Musik

Märchenhaft: die Stadtmusikanten

Sprachniveau: B2

Sie haben keine Wohnung, wenig Geld, aber dafür eine Menge Spaß: Luis und Elias touren als Straßenmusiker durch Deutschland.

Ein kleines Loch in einem Stacheldrahtzaun ist der Eingang zur Wohnung von Elias und Luis. Die beiden wohnen zwischen verwucherten Gärten, Müllhaufen und alten, verfallenen Häuschen. Auf einem kleinen Hügel haben sie eine Hütte gefunden. Die Fenster sind noch ganz, im Garten blühen Äpfel-und Birnbäume. Strom gibt es dort nicht, gekocht wird mit einem Lagerfeuer, Licht kommt von Kerzen. Die verlassene Schrebergartensiedlung liegt irgendwo in Berlin – wo genau, wollen Elias und Luis nicht verraten. Denn eigentlich darf hier niemand mehr wohnen: Der Schrebergarten soll eine Autobahn werden.

Elias und Luis sind Straßenmusiker – von Beruf und aus Leidenschaft. Seit drei Jahren sind die 23-Jährigen als Band GuaiaGuaia auf den Straßen von Deutschland unterwegs. „Irgendwie sind wir nach dem ersten Jahr abhängig geworden“, erzählt Luis.

Musiker aus Leidenschaft

Man sieht den Jungs an, dass sie durch die Lande ziehen. Die Haare sind lang und verwuschelt, die Gesichter unrasiert. „Wir sind Nobelpenner“, sagt Elias – der mit den großen Löchern in der schwarzen Hose. „Weil wir stinken, weil wir uns nicht so oft waschen können, weil wir keine Wohnung haben, weil wir nicht arbeiten“, grinst Luis – der mit den kleinen Löchern im weißen Shirt.

Die beiden Jungs aus einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern waren mitten im Zivildienst, als sie beschlossen, alles über Bord zu werfen und Straßenmusikanten zu werden. Ein Dokumentationsfilm über Straßenmusiker hat sie auf die Idee gebracht: „Für uns war klar, das wollen wir auch machen.“ Die beiden Freunde haben damals schon zusammen Musik gemacht – eine Mischung aus HipHop und Dubstep.

Schlafsack, Laptop, Musikinstrumente

Seither ziehen GuaiaGuaia mit umgebauten Fahrrädern umher. Auf ihrer Tour im letzten Jahr sind sie fast die ganze Strecke selbst geradelt. Die selbstgebauten Fahrzeuge sind nicht normal: vorne Box, hinten Fahrrad: Luis hat Eisenteile miteinander verschweißt, das Schloss ist ein alter Autogurt. Auffallen gehört zum Geschäftsmodell der beiden Straßenmusikanten. In der schwarzen Kiste vorne sind alle Sachen, die die Jungs zum Leben brauchen: Schlafsack, Laptop, Musikinstrumente.


So richtig los ging das Straßenmusikantenleben, als die beiden ihre Wohnung in Frankfurt gekündigt haben. „Von da an waren wir Vagabunden“, sagt Luis. Seitdem schlafen sie dort, wo sie einen Platz finden. Im Sommer geht das, da kann man auch mal eine Nacht unter freiem Himmel bleiben. Im Winter ist es ziemlich hart. „Da haben wir angefangen fremde, leerstehende Häuser zu besetzen“, erzählt Elias. Bevor sie das alte Schrebergartenhäuschen gefunden haben, wohnten sie in einem kleinen Bahnwärterhaus, das mitten auf den Bahngleisen am Berliner Ostkreuz stand. Zwei Monate sind Elias und Luis dort geblieben, dann kam die Polizei.

Kein einfaches Leben

Mit der Polizei haben die zwei Jungs mittlerweile oft Kontakt. Vor allem dann, wenn sie auf der Straße Musik machen. Das ist in Deutschland oft nur an bestimmten Plätzen erlaubt. Einfach ist das Leben auf der Straße nicht. „Die meiste Zeit verbringen wir mit dem bloßen Überleben“, erzählt Elias. Es kann jeden Tag passieren, dass sie aus ihrem „Haus“ rausgeworfen werden oder nicht genügend Geld fürs Essen übrig haben. „Es ist schon aufwendiger, wenn die alltäglichen Dinge nicht mehr selbstverständlich sind.“ Es gab auch schon Tage, an denen es richtig knapp wurde, vor allem im Winter. Dann gehen Elias und Luis containern: Sie suchen in den Müllcontainern von Supermärkten nach abgelaufenen Lebensmitteln. „Letztes Jahr haben wir auch das Pfandbusiness entwickelt“, lacht Luis. Sie reparieren schon einmal verwendete Pfandflaschen und geben sie gegen Geld wieder zurück. Noch so eine illegale Sache.

Straße bedeutet Freiheit

Nur klauen, sagen Luis und Elias, das würden sie nie. Vor kurzem wurden sie in ihrem Schrebergartenhäuschen selbst bestohlen. Der Stromgenerator, ihr Campingkocher und zwei Gabeln sind verschwunden. Die beiden haben den Nachbarn in Verdacht: „Der hat sich schon die ganze Zeit sehr für den Generator interessiert.“

Trotz all der Schwierigkeiten lieben GuaiaGuaia ihr Leben auf der Straße. „Eine Wohnung wäre wie ein Gefängnis für mich“, sagt Luis. Straße bedeutet Freiheit für die Jungs. Hier können sie machen, was sie wollen, vor allem Musik.

