Stadt und Leben

Neue Dörfer in der Stadt – alternative Wohnprojekte in Deutschland

Sternchenthema: Dieser Text auf B2/C1-Niveau ist für Lerngruppen zu empfehlen, die anstreben, das Deutsche Sprachdiplom zweiter Stufe (DSD II) zu erwerben.Sprachniveau: B2/C1

Einsamkeit und Anonymität sind auch in der Großstadt kein Muss. Immer mehr Menschen suchen das wohnliche Miteinander, ziehen zum Beispiel in Mehrgenerationenhäuser oder alternative Wohnprojekte.

Wenn Konstanze Hirth in warmen Sommernächten aus dem Theater kommt, sitzen ihre Nachbarn oft noch vor dem Haus und plaudern. Dann gesellt sich die alte Dame mit der jungen Stimme dazu und freut sich über die spontane Begegnung. Wenige hundert Meter weiter, im gleichen Stadtteil Münchens, wohnt seit 17 Jahren Konrad Stimmel. Weder trifft er seine Nachbarn spontan, noch verabredet er sich mit ihnen auf ein Bier oder einen Kaffee. Man leiht einander höchstens mal ein Ei aus. Darum möchte Konrad Stimmel im Sommer 2009 umziehen. Seine neuen Nachbarn kennt er jetzt schon besser als die alten.

Wie Konstanze Hirth, setzt auch Konrad Stimmel auf das alternative und nachbarschaftliche Konzept der Wohnungsbaugenossenschaft wagnis eG. Man will miteinander leben statt nur nebeneinander zu wohnen, in Siedlungen, zu denen neben Wohnhäusern auch Gemeinschaftsgärten und Gemeinschaftsräume, ein Dorfplatz und ein Nachbarschaftscafé gehören.

Hilfe und Begegnungen im Alltag

Konstanze Hirth hat ihren Traum vom Dorf in der Stadt schon verwirklicht. Seit 2004 wohnt die Rentnerin in einem der fünf Häuser mit insgesamt 135 Wohnungen, die wagnis im Münchner Stadtteil Schwabing gebaut hat. Sie besucht einen Feldenkrais-Kurs, der über die Nachbarschaftsbörse organisiert wird und engagiert sich in der Arbeitsgruppe Kunst und Kultur. Sie entscheidet mit, wo der neue Supermarkt stehen soll und welcher Strecke der Quartiersbus folgt. Ihre Nachbarn sind Menschen aller Alters- und Einkommensschichten. Auf die Mischung legt wagnis Wert: Familien mit und ohne Kinder, Alleinerziehende, Singles und Rentner.


Für die Kleinsten gibt es Spiel- und Krabbelgruppen, Schulkindern wird bei den Hausaufgaben geholfen und die Eltern üben sich im Yoga oder im Schafkopfen und besuchen Kulturveranstaltungen im Nachbarschaftscafé Rigoletto. Über eine sogenannte Zeitbank können sie anderen Bewohnern ihre Hilfe anbieten, etwa beim Einkaufen oder Wäsche waschen, und sich selber welche holen, wenn ihnen der Computer abgestürzt oder der Babysitter abgesprungen ist. So erfahren sie Unterstützung und Begegnungen, die in anderen Nachbarschaften oft fehlen.

Alternative Wohnprojekte in ganz Deutschland

Diese Nähe suchen immer mehr Menschen. „Anders wohnen“ will man nicht nur in München sondern in ganz Deutschland. Ein Vorreiter für alternative Wohnprojekte ist die Stadt Freiburg. Auf dem Gelände der ehemaligen französischen Militärkaserne Vauban hat es sich die Siedlungsinitiative SUSI gemütlich gemacht. Hier wird der Wohnraum mit dem Arbeits-, Kultur- und Lebensraum verbunden – auch für Geringverdienende. Zwischen den Häusern der Siedlung gibt es viel Raum für Begegnungen, dazu einen selbst errichteten Kinderspielplatz, kleine Werkstätten, Bau- und Zirkuswägen.

