Stadt und Leben

Bunt und vielfältig: Familien in Deutschland

Sternchenthema: Dieser Text auf B2/C1-Niveau ist für Lerngruppen zu empfehlen, die anstreben, das Deutsche Sprachdiplom zweiter Stufe (DSD II) zu erwerben.Sprachniveau: B2

Amelie und Vanessa leben mit ihren Eltern zusammen. Laurits' Mutter ist alleinerziehend. Carl wächst mit einem leiblichen Bruder und zwei Stiefgeschwistern auf. Familien in Deutschland sind vielfältiger geworden.

„Familie ist da, wo Kinder sind“, sagt der Soziologe Harald Rost. Ganz gleich, ob die Eltern nun verheiratet sind oder nicht oder ob alleinerziehende Mütter oder Väter den Familienalltag stemmen „Das Bild der Familie ist bunter geworden“, so Harald Rost, der am Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg arbeitet.

Der Wandel der Familienformen lässt sich mit Zahlen belegen. Rund acht Millionen Familien mit minderjährigen Kindern leben nach Daten des Statistischen Bundesamtes in Deutschland. Mehr als 20 Prozent der Mütter und Väter waren im Jahr 2014 alleinerziehend, mehr als zehn Prozent lebten in nichtehelichen Partnerschaften. In den meisten Familien – 69 Prozent – waren die Eltern verheiratet, doch ihre Zahl ist rückläufig. Das zeigt der Vergleich mit den Daten des Jahres 1996. Der Anteil der Ehepaare lag damals mit 81 Prozent noch deutlich höher. Dagegen gab es sehr viel weniger Familien mit Alleinerziehenden (14 Prozent) und nur halb so viele Lebensgemeinschaften (5 Prozent).

Alleinerziehende sind zu 90 Prozent Frauen

Auch wenn die Zahlen rückläufig sind: Die meisten Kinder wachsen noch immer in einer klassischen Familie auf: Vater und Mutter, miteinander verheiratet, leben mit ihren gemeinsamen Kindern zusammen.

So ist es zum Beispiel bei der zehnjährigen Amelie und ihrer sechsjährigen Schwester Vanessa. Amelies Vater Holger betreibt eine IT-Firma und arbeitet viel. Ihre Mutter Oksana hilft manchmal in der Firma aus, vor allem aber organisiert sie das Familienleben. Sie holt die Mädchen von der Schule ab, fährt sie zum Sport und zum Musikunterricht, kocht und kauft ein.

Familie und Beruf zu vereinbaren ist für Alleinerziehende sehr viel schwieriger als für Ehepaare. Denn Alleinerziehende – und das sind in Deutschland zu 90 Prozent Frauen – müssen sich alleine um Job, Kinder und Haushalt kümmern. „Knüpft Netzwerke, holt euch Unterstützung von Familie und Freunden“, ist der Tipp von Barbara, die ihren Sohn Laurits allein erzieht und auch die positiven Seiten dieser Lebensform sieht. „So viele Frauen sind enttäuscht von ihren Männern, weil sie abends spät nach Hause kommen, den Schrank nicht reparieren oder den Abwasch nicht machen. Ich bin nie enttäuscht von irgendeinem Mann. Denn ich weiß von vornherein, dass ich alles selber mache.“

Mehr Alleinerziehende, weniger klassische Familien. Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Die Gesellschaft verändert sich, und mit ihr die Lebensformen von Familien. Anders als in den vergangenen Jahrzehnten ist es heute selbstverständlich, dass Frauen eine Ausbildung und einen Beruf haben. Sie sind nicht mehr wirtschaftlich abhängig von Ehemännern.

Wenn die Liebe zerbricht, gibt es für die meisten keinen Grund mehr zusammenzubleiben.

So ist die Zahl der Ehescheidungen in den vergangenen 30 Jahren deutlich gestiegen. Dazu kommt: Einstellungen und Werte haben sich verändert. Viele Paare leben heute ohne Trauschein zusammen und haben Kinder. Manche halten die Ehe einfach für eine überholte Einrichtung.

Patchwork: Familien neu gemischt

Auch die hohe Scheidungsrate in Deutschland trägt zur Vielfalt der Familienformen bei – dann nämlich, wenn aus einer getrennten Familie eine neue Familie wird: die Patchwork-Familie. „Mein Vater hat zwei Söhne mit seiner ersten Frau“, erklärt der 13-jährige Carl. „Nach der Trennung von seiner ersten Frau hat mein Vater dann meine Mutter geheiratet und sie haben zwei Kinder bekommen, meinen Bruder Max und mich.“ Carl und Max verstehen sich prima mit ihren großen Stiefbrüdern. Das ist nicht selbstverständlich. „Wenn eine Familie auseinanderbricht und an beiden Enden neu heilen muss, ist das nie einfach“, sagt Elke, die Mutter von Carl und Max. Ihr Mann Mathias ergänzt: „Bei uns ist dieser Prozess glücklich verlaufen. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass die Trennung von meiner Ex-Frau anständig verlief. Wir haben nie ein böses Wort übereinander verloren.“

Patchwork-Familien gab es schon vor 100 Jahren, auch wenn man sie damals Stieffamilien nannte. Darauf weist Harald Rost vom Staatsinstitut für Familienforschung hin:

„Stieffamilien entstanden zum Beispiel, wenn eine Mutter bei der Geburt eines Kindes starb, der Vater erneut heiratete und auch mit der neuen Frau wieder Kinder hatte.“ Nach Schätzungen auf der Grundlage repräsentativer Umfragen lebt in Deutschland heute jede zehnte Familie als Patchwork-Familie.

