Stadt und Leben

Wo bleiben die Alten, wenn die Jungen wegziehen?

Sternchenthema: Dieser Text auf B2/C1-Niveau ist für Lerngruppen zu empfehlen, die anstreben, das Deutsche Sprachdiplom zweiter Stufe (DSD II) zu erwerben.Sprachniveau: B2
Dorfstraße in Seddin | © Janna Degener
Viele Dörfer in Deutschland leiden darunter, dass gerade die jungen Leute in den großen Städten wohnen möchten. Inzwischen kümmern sich vielerorts die Bürger selbst darum, dass ihre eigene Versorgung gewährleistet bleibt.

Immer mehr Menschen in Deutschland wollen in Städten wohnen. Das gilt vor allem für die Jüngeren: „Mit dem steigenden Bildungsstand nimmt die Abwanderungsneigung gerade der jüngeren Menschen aus dem ländlichen Raum zu“, erklärt Manuel Slupina vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Nach dem Abitur gehen die jungen Leute früher oder später zum Studieren in eine der großen Universitätsstädte. Die meisten kehren nach dem Studium nicht in ihre Heimatregionen zurück, denn passende Arbeitsplätze gibt es meist nur in den größeren Städten. „Die Menschen bleiben also dort und bekommen dort auch ihre Kinder. Somit profitieren die Städte nicht nur von der Zuwanderung, sondern haben häufig sogar einen Geburtenüberschuss“, erklärt Manuel Slupina.

Entwicklung von Wirtschaft, Wohlstand und Arbeitsmarkt nach Regionstypen

Entwicklung von Wirtschaft, Wohlstand und Arbeitsmarkt nach Regionstypen | © Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

 

Die Städte gewinnen, die Dörfer verlieren

In den Dörfern sorgen die Abwanderung und der Geburtenrückgang dagegen für große Probleme. Durch den Wegzug gerade jüngerer Menschen verschlechtert sich die Infrastruktur in den ländlichen Regionen zunehmend. Dadurch verlieren diese Gegenden für potentielle Bewohner noch weiter an Attraktivität. „Vor sechs Jahren gab es in unserem Dorf praktisch keine Versorgung mehr: keine Poststelle, keinen Metzger, keinen Bäcker, keine Abteilung der Gemeinde, die man ansteuern konnte“, erinnert sich etwa Michael Schmidt, der im brandenburgischen Dorf Seddin zuhause ist. „Das führte dazu, dass vor allem jüngere Leute wegzogen“.

Gerade in den sehr dünn besiedelten Regionen funktionieren Versorgungsinfrastrukturen nicht mehr: Die Schule und der Dorfladen schließen, der Bus fährt nur noch einmal täglich. Die alteingesessenen Hausärzte finden keine Nachfolger mehr. Abwassersysteme oder Straßennetze müssen von immer weniger Menschen erhalten werden“, erzählt Manuel Slupina. Dadurch ist es auch eine immer größere Herausforderung, ein Lebensumfeld zu schaffen, das auch der alternden Bevölkerung gerecht wird. Denn im Alter nimmt die individuelle Mobilität ab und um zum Beispiel zum Arzt zu kommen, müssen die Menschen auf den Dörfern immer längere Wege zurücklegen. Im schlimmsten Fall, berichtet Slupina, würden sich sogar die älteren Bürger genötigt sehen, ihre Dörfer zu verlassen.

Manuel Slupina, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, über das Phänomen der Abwanderung

Man hört immer wieder davon, dass junge Leute aus den ländlichen Räumen abwandern. Wie verbreitet ist das Phänomen tatsächlich?

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Stimmt es, dass dies in Ostdeutschland besonders verbreitet ist?

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Was sind die wichtigsten Gründe für die Abwanderung?

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Welche Möglichkeiten sehen Sie, um diesen Problemen zu begegnen?

