Schule und Ausbildung

„Gebt uns das 13. Jahr zurück!“ – Acht oder neun Jahre Gymnasium?

Sprachniveau: C1

Deutsche Abiturientinnen und Abiturienten sollen auf dem Arbeitsmarkt international wettbewerbsfähiger werden. Doch die Umstellung auf das „Turbo-Abi“ nach acht Jahren sorgt für Proteste.

Lena und Florian Steinmann aus Nürnberg sind zwei der rund 70.000 Schülerinnen und Schüler, die im Sommer ihr Abitur in Bayern abgelegt haben. Im Gegensatz zu ihrem Bruder Florian, der noch das neunjährige Gymnasium abschloss, hatte Lena im G8-System ein Jahr weniger Zeit bis zu den Abiturprüfungen. „Ich hatte schon das Gefühl, dass ich im Vergleich zu meinem Bruder in kürzerer Zeit mehr lernen musste, aber jetzt bin ich froh, ein Jahr früher fertig zu sein“, sagt die 18-Jährige.

Im Juli 2011 wurden in Bayern und Niedersachsen die ersten G8-Abiturienten entlassen. Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg und Bremen sollen 2012 folgen, Schleswig-Holstein 2016. Lediglich in Rheinland-Pfalz bleibt man bei neun Jahren; das achtjährige Abitur existiert dort bis auf Weiteres nur als Modellversuch an Ganztagsschulen. Doch überall regt sich Widerstand. Das deutsche System des Föderalismus macht Bildung zur Ländersache. So fordern immer mehr Länder Wahlfreiheit in Bezug auf die G8-Umsetzung. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein etwa ist es den Schulen freigestellt, zwischen beiden Systemen zu wählen, Baden-Württemberg arbeitet bereits an einem Gesetz.

Keine Zeit fürs Ehrenamt

Mit der Umstellung auf G8 befanden sich die bayerischen und niedersächsischen Gymnasien im Schuljahr 2010/2011 in einer bildungspolitisch bislang einmaligen Situation. Aufgrund des Doppeljahrgangs wurde der Termin der Abiturprüfung für die G9-Schüler um sechs Wochen vorverlegt. Anpassungen der Lehrpläne und Klausurenzahlen wurden notwendig. Erstmals gab es die Möglichkeit, Minderleistungen durch Feststellungsprüfungen nachträglich zu verbessern, um zum Abitur zugelassen zu werden. Auch wurde ein zusätzlicher Abitur-Nachprüftermin im September angesetzt, damit die Schülerinnen und Schüler, welche die Abiturprüfung nicht bestanden hatten, diese noch innerhalb des Kollegstufensystems wiederholen konnten.

Während ihr 19-Jähriger Bruder im Herbst ein Jura-Studium antreten möchte, will sich Lena ein halbes Jahr Auszeit gönnen. Work & Travel in Australien oder ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland stehen bei ihr – wie bei vielen ihrer Freunde – hoch im Kurs. Doch nicht alle sehen das verkürzte Abitur wie Schülerin Lena von der positiven Seite. „Ich würde mir wünschen noch ein Jahr länger mit meinen Schulfreunden zu verbringen, bevor alle zum Studieren wegziehen“, sagt Caroline Meier, Schülerin am Gymnasium im fränkischen Weißenburg. Im Mai 2012 stehen für sie die Abiturprüfungen an.

Abitur-Mahnmal © picture-alliance / dpa, Roland Weihrauch

Caroline weiß, dass ihr im Abiturjahr nicht viel Freizeit bleiben wird, will sie den angestrebten Notendurchschnitt von mindestens 1,5 erreichen, um Tiermedizin studieren zu können. Bei diesen hochgesteckten Zielen, einer 36-Stunden-Schulwoche, inklusive Nachmittagsunterricht und Hausaufgaben, der Führerscheinprüfung mit 17 und dem Nebenjob am Kiosk bleibt Caroline nicht viel Zeit für Hobbys und Freunde, geschweige denn für ehrenamtliches Engagement. Eigentlich wollte sie dieses Jahr als Pfadfinderleiterin ihre eigene Jugendgruppe betreuen. „Im Moment weiß ich nicht, wie ich das schaffen soll, weil das Abitur ansteht“, sagt sie.

