Stadt und Leben

„Ständiges Korsett“: Pendeln gehört zum beruflichen Alltag

Sprachniveau: B2

Obwohl Pendeln Mensch und Gesellschaft teuer zu stehen kommt, ziehen die meisten Deutschen es dem Umzug in eine andere Stadt vor.

Christiane D. pendelt seit drei Jahren. Montags morgens um sieben Uhr verlässt sie Düsseldorf und fährt mit dem Auto nach Frankfurt am Main. Dort arbeitet sie vier Tage bei einer Immobilienfirma und bewohnt eineinhalb Zimmer. Meist geht es donnerstags abends zurück in ihr Düsseldorfer Zuhause. Freitags kann die Kommunikationsexpertin von dort aus arbeiten. „Pendeln ist anstrengend“, sagt die 45-Jährige.

Das Hin- und Herfahren zwischen Wohn- und Arbeitsstätte gehört in Deutschland zum beruflichen Alltag. Wie sehr, das zeigt die aktuelle politische Diskussion über die sogenannte Entfernungs- oder Pendlerpauschale. Seit 2007 können viele Pendler ihre Fahrten zum Betrieb und ins Büro nicht mehr steuerlich absetzen. Der Weg gilt als Privatsache – Ausnahmen werden nur noch bei Strecken von über 20 Kilometern gemacht. Knapp neun Millionen Menschen aber legten nach den letzten Angaben des Statistischen Bundesamtes (2004) allein für den Hinweg zur Arbeit zwischen zehn und 25 Kilometer zurück. Fast fünf Millionen fuhren über 25 oder sogar mehr als 50 Kilometer.

Europäische Studie zu Erfahrungen mit beruflicher Mobilität

Die Deutschen pendeln lieber als umzuziehen. Das ist das Ergebnis der neuen Studie „Job Mobilities and Family Lives in Europe“. Im Auftrag der Europäischen Kommission haben Wissenschaftler mehr als 7.200 Menschen in Deutschland, Frankreich und Spanien, in Polen, der Schweiz und Belgien nach ihren Erfahrungen mit beruflicher Mobilität befragt, nach den Ursachen und Auswirkungen. Dabei zeigte sich, dass fast jeder zweite Deutsche beruflich mobil ist oder schon einmal war und Erfahrungen mit Pendeln, Dienstreisen und Saisonarbeit oder mit einem Umzug gesammelt hat. Im europäischen Vergleich stellen die Deutschen mit derzeit 18 Prozent mobilen Erwerbstätigen den Spitzenreiter. Am unteren Ende der Skala steht die Schweiz mit 13 Prozent.


Unterm Strich zeigen sich die Bewohner aller sechs europäischen Nachbarländer im Alter zwischen 25 und 54 Jahren heimatverbunden und „erstaunlich sesshaft“. Um den Wohnort, die Schule, das soziale Umfeld und die persönlichen Beziehungen beizubehalten, fahren sie täglich oder wöchentlich weite Strecken. Sie führen Fernbeziehungen oder sind häufig auf Dienstreisen unterwegs.

Pendeln wird zunehmend wichtiger

Der unsichere Arbeitsmarkt verschärft diesen Trend, betont Norbert Schneider, Koordinator der EU-Mobilitätsstudie. Befindet sich doch eine wachsende Anzahl von Menschen in befristeten Beschäftigungsverhältnissen: „Da lohnt sich ein Umzug nicht“, sagt der Professor für Soziologie an der Universität Mainz.

41 Prozent der Mobilen in Europa sind als sogenannte Fernpendler täglich mindestens zwei Stunden zur Arbeit (Hin- und Rückfahrt) unterwegs. Vom Zeitaufwand macht es keinen Unterschied, ob sie - beispielsweise in Deutschland - von einem Ende Berlins zum anderen mit der U-Bahn fahren und dabei dreimal umsteigen, oder ob sie etwas bequemer eine Stunde lang im ICE zwischen Köln und Frankfurt hin- und herreisen. Das Pendeln wird nach einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus dem Jahr 2008 „als flexible Form der Arbeitskräftemobilität zunehmend wichtiger“.

Ambivalentes Phänomen

Die Organisation ihres Lebens an zwei Orten empfindet Christiane D. als „ständiges Korsett“. Der Koffer bleibt immer in Sichtweite, alle paar Tage muss sie überlegen: „Wie lange bin ich weg? Was ziehe ich dort an? Was mache ich mit den Lebensmitteln?“ Wäsche und Papier stapeln sich, Freunde treffen am Wochenende kostet Energie. „Mit zunehmendem Alter spüre ich gewisse Abnutzungserscheinungen“, sagt sie. „Aber wenn man einen qualitativ hochwertigen Job machen will, ist das der Preis.“

„Man kann nicht sagen, Mobilität ist per se gut oder schlecht“, fasst Norbert Schneider zusammen. „Sie ist ein ambivalentes Phänomen, das positive und negative Konsequenzen hat.“ So kann der Soziologe etliche Vorteile aufzählen. „Wochenend-Pendeln kann eine Lösungsstrategie sein, um Partnerschaft und Berufstätigkeit zu vereinbaren.“ Außerdem profitierten jene, die gerne reisen, ihren Erfahrungsschatz erweitern oder die Persönlichkeit stärken wollen. Viele Menschen wiederum könnten nur erwerbstätig sein, wenn sie sich aus einer strukturschwachen Region fortbewegen.


