Sternchenthemen

Wettrennen um Migranten

Sternchenthema: Dieser Text auf B2/C1-Niveau ist für Lerngruppen zu empfehlen, die anstreben, das Deutsche Sprachdiplom zweiter Stufe (DSD II) zu erwerben.Sprachniveau: B2
Integrationskurs  „Deutsch als Fremdsprache“
Die Einwohnerzahl Deutschlands schrumpft. Viele Strukturen lassen sich aber nur erhalten, wenn genügend Menschen sie nutzen. Was können die Deutschen tun, um für die Wirtschaft wichtige, gebildete Migranten anzulocken?

Der Weg zur Altenrepublik ist kurz. Der Wert von 1,4 Kindern pro Paar in Deutschland wird noch unterschritten, während etwa die Skandinavier auf 1,8 bis 2 Kinder kommen. Deutschland erlebt seit einigen Jahren zudem eine Abwanderung von jährlich etwa 790.000 meist jungen Menschen in Richtung Schweiz, Österreich oder den USA. Die Folgen eines weiteren Abzuges lassen sich heute schon in einzelnen Gebieten wie der Prignitz in Brandenburg oder der Lausitz in Sachsen ablesen: Busse und Bahnen werden kaum noch genutzt, Kläranlagen, Stromversorger, Schulen und Krankenhäuser lassen sich kaum noch mit vertretbarem Aufwand in Betrieb halten. Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, bringt es auf den Punkt: „Deutschland muss offensiv gebildete Migranten anwerben und vor allem die Abwanderung von Deutschen stoppen.“

Deutschland braucht Migranten

Die Situation ist grotesk: Der einstige Exportweltmeister Deutschland steuert auf einen wachsenden Facharbeitermangel zu. Gleichzeitig leben hier rund 1,5 Millionen Migranten, die Sozialhilfe nach Hartz IV beziehen. 28 Prozent von ihnen sind nach einer Studie des Duisburger Instituts Arbeit und Qualifikation von 2009 hoch gebildet. Ihre Abschlüsse werden jedoch nicht anerkannt. Diese 420.000 Menschen könnten einen Teil der gesuchten Facharbeiterplätze besetzen. Klingholz stellt auch klar: „Ein arbeitsloser Bergarbeiter aus dem Saarland kann nicht den dringend gesuchten Ingenieur bei Airbus in Hamburg ersetzen.“

„Wir müssen Willkommenssignale setzen“, fordert Prof. Michael Hüther, Leiter des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Jährlich bräuchte Deutschland 400.000 Zuwanderer, allein um den Bevölkerungsschwund auszugleichen. Der Migrationsforscher Klaus Jürgen Bade beklagt, dass immer mehr junge, gut ausgebildete Deutsch-Türken in die Türkei ziehen.

Ausländische Berufsabschlüsse schneller anerkannt

Städte untereinander im Wettstreit

Nun sind die deutschen Städte gefragt. Sie wollen zeigen, dass junge Familien hier gut leben. Rund 16 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln leben in Deutschland. Die heutigen Migrantenhauptstädte sind Frankfurt (38 Prozent der Bevölkerung sind Migranten), Stuttgart (43 Prozent Migranten), Hamburg (27 Prozent Migranten), München (36 Prozent Migranten), Köln (31 Prozent Migranten) und Berlin (25 Prozent Migranten).

Das Städterennen um Migranten ist eröffnet. Die Imagefabriken der Städte produzieren Bilder, die Ausländern imponieren sollen. Die Studie „Ungenutzte Potenziale“ vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sieht die Integration in die deutsche Gesellschaft als vorrangig an. Regional gesehen verläuft die Integration dort besser, wo der Arbeitsmarkt möglichst viele Menschen aufnehmen kann. Umgekehrt stößt sie auf Probleme, wo viele gering qualifizierte Personen mit Migrationshintergrund leben. Auf Bundesländer bezogen weisen daher Hessen und Hamburg relativ gute Integrationswerte auf, besonders schlechte dagegen das Saarland. Bei den Städten fallen München, Frankfurt, Bonn und Düsseldorf positiv auf, während die Bedingungen für Zugezogene in Ruhrgebietsstädten wie Duisburg oder Dortmund sowie in Nürnberg am schlechtesten sind.

Was tun die Städte im Einzelnen?

Frankfurt feilt an einem Integrationskonzept. „Vielfalt bewegt Frankfurt“ heißt die Botschaft. Die Mischung von Ausländern ist groß und vielfältig, sie sind meist gut integriert. Die Stadt gilt als international, schon wegen des größten deutschen Flughafens und der Skyline. Dazu bietet sie viel Grün in der Stadt und der Umgebung, ein Argument für Familien.