„Lernen bedeutet Erfahrungen sammeln.“

Ähnlich wie Caroline geht es auch der Hamburger Schülerin Yakamoz Karakurt. Im August 2011 hat sie in der Wochenzeitung Die Zeit einen Kommentar zum Thema G8 veröffentlicht. „Was denken sich eigentlich diejenigen, die über unser Schulleben bestimmen?“ schreibt die 15-Jährige und fordert von den Kultusministerien: „Bitte gebt uns dieses dreizehnte Jahr zurück!“

Doch wie viele seiner Kollegen ist auch der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle von der Reform überzeugt: „Das achtjährige Gymnasium soll die Schülerinnen und Schüler noch gezielter auf die Anforderungen von Hochschulen und Wirtschaft vorbereiten“, fasste Spaenle die Zielsetzung zum Schuljahresende 2011 zusammen. Dieses leistungsorientierte Denken vieler Verantwortlicher in den Ministerien kritisiert Schülerin Yakamoz: „Wir sollen Maschinen sein, die funktionieren – und das mindestens zehn Stunden am Tag. Aber funktionieren heißt nicht gleich lernen. Lernen bedeutet nämlich vor allem eins: Erfahrungen sammeln.“ Das achtjährige „Turbo-Abitur“ lasse kaum noch Freiräume für die gerade im Pubertätsalter so wichtige Zeit für die Persönlichkeitsentwicklung, beklagen nicht nur Schüler, sondern auch Eltern und Pädagogen.

Lernprozesse entschleunigen

Auch Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), zweifelt an den Methoden und dem Erfolg der Reform: „Ich habe den Eindruck, alles ist beim Alten geblieben, die Schulzeit hat sich durch G8 lediglich um ein Jahr verkürzt – mit allen negativen Folgen für Schüler und Lehrer. „Eltern sind unzufrieden, Schüler ausgepowert“, lautet Wenzels ernüchterndes Fazit. Und: „Wenn wir echte Bildung fördern wollen, also ganzheitliche und umfassende Fähigkeiten, Fertigkeiten und Qualifikationen, dann müssen wir die schulischen Lernprozesse entschleunigen und dürfen nicht zusätzlich Gas geben.“ Mit erhöhter Lerngeschwindigkeit bei G8 werde nicht Leistung gefördert, sondern im Gegenteil Lernunlust, Lernversagen und Lernverweigerung produziert.

Offensichtlich steht Klaus Wenzel mit dieser Meinung nicht alleine da. So hat unter anderem eine Bürgerinitiative in Niedersachsen bereits über 250.000 Unterschriften für eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium gesammelt.