Ernüchternde Bilanz

Doch die Nachteile des ständigen Unterwegsseins wiegen schwerer. Für das Individuum bedeutet Pendeln Stress, gesundheitliche Probleme und eine erhöhte Anstrengung, seine sozialen Beziehungen zu gestalten. Auch Christiane D., die allein lebt und keine Kinder hat, fühlt sich in ihrem sozialen Leben eingeschränkt. „Ich führe ein männliches Leben“, sagt sie. Und damit kämen die Männer, denen sie begegne, häufig nicht klar: „Sie wollen keine Distanzbeziehung.“

Die Bilanz der EU-Studie ernüchtert: „Mobilität führt selten zu einer Steigerung des Einkommens.“ Berufstätige, die für einen besseren Job pendeln, stehen aufgrund der hohen Kosten am Schluss finanziell oft schlechter da, so Norbert Schneider. Menschen, die an einem Ort leben und arbeiten, „verdienen besser, fühlen sich besser und sie haben häufiger Kinder“. Dagegen bezeichnet das IAB Pendeln als „häufig die günstigere Alternative, weil in der Regel keine Umzugskosten entstehen. Insbesondere beim Ost-West-Pendeln, das nach wie vor in Deutschland eine große Rolle spielt, ist der reale Einkommensvorteil – durch die meist günstigere Wohnsituation im Osten – oft größer als bei der Wanderung.“

Hohe Folgekosten

Der Gesellschaft entstehen hohe Folgekosten. „Aus Mangel an Zeit und Energie sind mobile Menschen häufig weniger in der Lage, ehrenamtlich tätig zu sein“, sagt Schneider. „Das ist in unserer Zivilgesellschaft problematisch.“ Ökologisch gesehen verschwendet nicht nur der Einsatz von Verkehrsmitteln Ressourcen, sondern auch die doppelte Haushaltsführung mit zum Beispiel zwei Kühlschränken. Darüber hinaus führt Mobilität zur Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Verlangt es doch logistische Höchstleistungen, nicht nur Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen, sondern dazu noch einen Job, für den die Frau reisen muss. Kein Wunder, dass Frauen mit Kindern weniger mobil sind. Dagegen zeigen sich in Deutschland die Väter reisefreudiger als kinderlose Männer. Bei ihrem beruflichen Aufstieg werden sie häufig entlastet – von den Frauen, die mit Kindern und Haushalt zurückbleiben.

pendeln: zwischen dem Wohnort und der Arbeit hin und her fahren
teuer zu stehen kommen: viel kosten
zwischen Wohn- und Arbeitsstätte: zwischen dem Wohnort und der Arbeitsstelle
die Entfernungs- oder Pendlerpauschale: ein fester Betrag je Kilometer für die Fahrt zwischen Wohnung und Arbeit, der vom zu versteuernden Einkommen abgezogen werden kann
steuerlich absetzen: diese Kosten können vom Einkommen, auf das Steuern bezahlt werden muss, abgezogen werden
die berufliche Mobilität: längere Strecken zur Arbeit zurückzulegen, an einem anderen Wort wohnen als man arbeitet oder wegen der Arbeit umziehen
die Europäische Kommission: die Behörde der Europäischen Union, die der Regierung in einem Nationalstaat gleichkommt. Die EU-Kommission führt die Gesetze aus. Ihre Mitglieder werden von den Regierungen der Mitgliedstaaten vorgeschlagen und vom Europäischen Parlament bestätigt.
die Dienstreise, die Dienstreisen: für die Arbeit mehrere Tage in eine andere Stadt fahren oder fliegen
die Saisonarbeit: eine Arbeit, die nur in einer bestimmten Jahreszeit gemacht werden kann, zum Beispiel im Sommer, wenn Obst und Gemüse geerntet wird oder in der Gastronomie in den Ski-Gebieten im Winter
der Spitzenreiter, die Spitzenreiter: an erster Stelle sein
das soziale Umfeld: alle zwischenmenschlichen Kontakte, die eine Person hat: Familie, Freunde und Bekannte
die Fernbeziehung, die Fernbeziehungen: eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die in unterschiedlichen Städten leben und sich nur selten sehen
das befristete Beschäftigungsverhältnis, die befristeten Beschäftigungsverhältnisse: der Arbeitsvertrag ist nicht unbefristet, das heißt ohne zeitliche Begrenzung, sondern nur für eine bestimmte Zeit, zum Beispiel für ein Jahr
das Korsett, die Korsetts: ein Kleidungsstück, das früher von Frauen getragen wurde, um den Bauch einzudrücken und die Hüften zu betonen; hier: es engt ein, es ist unangenehm
die Abnutzungserscheinung, die Abnutzungserscheinungen: Auswirkungen des ständigen Gebrauchs; hier: Das Pendeln wird immer anstrengender und verbraucht immer mehr Energie.
per se: hier: eindeutig
das ambivalente Phänomen: etwas, das nicht eindeutig ist
erwerbstätig sein: arbeiten, eine Arbeit haben
die strukturschwache Region, die strukturschwachen Regionen: eine Gegend, in der es nur wenige Arbeitsplätze gibt
das Ost-West-Pendeln: das Pendeln zwischen Ost- und Westdeutschland. Viele Menschen aus Ostdeutschland finden in ihrer Region keine Arbeit, aber in Westdeutschland. Also pendeln sie.
ehrenamtlich tätig sein: unbezahlt arbeiten, zum Beispiel in sozialen Projekten
die Zivilgesellschaft: alle Bürger eines Landes
die doppelte Haushaltsführung: die Kosten für zwei Wohnungen
die Benachteiligung: einen Nachteil haben
unter einen Hut kriegen: es schaffen, dass mehrere Dinge gleichzeitig funktionieren
entlasten: helfen, Arbeit abnehmen

