Stadt und Leben

Radfahren in Deutschland

Sprachniveau: B2
Hunderte von Fahrrädern sind am Bahnhof in Münster abgestellt
Die Deutschen lieben ihre Autos. Da überrascht es, dass sie gleichzeitig zu den emsigsten Fahrradfahrern Europas zählen. Eine gut ausgebaute Infrastruktur und ein positives Image sind die Gründe dafür.

Dass die autovernarrten Deutschen sich zum Radfahren bewegen lassen, liegt nicht zuletzt an staatlichen Bemühungen und Investitionen. 2002 hat das Bundesverkehrsministerium diese erstmals im Nationalen Radverkehrsplan (NRVP) zusammengefasst und seitdem fast jährlich ergänzt. Neben einer Bestandsaufnahme werden dort auch Ziele festgelegt und Vorschläge formuliert, diese zu erreichen. 80 Prozent der Deutschen besitzen ein Fahrrad und benutzen es hauptsächlich auf Strecken unter fünf Kilometern. Sie legen damit neun Prozent aller Wege zurück, bis 2012 sollen es elf Prozent sein, so die Zielsetzung des NRVP. Dazu sollen Autofahrer motiviert werden, auf Strecken bis zu fünf Kilometern zum Rad zu wechseln. Um die Ziele zu erreichen, hat die Bundesregierung den Etat für die Förderung des Radverkehrs auf 80 Millionen Euro verdoppelt.

Das Radfahren ist von Region zu Region unterschiedlich beliebt. Vor allem im Norden wird relativ viel geradelt. „Die deutsche Fahrradhauptstadt ist Münster“, sagt Wolfgang Richter, Tourismusreferent beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). „Dort erledigen die Menschen 30 Prozent ihrer Wege mit dem Rad.“ Auch in Bremen und Kiel sowie in Universitätsstädten wie Erlangen und Freiburg ist der Drahtesel sehr beliebt.

Den Alltagsverkehr stärken

Da die Gemeinden für die Infrastruktur innerhalb der Städte zuständig sind, kann die Bundesregierung mit dem NRVP nur den Bau von Radwegen entlang der Bundesstraßen beeinflussen. „Daher wächst der Fahrradtourismus besonders stark“, sagt Richter. 75.000 Kilometer Fernradwege gebe es in Deutschland. „In vielen Städten findet man dagegen wenig Infrastruktur für Radfahrer“, so Richter. „Das Engagement der Gemeinden ist unterschiedlich stark.“ Der NRVP könne in den Städten lediglich fahrradfreundliche Rahmenbedingungen schaffen, wie besondere Regelungen der Straßenverkehrsordnung.

Neben der Infrastruktur seien auch Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit essentiell, um Menschen zum Radfahren zu bewegen, so Richter. Der touristische Bereich hat einen hohen Status, nun muss der Alltagsverkehr gestärkt werden. „Viele Leute brauchen allerdings einen Anstoß, um auf das Rad umzusteigen“, sagt Richter. Eine Aktion wie „Mit dem Rad zur Arbeit“ könne so ein Anstoß sein. Wer daran teilnimmt, verpflichtet sich, an 20 Tagen des Sommers mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. „Die Teilnehmerzahl wächst jedes Jahr. Die Aktion ist besonders effektiv, da ganze Betriebe teilnehmen und Mitarbeiter sich so gegenseitig motivierten.“ Sogar die Deutsche Bundesbank ist dabei.

Imagewandel

Dass ein Banker mit dem Rad zur Arbeit fährt, mag in London ungewöhnlich sein, in Deutschland ist es fast normal. Das war nicht immer so. Das Image des Fahrrads hat sich seit Ende der 1970er-Jahre positiv verändert. Mit dem aufkommenden Umweltbewusstsein verlor das Rad sein Arme-Leute-Image. In den 1990er-Jahren kam der Gesundheitsaspekt hinzu: Wer tagsüber neun Kilometer Fahrrad fährt, muss abends nicht ins Fitness-Studio. Wolfgang Richter sieht darin eine weit verbreitete Motivation. „Am wichtigsten ist Radfahrern allerdings ihre hohe Flexibilität“, sagt er.


Eine Fahrrad-Erfolgsgeschichte ist Call a Bike. Als das Verleihsystem 2001 von der Deutschen Bahn in München eingeführt wurde, waren viele skeptisch: Räder, die man nach der Benutzung einfach an einer beliebigen Kreuzung in der Innenstadt abstellen kann? Mittlerweile steht der Service angemeldeten Kunden in sieben Städten zur Verfügung. Allein in Berlin sind 1.650 der rot-silbernen Fahrräder in der Innenstadt verteilt. Wer eines leihen möchte und in der Nähe keins findet, kann im Internet oder per Telefon erfahren, wo das nächste Fahrrad steht. Durch einen Anruf wird das Fahrrad entriegelt und kostet acht Cent pro Minute, neun Euro pro Tag.

