Sternchenthemen

Crossgolf: Wozu braucht man eine Platzerlaubnis?

Sternchenthema: Dieser Text unterhalb des B2-Niveaus ist für Lerngruppen zu empfehlen, die anstreben, das Deutsche Sprachdiplom zweiter Stufe (DSD II) zu erwerben. Sprachniveau: C1
Gewöhnliche Golfspieler fürchten um ihr Handicap. Max von der „Illegal Crossgolf Crew“ fürchtet nur den Fabrikpförtner. Der dreht seine Runden auf dem Gelände einer ehemaligen Zementfabrik, wo Max heimlich seine Schläger schwingt - einmal schon hat er ihn erwischt.

„Ich mag Geräusche”, sagt der 34-jährige Max und lauscht: Wenn er aufpasst, kann er hören wie viele Stockwerke weiter runter er seinen Golfball geschlagen hat. Der Mainzer steht in dem ehemaligen Kühlturm einer stillgelegten Zementfabrik. Er spielt einen Parcours, der über die zahlreichen Löcher im Boden von einem Stockwerk ins nächste führt. Als Crossgolfer macht er jeden Ort, der ihm gefällt, zu seinem persönlichen Golfplatz. „Schickimicki ist nicht so mein Ding“, erklärt er und entzieht sich dem Klischee der elitären Golfanlagen, wo der Porsche vor dem Clubhaus parkt und Zahnärzte in weißen Hosen und Lacoste-Hemden über akkurat geschnittene Rasenflächen ziehen.

„Man kann überall spielen“

Als er in der Fabrik erwischt wurde, hatte er Glück, denn es blieb bei einer Verwarnung. Doch der Pförtner schimpfte: 100 bis 200 Golfbälle lagerten noch im Pförtnerhäuschen, die habe er alle auf dem Grundstück gefunden. „Ich hätte eigentlich sagen sollen: ‚Kann ich die Bälle wieder haben?‘“, scherzt Max, „aber das wäre dann doch etwas dreist gewesen”.

Der Kühlturm der Zementfabrik wurde inzwischen endgültig abgerissen. Max hat seinen liebsten Spielort verloren, aber die Plätze werden ihm trotzdem noch lange nicht ausgehen. Ob auf dem Universitätscampus, in Kiesgruben, zwischen Frachtcontainern am Zollhafen, auf den Dächern von Schrottautos oder einfach mitten in der Stadt. „Man kann überall spielen“, sagt er. Orte sucht er sich im Internet mit Landkartenprogrammen wie MSN Life oder Google Earth.

Auf dem frei zugänglichen Truppenübungsgelände des US-Militärs in Mainz hat er sich sogar einen eigenen Parcours zusammengestellt: Hindernisse sind ehemalige Bunker, Baumstämme oder Betonröhren. „Das ist dort wie ein Naturgolfplatz – die Bedingungen sind fast identisch”, schwärmt er. Als in Mainz ein neuer Autobahntunnel gebaut wurde, spielte er auch dort. Er hofft, eines Tages mit seinen zukünftigen Kindern durch eben diesen Tunnel zu fahren. Und dann kann er zwischen all den schnellen Autos sagen: „Hier habe ich schon mal Golf gespielt”.

Spaß beim Crossgolf? Mit Sicherheit!

Spaß steht im Crossgolf an erster Stelle - – und die Möglichkeit sich mal ein bisschen rebellisch zu fühlen. Die Gruppen tragen ironisch gemeinte „Kampfnamen“ wie „Golfkrieg Hannover”, „Apokalyptische Golf Burschenschaft” oder „Hanumans Schlägertrupp”. Die offiziellen Golfregeln des Deutschen Golfverbandes umfassen 35 Regeln auf 275 Seiten. Crossgolf kommt mit nur einem einzigen Grundsatz aus: Die Sicherheit geht vor. Alles Weitere kann vor jedem Spiel festgelegt werden, etwa ob das Ziel getroffen oder nur auf Schlägerlänge erreicht werden muss. „Je schlechter du spielst, desto mehr Spaß wirst du haben“, ist beispielsweise das Motto einer amerikanischen Golfcrew.

Max hat sich das Golfen mit Übungsvideos im Internet selbstbeigebracht. Einmal hat er an einem Turnier auf einem richtigen Golfplatz teilgenommen, zunächst ohne sich als Crossgolfer zu erkennen zu geben. Als die anderen Teilnehmer schließlich erfuhren, dass er noch nie Trainingsstunden genommen hatte, waren sie durchaus beeindruckt. „Es fehlen eben nur die professionellen Übungsbedingungen“, sagt er.

Die Polizei kommt nicht mehr

Auch Crossgolfer veranstalten Turniere. Das bietet der international wachsenden Szene die Möglichkeit sich zu treffen und einander kennenzulernen. Austragungsorte sind Freibäder in der Nacht oder etwa eine ehemalige Raketenabschussbasis des US-Militärs im Westerwald, einer Mittelgebirgsregion in Westdeutschland. Doch die Turnierteilnehmer schlüpfen nicht heimlich durch ein Loch im Zaun. Die Nutzung des Geländes für ein Turnier ist mit den Besitzern abgesprochen. „Wir wollen ja keine Randale machen”, sagt Max.

Genau das vermuten aber viele Bürger, die den Crossgolfern begegnen. „Am Anfang hat immer mal wieder jemand die Polizei gerufen, wenn ich gespielt habe”, erinnert sich Max. „Aber die Polizisten kommen jetzt schon gar nicht mehr.”

Max hat ihnen erklärt, dass er Rücksicht nimmt, auf Menschen die vorbei laufen. Und er hat ihnen seine Softgolfbälle gezeigt, die er im Internet bestellt hat. „Damit kann man nicht mal ein Auto beschädigen”, sagt er.

Pfeifen auf das Spießertum

Crossgolfer wollen nicht Angst und Schrecken verbreiten, aber auch keine angepassten Spießbürger sein. So passt es, dass die „Natural Born Golfers“ den „Rock‘n Hole“ ausrufen, eine Verbindung von Crossgolf und Punk. 1992 von zwei Deutschen gegründet, zählen die „Natural Born Golfers“ bereits 150.000 Anhänger. Sie organisieren Veranstaltungen und bringen jährlich eine eigene Punkmodekollektion heraus. Auch das Crossgolf-Onlineversandhaus „Taiga Wutz” preist seine Ware mit dem Satz: „Normale Golftaschen sind meist zu groß, zu unhandlich oder zu spießig.”

Unkonventionelle Ideen sind gefragt im Crossgolf. Max und Gabor von der „Illegal Crossgolf Crew“ haben einen pfeifenden Ball entwickelt. Der funktioniert wie ein pfeifender Flaschenhals – mit einem gebohrten Loch. „Wie gesagt: Ich mag Geräusche”, erklärt Max, „da macht das Spielen viel mehr Spaß”. Und einmal hat ein Spaziergänger zu ihm gesagt: „Na, wenn man den Ball schon nicht kommen sieht, dann kann man ihn wenigstens hören.”

Beatrice Tzschentke, Rodgau
Copyright: Li-lak
Januar 2010

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