen)
die kognitive und intellektuelle Entwicklung: die Fähigkeit zu denken und die Welt zu verstehen, entwickelt sich
der Stadtstaat, die Stadtstaaten: ein Bundesland, das nur aus einer Stadt besteht; Drei der 16 Bundesländer sind Stadtstaaten: Hamburg, Berlin und Bremen.
die Senatsmehrheit: der größte Teil des Senats; (der Senat = die Landesregierung der Stadtstaaten)
die Schulbank drücken: in die Schule gehen
die Stadtteilschule, die Stadtteilschulen: eine Schule nach der Grundschule, die der Stadtstaat Hamburg 2010 eingeführt hat. In der Stadtteilschule können die Schülerinnen und Schüler neben dem Abitur auch den Haupt- oder Realschulabschluss machen. Haupt- und Realschule wurden abgeschafft.
schwarz-grün: hier: die Hamburger Regierung aus CDU (schwarz) und Grün-Alternativer Liste (grün)
PISA-Erweiterungsstudie von 2003 (PISA-E): PISA steht für „Programme for International Student Assessment“ (Deutsch: Programm zur internationalen Schülerbewertung) Seit 2000 werden alle drei Jahre internationale Studien durchgeführt und die Leistungen der Schüler verglichen. Die Ergebnisse der ersten Studien waren 2001 für die Deutschen eine böse Überraschung: Die deutschen Schüler lagen auf den hintersten Plätzen.
PISA-E sind nationale Studien, die als Ergänzung zu den internationalen dienen. Durch diese Studie wurde 2003 zum ersten Mal der starke Unterschied zwischen den einzelnen Bundesländern deutlich: Besonders gut waren die Schüler zum Beispiel in Bayern, sehr schlecht dagegen in Brandenburg.
das Mittelmaß: im Mittelfeld, in der Mitte
indes: indessen, gleichzeitig
das ständestaatliche Denken: elitäres Denken; die Sicht von Menschen, die in der Gesellschaft eine Sonderstellung haben
liberal-konservativ: Menschen, die für freie Marktwirtschaft sind, für absolute Eigenverantwortung ohne Hilfe des Staates und für Traditionen
der Volksentscheid, die Volksentscheide: die Bürger entscheiden direkt über ein Thema; Jeder darf abstimmen: dafür oder dagegen.
genuin: rein, echt
die sozialdemokratisch-linke Koalition, die sozialdemokratisch-linke Koalitionen: die Landesregierung aus einem Bündnis von SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) und der Partei Die Linke
die Mittlere Reife: der Realschulabschluss
weiterführende Schultypen: die drei Schularten nach der Grundschule: Hauptschule, Realschule, Gymnasium
der Modellversuch, die Modellversuche: ein Test, der auf eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort beschränkt ist und etwas Neues prüfen soll.
Andreas Wirwalski,
freier Journalist und Autor in München

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Mai 2011

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