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Transkript zum Interview mit Manuel Slupina
(pdf; 190 KB)

DORV-Zentrum auf eigene Faust

Um diesem Teufelskreis entgegen zu wirken, sind seit einigen Jahren neue Versorgungskonzepte entstanden, die maßgeblich auf dem Engagement der Bürger basieren. Ein Beispiel ist die 1.200-Einwohner-Gemeinde Seddin, etwa 40 Kilometer südlich von Berlin: Vor sechs Jahren kamen einige der Dorf-Bewohner auf die Idee, auf eigene Faust einen Supermarkt in den Ort zurück zu bringen. Aus der Idee entstanden eine Bürgerinitiative und ein Verein, in dem sich bis heute zahlreiche Seddiner ehrenamtlich engagieren. Schließlich bekam das Projekt auch finanzielle Unterstützung von der Kommunalverwaltung der Gemeinde Seddiner See und der Staatskanzlei Brandenburg.

Das DORV-Zentrum Seddin mit Supermarkt, Café, Bibliothek, Mehrzweckraum und Aktivgarten | © Janna Degener

Im Frühjahr 2014 konnte das so genannte DORV-Zentrum – „Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung“ – in Seddin eröffnen. Seitdem gibt es einen Supermarkt, ein Café, eine Bibliothek und einen Mehrzweckraum für Freizeitangebote wie zum Beispiel Yoga, Zumba oder Pilates. Außerdem verfügt Seddin nun über eine Außenanlage mit einem Aktivgarten, der sich mit seinen Angeboten wie Gymnastikgeräten und Boule-Plätzen auch an Senioren richtet. Darüber hinaus kooperieren das Seddiner DORV-Zentrum und der daran angeschlossene DORV-Club mit kulturellen Institutionen aus benachbarten Ortsteilen: Wer einen der Orte besucht, wird zum Beispiel auch auf die Angebote der Nachbarorte aufmerksam gemacht.

Chancen und Grenzen des Engagements

„Durch das Projekt haben wir die Abwanderung zum Stoppen gebracht“, resümiert Michael Schmidt, inzwischen erster Vorsitzender des DORV-Clubs. „Die Gemeinde konnte sogar mehrere neue Baugebiete erschließen. Viele Leute sind jetzt daran interessiert, nach Seddin zu ziehen.“

Auch andere Bewohner beurteilen die Entwicklungen im Ort positiv: „Die meisten, die hier neu gebaut haben, fahren nach Berlin oder Potsdam zur Arbeit und kaufen unterwegs ein. Aber man beobachtet auch, dass viele Neubewohner hier einkaufen, vor allem am Wochenende. Und auch die kulturellen Angebote des Vereins werden gut angenommen“, erzählt Evelyn Janke. Die 70-Jährige, die seit ihrer Kindheit in Seddin wohnt, ist froh, beim Einkaufen jetzt auch wieder andere Dorf-Bewohner zu treffen – und freut sich vor allem über die Begegnungen mit den ganz alten Nachbarn: „Mir geht das Herz auf, wenn ich sehe, wie sie mit dem Rollator angelaufen kommen. Viele von ihnen sind seit Jahren nicht mehr irgendwo hingekommen“.

Straßenschilder in Seddin: Seddin profitiert von der Nähe zu Berlin | © Janna Degener

Wie Manuel Slupina betont, profitiert Seddin aufgrund seiner Nähe zu Berlin jedoch auch von der Bevölkerungsentwicklung der Großstadt: „Dörfer, die an Städte wie Berlin oder Hamburg grenzen, haben den Vorteil, dass sie das Leben auf dem Land mit den Vorteilen der Stadt vereinen: Man ist schnell im Grünen, kann aber trotzdem in der Stadt arbeiten und abends ins Theater gehen.“ Gerade wenn es um wirklich entlegene Dörfer geht, so Slupina, lässt sich die Bevölkerungsentwicklung durch Maßnahmen wie in Seddin nur abmildern, nicht stoppen. Ziel sollte also sein, bezahlbare und nachhaltige Versorgungsinfrastrukturen zu schaffen, die den Bedürfnissen der Menschen vor Ort gerecht werden – und den Dörfern helfen, aus der Abwärtsspirale von Abwanderung und Verschlechterung der Situation vor Ort herauszukommen.