Fahrradparkhaus

Was Autofahrer nervt, plagt auch die Radfahrer in deutschen Großstädten: einen sicheren Abstellplatz für ihr Transportmittel zu finden und das am besten vor der Haustür. Die Lösung: abschließbare Fahrradhäuschen. In Hamburg wurden seit Ende der 1980er Jahre einige hundert davon in Höfen oder auf breiten Gehwegen aufgestellt und von der Stadt gefördert. Zwölf Plätze bietet ein Häuschen, die Nutzer zahlen eine geringe Miete. Seit 2001 läuft das Projekt in Dortmund, initiiert vom Verkehrsclub Dortmund, der es aktiv bewirbt und bei der Realisierung hilft. Auch hier beteiligen sich die Bezirksämter an den Kosten.

Als fester Begleiter des täglichen Lebens, unterliegt das Fahrrad Modetrends. In den 1990er-Jahren waren Mountainbikes populär, vor ein paar Jahren entdeckten modebewusste Großstädter klassische Rennräder mit den nach unten geschwungenen Lenkern für sich. Der letzte Schrei: minimalistische Eingang-Räder mit nur einer oder ganz ohne Bremse: Fix-Gear-Bikes – am besten von angesagten Modelabels wie Our Legacy oder Acne. Für genau das Gegenteil stehen Hollandräder, mit denen immer mehr junge Leuten fahren: Mit hohem Lenker und weichem Sattel ausgestattet, bewegt man sich komfortabel durch die Stadt. Nicht ganz so schnell, doch genauso flexibel, kostengünstig und auf einer Strecke von weniger als fünf Kilometern auch schneller als mit dem Auto.

emsig: fleißig; eifrig; hier: viel
die Infrastruktur, die Infrastrukturen: hier: Straßen und Wege
das Image: die Reputation; der Ruf; hier: was die meisten Menschen über das Radfahren denken
autovernarrt: Autos lieben
die Bestandsaufnahme: hier: Fakten zur Lage des Radfahrens in Deutschland
die Strecke, die Strecken: die Entfernung, der Abstand
der Etat, die Etats: das Budget; Geld, das für ein bestimmtes Projekt zur Verfügung steht
radeln: Rad fahren
der Drahtesel, die Drahtesel: das Fahrrad
die Bundesstraße, die Bundesstraßen: eine wichtige Straße, die über eine weite Strecke führt
der Fahrradtourismus: zum Vergnügen weite Strecken mit dem Fahrrad fahren und dabei die Landschaft und die Bewegung genießen
der Fernradweg, die Fernradwege: ein schmaler Weg extra für Fahrräder, der über eine weite Strecke führt
die Gemeinde, die Gemeinden: ein Dorf oder eine Stadt
fahrradfreundlich: gut zum Radfahren
die Straßenverkehrsordnung: Regeln für die Benutzung von Straßen
die Öffentlichkeitsarbeit: hier: Menschen dazu motivieren, mehr Rad zu fahren
aufs Rad umsteigen: zum Fahrrad wechseln; hier: nicht nur das Auto benutzen, sondern auch das Fahrrad
der Imagewandel: hier: den Ruf des Radfahrens zum Guten hin ändern
der Banker, die Banker: eine Person, die in einer Bank arbeitet
das Arme-Leute-Image: hier: früher dachten viele Menschen, dass nur arme Leute Rad fahren, weil sie kein Geld für ein Auto haben
das Fitness-Studio, die Fitness-Studios: ein Raum, in dem Menschen mithilfe von Geräten Sport treiben
Call a Bike: ein System zum Ausleihen von Fahrrädern, die überall in der Stadt verteilt stehen. Um ein Rad zu leihen, muss man ein Konto einrichten, von dem der Geldbetrag abgebucht wird. Man kann die Räder für ein paar Minuten aber auch für einen ganzen Tag leihen.
das Verleihsystem, die Verleihsysteme: hier: ein Netzwerk, über das man Fahrräder leihen kann
leihen: etwas gegen einen Geldbetrag für eine bestimmte Zeit benutzen
entriegeln: aufschließen; frei geben
der Gehweg, die Gehwege: ein schmaler Weg neben der Straße, auf dem man gehen kann
das Bezirksamt, die Bezirksämter: eine Behörde, die in einer Stadt für ein bestimmtes Gebiet zuständig ist
das Mountainbike, die Mountainbikes: ein Fahrrad, das breitere Reifen hat und mit dem man gut im Gelände fahren kann
der Großstädter, die Großstädter: ein Mensch, der in einer Großstadt lebt
das Rennrad, die Rennräder: ein Fahrrad mit schmalen Reifen, mit dem man sehr schnell auf glatten Straßen fahren kann
der nach unten geschwungene Lenker: die Stange zum Lenken ist nach unten gebogen, so dass der Radfahrer nicht gerade, sondern nach vorn gebeugt auf dem Sattel sitzt
der letzte Schrei sein: sehr modern sein; im Trend liegen
minimalistisch: einfach; hier: ohne viele Extras wie eine Gangschaltung oder Schutzbleche
das Hollandrad, die Hollandräder: ein Fahrrad, wie es in den Niederlanden typisch ist. Sie sind eher groß und schwer, dafür aber sehr gemütlich.

