Kultur und Trends

Anregendes Miteinander – Alt und Jung unter einem Dach

Sternchenthema: Dieser Text auf C1-Niveau ist für Lerngruppen zu empfehlen, die anstreben, das Deutsche Sprachdiplom zweiter Stufe (DSD II) zu erwerben.Sprachniveau: C1

Ob jung oder alt – die meisten Menschen wünschen sich regelmäßige soziale Kontakte. Wenn traditionelle familiäre Strukturen zerfallen, werden Gemeinschaften wie die von Mehrgenerationenhäusern umso attraktiver.

Der demografische Wandel in Deutschland ist in vollem Gange. Im Jahr 2030 werden in der Bundesrepublik mehr als 22 Millionen Menschen leben, die 65 Jahre und älter sind. Laut Statistischem Bundesamt entspricht das einem Anteil an der schrumpfenden deutschen Gesamtbevölkerung von etwa 29 Prozent. Parallel dazu sinkt die Zahl der unter 20-Jährigen auf 12,9 Millionen Personen, das sind 17 Prozent. Hinter diesen Zahlen stecken tiefgreifende Veränderungen, die nicht nur grundlegende Folgen für die Arbeitswelt und die Wirtschaft, sondern auch für das tägliche Zusammenleben von Jung und Alt haben. Daher beschäftigen sich immer mehr Organisationen und Privatleute mit der konkreten Ausgestaltung dieses Zusammenlebens.

Gemeinsam statt einsam

Ein zentrales Thema ist bezahlbares Wohnen im Alter. Davon ist auch Henning Scherf überzeugt. Der ehemalige Bremer Bürgermeister und Autor zahlreicher Bücher mit Titeln wie „Gemeinsam statt einsam“ engagiert sich schon lange für neue Wohnkonzepte insbesondere für ältere Menschen. Zudem fordert der 74-Jährige einen Baustopp für Pflegeheime, die „auf der grünen Wiese“, fernab der Stadtzentren, errichtet werden.

Wohnprojekt der Wohngenossenschaft Amaryllis eG für mehrere Generationen in Bonn | © picture alliance / JOKER
Derzeit bleibt nicht nur in Bremen eine große Zahl an Pflegeplätzen unbesetzt. Den Grund dafür sieht Scherf in dem Wunsch der meisten Menschen, so lange wie möglich selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden und der gewohnten Umgebung wohnen zu bleiben. Dass dafür gerade in Mietwohnungen häufig Grundvoraussetzungen wie Barrierefreiheit, seniorengerechte Badezimmer oder Fahrstühle fehlen, veranschaulicht Scherf bei einem seiner zahlreichen Ortstermine, von dem die Münsterländische Volkszeitung berichtet: „Wir haben rund 40 Millionen Häuser und Wohnungen in Deutschland – davon sind aber weniger als ein Prozent seniorengerecht.“

Senioren-WG: Privatsphäre und Geselligkeit

Immer mehr Wohnungs­bau­genossen­schaften erkennen das Problem und investieren in entsprechende Um- und Neubauten sowie alternative Wohnformen. So hat die Landes-Bau-Genossenschaft Württemberg (LBG) im April 2013 mitten in Stuttgart ihre erste Senioren-WG eröffnet. Diese besteht aus separaten Wohnungen sowie großzügigen Gemeinschaftsflächen, zu denen ein Wohnzimmer mit Essbereich und eine Küche gehören. Die zwischen 60 und 81 Jahre alten Mieter können somit frei entscheiden, ob sie sich in ihre privaten Räume zurückziehen oder mit ihren Mitbewohnern plaudern, kochen und einen geselligen Abend verbringen möchten. „Eine Senioren-WG lässt sich nicht so einfach zusammenstellen wie eine studentische Wohngemeinschaft“, weiß Josef Vogel von der LBG. Nicht nur die baulichen Voraussetzungen sowie die Lage müssen stimmen, sondern auch die „Chemie“ unter den Bewohnern.