Ausgleich zum Berufsalltag

Eine, für die die Angebote des DORV-Clubs Seddin sogar der ausschlaggebende Grund waren, sich für das Leben in dem Dorf zu entscheiden, ist die 25-jährige Christine. Die angehende Lehrerin arbeitet in Berlin, ihr Partner kommt aus Seddin. Früher wohnte sie in Potsdam und konnte sich aufgrund der fehlenden Freizeitangebote und Nahversorgung nicht vorstellen, in solch einen kleinen Ort wie Seddin zu ziehen. Heute lebt sie gerne dort: „Ich gehe in den Chor und mache hier Yoga. Ich kann schnell einkaufen gehen, wenn ich von der Arbeit komme. Und im stressigen Berufsalltag finde ich es schön, die Ruhe zu genießen, das schafft einen Ausgleich“. Allein den langen Fahrweg zu ihrem Arbeitsplatz in Berlin empfindet sie als Belastung. Auf lange Sicht ein Grund, vielleicht doch noch nach Berlin zu ziehen.

Die Bewohner Seddins über ihr Leben und Wirken im Dorf

Prof. Dr. Michael F.G. Schmidt, wohnt seit 1992 in Seddin und ist erster Vorsitzender des DORV-Clubs



Transkript zum Interview mit Prof. Dr. Michael F.G. Schmidt
(pdf; 170 KB)

Evelyn Janke (70), wohnt seit ihrer Kindheit in Seddin



Transkript zum Interview mit Evelyn Janke
(pdf; 165 KB)

Christine (25), wohnt seit etwa drei Jahren in Seddin



Transkript zum Interview mit Christine
(pdf; 170 KB)

die Abwanderungsneigung: hier: der Wille, das Dorf zu verlassen und in die Stadt zu ziehen
die Zuwanderung: hier: Menschen kommen aus anderen Gebieten neu in die Stadt
der Geburtenüberschuss: es werden mehr Menschen geboren als sterben
der Geburtenrückgang: es werden immer weniger Kinder geboren
die Infrastruktur, die Infrastrukturen: alle Einrichtungen zur Versorgung der Bevölkerung, wie zum Beispiel Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Geschäfte, Behörden
der Metzger, die Metzger: hier: ein Geschäft, in dem man Fleisch und Wurst kaufen kann
gerade: vor allem
die dünn besiedelte Region, die dünn besiedelten Regionen: eine Region, in der nur wenige Menschen pro Quadratkilometer wohnen
alteingesessen: hier: schon lange an einem Ort wohnen
die alternde Bevölkerung: eine Bevölkerung, die stetig älter wird
die Mobilität: die Fähigkeit sich zu bewegen und die Möglichkeiten, von einem Ort zu anderen Orten zu gelangen
sich genötigt sehen: gezwungen werden, müssen
der Teufelskreis: Es scheint keine Lösung oder keine Aussicht auf Verbesserung einer schlechten Situation zu geben.
auf eigene Faust: eigenständig, allein
die Bürgerinitiative, die Bürgerinitiativen: Bürgerinnen und Bürger kommen zusammen, um bestimmte Probleme an die Öffentlichkeit zu bringen und/oder sie zu lösen
ehrenamtlich: unbezahlt
die Kommunalverwaltung, die Kommunalverwaltungen: die Verwaltung einer Kommune
die Staatskanzlei, die Staatskanzleien: hier: die Behörde für den Ministerpräsidenten des Bundeslands Brandenburg
der Mehrzweckraum, die Mehrzweckräume: ein Raum für verschiedene Zwecke, zum Beispiel für Sport, Musikveranstaltun-gen, Versammlungen oder Vorträge
der Aktivgarten, die Aktivgärten: ein Garten, in dem es auch Sport- und Freizeitangebote gibt
die kulturelle Institution, die kulturellen Institutionen: die kulturelle Einrichtung
der Rollator, die Rollatoren: eine Gehhilfe; ein kleiner Wagen, auf den man sich beim Laufen stützt
vereinen: verbinden, zusammenbringen
im Grünen sein: in der Natur sein
entlegen: hier: weit von größeren Orten entfernt
nachhaltig: hier: etwas wirkt sich auf längere Zeit positiv auf Menschen und Umwelt aus
die Abwärtsspirale, die Abwärtsspiralen: hier: eine Situation wird immer schlechter
der ausschlaggebende Grund, die ausschlaggebenden Gründe: der entscheidende Grund
die Nahversorgung: die Versorgung mit Waren und Dienstleistung in der Nähe der Wohnung
der Ausgleich, die Ausgleiche: die Balance; hier: Im Beruf ist es stressig und laut aber im Wohnort genau das Gegenteil: ruhig.