die G8-Reform: Diese Reform verkürzte die Schulzeit an Gymnasien von neun auf acht Jahre, also auf ein Abitur nach Klasse 12. Doch das stieß auf großen Widerstand bei Eltern und Schülern, die sich über einen zu hohen Leistungsdruck und eine zu große Belastung beschwerten. Durch die Reform mussten die Schüler in weniger Zeit gleich viel Unterrichtsstoff lernen. Im Schuljahr 2013/14 sind viele Bundesländer wieder zu neun Jahren zurückgekehrt. Am Abitur nach Klasse 12 halten einige neue Bundesländer (frühere DDR) fest, denn in der DDR wurde das Abitur nach Klasse 12 abgelegt.
das G8-System: Abitur nach acht Jahren Gymnasium, also nach Klasse 12
lediglich: nur
der Modellversuch, die Modellversuche: ein Test, der auf eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort beschränkt ist.
die Ganztagsschule, die Ganztagsschulen: Schulen, an denen vormittags und nachmittags (bis 16 oder 17 Uhr) unterrichtet wird.
regt sich Widerstand: immer mehr Menschen beginnen zu widersprechen, immer mehr Menschen sind dagegen.
der Föderalismus: hier: Jedes der 16 deutschen Bundesländer macht eine eigenständige Politik.
die Ländersache: die Angelegenheit der einzelnen Länder; hier: Jedes Bundesland entscheidet selbst über Fragen der Bildung.
die Wahlfreiheit: sich frei entscheiden, was man möchte
der Doppeljahrgang, die Doppeljahrgänge: hier: zwei Jahrgänge von Abiturienten, nämlich der letzte mit neun Jahren und der erste mit acht Jahren; Sie machen zur gleichen Zeit die Abiturprüfungen.
der Lehrplan, die Lehrpläne: das Unterrichtskonzept; Lehrpläne schreiben vor, welche Themen der Lehrer mit welchem Ziel unterrichten soll.
die Minderleistung, die Minderleistungen: eine schlechtere Leistung als erwartet
die Feststellungsprüfung, die Feststellungsprüfungen: hier: eine Prüfung, die trotz schlechter Schulnoten zum Abitur führen kann; Wer sie besteht, darf die Abiturprüfung machen.
der Nachprüftermin, die Nachprüftermine: ein extra Termin für Schüler, die die Prüfung beim ersten Mal nicht bestanden haben.
das Kollegstufensystem, die Kollegstufensysteme: In den letzten zwei oder drei Jahren des Gymnasiums lernen die Schüler nicht mehr in festen Klassen, sondern belegen Kurse, manche sind Pflicht, andere können sie je nach ihren Interessen wählen.
Work & Travel: sich die Reise durch unterschiedliche Jobs im Reiseland finanzieren; Work & Travel ist vor allem bei jungen Deutschen beliebt, die Australien kennenlernen wollen. Sie bekommen ein spezielles Visum dafür, Höchstalter 30 Jahre.
das freiwillige soziale Jahr: ein Jahr lang ohne Lohn in einer meist sozialen Einrichtung arbeiten, zum Beispiel in einem Kinderheim, einer Schule, einem Altenheim, aber auch in einem Theater, einem Sportverein oder in einer politischen Organisation.
hoch im Kurs stehen: beliebt sein, populär sein
der Notendurchschnitt: der Mittelwert aus allen Schulnoten
das ehrenamtliche Engagement: anderen helfen, ohne Lohn für eine gute Sache arbeiten.
die Pfadfinderleiterin, die Pfadfinderleiterinnen: eine Gruppe mit Kindern und Jugendlichen betreuen.
der Pfadfinder, die Pfadfinder: Mitglieder der Pfadfinder-Bewegung, einer internationalen Jugendorganisation, die soziale Werte vermittelt
das Kultusministerium, die Kultusministerien: die Behörde in einem Bundesland für den Bereich Bildung
das 13. Jahr: hier: Früher wurde in Deutschland das Abitur nach dem 13. Schuljahr gemacht.
leistungsorientiert: Leistung ist am wichtigsten; hier: Die Schulnoten sind am wichtigsten.
das Pubertätsalter: die Zeit von zehn bis 20 Jahre, in der sich ein Mensch vom Kind zum Erwachsenen entwickelt.
die Persönlichkeitsentwicklung: die besonderen Eigenschaften einer Person entwickeln sich
ausgepowert: kraftlos, ermüdet, überlastet, erschöpft
ganzheitlich: vollkommen
umfassend: umfangreich
die Fähigkeit, die Fähigkeiten: die Möglichkeit, die Leistung
die Fertigkeit, die Fertigkeiten: die Kenntnisse, das praktische Wissen
entschleunigen: reduzieren, verringern
die Lernunlust: keine Lust zu lernen
das Lernversagen: die schlechten Leistungen beim Lernen
die Lernverweigerung: nicht lernen wollen, das Lernen verweigern
die Bürgerinitiative, die Bürgerinitiativen: die Bürger schließen sich zusammen, um ein Problem öffentlich zu machen