Eine ähnliche Infrastruktur findet man im MiKa-Dorf in Karlsruhe. Hier wohnen rund 150 Erwachsene und 80 Kinder mit unterschiedlicher Herkunft und Hintergrund. Wie auch bei SUSI ist das ehemalige Militärgelände Treffpunkt für die Nachbarschaft. Es gibt ein Kulturhaus und eine Kneipe.

Vorbild für Projekte dieser Art ist die Ökosiedlung Cherbonhof in Bamberg. 2008 feierte sie ihr 20-jähriges Bestehen. Mittlerweile sind die Kinder der ersten Siedler erwachsen und die fantasievollen Sommerfeste und Open-Air-Filmvorführungen weniger geworden. Doch langsam rückt eine neue Generation nach, und im Sandkasten wird wieder gebuddelt.

Mehrere Generationen unter einem Dach

Sehr im Trend sind auch Häuser, in denen mehrere Generationen unter einem Dach wohnen. In Nürnberg treffen bei Wohnen Plus Senioren auf Alleinerziehende und Familien. In der Lebens(t)raumsiedlung in Berlin Treptow-Köpenick lädt eine Feuerstelle die bunt gemischte Nachbarschaft zum abendlichen Grillen ein. Und in der Münchener Messestadt Riem hat FrauenWohnen eine Wohnanlage mit 49 Wohnungen, Gemeinschaftsräumen und einem Garten gebaut. Besiedelt ausschließlich von Frauen und ihren Kindern.


Keine hundert Meter weiter baut wagnis an seinem dritten Projekt. Im Sommer 2009 sollen ein Passivhaus und vier Niedrigst-Energiehäuser fertiggestellt werden. Dann werden auch Konrad Stimmel und seine Frau einziehen. Engagieren können sich die beiden aber jetzt schon. Sie können mitentscheiden, wie die Fassade gestrichen wird, oder was in den Gemeinschaftsräume passiert. Konrad Stimmel hat sich in den Vorstand der wagnis eG wählen lassen und möchte sich später als Bibliothekar engagieren.

Heute führt er mit anderen künftigen Nachbarn Interessierte durch das Baugebiet. So können sich die neuen Siedler schon vor dem Einzug kennenlernen und entscheiden, ob sie den Sprung von der Großstadt ins Dorf wagen wollen. Denn ideal wird das Zusammenleben erst, wenn man neben den Gemeinschaftsflächen auch eine bestimmte Lebens- und Geisteshaltung teilt. „Man muss sich einbringen“, sagt Konstanze Hirth. „Sich innerlich und äußerlich öffnen. Wer das nicht kann, der tut sich schwer“. Für sie hat sich das Wagnis gelohnt.

