Best Practice

Lesefüchse – ein Debattierprojekt über deutsche Jugendliteratur

Regionalsiegerin Ekaterina aus Nordwestrussland mit dem Buch „Echt“.
1.300 Schülerinnen und Schüler an 130 Schulen lesen vier aktuelle Jugendbücher auf Deutsch. In nationalen und internationalen Debatten diskutieren sie dann ihre Form, Sprache und Themen.


Die Lesefüchse sind eines der größten PASCH-Projekte weltweit. Was 2008 in kleinem Rahmen in der Region Nowosibirsk begann, ist mittlerweile ein länderübergreifendes Projekt, das von Fachberaterinnen und Fachberatern der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) in zehn Ländern durchgeführt wird.
 
Jeden Sommer wählt die Projektleitung neue Bücher für die Lesefüchse aus. Diese werden dann gemeinsam mit Lehrmaterialien an die teilnehmenden Schulen in Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Georgien, der Mongolei, Russland, Belarus, Lettland, Litauen und Estland geschickt. Rund 150 Lehrkräfte haben dann sechs Monate Zeit, sie mit ihren Schülerinnen und Schülern zu lesen, zu bearbeiten und die teilnehmenden Lesefüchse auf die Debatten vorzubereiten. Im Anschluss finden auf Schul-, Landes- und dann auf internationaler Ebene literaturkritische Debatten zu den Büchern statt.

Für die betreuenden Fachberaterinnen und Fachberater dauert jeder Projektzyklus eineinhalb Jahre. Während sie noch die Preisverleihung für den letzten Jahrgang organisieren, lesen sie bereits die Bücher für die übernächsten Lesefüchse, erzählt Projektleiter Jörg Kassner, Fachberater der ZfA in Bulgarien, im Interview mit PASCH-net.  

Jörg Kassner ist Fachberater der ZfA in Bulgarien.

Literatur als Anlass für Diskussionen: Was macht Bücher so besonders geeignet für ein Deutschlernerprojekt?

Ein etwas konservativer Grund ist, dass wir uns als Lehrkräfte dem Kulturgut Buch natürlich verpflichtet fühlen. Trotzdem wählen wir immer moderne, spannende Bücher aus, um die Kulturtechnik Lesen zu stärken, zu fördern und wieder in den Blickpunkt zu rücken. Wir hören oft von den Teilnehmenden, dass sie bisher nur die Pflichtlektüren in der Schule gelesen haben – meist eher ältere Werke. Für sie ist es dann ein großes Erlebnis, sich mit den Jugendbüchern auseinanderzusetzen. Wir freuen uns, wenn wir sie überzeugen können, dass belletristische Literatur ein tolles Medium ist.
 
Lesefüchse InternationalEin weiterer Punkt ist, dass wir versuchen einen individuellen, emotionalen Zugang zu den Büchern zu ermöglichen. Dafür ist im Deutschunterricht oft nicht genug Raum. In den Debatten streiten sich die Jugendlichen über die Themen, finden unterschiedliche Figuren gut und setzen sich mit der Meinung der anderen auseinander. Und um das zu können, müssen sie auch neue Ausdrücke in der Zielsprache Deutsch lernen.

Nach welchen Kriterien werden die Bücher für die Lesefüchse ausgewählt?

Wir wählen absichtlich keine Jugendbuchklassiker wie Werke von Kästner aus. Diese finden die Lehrkräfte auch in Bibliotheken. Wir möchten neue Akzente setzen und vor allem aktuelle und kontroverse Themen behandeln, wie zum Beispiel Migration. Oder das Buch „Drohnenpilot“ in dem ein Jugendlicher über seine Leidenschaft für Computerspiele dazu kommt, bewaffnete Drohnen über das Mittelmeer zu steuern und sich selbst damit mitten in einen Gewissenskonflikt.
 
Die Bücher sollen außerdem nicht älter als drei Jahre und im Original in deutscher Sprache geschrieben sein. Es ist auch durchaus erwünscht, dass die Bücher etwas experimentell daherkommen, zum Beispiel sprachlich oder strukturell. Wichtig ist nur, dass die Fremdsprachenlerner sie verstehen und es schaffen können, sie zu lesen. Wenn wir also ein sehr dickes, komplexes Buch haben, wählen wir noch zwei andere dazu, die nicht so umfangreich sind. Damit versuchen wir auch die unterschiedlichen Sprachkompetenzen aufzufangen. Und wir schauen nach Tabuthemen, die in manchen Regionen einfach nicht gehen. Natürlich fühlen wir uns Themen wie Demokratieerziehung und Zivilgesellschaft verbunden. Aber wir sind auch der Zusammenarbeit mit unseren Gastländern verpflichtet.
   

Kooperieren sie zur Auswahl auch mit Literaturinstitutionen in Deutschland?

