Kultur und Trends

Als Oma auf Zeit die Welt entdecken

Sternchenthema: Dieser Text auf B2/C1-Niveau ist für Lerngruppen zu empfehlen, die anstreben, das Deutsche Sprachdiplom zweiter Stufe (DSD II) zu erwerben.Sprachniveau: B2
Nostalgischer Reisekoffer | © picture alliance / Lou Avers
Bei Granny Au-pair warten mehr als 500 Frauen über 50 auf ihren Einsatz in Familien und Projekten. Voraussetzung für die Omas auf Zeit sind eine gewisse Unabhängigkeit und die Lust auf Abenteuer und fremde Kulturen.

Frauen im Großmutteralter sind beliebt wie nie. „Als Au-pair-Granny sind sie heißbegehrt, weil sie Lebenserfahrung und Zuverlässigkeit mitbringen“, ist die Erfahrung von Michaela Hansen. Die Hamburgerin hat vor zwei Jahren die Agentur Granny Aupair gegründet und sich damit als 50-Jährige und mittlerweile zweifache Oma ihren eigenen Lebenstraum erfüllt. Seitdem kann sie sich vor Anfragen kaum retten und musste bereits vier Mitarbeiterinnen einstellen.

Reise- und abenteuerlustige Frauen jenseits der 50, denen das Geld für Reiseträume fehlt oder denen die Lust am vorgefertigten Auslandsabenteuer abgeht, bewerben sich bei ihr. Die Nachfrage nach einer erfahrenen Kinderbetreuerin aus Deutschland ist weltweit enorm und sogar noch im Steigen begriffen. „Mehr als 500 Frauen sind bei uns angemeldet, rund 100 haben wir schon vermittelt“, berichtet Hansen. Dabei gibt es besonders bevorzugte Ziele: das englischsprachige Ausland, Großstädte wie New York und London, aber auch Ferienregionen. „Einigen kann es nicht exotisch genug sein, die zieht es nach China, Kambodscha oder Tasmanien, andere probieren es lieber erst einmal in der Nähe.“

Die Chemie muss stimmen

Anke Vendt aus Hamburg war eine der ersten Au-pair-Grannys. „Meine beiden Enkel sind schon 13 und 18, ich werde nicht mehr so gebraucht wie früher“, erklärt die 62-Jährige. „Ursprünglich hatte ich mich auf eine Stelle in Kanada beworben, aber als Michaela Hansen von der Agentur anfragte, ob ich mich auch für Andalusien interessieren könnte, sagte ich zu. Auf diese Weise habe ich einen wunderschönen langen Urlaub gemacht.“


Ihr Fragebogen gefiel einer deutschen Familie, die schon seit zehn Jahren in Spanien lebte. Sie wurde im Mai zum Kennenlernen eingeladen und war von August bis Oktober sieben Wochen lang die Granny. Die Mutter der Kinder nutzte die Gelegenheit, ihren Mann auf seinen Geschäftsreisen zu begleiten. Die beiden 17 und 13 Jahre alten Kinder brauchten natürlich keine Gutenachtgeschichten, mussten wegen fehlender Verkehrsverbindungen aber jeden Tag mit dem Auto zur deutschen Schule gebracht und abgeholt werden. Auf dem Weg kaufte Anke Vendt manchmal ein – und perfektionierte so ihr Spanisch. Zuweilen wurden auch Ausflüge mit der Familie unternommen. „Die Chemie stimmte von Anfang an“, berichtet die alleinstehende Frau. In Andalusien stand ihr eine geräumige Gästewohnung zu Verfügung, Kost und Logis waren frei. „Das Drumherum ist Verhandlungssache“, berichtet Anke Vendt, die 2011 erneut einige Wochen in Andalusien die Granny war.

Unabhängigkeit als Voraussetzung

Auch Michaela Hansen hatte in jungen Jahren Au-pair-Reisepläne gehabt. Doch dann heiratete sie mit 19 und bekam mit 20 das erste und mit 21 Jahren das zweite Kind. Aber das Fernweh machte nur Pause. „Ich überlegte, dass es so wie mir vielleicht auch anderen Frauen geht, die sich vital fühlen und neugierig sind. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Die Idee, Frauen über 50 in Gastfamilien zu vermitteln, war geboren.