Worterklärungen

die G8-Reform: Diese Reform verkürzte die Schulzeit an Gymnasien von neun auf acht Jahre, also auf ein Abitur nach Klasse 12. Doch das stieß auf großen Widerstand bei Eltern und Schülern, die sich über einen zu hohen Leistungsdruck und eine zu große Belastung beschwerten. Durch die Reform mussten die Schüler in weniger Zeit gleich viel Unterrichtsstoff lernen. Im Schuljahr 2013/14 sind viele Bundesländer wieder zu neun Jahren zurückgekehrt. Am Abitur nach Klasse 12 halten einige neue Bundesländer (frühere DDR) fest, denn in der DDR wurde das Abitur nach Klasse 12 abgelegt.
das G8-System: Abitur nach acht Jahren Gymnasium, also nach Klasse 12
lediglich: nur
der Modellversuch, die Modellversuche: ein Test, der auf eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort beschränkt ist.
die Ganztagsschule, die Ganztagsschulen: Schulen, an denen vormittags und nachmittags (bis 16 oder 17 Uhr) unterrichtet wird.
regt sich Widerstand: immer mehr Menschen beginnen zu widersprechen, immer mehr Menschen sind dagegen.
der Föderalismus: hier: Jedes der 16 deutschen Bundesländer macht eine eigenständige Politik.
die Ländersache: die Angelegenheit der einzelnen Länder; hier: Jedes Bundesland entscheidet selbst über Fragen der Bildung.
die Wahlfreiheit: sich frei entscheiden, was man möchte
der Doppeljahrgang, die Doppeljahrgänge: hier: zwei Jahrgänge von Abiturienten, nämlich der letzte mit neun Jahren und der erste mit acht Jahren; Sie machen zur gleichen Zeit die Abiturprüfungen.
der Lehrplan, die Lehrpläne: das Unterrichtskonzept; Lehrpläne schreiben vor, welche Themen der Lehrer mit welchem Ziel unterrichten soll.
die Minderleistung, die Minderleistungen: eine schlechtere Leistung als erwartet
die Feststellungsprüfung, die Feststellungsprüfungen: hier: eine Prüfung, die trotz schlechter Schulnoten zum Abitur führen kann; Wer sie besteht, darf die Abiturprüfung machen.
der Nachprüftermin, die Nachprüftermine: ein extra Termin für Schüler, die die Prüfung beim ersten Mal nicht bestanden haben.
das Kollegstufensystem, die Kollegstufensysteme: In den letzten zwei oder drei Jahren des Gymnasiums lernen die Schüler nicht mehr in festen Klassen, sondern belegen Kurse, manche sind Pflicht, andere können sie je nach ihren Interessen wählen.
Work & Travel: sich die Reise durch unterschiedliche Jobs im Reiseland finanzieren; Work & Travel ist vor allem bei jungen Deutschen beliebt, die Australien kennenlernen wollen. Sie bekommen ein spezielles Visum dafür, Höchstalter 30 Jahre.
das freiwillige soziale Jahr: ein Jahr lang ohne Lohn in einer meist sozialen Einrichtung arbeiten, zum Beispiel in einem Kinderheim, einer Schule, einem Altenheim, aber auch in einem Theater, einem Sportverein oder in einer politischen Organisation.
hoch im Kurs stehen: beliebt sein, populär sein
der Notendurchschnitt: der Mittelwert aus allen Schulnoten
das ehrenamtliche Engagement: anderen helfen, ohne Lohn für eine gute Sache arbeiten.
die Pfadfinderleiterin, die Pfadfinderleiterinnen: eine Gruppe mit Kindern und Jugendlichen betreuen.
der Pfadfinder, die Pfadfinder: Mitglieder der Pfadfinder-Bewegung, einer internationalen Jugendorganisation, die soziale Werte vermittelt
das Kultusministerium, die Kultusministerien: die Behörde in einem Bundesland für den Bereich Bildung
das 13. Jahr: hier: Früher wurde in Deutschland das Abitur nach dem 13. Schuljahr gemacht.
leistungsorientiert: Leistung ist am wichtigsten; hier: Die Schulnoten sind am wichtigsten.
das Pubertätsalter: die Zeit von zehn bis 20 Jahre, in der sich ein Mensch vom Kind zum Erwachsenen entwickelt.
die Persönlichkeitsentwicklung: die besonderen Eigenschaften einer Person entwickeln sich
ausgepowert: kraftlos, ermüdet, überlastet, erschöpft
ganzheitlich: vollkommen
umfassend: umfangreich
die Fähigkeit, die Fähigkeiten: die Möglichkeit, die Leistung
die Fertigkeit, die Fertigkeiten: die Kenntnisse, das praktische Wissen
entschleunigen: reduzieren, verringern
die Lernunlust: keine Lust zu lernen
das Lernversagen: die schlechten Leistungen beim Lernen
die Lernverweigerung: nicht lernen wollen, das Lernen verweigern
die Bürgerinitiative, die Bürgerinitiativen: die Bürger schließen sich zusammen, um ein Problem öffentlich zu machen
Kathrin Lucia Meyer,
freiberufliche Journalistin, Bloggerin und Tutorin an Gymnasien in Pleinfeld.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2011

PASCH-net und Social Media

Ticket nach Berlin

Begleite sechs junge Deutsch­lerner auf ihrer Reise quer durch Deutschland: Videos ansehen, mitfiebern und Deutsch üben!

© Regeln auf PASCH-net

Was man hochladen darf und was nicht