Kultur und Trends

Graffiti: mehr als nur Schmiererei

Sprachniveau: B1
Manuel Gerullis Kunst oder Schmiererei? Beim Thema Graffiti sind die Meinungen sehr unterschiedlich. Viele Menschen empfinden Graffiti als Verunstaltung von Wänden. Die meisten jugendlichen Sprayer sehen darin aber eine moderne Kunstform.

„Dabei“, sagt Manuel Gerullis, „gab es Graffiti schon in der Antike. Sie sind eine uralte Form der Kommunikation.“ Der 39-jährige Graffitikünstler erklärt, dass bereits die Ägypter um 2500 vor Christus private Inschriften auf Tempeln, Gräbern oder Statuen hinterließen. Der Begriff „Graffiti“ ist die Mehrzahl des italienischen Worts „graffito“, was eine in Stein geritzte Inschrift bedeutet.

Ein Element der Hip-Hop-Kultur

Dossier Graffiti | © PASCH-net.de

Die Graffitikultur, so wie wir sie heute kennen, begann in New York. Im Jahr 1970 schrieb ein Schüler seinen Spitznamen „TAKI 183“ auf zahlreiche Wände der Stadt. Schnell fanden sich die ersten Nachahmer, bis schließlich eine Jugendbewegung daraus entstand. Am Anfang kritzelten die Jugendlichen nur ihre Kürzel (englisch: tags) mit Filzstiften, wenige Jahre später kamen erstmals Sprühdosen zum Einsatz. Mit diesen Utensilien ließen sich fortan nicht nur Zeichen oder Namen malen, sondern auch große und bunte Bilder (englisch: pieces). Daraus entwickelten sich in den USA verschiedene Graffiti-Stilrichtungen und Sprühtechniken, die 1980 auch in Deutschland bekannt wurden. Von Beginn an ist das Graffitisprühen ein wichtiges Element der Hip-Hop-Kultur. „Ich infizierte mich 1984 mit Hip-Hop“, sagt Manuel Gerullis, der seitdem zu der Wiesbadener Graffitiszene gehört. „Es gibt viele verschiedene Arten von Graffiti, die sich oft nur schwer unterscheiden lassen. Die mittlerweile bekannteste Form ist das so genannte „Writing.“ Buchstaben und Zahlen bilden dabei die Basis des Kunstwerks.

Manuel Gerullis: Was ich mit Graffiti ausdrücken möchte
 
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Sprühen um Anerkennung

Dossier Graffiti | © PASCH-net.de

Graffitisprayer haben verschiedene Gründe, weshalb sie Mauern, Tunnel, Brücken oder Züge besprühen. Manche Jugendliche wollen mit ihren Graffiti Botschaften gegen das einheitliche, lebensfeindliche Grau in den Großstädten protestieren. Andere Sprüher sehen sich als Künstler, die einfach malen wollen. Viele großflächige Graffitis, die auf Wänden zu sehen sind, wurden lange im Voraus geplant. Ein weiteres mögliches Motiv: der Sprayer möchte sich in seiner Clique einen Namen machen. So wetteifern manche Jugendliche um das schönste oder größte Graffito in ihrer Stadt. Generell gilt die Regel: Je schwieriger ein Objekt zu erreichen oder zu besprühen ist, desto größer ist die Anerkennung innerhalb der Szene. Somit wird das Graffitisprühen, vor allem unter den männlichen Jugendlichen, oft zur Mutprobe.

Manuel Gerullis: Warum ich Graffiti sprühe
 
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Internationale Graffitiszene

Die Graffitiszene ist multikulturell und international. Deshalb legen Sprayer großen Wert auf Kontakte zu Graffitikünstlern aus anderen Städten und Ländern. Beliebt in der Szene ist vor allem das internationale „Meeting of Styles“. Seit 1997 organisiert Manuel Gerullis das jährliche Graffitifestival in Mainz-Kastel. „Über 60 Graffitikünstler aus aller Welt folgten im vergangenen Juni unserer Einladung“, erklärt Gerullis. „Gemeinsam besprühten sie die rund 3000 m² große Wand neben der Theodor-Heuss-Brücke – und erstellten so die größte Graffiti-Galerie des Rhein-Main-Gebiets.“

Unerlaubtes Sprühen ist strafbar

Dossier Graffiti | © PASCH-net.de

Viele Erwachsene haben für Graffiti meist nur wenig Verständnis. Was Graffitisprayer als moderne Kunstwerke bezeichnen, wird von vielen Menschen als reine Schmiererei oder Vandalismus empfunden. Vor allem Hausbesitzer sind verärgert über Schriftzüge auf Häuserwänden, die sie gerade erst frisch gestrichen haben. Dabei wissen die jugendlichen Sprayer, dass das illegale Besprühen öffentlicher und privater Gebäude eine Straftat darstellt, die von der Polizei verfolgt wird. Um derartige Schmierereien und die damit verbundenen hohen Reinigungskosten zu vermeiden, stellen immer mehr Städte den Graffitikünstlern Flächen zur Verfügung. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Rheinbrücke in Mainz-Kastel. „Hier können sich die Sprayer mit der Sprühdose verewigen, ohne dabei Gefahr zu laufen, von der Polizei erwischt zu werden“, sagt Manuel Gerullis, der seit Jahren für öffentliche Graffitiflächen kämpft.

Manuel Gerullis: Reaktionen der Bevölkerung auf Graffiti
 
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die Verunstaltung, die Verunstaltungen: eine Handlung, die etwas hässlich erscheinen lässt
die Antike: die Zeit des klassischen griechisch-römischen Altertums von etwa 1200 vor Christus bis 600 nach Christus
uralt: sehr alt
die Inschrift, die Inschriften: in Stein, Metall oder Holz geschriebene Zeichen
das Grab, die Gräber: Stelle auf einem Friedhof, an der ein Toter beerdigt wurde
der Nachahmer, die Nachahmer: jemand, der das Verhalten einer anderen Person möglichst genau kopiert
infizieren: eine Krankheit übertragen (sich infizieren: sich im Schwimmbad mit einem Hautpilz anstecken)
wetteifern: versuchen, besser als andere zu sein
die Mutprobe, die Mutproben: eine Handlung, mit der gezeigt werden soll, dass man eine gefährliche Situation ohne Angst bewältigen kann
der Vandalismus: Beschädigung oder Zerstörung von meist fremdem Eigentum
sich verewigen: dauerhaft Spuren von sich hinterlassen

Manuel Gerullis: Was ich mit Graffiti ausdrücken möchte

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Manuel Gerullis: Warum ich Graffiti sprühe

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Manuel Gerullis: Reaktionen der Bevölkerung auf Graffiti

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