Sternchenthemen

Kein Wunder

Sternchenthema: Dieser Text auf B2/C1-Niveau ist für Lerngruppen zu empfehlen, die anstreben, das Deutsche Sprachdiplom zweiter Stufe (DSD II) zu erwerben.Sprachniveau: B2
Kein Wunder
Eine Kurzgeschichte von Dimitré Dinev über drei Schwarzarbeiter aus Osteuropa, die in Wien für sechs Euro die Stunde ein Haus bauen.

Die Sonne scheint, die Hitze steigt, drei Schwarzarbeiter bauen in Wien für sechs Euro die Stunde ein Haus. Sie bauen schnell. Sie bauen morgens, sie bauen mittags, sie bauen abends. Bezahlt werden sie freitags oder später, so wie der Herr, der sie gemietet hat, es will. Würde er wollen, dass sein Haus bis an den Himmel reicht, würden sie es gern so hoch bauen. Aber soviel will keiner bezahlen. Der Herr, der sie gemietet hat, ist bescheiden. Nur zwei Stöcke will er, und ein Schwimmbecken. Und bezahlen würde er sie am liebsten später.

Also bauen die drei nur zwei Stock hoch, und der Herr im Himmel bleibt ruhig, weil die Löhne so niedrig und die Herren auf Erden so geizig sind, dass keiner mehr Interesse hat, einen Turm bis an den Himmel zu bauen.

Die drei Arbeiter kommen aus Osteuropa. Der erste, der Meister, ist Tscheche. Seit fünfzig Wintern ist er auf dieser Welt, seit fünf Sommern in Wien. Sein Name ist Karel Nemetz, sein Gesicht noch jung, seine Augen klein und blau, sein Kopf kahl, seine Gedanken in der Heimat, sein Deutsch gut. Er hat auch in Italien gearbeitet. Mit seinem Vater und seinem Sohn hat er dort gearbeitet. Äpfel haben sie gepflückt. Schwere Arbeit sei das gewesen. Auf die Bäume hätten sie klettern müssen. Auf dem einen sein siebzigjähriger Vater, auf dem anderen sein zweiundzwanzigjähriger Sohn und in der Mitte er, Karel. Nicht nur die Männer der Familie Nemetz, alle Männer der Pobedastraße Brno hingen in italienischen Apfelbäumen. Hinauf und hinunter hatte man sie gehetzt, für vier Euro die Stunde. Schlimm. Sehr schlimm. Danach hat Karel in Österreich bessere Arbeit gefunden.

Sein Vater sei inzwischen gestorben, sonst hätte er ihn auch hierher mitgenommen. „Er hat's jetzt ruhig unter der Erde. Keiner kann ihn mehr hetzen, weder hinauf noch hinunter“, sagt Karel, während sie bauen.

Der zweite Arbeiter kommt aus Rumänien, heißt Dan, ist achtundzwanzig, lebt seit sieben Jahren illegal in Wien, hat sieben Kilo abgenommen, schickt seinen sieben Geschwistern immer wieder Geld und, obwohl er mit der deutschen Sprache schon gut umgehen kann, weiß er immer noch nicht, was das Wort Wahrheit bedeutet. Er hat es all die Jahre nicht gebraucht. Ein Visum hat er gebraucht, einen Meldezettel, eine Arbeit, aber nie die Wahrheit. Vor ein paar Tagen hat Karel etwas auf Deutsch erzählt und das Wort verwendet. Dan hatte es nicht gekannt. Karel versuchte eine Weile, ihm die Bedeutung des Wortes zu erklären, aber bald gab er auf. Es war nicht so wichtig.

Der dritte Arbeiter kennt die Bedeutung vieler Wörter noch nicht. Er heißt Juri, ist dreiunddreißig, kommt aus Moldawien, ist vor einem Jahr in Italien vom Schiff gestiegen, hat sich unter die Leute gemischt und ist sechs Monate später plötzlich in Wien aufgetaucht. Deutsch spricht er wenig. Am häufigsten gebraucht er zwei Sätze, die er inzwischen tadellos aussprechen kann. Beide sind Fragen. „Kommt der Chef heute?“ lautet die eine, „Wie lange sollen wir noch auf unseren Lohn warten?“ die andere.

Nun bauen alle drei gemeinsam ein Haus. Sie bauen morgens, mittags und abends. Nur bezahlt werden sie, wann der Chef es will.