Die Bewerberinnen sollten ungebunden und über 50 sein und sich für einen Auslandsaufenthalt als Au-pair in Gastfamilien oder als freiwillige Helferin in einem sozialen Projekt begeistern können. „Derzeit bieten wir ihnen die Möglichkeit, sich in einem Frauen-Projekt in Rajasthan (Indien), in Waisenhäusern in Vietnam oder Peru oder in einer Schneiderwerkstatt im westafrikanischen Mali zu engagieren“, erklärt Hansen. „Wir suchen aber immer noch händeringend Familien und Projekte, in die wir Grannys vermitteln können.“ Mittlerweile sind Leih-Omas unter anderem nach Amerika, Kanada, Afrika, Australien, England, Spanien, Frankreich und Jordanien gereist. Sie lernen Land und Leute viel intensiver als während eines normalen Urlaubs kennen. Die Initiative basiert auf Gegenseitigkeit, Einzelheiten sprechen die Beteiligten untereinander ab.

© picture-alliance / dpa
Obwohl vor allem unabhängige Frauen gebraucht werden, ist dieses Kriterium Auslegungssache. So liebäugelt die 59-jährige Brigitte Döbel aus Hannover mit einem London-Jahr, obwohl sie ihren Mann dann allein zu Hause zurücklassen muss. „Aber er kann mich doch besuchen“, meint die dreifache Mutter. „Preiswerte Flüge werden schließlich immer wieder angeboten.“ Ihr ist wichtig, im Ruhestand endlich ihre Englischkenntnisse zu verbessern – am besten an Ort und Stelle.

Zuverlässigkeit zählt

Während es auf dem Arbeitsmarkt schlecht aussieht für Frauen über 50, wissen die Kunden der Hamburger Agentur ihre Fähigkeiten durchaus zu schätzen. „Sie haben viel mehr zu bieten als junge Mädchen“, heißt es auf der Webseite von Granny Au-pair. Viele Eltern vertrauen ihre Kleinen lieber einer zuverlässigen älteren Frau an als einem jungen Mädchen. Daran haben vor allem binationale Familien beispielsweise in Amerika und Afrika Interesse. Ein Hintergedanke bei den Alleinerziehenden und Familien ist auch, dass die Kinder bei ihrer Leih-Oma die deutsche Sprache lernen sollen. Bevor es losgeht nach Frankreich, Namibia oder Ägypten wird genau geprüft, ob Bewerberin und Gastfamilie zueinander passen. Für Frauen, die es nicht so weit in die Ferne treibt, gibt es Nachfragen aus ganz Deutschland. Und wer erst einmal das Dasein als Oma auf Zeit ausprobieren will, findet Angebote für zwei bis sechs Au-pair-Monate.

Während einige der Frauen schon dreimal als Oma auf Zeit unterwegs waren, kann Michaela Hansen ihre Au-pair-Pläne von einst immer noch nicht in die Tat umsetzen: „Ich habe ja noch nicht einmal mehr Zeit, in Urlaub zu fahren!“

Granny Au-pair: eine ältere Frau, die als Au-pair arbeitet, also für eine bestimmte Zeit in einer Familie lebt und sich um das Kind oder die Kinder kümmert. Ein Au-pair wohnt und isst kostenlos in der Familie und bekommt ein Taschengeld.
Oma auf Zeit: Oma sein für eine bestimmte Zeit
die Agentur, die Agenturen: hier: ein Büro, ein Unternehmen
sich vor Anfragen nicht retten können: so viele Anfragen haben, dass man sie nicht schnell genug bearbeiten kann
jenseits der 50: 50 Jahre und älter
das vorgefertigte Auslandsabenteuer, die vorgefertigten Auslandsabenteuer: eine Auslandsreise, bei der alles vorher organisiert und geplant wird
im Steigen begriffen sein: zunehmen, mehr werden
vermitteln: hier: eine Stelle als Au-pair beschaffen
die Chemie stimmt: hier: Die Familie und das Au-pair mögen einander und können gut miteinander umgehen.
die Geschäftsreise, die Geschäftsreisen: eine Reise, die man für die Arbeit macht, zum Beispiel, um Kunden zu treffen oder neue Aufträge zu bekommen
die Gutenachtgeschichte, die Gutenachtgeschichten: eine Geschichte, die man einem Kind vor dem Einschlafen erzählt oder vorliest
zuweilen: manchmal
Kost und Logis: das Essen und Wohnen
die Verhandlungssache, die Verhandlungssachen: hier: Man kann über die Dinge reden und sich individuell einigen.
das Fernweh: das Verlangen, weit weg zu fahren
vital: hier: fit, lebendig, aktiv
ungebunden: unabhängig; nicht verheiratet oder in einer festen Beziehung lebend
das Waisenhaus, die Waisenhäuser: ein Haus, in dem Kinder leben, die keine Eltern mehr haben oder deren Eltern sich nicht um sie kümmern können
händeringend: hier: dringend
die Leih-Oma, die Leih-Omas: eine Oma auf bestimmte Zeit; die Oma ist nur „ausgeliehen“
auf Gegenseitigkeit basieren: hier: beide Seiten haben ein Interesse an der Initiative
die Auslegungssache: eine Frage der Interpretation oder Auffassung; hier: Es gibt auch verheiratete Frauen, die gern ein Jahr lang weggehen möchten.
mit etwas liebäugeln: sich etwas wünschen; etwas tun möchten; mit einem Gedanken spielen
der Ruhestand: die Rente; der Lebensabend; die Zeit, in der alte Menschen nicht mehr arbeiten müssen, sondern eine Rente bekommen
an Ort und Stelle: vor Ort; hier: da, wo man Englisch spricht, also in England
binational: zwei Nationalitäten; hier: Die Eltern kommen aus zwei unterschiedlichen Ländern.
der Hintergedanke, die Hintergedanken: hier: ein weiterer Grund, warum Familien möchten, dass eine Deutsche auf ihre Kinder aufpasst
die Alleinerziehende, die Alleinerziehenden: ein Elternteil (meistens die Mutter) zieht das Kind (oder die Kinder) allein groß
es treibt jemanden in die Ferne: Eine Person möchte sehr weit weg fahren.