Wohnen mit der Wahlfamilie

Das gilt auch für alternative Wohnprojekte, in denen Alt und Jung unter einem Dach leben. Eine solche Hausgemeinschaft hat Henning Scherf bereits vor mehr als 20 Jahren mit seiner Frau gegründet. Als die erwachsenen Kinder auszogen, suchten die Eltern nach neuen Formen gemeinschaftlichen Wohnens. Mit Freunden kauften sie ein Haus in der der Bremer Innenstadt. Seitdem haben einige Bewohner gewechselt, die Altersstruktur der Wohngemeinschaft ist bunt gemischt. „Wir frühstücken regelmäßig zusammen. Dazu laden wir uns der Reihe nach gegenseitig ein, und wenn Gäste im Haus sind, kommen die natürlich dazu. Immer wieder ist auch ein gemeinsamer Urlaub mit Kindern und Enkelkindern drin. Wir sind so zu einer Art Wahlfamilie zusammengewachsen.“

Junge Leute mit Kindern und Ältere sitzen in Apolda (Thüringen) am Frühstückstisch im Mehrgenerationenhaus Apolda | © picture alliance / dpa
So beschreibt Henning Scherf in einem Beitrag für die Zeitung Publik der Gewerkschaft Verdi das Zusammenleben in seinem Zuhause. Wie wichtig soziale Teilhabe und regelmäßige Kontakte zu anderen Menschen fürs Wohlbefinden aller Altersgruppen sind, weiß auch das Projektteam des Fachbereichs Sozialwesen der Fachhochschule Potsdam, das die Studie „Gut Leben im (hohen) Alter“ durchgeführt hat. Dabei ging es unter anderem darum, „neue Lebens- und Unterstützungssysteme vor Ort zu schaffen“, um „Vereinzelung, Vereinsamung und Abschottung“ entgegenzuwirken.“

Miteinander der Generationen

Für ein reges Miteinander der Generationen plädiert auch Henning Scherf. „Kinder sind für alte Leute die allerbesten Therapeuten, sie regen uns an, mobilisieren schlummernde Kräfte in uns.“ Und auch die Kinder profitieren vom generationenübergreifenden Zusammenleben. Oft wohnen die eigenen Großeltern zu weit weg, um regelmäßig Zeit mit ihren Enkeln zu verbringen. Wenn Jung und Alt unter einem Dach leben, übernehmen die älteren Mitbewohner oft automatisch diese Rolle. Im Gegenzug helfen die Jüngeren beim Einkauf, bei kleinen Reparaturen oder dem Installieren eines neuen Computerprogramms.

Abgesehen von praktischen Hilfestellungen ist es aber vor allem der anregende Austausch über alle Alters- und Familiengrenzen hinweg, den die Bewohner von Mehrgenerationenprojekten bereichernd finden. „Wir wünschen uns eine bunte Mischung von Menschen mit unterschiedlichen Berufen und Biografien, vielen Ideen, Talenten, Fähigkeiten und Lebenserfahrungen“, beschreibt auch die Gruppe „Lebendige Nachbarschaft“ ihre gemeinschaftlichen Bauvorhaben in der Nähe von Lüneburg. Wenn traditionelle Familienstrukturen sich auflösen und die Zahl der Single-Haushalte stetig wächst, steigt das Bedürfnis nach Geselligkeit und Geborgenheit in einer selbst gewählten Gemeinschaft. Bei den Alten genauso wie bei den Jungen.