Eines Morgens beginnen Juris Hände zu bluten. Nachts hat er, während er auf der Baustelle in seinem Schlafsack schlief, Stigmata bekommen. Da er nicht versichert ist und sich nicht getraut, die Wunden einem Arzt zu zeigen, bleibt den Menschen ein Wunder und der Kirche ein Heiliger vorenthalten. „Es ist vom Schaufeln“, meint Karel und holt Verbandszeug aus der Apotheke. „Schnell, der Chef darf das nicht sehen. Sonst nimmt er einen anderen“, rät ihm Dan. Juri verbindet seine Hände und arbeitet weiter.

Die Sonne scheint, die Hitze steigt, drei Schwarzarbeiter bauen in Wien für sechs Euro die Stunde ein Haus. Sie sprechen deutsch miteinander. Der erste erzählt viel, am liebsten aber, dass sein Vater nie mehr auf einen Apfelbaum hinauf- oder von einem hinuntergehetzt werden kann. Der zweite erzählt wenig und kennt das Wort Wahrheit immer noch nicht. Der dritte hört zu, schaut mal seine Kollegen an, mal in den Himmel und fragt: „Kommt der Chef heute?“ und „Wie lange sollen wir noch auf unseren Lohn warten?“. Gestern hat er Stigmata bekommen. Aber keiner soll etwas davon erfahren. Er verliert sonst seine Arbeit.

Aus: Dimitré Dinev: Ein Licht über dem Kopf. Erzählungen.
© Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien 2005

Der Autor Dimitré Dinev wurde 1968 in Bulgarien geboren. Seit 1986 veröffentlicht er in bulgarischer, russischer und deutscher Sprache. Nach seinem Armeedienst in Bulgarien flüchtete er nach Österreich, wo er einige Zeit im Flüchtlingslager Traiskirchen verbrachte.

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der Schwarzarbeiter, die Schwarzarbeiter: Personen, die eine Arbeit haben, die nicht angemeldet ist und für die keine Steuern und Beiträge für die Sozialversicherung gezahlt werden. Die Sozialversicherung schützt zum Beispiel vor den Folgen von Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Alter.
bescheiden: zurückhaltend; hier: Er will nicht allzu viel.
der Stock, die Stöcke: Etage; Ebene eines Hauses, die höher liegt als das Erdgeschoss
der Herr im Himmel: Gott
geizig: zu sparsam
der Meister, die Meister: Handwerker, der seine Ausbildung mit der höchsten Prüfung abgeschlossen hat und dann andere Arbeiter anleiten kann; hier: Karel ist auf der Baustelle der Experte und zeigt den anderen zwei Arbeitern, was zu tun ist. 
kahl: hier: Karel hat keine oder nur noch sehr wenige Haare auf dem Kopf.
pflücken: Früchte wie zum Beispiel Äpfel von einem Baum, einem Strauch oder einer Pflanze abnehmen
hetzen: hier: treiben
illegal: gegen das Gesetz; hier: Karel hat keine Genehmigung, um in Österreich zu leben.
abnehmen: an Körpergewicht verlieren 
das Visum, die Visa: eine Genehmigung, dass man (für eine bestimmte Zeit) in ein fremdes Land einreisen oder aus einem Land ausreisen darf. Die Genehmigung wird in der Regel in den Pass eingetragen. 
der Meldezettel, die Meldezettel: ein Dokument, das bestätigt, dass man seinen Wohnsitz beim Amt der jeweiligen Stadt angemeldet hat. 
sich unter die Leute mischen: hier: Juri hat sich den anderen Menschen angeschlossen und ist in der Menschenmenge nicht weiter aufgefallen.
auftauchen: hier: plötzlich da sein 
tadellos: hier: richtig gut, ohne Fehler 
das Stigma, die Stigmata: (plötzlich) am Körper eines Menschen auftretende Wunden auf der Haut, die den Wunden ähnlich sind, die Jesus Christus bei seiner Kreuzigung zugefügt wurden. In der katholischen Kirche glaubt man, dass diese Wundmale eine besondere Bedeutung haben.
schaufeln: etwas, zum Beispiel Sand, mit einem Arbeitsgerät (Schaufel) von einer zu einer anderen Stelle schaffen
das Verbandszeug:  Material (zum Beispiel Pflaster), mit dem man Wunden verschließen kann