die Anonymität: hier: seine Mitmenschen nicht kennen
das Mehrgenerationenhaus, die Mehrgenerationenhäuser: ein Haus, in dem junge und alte Menschen, die meistens nicht verwandt sind, zusammenleben
das alternative Wohnprojekt, die alternativen Wohnprojekte: anders wohnen als gewöhnlich, also mit unterschiedlichen Menschen zusammen (alt und jung, mit wenig oder viel Geld) in Häusern, die etwas besonderes sind, da sie ihre Energie selbst herstellen oder nur sehr wenig verbrauchen
spontan: nicht geplant
die Wohnungsbaugenossenschaft, die Wohnungsbaugenossenschaften: eine Vereinigung, die ihre Mitglieder mit günstigen Wohnungen versorgt
die Siedlung, die Siedlungen: hier: das Wohnviertel; das Wohngebiet
die Rentnerin, die Rentnerinnen: eine ältere Frau, die pensioniert ist, also nicht mehr arbeiten muss, sondern eine Rente bekommt
der Feldenkrais-Kurs, die Feldenkrais-Kurse: eine Methode zur körperlichen Tätigkeit und Entspannung
die Nachbarschaftsbörse, die Nachbarschaftsbörsen: ein Treffpunkt für die Bewohner und gleichzeitig ein Büro für die Anliegen der Bewohner, über das Aktivitäten organisiert werden
der Quartiersbus, die Quartiersbusse: ein öffentlicher Bus, der durch das Wohngebiet fährt und dieses an andere Bus- oder Bahnlinien anbindet. Diese Busse sind vor allem für alte Menschen wichtig, die sie auch für kurze Fahrten im Wohngebiet nutzen.
die Einkommensschicht, die Einkommensschichten: hier: Menschen, die unterschiedlich viel verdienen, einige wenig, andere mehr
die/der Alleinerziehende, die Alleinerziehenden: ein Elternteil (Vater oder Mutter), der oder die ein Kind allein großzieht
der Single, die Singles: eine Person, die nicht verheiratet ist und auch keinen Lebenspartner hat
schafkopfen: das Kartenspiel Schafkopf spielen
die Zeitbank, die Zeitbanken: eine Datenbank, in die die Bewohner eintragen, was sie für andere tun können und was sie selbst benötigen
der Vorreiter, die Vorreiter: jemand, der oder die etwas Neues zuerst tut
die Militärkaserne, die Militärkasernen: eine Gebäudesiedlung, in der Soldaten wohnen
etwas oder jemand macht es sich gemütlich: es sich bequem machen; sich gut einrichten
der/die Geringverdienende, die Geringverdienenden: eine Person, die wenig Geld für ihre Arbeit bekommt
die Infrastruktur, die Infrastrukturen: hier: alle Angebote, die ein Wohngebiet attraktiv machen, wie zum Beispiel gute Bus- oder Bahnanbindungen, Kinderspielplätze, Einkaufsmöglichkeiten oder Restaurants
die Ökosiedlung, die Ökosiedlungen: ein Wohngebiet, in dem auf ökologische Aspekte geachtet wird. Die Häuser sind zum Beispiel aus natürlichen Baustoffen wie Holz oder Lehm, und die Bewohner gewinnen Strom über Sonnenenergie und nutzen Regenwasser. Es wird besonders stark darauf geachtet, wenig Müll zu machen und in manchen Ökosiedlungen fahren keine Autos.
die Generation, die Generationen: hier: die Kinder. Die früheren Kinder sind erwachsen und haben nun selbst Kinder, die das Leben in der Siedlung mit beeinflussen.
buddeln: hier: im Sand spielen
unter einem Dach: in einem Haus
bunt gemischt: hier: mit sehr unterschiedlichen Bewohnern
das Passivhaus, die Passivhäuser: ein Haus, das die Wärme so gut hält, dass es keine Heizung benötigt
das Niedrigst-Energiehaus, die Niedrigst-Energiehäuser: ein Haus, das nur sehr wenig Wärme verliert, da die Wände, das Dach, Fenster und Türen sehr gut isoliert sind
den Sprung von etwas in etwas wagen: sich trauen, etwas zu verändern
die Geisteshaltung, die Geisteshaltungen: die Art zu denken; die Einstellung
das Wagnis, die Wagnisse: das Risiko; die Unsicherheit