Die Art und Weise, wie Familien zusammenleben, hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert. Verschiedene Familienformen bestehen nach- und nebeneinander, die eine „richtige“ Form gibt es nicht. Ob Kinder glücklich aufwachsen, hängt letztendlich auch nicht von der Familien-Variante ab. Was zählt, sind Liebe, Fürsorge und Vertrauen. Patchwork-Papa Mathias beschreibt es so: „Familie ist das, was dir Kraft, Rückhalt und Zuversicht gibt. Und manchmal auch den Tritt in den Hintern, am nächsten Tag wieder aufzustehen und deinen Job zu machen.“




leiblich: verwandt, eine Person stammt von einer anderen ab
das Stiefgeschwister, die Stiefgeschwister: die Kinder vom neuen Ehepartner oder der neuen Ehepartnerin eines Elternteils, die nicht miteinander verwandt sind
den Familienalltag stemmen: den Alltag in der Familie organisieren und die Arbeit erledigen
minderjährig: jünger als 18 Jahre
rückläufig sein: weniger werden
die Lebensgemeinschaft, die Lebensgemeinschaften: hier: Personen leben zusammen ohne miteinander verheiratet zu sein
IT: Abkürzung für: die Informationstechnologie, die Informationstechnologien: alles, was mit Computern und Datenverarbeitung zu tun hat
Netzwerke knüpfen: viele Kontakte herstellen
den Abwasch machen: das Geschirr spülen
wirtschaftlich abhängig sein: hier: Die Frau verdient kein eigenes Geld und ist somit abhängig vom Geld, das der Mann verdient.
die Ehescheidung, die Ehescheidungen: Die Ehepartner lassen sich scheiden
der Trauschein, die Trauscheine: das Dokument, das bestätigt, dass man verheiratet ist
die überholte Einrichtung: hier: Die Ehe ist nicht mehr modern. Sie passt nicht in die moderne Zeit.
die Scheidungsrate: die Anzahl der Scheidungen
anständig: hier: gut, friedlich
die Fürsorge: hier: sich um jemanden kümmern
der Tritt in den Hintern: hier: der Grund, der Anlass

Worterklärungen

leiblich: verwandt, eine Person stammt von einer anderen ab
das Stiefgeschwister, die Stiefgeschwister: die Kinder vom neuen Ehepartner oder der neuen Ehepartnerin eines Elternteils, die nicht miteinander verwandt sind
den Familienalltag stemmen: den Alltag in der Familie organisieren und die Arbeit erledigen
minderjährig: kasdj
rückläufig sein: weniger werden
die Lebensgemeinschaft, die Lebensgemeinschaften: hier: Personen leben zusammen ohne miteinander verheiratet zu sein
IT: Abkürzung für: die Informationstechnologie, die Informationstechnologien: alles, was mit Computern und Datenverarbeitung zu tun hat
Netzwerke knüpfen: viele Kontakte herstellen
den Abwasch machen: das Geschirr spülen
wirtschaftlich abhängig sein: hier: Die Frau verdient kein eigenes Geld und ist somit abhängig vom Geld, das der Mann verdient.
die Ehescheidung, die Ehescheidungen: Die Ehepartner lassen sich scheiden
der Trauschein, die Trauscheine: das Dokument, das bestätigt, dass man verheiratet ist
die überholte Einrichtung: hier: Die Ehe ist nicht mehr modern. Sie passt nicht in die moderne Zeit.
die Scheidungsrate: die Anzahl der Scheidungen
anständig: hier: gut, friedlich
die Fürsorge: hier: sich um jemanden kümmern
der Tritt in den Hintern: hier: der Grund, der Anlass
Autorin: Elisabeth Schwiontek
arbeitet als freie Autorin in Berlin.

Mitreden: Familien in meinem Land

Eine deutsche Großfamilie mit 15 Kindern in den neunziger Jahren | © picture-alliance / dpa
Mehr Alleinerziehende, mehr Patchwork-Familien, weniger klassische Familien – Familien in Deutschland haben sich gewandelt. Wie sehen Familien in deinem Land aus: Leben die Menschen eher in klassischen Fami­lien zusam­men oder gibt in deinem Land auch andere Familien­formen? Wie findest du das? Was bedeutet Familie für dich persönlich?

Wie sieht deine Familie aus?

Ich lebe mit meinen leiblichen Eltern (und Geschwistern) zusammen.
Meine Mutter / mein Vater ist alleinerziehend.
Ich wachse in einer Patchwork-Familie auf.
Auf meine Familie trifft keine dieser Beschreibungen zu.
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