400 Euro in 20 Minuten

Elias und Luis wollten gehört werden. Straßenmusik ist ihr Weg, ihre Songs zu den Menschen zu bringen. Sie stellen sich auf die Straße, spielen mit Posaune und E-Gitarre und verkaufen ihre selbstproduzierten CDs. Den Rekord hält München: 400 Euro in 20 Minuten haben GuaiaGuaia dort verdient. Mittlerweile bleiben immer mehr Leute stehen. „Auf der Straße kann man direkt sehen, wie die Musik ankommt: Wenn es den Leuten nicht gefällt, gehen sie einfach weiter.“ Oder sie beschimpfen die jungen Musiker: Manche Leute empfinden GuaiaGuaia eher als Lärmbelästigung. „Das macht mich dann schon immer ein bisschen traurig“, meint Luis. Trotzdem ist das auch das Tolle am Straßenmusikantenleben, findet Elias: „Du gehst raus und weißt nicht, was passiert.“

Es zieht sie immer wieder raus, die beiden Vagabunden. Viele Tage sind sie nie an einem Ort. Wie lange Luis und Elias noch in ihrem kleinen Schrebergartenhäuschen wohnen bleiben, ist ungewiss: Vor Kurzem haben sie einen Plattenvertrag bei einem großen Musiklabel unterschrieben.

„Weißt du was“ sprach der Esel, „ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant. Komm mit mir und lass dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.“ Der Hund war einverstanden, und sie gingen mitsammen weiter.
Aus: Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm: Die Bremer Stadtmusikanten

Christina Kufer


der Stacheldrahtzaun, die Stacheldrahtzäune: ein Zaun aus Draht, der besonders gebogen ist mit kleinen Stacheln. Ein Stacheldrahtzaun soll verhindern, dass Leute über diesen Zaun klettern.
verwuchert: zugewachsenen, nicht gepflegt
die Schrebergartensiedlung, die Schrebergartensiedlungen: ein Areal, meist am Stadtrand, wo Leute, die in der Stadt wohnen, einen Garten haben, oft mit einer kleinen Hütte, in der sie das Wochenende verbringen können.
die Leidenschaft, die Leidenschaften: hier: etwas, das man sehr, sehr gerne macht
abhängig: wenn man nicht mehr aufhören kann, etwas zu tun.
verwuschelt: die Haare sind nicht gekämmt und sehen sehr wild aus
unrasiert: sie haben einen Bart
der Nobelpenner, die Nobelpenner: Penner: umgangssprachlich: ein Obdachloser, jemand ohne feste Wohnung. „Nobel“ bedeutet „edel“ oder „vornehm“. Sie nennen sich so, weil sie das freiwillig machen.
der Zivildienst: Bis zum Juli 2011 gab es in Deutschland eine Wehrpflicht, d.h. junge Männer mussten für einen bestimmte Zeit zum Militär. Wer das nicht wollte, konnte diesen Wehrdienst mit einer Begründung verweigern und Zivildienst machen. Das war eine Art sozialer Dienst, die jungen Männer haben dann zum Beispiel in Krankenhäusern oder Altenheimen gearbeitet.
alles über Bord werfen: hier: ganz neu anfangen, alles aufgeben, was man hatte
verschweißen: verbinden von Metall mithilfe von Wärme
das Geschäftsmodell, die Geschäftsmodelle: hier: wie sie ihr Geld verdienen
der Vagabund, die Vagabunde: jemand ohne feste Wohnung, der durch das Land reist
ein Haus besetzen: illegal in ein leer stehendes Haus einziehen und dort wohnen
das Bahnwärterhaus, die Bahnwärterhäuser: Ein Haus an einem Bahnübergang (an einer Stelle, wo eine Eisenbahnstrecke eine Straße kreuzt) mit Schranke, in dem die Person wohnte, die die Schranke bediente. Gibt es heute nur noch selten.
aufwendig: hier: kompliziert
selbstverständlich: hier: einfach da sind
containern: Menschen, die aus Müllcontainern abgelaufene Lebensmittel holen
abgelaufene Lebensmittel: Auf Lebensmitteln, die man im Supermarkt kauft, steht immer ein Datum, bis zu dem man die Sachen mindestens essen kann. Wenn das Datum vorüber ist, ist das Lebensmittel „abgelaufen“. Der Supermarkt muss das Essen dann wegwerfen, auch wenn man die Lebensmittel oft noch Wochen nach diesem Datum essen kann.
das Pfandbusiness: hier: Menschen, die Flaschen oder Dosen aus Mülleimern sammeln, auf denen Pfand ist. Wenn man die Flaschen in ein Geschäft zurückbringt, bekommt man das Pfand (z.B. 20 Cent) ausbezahlt.
klauen: umgangssprachlich: stehlen
der Stromgenerator, die Stromgeneratoren: einen Maschine, die Strom erzeugt
die Lärmbelästigung: wenn Leute sich durch den Lärm gestört fühlen
der Plattenvertrag, die Plattenverträge: Um professionell ein Album bei einem Musiklabel produzieren zu können, braucht man einen Plattenvertrag. Oft ist das der Start einer Profimusikerkarriere.
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