die traditionellen familiären Strukturen: die Großfamilie, in der Kinder, Eltern und Großeltern in einem Haus zusammen leben. Was in vielen Teilen der Welt üblich ist, war zwar in ländlichen Gegenden auch in Deutschland kurzzeitig verbreitet, ist nun aber wieder eine Seltenheit. Die erwachsenen Kinder wohnen meist nicht mit ihren Eltern zusammen - häufig, weil sie für eine Ausbildung oder eine Arbeit in die Großstädte ziehen. Die Großeltern bleiben in ihrem alten Wohnort. Neben der traditionellen Kernfamilie - das heißt Vater, Mutter, Kind(er) - gibt es mittlerweile auch andere alternative Formen der Familie, zum Beispiel Elternteile, die ihr Kind allein erziehen.
das Mehrgenerationenhaus, die Mehrgenerationenhäuser: ein Haus, in dem junge und alte Menschen, die meistens nicht verwandt sind, zusammenleben
der demografische Wandel: die Veränderung der deutschen Bevölkerung. Die Deutschen werden in den nächsten Jahrzehnten immer weniger und immer älter. Die Bevölkerung geht zurück, da mehr Menschen sterben als geboren werden. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter. Es wird in der Zukunft also viel mehr ältere als junge Menschen in Deutschland geben.
in vollem Gange sein: in Aktion sein; in Bewegung sein
das statistische Bundesamt: eine deutsche Behörde, die Informationen zur Wirtschaft und Gesellschaft erhebt, sammelt und analysiert. Sie veröffentlicht diese Informationen in Statistiken. Alle Bürger können sie einsehen.
schrumpfen: weniger werden; abnehmen
im Alter: wenn man alt ist
das Pflegeheim, die Pflegeheime: das Altenheim. Ein Haus, in dem alte Menschen wohnen und von Fachkräften betreut und gepflegt werden
der Pflegeplatz, die Pflegeplätze: ein Platz in einem Pflegeheim
die eigenen vier Wände: die eigene Wohnung
die Barrierefreiheit: alles ist so, dass auch Menschen mit einer Behinderung es gut benutzen können, zum Beispiel Rollstuhlfahrer oder Blinde
seniorengerecht: für alte Menschen geeignet, zum Beispiel durch einen Griff zum Festhalten in der Dusche oder an der Toilette
die Wohnungsbaugenossenschaft, die Wohnungsbaugenossenschaften: eine Vereinigung, die ihre Mitglieder mit günstigen Wohnungen versorgt
die alternative Wohnform, die alternativen Wohnformen: hier: nicht wie gewöhnlich als Familie, Paar oder allein in einer Wohnung wohnen
die Senioren-WG, die Senioren-WGs: mehrere ältere Menschen, die nicht verwandt sind, leben zusammen in einer Wohnung
die Chemie stimmt: hier: Die Menschen mögen die Eigenschaften der anderen und können gut miteinander umgehen
unter einem Dach: in einem Haus
bunt gemischt: sehr unterschiedlich; sehr verschieden
die Gewerkschaft, die Gewerkschaften: eine Organisation, die sich für die Rechte der Arbeiter einsetzt
die soziale Teilhabe: teilnehmen am Leben in der Gesellschaft
die Vereinzelung: hier: allein leben
die Vereinsamung: keinen regelmäßigen Kontakt mit anderen Menschen haben und darunter leiden
die Abschottung: sich in die eigene Wohnung zurückziehen
die Generation, die Generationen: die Altersgruppe; Menschen, die ungefähr gleich alt sind; hier: Es ist gut, wenn Kinder nicht nur mit den Eltern, sondern auch mit den Großeltern aufwachsen oder engen Kontakt zu älteren Menschen haben, die nicht ihre Großeltern sind. Die Kinder können viel von den Älteren und deren Erfahrungen lernen. Auch den älteren Menschen tut es gut, Kinder um sich zu haben.
der Therapeut, die Therapeuten: hier: der Arzt
Kräfte mobilisieren: Energie geben; Kraft geben
generationsübergreifend: hier: Menschen unterschiedlicher Altersgruppen leben zusammen
der Single-Haushalt, die Single-Haushalte: eine Person lebt allein in einer Wohnung
die Geborgenheit: hier: sich sicher und zu Hause fühlen

