Politik und Geschichte

Das beste Jahr in meinem Leben: als »kulturweit«-Freiwilliger in Bosnien und Herzegowina

Sprachniveau: B1/B2

Moritz Lüttich leistete einen »kulturweit«-Freiwilligendienst an der PASCH-Schule Gymnasium Fra Grge Martica in Mostar.

Das Land – facettenreich und aufregend!

Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und meinen Kopf leicht nach rechts neige, sehe ich ein von mir gemachtes Foto während meines Freiwilligenjahres in Bosnien und Herzegowina. Es ist kein sehr schönes Foto, die Menschen lächeln nicht, schauen stumm geradeaus, wobei wir schon beim Thema wären. Das Jahr in Bosnien und Herzegowina war weder lustig noch langweilig, weder fröhlich noch traurig, weder dramatisch noch ereignislos, es war facettenreich.

Bosnien und Herzegowina ist ein Staat für sich, wer in einem Land leben will, in dem alles in geordneten Bahnen verläuft, dem empfehle ich einen Aufenthalt in diesem aufregenden Land nicht. Wer als Freiwilliger aber in einem Staat leben möchte, der eigentlich kein Staat ist, indem nichts so läuft, wie man es gerne hätte und trotzdem weiterlebt, das voller Widersprüche und Konflikte steckt, in dem Gastfreundschaft und Höflichkeit keine leeren Worte sind, den lade ich herzlich dazu ein, dass wahrscheinlich interessanteste europäische Land zu besuchen. Glaubt mir, ihr werdet es nicht bereuen!

„Meine“ Schule

Ich verbrachte die meiste Zeit meines Auslandsjahres an dem Gymnasium Fra Grge Martica, das sich im kroatisch-dominierten Westteil der Stadt Mostar befindet. Die Schule ist nach dem kroatischen Franziskaner Mönch und Schriftsteller benannt, der im 19. Jahrhundert in der Herzegowina lebte. Die Schule wird von rund 540 Schülern besucht, die von 41 Lehrern in den verschiedensten Fächern unterrichtet werden.

Ich war für die Vermittlung der deutschen Kultur verantwortlich, das heißt ich hielt Vorträge über das Weihnachtsfest und über die Weihnachtsmärkte, schaute mir zusammen mit den Klassen deutsche Filme an, half bei den Hausaufgaben, studierte mit den DSD-Schülern ihre Vorträge für die mündliche Prüfung ein – die Nacht vor den Prüfungen habe ich kein Auge zugedrückt – und versuchte Parallelen zwischen der deutschen und der bosnisch/kroatischen Kultur aufzudecken. Es war es eine sehr vielfältige Arbeit, die manchmal stressig, aber insgesamt sehr spannend und interessant war.

So manche Denkanstöße...

Vor allem das Neue, Unbekannte und das Eintauchen in eine fremde Kultur ohne vorigen Bezugspunkt zu gerade dieser reizte mich an meinem Freiwilligendienst. In der täglichen Arbeit machte es mir viel Spaß, den Schülern etwas über meine Kultur zu vermitteln und im Gegenzug etwas über deren Kultur zu erfahren. Meiner Meinung nach war es für die Schüler auch interessant zu erfahren, dass es auch Menschen in den westlichen Industriestaaten gibt, die sich für ihre Gewohnheiten interessieren. Und hier liegt der Knackpunkt, über den ich mir oft Gedanken gemacht habe: Während die Schüler sehr viel über Deutschland wussten, sei es im Sport, in der Mode oder in der deutschen Geschichte bzw. Politik, musste ich mich manchmal wegen meines dürftiges Wissens über die bosnisch/kroatische Gesellschaft schämen. Wieso wissen wir Deutschen eigentlich so wenig über die weniger marktwirtschaftlich ausgeprägten Länder? Begegnen wir diesen Ländern mit einer zu großen Arroganz, nur weil wir in einem Industriestaat leben?

Dieser Gedankengang, das reichhaltige Wissen der Schüler über unser Land und die große Gastfreundschaft, die „Fremden“ gegenüber an den Tag gelegt wird, empfinde ich als eine wichtige Erfahrung. Das Gefühl der inneren Zerrissenheit, das Gefühl eine neue Identität angenommen zu haben und sie nach 12 Monaten wieder ablegen zu müssen, bescherten mir so manche Denkanstöße. Wer bin ich eigentlich? Was ist meine wahre Identität? Haben die 12 Monate mich wirklich so verändert? Fragen über Fragen …

Ratschläge an die zukünftigen Freiwilligen

Meine Ratschläge an die nächste Generation von Freiwilligen, sind deshalb folgende: Das höchste Prinzip ist das Durchhalten trotz enormer Schwierigkeiten. Offenheit und Toleranz sind natürlich eine nicht wegzudenkende Voraussetzung für dieses Projekt. Nur so wird er die Besonderheiten und Meinungen des dort ansässigen Volkes verstehen lernen und sich mental mit ihnen auseinandersetzen können. Wenn diese paar Ratschläge beachtet werden und ihr euch voller Enthusiasmus in euren Freiwilligendienst stürzt, dann kann so gut wie nichts schief gehen. Freut euch, es wird das beste Jahr in eurem Leben. So war es bei mir. In Bosnien, meinem Heimatland!

leisten: machen
neigen: hier: drehen
facettenreich: bunt, vielfältig
in geordneten Bahnen verlaufen: alles ist sehr geregelt
der Mönch, die Mönche: Mann, der in einem Kloster lebt
die Vermittlung: hier: von etwas erzählen
der Denkanstoß, die Denkanstöße: etwas was zum Nachdenken anregt
der Bezugspunkt, die Bezugspunkte: eine Beziehung zu etwas
der Knackpunkt, die Knackpunkte: eine Frage, ein Problem
dürftig: gering, wenig
reichhaltig: hier: groß
die Zerrissenheit: hier: nicht wissen, wo man zu Hause ist
ablegen: aufgeben
bescheren: hier: führen zu
das Durchhalten: nicht aufgeben, dort bleiben und nicht nach Hause fahren
die Voraussetzung: hier: etwas, das notwendig und wichtig ist
ansässig: dort wohnend
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