Worterklärungen

die Abwanderungsneigung: hier: der Wille, das Dorf zu verlassen und in die Stadt zu ziehen
die Zuwanderung: hier: Menschen kommen aus anderen Gebieten neu in die Stadt
der Geburtenüberschuss: es werden mehr Menschen geboren als sterben
der Geburtenrückgang: es werden immer weniger Kinder geboren
die Infrastruktur, die Infrastrukturen: alle Einrichtungen zur Versorgung der Bevölkerung, wie zum Beispiel Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Geschäfte, Behörden
der Metzger, die Metzger: hier: ein Geschäft, in dem man Fleisch und Wurst kaufen kann
gerade: vor allem
die dünn besiedelte Region, die dünn besiedelten Regionen: eine Region, in der nur wenige Menschen pro Quadratkilometer wohnen
alteingesessen: hier: schon lange an einem Ort wohnen
die alternde Bevölkerung: eine Bevölkerung, die stetig älter wird
die Mobilität: die Fähigkeit sich zu bewegen und die Möglichkeiten, von einem Ort zu anderen Orten zu gelangen
sich genötigt sehen: gezwungen werden, müssen
der Teufelskreis: Es scheint keine Lösung oder keine Aussicht auf Verbesserung einer schlechten Situation zu geben.
auf eigene Faust: eigenständig, allein
die Bürgerinitiative, die Bürgerinitiativen: Bürgerinnen und Bürger kommen zusammen, um bestimmte Probleme an die Öffentlichkeit zu bringen und/oder sie zu lösen
ehrenamtlich: unbezahlt
die Kommunalverwaltung, die Kommunalverwaltungen: die Verwaltung einer Kommune
die Staatskanzlei, die Staatskanzleien: hier: die Behörde für den Ministerpräsidenten des Bundeslands Brandenburg
der Mehrzweckraum, die Mehrzweckräume: ein Raum für verschiedene Zwecke, zum Beispiel für Sport, Musikveranstaltun-gen, Versammlungen oder Vorträge
der Aktivgarten, die Aktivgärten: ein Garten, in dem es auch Sport- und Freizeitangebote gibt
die kulturelle Institution, die kulturellen Institutionen: die kulturelle Einrichtung
der Rollator, die Rollatoren: eine Gehhilfe; ein kleiner Wagen, auf den man sich beim Laufen stützt
vereinen: verbinden, zusammenbringen
im Grünen sein: in der Natur sein
entlegen: hier: weit von größeren Orten entfernt
nachhaltig: hier: etwas wirkt sich auf längere Zeit positiv auf Menschen und Umwelt aus
die Abwärtsspirale, die Abwärtsspiralen: hier: eine Situation wird immer schlechter
der ausschlaggebende Grund, die ausschlaggebenden Gründe: der entscheidende Grund
die Nahversorgung: die Versorgung mit Waren und Dienstleistung in der Nähe der Wohnung
der Ausgleich, die Ausgleiche: die Balance; hier: Im Beruf ist es stressig und laut aber im Wohnort genau das Gegenteil: ruhig.
Janna Degener
ist freie Journalistin.

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