Worterklärungen


die Anonymität: hier: seine Mitmenschen nicht kennen
das Mehrgenerationenhaus, die Mehrgenerationenhäuser: ein Haus, in dem junge und alte Menschen, die meistens nicht verwandt sind, zusammenleben
das alternative Wohnprojekt, die alternativen Wohnprojekte: anders wohnen als gewöhnlich, also mit unterschiedlichen Menschen zusammen (alt und jung, mit wenig oder viel Geld) in Häusern, die etwas besonderes sind, da sie ihre Energie selbst herstellen oder nur sehr wenig verbrauchen
spontan: nicht geplant
die Wohnungsbaugenossenschaft, die Wohnungsbaugenossenschaften: eine Vereinigung, die ihre Mitglieder mit günstigen Wohnungen versorgt
die Siedlung, die Siedlungen: hier: das Wohnviertel; das Wohngebiet
die Rentnerin, die Rentnerinnen: eine ältere Frau, die pensioniert ist, also nicht mehr arbeiten muss, sondern eine Rente bekommt
der Feldenkrais-Kurs, die Feldenkrais-Kurse: eine Methode zur körperlichen Tätigkeit und Entspannung
die Nachbarschaftsbörse, die Nachbarschaftsbörsen: ein Treffpunkt für die Bewohner und gleichzeitig ein Büro für die Anliegen der Bewohner, über das Aktivitäten organisiert werden
der Quartiersbus, die Quartiersbusse: ein öffentlicher Bus, der durch das Wohngebiet fährt und dieses an andere Bus- oder Bahnlinien anbindet. Diese Busse sind vor allem für alte Menschen wichtig, die sie auch für kurze Fahrten im Wohngebiet nutzen.
die Einkommensschicht, die Einkommensschichten: hier: Menschen, die unterschiedlich viel verdienen, einige wenig, andere mehr
die/der Alleinerziehende, die Alleinerziehenden: ein Elternteil (Vater oder Mutter), der oder die ein Kind allein großzieht
der Single, die Singles: eine Person, die nicht verheiratet ist und auch keinen Lebenspartner hat
schafkopfen: das Kartenspiel Schafkopf spielen
die Zeitbank, die Zeitbanken: eine Datenbank, in die die Bewohner eintragen, was sie für andere tun können und was sie selbst benötigen
der Vorreiter, die Vorreiter: jemand, der oder die etwas Neues zuerst tut
die Militärkaserne, die Militärkasernen: eine Gebäudesiedlung, in der Soldaten wohnen
etwas oder jemand macht es sich gemütlich: es sich bequem machen; sich gut einrichten
der/die Geringverdienende, die Geringverdienenden: eine Person, die wenig Geld für ihre Arbeit bekommt
die Infrastruktur, die Infrastrukturen: hier: alle Angebote, die ein Wohngebiet attraktiv machen, wie zum Beispiel gute Bus- oder Bahnanbindungen, Kinderspielplätze, Einkaufsmöglichkeiten oder Restaurants
die Ökosiedlung, die Ökosiedlungen: ein Wohngebiet, in dem auf ökologische Aspekte geachtet wird. Die Häuser sind zum Beispiel aus natürlichen Baustoffen wie Holz oder Lehm, und die Bewohner gewinnen Strom über Sonnenenergie und nutzen Regenwasser. Es wird besonders stark darauf geachtet, wenig Müll zu machen und in manchen Ökosiedlungen fahren keine Autos.
die Generation, die Generationen: hier: die Kinder. Die früheren Kinder sind erwachsen und haben nun selbst Kinder, die das Leben in der Siedlung mit beeinflussen.
buddeln: hier: im Sand spielen
unter einem Dach: in einem Haus
bunt gemischt: hier: mit sehr unterschiedlichen Bewohnern
das Passivhaus, die Passivhäuser: ein Haus, das die Wärme so gut hält, dass es keine Heizung benötigt
das Niedrigst-Energiehaus, die Niedrigst-Energiehäuser: ein Haus, das nur sehr wenig Wärme verliert, da die Wände, das Dach, Fenster und Türen sehr gut isoliert sind
den Sprung von etwas in etwas wagen: sich trauen, etwas zu verändern
die Geisteshaltung, die Geisteshaltungen: die Art zu denken; die Einstellung
das Wagnis, die Wagnisse: das Risiko; die Unsicherheit
Christa Manta
ist Diplom-Soziologin und freiberufliche Redakteurin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009

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