Worterklärungen

pendeln: zwischen dem Wohnort und der Arbeit hin und her fahren
teuer zu stehen kommen: viel kosten
zwischen Wohn- und Arbeitsstätte: zwischen dem Wohnort und der Arbeitsstelle
die Entfernungs- oder Pendlerpauschale: ein fester Betrag je Kilometer für die Fahrt zwischen Wohnung und Arbeit, der vom zu versteuernden Einkommen abgezogen werden kann
steuerlich absetzen: diese Kosten können vom Einkommen, auf das Steuern bezahlt werden muss, abgezogen werden
die berufliche Mobilität: längere Strecken zur Arbeit zurückzulegen, an einem anderen Wort wohnen als man arbeitet oder wegen der Arbeit umziehen
die Europäische Kommission: die Behörde der Europäischen Union, die der Regierung in einem Nationalstaat gleichkommt. Die EU-Kommission führt die Gesetze aus. Ihre Mitglieder werden von den Regierungen der Mitgliedstaaten vorgeschlagen und vom Europäischen Parlament bestätigt.
die Dienstreise, die Dienstreisen: für die Arbeit mehrere Tage in eine andere Stadt fahren oder fliegen
die Saisonarbeit: eine Arbeit, die nur in einer bestimmten Jahreszeit gemacht werden kann, zum Beispiel im Sommer, wenn Obst und Gemüse geerntet wird oder in der Gastronomie in den Ski-Gebieten im Winter
der Spitzenreiter, die Spitzenreiter: an erster Stelle sein
das soziale Umfeld: alle zwischenmenschlichen Kontakte, die eine Person hat: Familie, Freunde und Bekannte
die Fernbeziehung, die Fernbeziehungen: eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die in unterschiedlichen Städten leben und sich nur selten sehen
das befristete Beschäftigungsverhältnis, die befristeten Beschäftigungsverhältnisse: der Arbeitsvertrag ist nicht unbefristet, das heißt ohne zeitliche Begrenzung, sondern nur für eine bestimmte Zeit, zum Beispiel für ein Jahr
das Korsett, die Korsetts: ein Kleidungsstück, das früher von Frauen getragen wurde, um den Bauch einzudrücken und die Hüften zu betonen; hier: es engt ein, es ist unangenehm
die Abnutzungserscheinung, die Abnutzungserscheinungen: Auswirkungen des ständigen Gebrauchs; hier: Das Pendeln wird immer anstrengender und verbraucht immer mehr Energie.
per se: hier: eindeutig
das ambivalente Phänomen: etwas, das nicht eindeutig ist
erwerbstätig sein: arbeiten, eine Arbeit haben
die strukturschwache Region, die strukturschwachen Regionen: eine Gegend, in der es nur wenige Arbeitsplätze gibt
das Ost-West-Pendeln: das Pendeln zwischen Ost- und Westdeutschland. Viele Menschen aus Ostdeutschland finden in ihrer Region keine Arbeit, aber in Westdeutschland. Also pendeln sie.
ehrenamtlich tätig sein: unbezahlt arbeiten, zum Beispiel in sozialen Projekten
die Zivilgesellschaft: alle Bürger eines Landes
die doppelte Haushaltsführung: die Kosten für zwei Wohnungen
die Benachteiligung: einen Nachteil haben
unter einen Hut kriegen: es schaffen, dass mehrere Dinge gleichzeitig funktionieren
entlasten: helfen, Arbeit abnehmen
Isabel Fannrich-Lautenschläger
ist Politologin und freie Journalistin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2008

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