Sanierter Stadtteil Tenever in Bremen

Stuttgart will mit Projekten zum Klimaschutz punkten, belebt Jugendwerkstätten, versucht, die Möglichkeiten der Autoindustrie zu nutzen. Die dort wohnenden Migranten kommen vornehmlich aus dem früheren Ostblock, aus dem ehemaligen Jugoslawien sowie aus Südeuropa. Betont wird dort seit neuestem die Kreativwirtschaft, wo junge Ausländer mit ungewöhnlichen Ideen gesucht werden.

München lockt mit seinem hohen Freizeitwert. Die Mehrzahl dort lebender Migranten kommt aus der Europäischen Union und gilt in der Stadt als gut integriert. Um zumindest Schneisen in den Bürokratendschungel zu treiben, bietet die Stadt eine Anlaufstelle für neue Unternehmen an. Wer sich ansiedelt, wird durch alle Höhen und Tiefen der Stadtverwaltung gelotst. Für kreative Ausländer ein Plus.

Hannover setzt auf ein Image als Gartenregion mit hohem Freizeitwert. Es präsentiert sich als Wissenschaftsstandort mit der weltbekannten Medizinischen und der Tierärztlichen Hochschule sowie dem Hirnforschungszentrum INI. Preisgünstige Wohn- und Lebenshaltungskosten bei relativ gutem Verdienst sind weitere Argumente. Der niedersächsische Innenminister versucht, mehr Migranten in den Polizeidienst zu locken und verspricht Anreize.

Auch Berlin möchte mehr Ausländer in den Staatsdienst integrieren. Menschen mit türkischen Wurzeln und frühere Aussiedler aus dem Ostblock führen das Zuwanderergemisch an. Was lockt, ist die Großstadtatmosphäre, der Regierungssitz, die vielen Freizeit-, Kultur- und Sprachmöglichkeiten. Die gezielte Steuerung der Einwanderer und ihre Integration ist ein großes Ziel, wie die Berlin-Studie verrät. Die deutsche Hauptstadt versteht sich hier als „lernende Region für permanente Innovation“ und als Scharnier zwischen Ost und West. Doch das sind Ziele, nicht die Wirklichkeit. Die Autoren der Berlin-Studie fordern deshalb: „Die Stadt muss internationaler werden.“

schrumpfen: kleiner werden
der Migrant, die Migranten: eine Person, die aus einem Land in ein anderes zieht, um länger dort zu leben
anlocken: hier: Menschen aus dem Ausland dazu bringen, nach Deutschland zu kommen und zu arbeiten
die Altenrepublik, die Altenrepubliken: ein Land, in dem vor allem alte Menschen leben
die Abwanderung, die Abwanderungen: hier: Menschen gehen aus Deutschland weg, um in einem anderen Land zu leben
die Kläranlage, die Kläranlagen: die Anlage, in der dreckiges Wasser gereinigt wird
etwas auf den Punkt bringen: etwas genau sagen
anwerben: werben
grotesk: absurd
der Exportweltmeister, die Exportweltmeister: das Land, das weltweit die meisten Produkte in andere Länder verkauft
der Facharbeitermangel: in manchen Branchen gibt nicht genügend Fachleute
die Sozialhilfe nach Hartz IV: Personen, die keine Arbeit haben, bekommen Geld vom Staat, um zu leben
Willkommenssignale setzen: hier: zeigen, dass Menschen aus anderen Ländern willkommen sind
der Bevölkerungsschwund: die Bevölkerung wird weniger
der Deutsch-Türke, die Deutsch-Türken: Personen, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind und deren Eltern oder Großeltern aus der Türkei stammen
mit ausländischen Wurzeln: hier: die Eltern oder Großeltern stammen aus einem anderen Land
die Imagefabrik, die Imagefabriken: hier: die Abteilung in der Stadtverwaltung, die für das Marketing zuständig ist
imponieren: beeindrucken
die Integration: Migranten nehmen am Leben in der neuen Gesellschaft aktiv teil und fühlen sich als ein Teil von ihr
gering qualifiziert: keine oder nur eine schlechte Ausbildung haben
mit Migrationshintergrund: die Eltern oder Großeltern stammen aus einem anderen Land
die Ruhrgebietsstadt, die Ruhrgebietsstädte: eine Stadt im Ruhrgebiet, also in der dicht besiedelten Gegend in Nordrhein-Westfalen, in der Städte wie Bochum, Essen, Duisburg, Dortmund oder Gelsenkirchen sehr nahe beieinander liegen
das Integrationskonzept, die Integrationskonzepte: ein allgemeiner Plan, wie es gelingt, dass Migranten am Leben in der neuen Gesellschaft teilnehmen und sich auch als ein Teil davon fühlen
das Grün: hier: Bäume und Parks
der frühere Ostblock: die Länder Osteuropas, die bis 1989 sozialistisch waren: Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Rumänien, Bulgarien und die Länder der ehemaligen Sowjetunion
die Kreativwirtschaft: die Branchen Marketing und Medien, hier vor allem die Software-Branche
der Freizeitwert, die Freizeitwerte: hier: Es gibt viele Freizeitmöglichkeiten.
Schneisen in den Bürokratendschungel treiben: hier: dabei helfen, dass die Migranten ihren Weg durch die verschiedenen Verwaltungen und Ämter finden
der Staatsdienst: für den Staat arbeiten
mit türkischen Wurzeln: die Eltern oder Großeltern stammen aus der Türkei
der Aussiedler, die Aussiedler: eine Person aus Osteuropa, die die Möglichkeit bekam unter bestimmten Bedingungen nach Deutschland überzusiedeln, zum Beispiel weil die Eltern oder Großeltern Deutsche waren
das Scharnier, die Scharniere:hier: die Verbindung