Ja, zum Beispiel mit dem Internationalen Literaturfestival in Berlin, das auch seit drei Jahren unser Finale ausrichtet. Außerdem haben wir Kontakte zum Arbeitskreis Kinder- und Jugendliteratur. Wenn es um die Auswahl der Bücher für den nächsten Jahrgang geht, schauen wir uns sehr genau um, welche Werke in Deutschland Preise gewonnen haben. Wir sehen uns die Nominierungsliste für den Jugendliteraturpreis an und verfolgen die Feuilletons der großen Zeitungen.
 
Dann erstellen wir eine Vorschlagsliste mit 12–14 Titeln, die wir mit den Fachberaterinnen und Fachberatern der anderen Länder diskutieren. Hier verpflichten sich alle, einige davon zu lesen und eine kleine Rezension zu schreiben und die wiederum der Gruppe zur Verfügung zu stellen. Am Ende stimmen wir alle zusammen ab, welche Bücher im nächsten Jahr drankommen. Das ist der erste Schritt für eine neue Runde und findet bereits im Sommer vorher statt.

Welche Schritte stehen für Sie als Organisatoren jedes Jahr an?

Ein halbes Jahr vor dem neuen Durchgang, also zu Beginn des Jahres, fragen wir die Teilnehmerzahlen bei den Schulen und den Ländern ab und die Ansprechpersonen an den Schulen. Aufgrund dieser Zahlen bestelle ich dann die Bücher, damit sie möglichst schon vor den Sommerferien bei den Schulen ankommen. Im Juni treffen wir uns dann mit den Kolleginnen und Kollegen und erarbeiten drei Tage lang den neuen Durchgang. Dabei treffen wir organisatorische Absprachen und erarbeiten ein umfangreiches Materialdossier zu jedem Buch. Damit erarbeiten sich die Lesefüchse mit Lehrkräften und kulturweit-Freiwilligen dann ein halbes Jahr lang die Bücher.
 
Dann macht jede Schule zwischen Januar und März ein Schulfinale. Der Rahmen hängt davon ab, wie viele Lesefüchse sich beteiligt haben. Sie präsentieren dort als Literaturkritiker eines der Bücher und diskutieren mit den anderen. Eine Lehrkraft oder ein kulturweit-Freiwilliger moderiert, weil uns wichtig ist, dass hier eine richtige Diskussion entsteht. Hierzu laden wir die ganze Schule und auch die Öffentlichkeit ein. Bücher in der Zielsprache Deutsch zu lesen, ist eine große Leistung und das soll auch honoriert werden.
 
Eine unabhängige Jury kürt dann nach einem Kriterienraster die Siegerin oder den Sieger, die zum Regional- bzw. Landesfinale reisen. Die letzte Runde ist dann die große internationale Veranstaltung, zu der wir alle Landes- und Regionalsieger, insgesamt 14 aus 10 Ländern, nach Berlin einladen.
 
 

Welche Tipps und Materialien geben Sie den Lehrkräften für das Projekt mit?

Für jedes Buch gibt es ein einsprachiges Glossar mit schwierigen Begriffen, die wir auf Deutsch erklären und Materialien, die sich mit dem thematischen Hintergrund des Buches beschäftigen. Es hat zum Beispiel nicht jede Lehrkraft detailliertes Wissen über Fracking – eine Methode zur Gewinnung von Erdgas oder Erdöl. Das versuchen wir dann mit diesen Materialien aufzufangen. Außerdem bieten wir Arbeitsblätter an, mit denen sich die Schülerinnen und Schüler Profile der Figuren erstellen oder die Struktur des Buches analysieren können. Diese Materialien können Lehrkräfte oder kulturweit-Freiwillige nutzen, um die Bücher mit den Lesefüchsen durchzuarbeiten. Meistens stellen wir sie bei einer Auftaktveranstaltung am Anfang des Schuljahrs in unseren Ländern vor. Ob sie das Projekt dann in den Unterricht integrieren oder als Arbeitsgemeinschaft anbieten, bleibt ihnen überlassen.

Wie erleben Sie die Debatten und Veranstaltungen?

Es ist schon eine ziemliche Herausforderung für die Lesefüchse und bewundernswert, dass sie neben dem normalen Schulpensum noch vier Bücher in einer Fremdsprache lesen. Es ist auch o.k., wenn jemand mitmacht und nicht alle Bücher schafft. Der Schulsieger sollte aber schon alle vier Bücher gelesen haben. Bei den Veranstaltungen achten wir sehr darauf, das Engagement der Schülerinnen und Schüler und auch der Lehrkräfte zu würdigen. Wir möchten die Leistung, die alle erbracht haben, wertschätzen. Und die Reise nach Berlin für die Ländersieger ist einfach ein hochattraktiver Preis. Natürlich geht hier am Ende einer als Siegerin oder Sieger hervor. Am wichtigsten ist aber die gemeinsame Woche in Berlin, bei der sie neue Freundschaften knüpfen können.
 
Anne Weißschädel
Redaktion PASCH-net
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