Worterklärungen

emsig: fleißig; eifrig; hier: viel
die Infrastruktur, die Infrastrukturen: hier: Straßen und Wege
das Image: die Reputation; der Ruf; hier: was die meisten Menschen über das Radfahren denken
autovernarrt: Autos lieben
die Bestandsaufnahme: hier: Fakten zur Lage des Radfahrens in Deutschland
die Strecke, die Strecken: die Entfernung, der Abstand
der Etat, die Etats: das Budget; Geld, das für ein bestimmtes Projekt zur Verfügung steht
radeln: Rad fahren
der Drahtesel, die Drahtesel: das Fahrrad
die Bundesstraße, die Bundesstraßen: eine wichtige Straße, die über eine weite Strecke führt
der Fahrradtourismus: zum Vergnügen weite Strecken mit dem Fahrrad fahren und dabei die Landschaft und die Bewegung genießen
der Fernradweg, die Fernradwege: ein schmaler Weg extra für Fahrräder, der über eine weite Strecke führt
die Gemeinde, die Gemeinden: ein Dorf oder eine Stadt
fahrradfreundlich: gut zum Radfahren
die Straßenverkehrsordnung: Regeln für die Benutzung von Straßen
die Öffentlichkeitsarbeit: hier: Menschen dazu motivieren, mehr Rad zu fahren
aufs Rad umsteigen: zum Fahrrad wechseln; hier: nicht nur das Auto benutzen, sondern auch das Fahrrad
der Imagewandel: hier: den Ruf des Radfahrens zum Guten hin ändern
der Banker, die Banker: eine Person, die in einer Bank arbeitet
das Arme-Leute-Image: hier: früher dachten viele Menschen, dass nur arme Leute Rad fahren, weil sie kein Geld für ein Auto haben
das Fitness-Studio, die Fitness-Studios: ein Raum, in dem Menschen mithilfe von Geräten Sport treiben
Call a Bike: ein System zum Ausleihen von Fahrrädern, die überall in der Stadt verteilt stehen. Um ein Rad zu leihen, muss man ein Konto einrichten, von dem der Geldbetrag abgebucht wird. Man kann die Räder für ein paar Minuten aber auch für einen ganzen Tag leihen.
das Verleihsystem, die Verleihsysteme: hier: ein Netzwerk, über das man Fahrräder leihen kann
leihen: etwas gegen einen Geldbetrag für eine bestimmte Zeit benutzen
entriegeln: aufschließen; frei geben
der Gehweg, die Gehwege: ein schmaler Weg neben der Straße, auf dem man gehen kann
das Bezirksamt, die Bezirksämter: eine Behörde, die in einer Stadt für ein bestimmtes Gebiet zuständig ist
das Mountainbike, die Mountainbikes: ein Fahrrad, das breitere Reifen hat und mit dem man gut im Gelände fahren kann
der Großstädter, die Großstädter: ein Mensch, der in einer Großstadt lebt
das Rennrad, die Rennräder: ein Fahrrad mit schmalen Reifen, mit dem man sehr schnell auf glatten Straßen fahren kann
der nach unten geschwungene Lenker: die Stange zum Lenken ist nach unten gebogen, so dass der Radfahrer nicht gerade, sondern nach vorn gebeugt auf dem Sattel sitzt
der letzte Schrei sein: sehr modern sein; im Trend liegen
minimalistisch: einfach; hier: ohne viele Extras wie eine Gangschaltung oder Schutzbleche
das Hollandrad, die Hollandräder: ein Fahrrad, wie es in den Niederlanden typisch ist. Sie sind eher groß und schwer, dafür aber sehr gemütlich.
Katja Hanke
arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

PASCH-net und Social Media

Heute das Morgen verändern

Ein Beitrag zum Themenspecial „Stadt der Zukunft" in der Schülerzeitung PASCH-Global

Ticket nach Berlin

Begleite sechs junge Deutsch­lerner auf ihrer Reise quer durch Deutschland: Videos ansehen, mitfiebern und Deutsch üben!

© Regeln auf PASCH-net

Was man hochladen darf und was nicht