Worterklärungen

schrumpfen: kleiner werden
der Migrant, die Migranten: eine Person, die aus einem Land in ein anderes zieht, um länger dort zu leben
anlocken: hier: Menschen aus dem Ausland dazu bringen, nach Deutschland zu kommen und zu arbeiten
die Altenrepublik, die Altenrepubliken: ein Land, in dem vor allem alte Menschen leben
die Abwanderung, die Abwanderungen: hier: Menschen gehen aus Deutschland weg, um in einem anderen Land zu leben
die Kläranlage, die Kläranlagen: die Anlage, in der dreckiges Wasser gereinigt wird
etwas auf den Punkt bringen: etwas genau sagen
anwerben: werben
grotesk: absurd
der Exportweltmeister, die Exportweltmeister: das Land, das weltweit die meisten Produkte in andere Länder verkauft
der Facharbeitermangel: in manchen Branchen gibt nicht genügend Fachleute
die Sozialhilfe nach Hartz IV: Personen, die keine Arbeit haben, bekommen Geld vom Staat, um zu leben
Willkommenssignale setzen: hier: zeigen, dass Menschen aus anderen Ländern willkommen sind
der Bevölkerungsschwund: die Bevölkerung wird weniger
der Deutsch-Türke, die Deutsch-Türken: Personen, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind und deren Eltern oder Großeltern aus der Türkei stammen
mit ausländischen Wurzeln: hier: die Eltern oder Großeltern stammen aus einem anderen Land
die Imagefabrik, die Imagefabriken: hier: die Abteilung in der Stadtverwaltung, die für das Marketing zuständig ist
imponieren: beeindrucken
die Integration: Migranten nehmen am Leben in der neuen Gesellschaft aktiv teil und fühlen sich als ein Teil von ihr
gering qualifiziert: keine oder nur eine schlechte Ausbildung haben
mit Migrationshintergrund: die Eltern oder Großeltern stammen aus einem anderen Land
die Ruhrgebietsstadt, die Ruhrgebietsstädte: eine Stadt im Ruhrgebiet, also in der dicht besiedelten Gegend in Nordrhein-Westfalen, in der Städte wie Bochum, Essen, Duisburg, Dortmund oder Gelsenkirchen sehr nahe beieinander liegen
das Integrationskonzept, die Integrationskonzepte: ein allgemeiner Plan, wie es gelingt, dass Migranten am Leben in der neuen Gesellschaft teilnehmen und sich auch als ein Teil davon fühlen
das Grün: hier: Bäume und Parks
der frühere Ostblock: die Länder Osteuropas, die bis 1989 sozialistisch waren: Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Rumänien, Bulgarien und die Länder der ehemaligen Sowjetunion
die Kreativwirtschaft: die Branchen Marketing und Medien, hier vor allem die Software-Branche
der Freizeitwert, die Freizeitwerte: hier: Es gibt viele Freizeitmöglichkeiten.
Schneisen in den Bürokratendschungel treiben: hier: dabei helfen, dass die Migranten ihren Weg durch die verschiedenen Verwaltungen und Ämter finden
der Staatsdienst: für den Staat arbeiten
mit türkischen Wurzeln: die Eltern oder Großeltern stammen aus der Türkei
der Aussiedler, die Aussiedler: eine Person aus Osteuropa, die die Möglichkeit bekam unter bestimmten Bedingungen nach Deutschland überzusiedeln, zum Beispiel weil die Eltern oder Großeltern Deutsche waren
das Scharnier, die Scharniere:hier: die Verbindung
Knut Diers
hat in Gießen Geografie und Volkswirtschaft studiert, war 20 Jahre Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und ist jetzt mit dem Redaktionsbüro Buenos Diers Media selbstständig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010

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