Archiv 2010

Gestern und heute: Wie hat sich das wiedervereinte Land entwickelt?


Seit dem 3. Oktober 1990 ist Deutschland vereint. An diesem Tag traten die Länder der DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Seitdem hat sich viel verändert – national und international. Wie stellt sich die deutsche Einheit aus der Distanz von 20 Jahren dar? Wie hat sich das wiedervereinte Land entwickelt? Ein Essay von Gunter Hofmann.

Eine ansehnliche Bibliothek von Büchern zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1989 und zur endgültigen Vereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober des folgenden Jahres stapelt sich längst auf dem Schreibtisch. Memoiren der beteiligten Politiker aus West und Ost, von Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Wolfgang Schäuble über Tadeusz Mazowiecki und Lech Walesa bis zu George Bush (sen.), James Baker oder Michail Gorbatschow, Augenzeugenberichte von Journalisten, glänzende Quellenstudien zumal amerikanischer, britischer oder französischer Zeithistoriker über das Ende des Kalten Krieges, den Mauerfall und den Zerfall des Sowjetimperiums, der sich parallel zur temporeichen deutschen Wiedervereinigung anbahnte.

Man muss das vorausschicken, weil die deutsche Einheit kein isoliertes Ereignis war, und sie ist ohne den Anteil der europäischen Nachbarn – Polen und Frankreich voran – sowie der Supermächte nicht zu verstehen. Auch wenn der innerdeutsche Prozess viele Kräfte absorbierte und den Blick auf den globalen Kontext oft verstellt hat. Kurzum: Die deutsche Einheit ist – unter dem Strich, bei allem, was man dazu noch bemerken muss – ein gelungenes Experiment, wie es das selten gab in der Geschichte, aber geglückt wäre sie nicht ohne die europäischen Nachbarn. Möglich wurde sie schließlich auch nur, weil die damals verantwortlichen Bonner Politiker sich einig darin waren, dass nur ein „europäisches Deutschland“ und nicht etwa ein „deutsches Europa“ das Ziel sein dürfe. Man beschönigt nicht, wenn man bilanziert, dass die Ostwestdeutschen keinen nationalen Weg gegangen sind. Nein, ihre Größe ist der Republik – und das soll nicht anmaßend klingen – nicht zu Kopf gestiegen.

An den Universitäten zwischen Aachen und Dresden, Rostock und Freiburg beginnt heute die erste Generation derjenigen ihr Studium, die nach dem Mauerfall und der Einheit geboren wurden. Man nähert sich, heißt das, ganz automatisch einer Historisierung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) an, die im 41. Jahr per Beitritt zur Bundesrepublik endete. Gelegentlich wurde versucht, dem Staat ein neues Etikett zu verpassen: „Berliner Republik“ galt als bevorzugte Formel, die ausdrücken sollte, dass da etwas völlig Neues entstanden sei. Aber selbst solchen Charakterisierungen gegenüber blieb diese Gesellschaft skeptisch. Mit Grund, sie klangen zu vollmundig. Die Beitrittsmodalitäten für die DDR beziehungsweise die fünf ostdeutschen Länder entsprachen im Übrigen ja tatsächlich keinem Anfang von Grund auf, das Grundgesetz galt weiterhin, zu einer neuen Verfassung kam es nicht. Schon der Schüler- und Studentengeneration des Jahres 2010 wird nicht mehr zu vermitteln sein, weshalb diese Art des Beitritts – ohne explizite Volksabstimmung, ohne Wahlen, einfach ein Anschluss als Rechtsakt – seinerzeit zu so viel Erregung führte.