Worterklärungen

Granny Au-pair: eine ältere Frau, die als Au-pair arbeitet, also für eine bestimmte Zeit in einer Familie lebt und sich um das Kind oder die Kinder kümmert. Ein Au-pair wohnt und isst kostenlos in der Familie und bekommt ein Taschengeld.
Oma auf Zeit: Oma sein für eine bestimmte Zeit
die Agentur, die Agenturen: hier: ein Büro, ein Unternehmen
sich vor Anfragen nicht retten können: so viele Anfragen haben, dass man sie nicht schnell genug bearbeiten kann
jenseits der 50: 50 Jahre und älter
das vorgefertigte Auslandsabenteuer, die vorgefertigten Auslandsabenteuer: eine Auslandsreise, bei der alles vorher organisiert und geplant wird
im Steigen begriffen sein: zunehmen, mehr werden
vermitteln: hier: eine Stelle als Au-pair beschaffen
die Chemie stimmt: hier: Die Familie und das Au-pair mögen einander und können gut miteinander umgehen.
die Geschäftsreise, die Geschäftsreisen: eine Reise, die man für die Arbeit macht, zum Beispiel, um Kunden zu treffen oder neue Aufträge zu bekommen
die Gutenachtgeschichte, die Gutenachtgeschichten: eine Geschichte, die man einem Kind vor dem Einschlafen erzählt oder vorliest
zuweilen: manchmal
Kost und Logis: das Essen und Wohnen
die Verhandlungssache, die Verhandlungssachen: hier: Man kann über die Dinge reden und sich individuell einigen.
das Fernweh: das Verlangen, weit weg zu fahren
vital: hier: fit, lebendig, aktiv
ungebunden: unabhängig; nicht verheiratet oder in einer festen Beziehung lebend
das Waisenhaus, die Waisenhäuser: ein Haus, in dem Kinder leben, die keine Eltern mehr haben oder deren Eltern sich nicht um sie kümmern können
händeringend: hier: dringend
die Leih-Oma, die Leih-Omas: eine Oma auf bestimmte Zeit; die Oma ist nur „ausgeliehen“
auf Gegenseitigkeit basieren: hier: beide Seiten haben ein Interesse an der Initiative
die Auslegungssache: eine Frage der Interpretation oder Auffassung; hier: Es gibt auch verheiratete Frauen, die gern ein Jahr lang weggehen möchten.
mit etwas liebäugeln: sich etwas wünschen; etwas tun möchten; mit einem Gedanken spielen
der Ruhestand: die Rente; der Lebensabend; die Zeit, in der alte Menschen nicht mehr arbeiten müssen, sondern eine Rente bekommen
an Ort und Stelle: vor Ort; hier: da, wo man Englisch spricht, also in England
binational: zwei Nationalitäten; hier: Die Eltern kommen aus zwei unterschiedlichen Ländern.
der Hintergedanke, die Hintergedanken: hier: ein weiterer Grund, warum Familien möchten, dass eine Deutsche auf ihre Kinder aufpasst
die Alleinerziehende, die Alleinerziehenden: ein Elternteil (meistens die Mutter) zieht das Kind (oder die Kinder) allein groß
es treibt jemanden in die Ferne: Eine Person möchte sehr weit weg fahren.
Sabine Szameitat
ist Mitglied des Autorenpools Wortwexxel. Es sind die Menschen hinter den Nachrichten, die sie interessieren. Besonders ältere Menschen haben es ihr angetan und deshalb bilden „Senioren“-Themen einen Schwerpunkt ihrer Arbeit.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
März 2012

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