Worterklärungen

die traditionellen familiären Strukturen: die Großfamilie, in der Kinder, Eltern und Großeltern in einem Haus zusammen leben. Was in vielen Teilen der Welt üblich ist, war zwar in ländlichen Gegenden auch in Deutschland kurzzeitig verbreitet, ist nun aber wieder eine Seltenheit. Die erwachsenen Kinder wohnen meist nicht mit ihren Eltern zusammen - häufig, weil sie für eine Ausbildung oder eine Arbeit in die Großstädte ziehen. Die Großeltern bleiben in ihrem alten Wohnort. Neben der traditionellen Kernfamilie - das heißt Vater, Mutter, Kind(er) - gibt es mittlerweile auch andere alternative Formen der Familie, zum Beispiel Elternteile, die ihr Kind allein erziehen. das Mehrgenerationenhaus, die Mehrgenerationenhäuser: ein Haus, in dem junge und alte Menschen, die meistens nicht verwandt sind, zusammenleben der demografische Wandel: die Veränderung der deutschen Bevölkerung. Die Deutschen werden in den nächsten Jahrzehnten immer weniger und immer älter. Die Bevölkerung geht zurück, da mehr Menschen sterben als geboren werden. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter. Es wird in der Zukunft also viel mehr ältere als junge Menschen in Deutschland geben. in vollem Gange sein: in Aktion sein; in Bewegung sein das statistische Bundesamt: eine deutsche Behörde, die Informationen zur Wirtschaft und Gesellschaft erhebt, sammelt und analysiert. Sie veröffentlicht diese Informationen in Statistiken. Alle Bürger können sie einsehen. schrumpfen: weniger werden; abnehmen im Alter: wenn man alt ist das Pflegeheim, die Pflegeheime: das Altenheim. Ein Haus, in dem alte Menschen wohnen und von Fachkräften betreut und gepflegt werden der Pflegeplatz, die Pflegeplätze: ein Platz in einem Pflegeheim die eigenen vier Wände: die eigene Wohnung die Barrierefreiheit: alles ist so, dass auch Menschen mit einer Behinderung es gut benutzen können, zum Beispiel Rollstuhlfahrer oder Blinde seniorengerecht: für alte Menschen geeignet, zum Beispiel durch einen Griff zum Festhalten in der Dusche oder an der Toilette die Wohnungsbaugenossenschaft, die Wohnungsbaugenossenschaften: eine Vereinigung, die ihre Mitglieder mit günstigen Wohnungen versorgt die alternative Wohnform, die alternativen Wohnformen: hier: nicht wie gewöhnlich als Familie, Paar oder allein in einer Wohnung wohnen die Senioren-WG, die Senioren-WGs: mehrere ältere Menschen, die nicht verwandt sind, leben zusammen in einer Wohnung die Chemie stimmt: hier: Die Menschen mögen die Eigenschaften der anderen und können gut miteinander umgehen unter einem Dach: in einem Haus bunt gemischt: sehr unterschiedlich; sehr verschieden die Gewerkschaft, die Gewerkschaften: eine Organisation, die sich für die Rechte der Arbeiter einsetzt die soziale Teilhabe: teilnehmen am Leben in der Gesellschaft die Vereinzelung: hier: allein leben die Vereinsamung: keinen regelmäßigen Kontakt mit anderen Menschen haben und darunter leiden die Abschottung: sich in die eigene Wohnung zurückziehen die Generation, die Generationen: die Altersgruppe; Menschen, die ungefähr gleich alt sind; hier: Es ist gut, wenn Kinder nicht nur mit den Eltern, sondern auch mit den Großeltern aufwachsen oder engen Kontakt zu älteren Menschen haben, die nicht ihre Großeltern sind. Die Kinder können viel von den Älteren und deren Erfahrungen lernen. Auch den älteren Menschen tut es gut, Kinder um sich zu haben. der Therapeut, die Therapeuten: hier: der Arzt Kräfte mobilisieren: Energie geben; Kraft geben generationsübergreifend: hier: Menschen unterschiedlicher Altersgruppen leben zusammen der Single-Haushalt, die Single-Haushalte: eine Person lebt allein in einer Wohnung die Geborgenheit: hier: sich sicher und zu Hause fühlen
Christiane Polus
arbeitet als freiberufliche Journalistin in Hamburg.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2013

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