Schule und Ausbildung

Konfliktlotse und Kampfsportler

Sprachniveau: B1

Wenn seine Mitschüler streiten, greift Raphael Meyke ein. Der Berliner arbeitet seit sechs Jahren als Konfliktlotse an seiner Schule. Warum er trotzdem gerne kämpft, erzählt Raphael im Interview.

Was machst du als Konfliktlotse?
Ich helfe, wenn sich Schüler streiten oder es Probleme mit einem Lehrer gibt. Die Lehrer kommen zu uns, wenn sie in ihrer Klasse einen Fall haben. Wir machen dann mit den Schülern einen Termin für die Mediation.

Was ist Mediation genau?

Wie das geht, habe ich in der Ausbildung gelernt. Es gibt zwei Konfliktpartner und zwei Mediatoren. Die erste Regel ist: Alles, was besprochen wird, bleibt geheim. Die zweite Regel ist: Man lässt den anderen ausreden und benutzt keine Schimpfwörter. Dann erzählt ein Konfliktpartner seine Geschichte. Einer der Mediatoren spiegelt das dann. Das heißt, dass er das Erzählte noch einmal in seinen Worten wiedergibt. Dann erzählt der zweite Konfliktpartner und der andere Mediator spiegelt.

Warum macht ihr das Spiegeln?
Einerseits, damit wir alles richtig verstehen. Andererseits, damit sich der Konfliktpartner verstanden fühlt. Natürlich darf ich nichts falsch wiedergeben, aber ich kann dabei die Emotionalität rausnehmen. Das entspannt.

Wie geht es dann weiter?
Dann kommt die entscheidende Frage: Wie geht es dir, wenn du das hörst? Wichtig ist, dass man sich am Ende entschuldigt. Am Schluss der Mediation fragen wir: Seid ihr damit einverstanden, dass wir das so lösen?

Welche Fälle hast du schon gelöst?
Ein Fall ging so: In einer Klasse haben sich die Mädchen wegen Klamotten beschimpft. Die Jungen haben dann Fußball gespielt und wir haben mit den Mädchen die Mediation gemacht. Es kam heraus, dass für die beliebten Jungs eine große Show gemacht wurde. Das war für andere verletzend. Wir konnten die Sache erfolgreich lösen.

Was sind die Gründe für Streitereien?
Das sind oft Kleinigkeiten. In der Ausbildung hatten wir einen Übungsfall: Ein Schüler leiht sich immer von einem anderen Stifte. Ich dachte damals: Das ist doch Mist. Aber später hatte ich genau diesen Fall in echt.

Gab es auch Fälle mit Gewalt?
An meiner Schule nicht. In der Arche käbbeln sich öfter mal zwei. Aber es ist auch notwendig, dass sich Jungs mal raufen.

Das ist ja eine interessante Aussage von einem Konfliktlotsen.
(Lacht.) Das liegt daran, dass ich Kampfsport mache. Da gibt es Parallelen zur Mediation. Beim Kampfsport hat man keinen Feind, sondern einen Gegner. Das klingt gleich, ist aber unterschiedlich. Man kämpft gegen den Gegner, aber danach ist er wieder Teampartner. Besiegen heißt nicht fertigmachen. Genauso soll es auch in der Konfliktlösung sein.

Verbringst du die Pausen jetzt damit, deine Mitschüler zu beobachten und Konflikte zu sehen?
Mittlerweile gehe ich öfter dazwischen. Neulich habe ich gesehen, wie ein Junge einem anderen an den Hals gefasst hat. Ich bin dazwischen, aber für die war es nur Spaß. Ich habe mich dann entschuldigt. Als Mediator muss man auch sagen, wenn man sich falsch verhalten hat. Es hätte aber ernst sein können.

Verteilt ihr auch Strafen?
Wir wollen und können nicht bestrafen. Wir wollen zusammen eine Lösung finden, zum Beispiel im schriftlichen Vertrag.

Welche Eigenschaften sollte ein Konfliktlotse haben?
Man muss sich in den Konfliktpartner hineinversetzen und seine Sicht nachfühlen. Man darf aber den Ärger oder Frust des Konfliktpartners nicht selbst im Bauch haben, sondern muss ihn nur verstehen. Denn in jedem Streit gibt es zwei Wahrheiten.

Du bist selber noch Schüler, kein professioneller Mediator. Warum ist das Konfliktlotsenmodell an Schulen wichtig?
Konfliktlotsen können die Schulgemeinde fördern, indem sie zwischen Schülern vermitteln. Manchmal stecken hinter Schülerkonflikten aber auch Familienstreitereien. Da müssen Erwachsene ran.

Es ist dein letztes Jahr als Konfliktlotse. Was hat dir die Mediation persönlich gebracht?
Vor allem Soft Skills: Man lässt ausreden und sieht im anderen nicht den Feind. Aber es gibt auch Grenzen friedlicher Lösung. Wenn einer vom Prinzip Kampf-Feind nicht runterkommt, gibt es keine Lösung. Ich glaube, das ist auch in der Erwachsenenwelt so. Deswegen nehme ich viel für die Zukunft mit.

Raphael, vielen Dank für das Gespräch.

Raphael Meyke ist 19 Jahre alt und macht in diesem Jahr in Berlin sein Abitur. Seit der sechsten Klasse arbeitet er an seiner Schule als Konfliktlotse. Nebenbei betreut er seit einem Jahr Kinder in der „Arche“, einer Hilfseinrichtung für Bedürftige. Auch dort muss Raphael so manchen Streit schlichten. Weniger ums Konflikt lösen, sondern mehr ums Kämpfen geht es bei Raphaels Hobby: Er macht in seiner Freizeit indonesischen Kampfsport.
eingreifen: sich einmischen, handeln
die Ausbildung: hier: das Training für Konfliktlotsen
geheim: nicht für die Öffentlichkeit; hier: „Alles, was wir sagen, bleibt unter uns.“
jemanden ausreden lassen: jemanden so lange reden lassen, wie er möchte; dem anderen nicht das Wort abschneiden
etwas wiedergeben: hier: etwas mit seinen eigenen Worten sagen
mit etwas einverstanden sein: zustimmen, sein OK geben
verletzend: kränkend, beleidigend; hier: „Das hat anderen weh getan.“
lösen: hier: schlichten, eine Lösung finden, Frieden herstellen
die Kleinigkeit, die Kleinigkeiten: eine kleine Sache
sich käbbeln: miteinander kämpfen, sich raufen
der Kampfsport: zum Beispiel Karate, Judo oder Taekwondo
jemanden besiegen: gewinnen, zum Beispiel beim Sport
jemanden fertigmachen: jemanden körperlich oder seelisch kaputt machen, jemanden zerstören
mittlerweile: inzwischen, jetzt
die Schulgemeinde: die Gemeinschaft in der Schule, das Zusammenleben der Schülerinnen und Schüler
die Grenze, die Grenzen: das Limit
Das Interview führte Christina Kufer.
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