Überspitzt wäre es zwar zu sagen, dass sich die kulturellen Differenzen bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst haben. Es war kein leichtes Beginnen. Der brain drain, die Abwanderung junger Leute aus Ostdeutschland, die Ausbildungs- und Berufschancen nachzogen, der Verlust von im Saldo mehr als zwei Millionen Menschen im Ost-West-Austausch, das Verschwinden von rund zwei Dritteln der gesamten DDR-Industrie, die explosionsartig steigende Arbeitslosigkeit, die Überführung der staatseigenen Betriebe mit Hilfe der „Treuhand“ in privaten Besitz (oder ihre endgültige Abwicklung) – das alles beschreibt ja harte, oft bittere Realität. Die breite Mehrheit der Bevölkerung im Osten, die den schnellen Beitritt herbeisehnte und auch den Eins-zu-eins-Umtausch der Mark wünschte, verlor beinahe über Nacht ihre Existenzsicherheit, ihre Jobs, musste umlernen und sich einstellen auf komplett neue Lebensverhältnisse. Darauf war es zurückzuführen, dass in den ersten zehn Jahren so etwas wie „Ostalgie“ einsetzte, eine gewisse Trauer darüber, nicht nur die Freiheit (und sichere Renten) gewonnen, sondern auch etwas verloren zu haben. Im Westen mit seinen gewachsenen Strukturen, seiner Wohlhabenheit, der Planbarkeit des eigenen Lebens, fiel es schwer, das nachzuempfinden. In dem Sinne war die „Mauer in den Köpfen“, von der lange Jahre die Rede war, vermutlich im Westen sogar noch höher als im Osten, wo der „Beitritt“ allmählich doch auch seine positive materielle Seite zeigte – zusätzlich zu dem Unbezahlbaren, der gewonnenen Freiheit.

Der Osten schloss nicht ganz auf, Löhne und Gehälter sind bis heute meist spürbar niedriger, das Bruttoinlandsprodukt liegt pro Kopf etwa 30 Prozent unter dem des Westens. Dass Teile Ostdeutschlands nicht der Hort „blühender Landschaften“ werden könnten, von denen Kanzler Helmut Kohl einmal gesprochen hatte, lässt sich immer noch nicht ausschließen. Gleichwohl: Allein schon der „Fonds Deutsche Einheit“, der in den ersten viereinhalb Jahren 115 Milliarden DM zur Verfügung stellte, seit 1993 der erste Solidarpakt (der dazu dienen sollte, die Lebensverhältnisse anzugleichen), der bis heute verlängert wurde, ein Transfer von West nach Ost in 20 Jahren von 1,6 Billionen Euro bloß für Pensionen, öffentlichen Dienst, Straßenbau, Stadtsanierung oder das Ankurbeln von Investitionen, alles zusammen hat die „neuen Bundesländer“ mitsamt der neuen Hauptstadt Berlin doch auf eine verblüffende Weise verändert.

Und dennoch gewinnt man mit solchen Zahlen ein falsches Bild. Bunter ist die Bundesrepublik geworden, gewiss auch sozial zerklüfteter, widersprüchlicher. Zwischen Nord und Süd, zwischen Metropole und Provinz, zwischen Berlin und München offenbaren sich ebenso Differenzen wie zwischen Ost und West. Erledigt hat sich weithin der Streit, dass der Einigungsprozess selber hätte anders verlaufen können. Die Umstände, könnte man sagen, ließen ein „Innehalten“ nicht zu, wie es der damalige Präsident Richard von Weizsäcker, aber auch viele ostdeutsche Intellektuelle wünschten, die Mehrheit drängte auf eine blitzschnelle Vereinigung, und Kanzler Helmut Kohl setzte sich an die Spitze dieser Bewegung.

Zu einer Konvergenz von Ost und West ist es dennoch in vielen Bereichen gekommen, die Universitäten von Halle und Jena bis Frankfurt/Oder oder Greifswald – inzwischen keineswegs mehr nur attraktiv für Studierende aus der näheren Umgebung – bieten kleinere Lehreinheiten, bessere Arbeitsbedingungen, modernere Technik. Sachsen, Brandenburg oder Teile Mecklenburg-Vorpommerns und Thüringens übertreffen mit ihrer Wachstumsdynamik selbst florierende Länder im Westen wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Als einzige „Krisenzone“ jedenfalls kann man den Osten nicht länger ausmachen. Und in Krisen können Länder und Kommunen im Westen ebenso geraten. Klimakrise? Finanzmarktkrise? Haushaltskrise? Die Verhältnisse applanieren die Differenzen von gestern.

Darauf zu verweisen, heißt nicht, das Fremde, Disparate zu ignorieren. Soziale Brüche, sagt der Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer, die auf Ausgrenzung und Nicht-Anerkennung beruhen, zeigen sich in West wie Ost, dort allerdings noch dramatischer. Zwei Drittel der Bewohner im Osten sagen, sie würden als Bürger zweiter Klasse behandelt, und sogar drei Viertel fühlen sich real benachteiligt gegenüber den Menschen im Westen. Zugleich aber, das gehört gleichfalls in diesen Zusammenhang, ist eine übergroße Mehrheit im Osten der Ansicht, ihre friedliche „Oktoberrevolution“ von 1989 sei ein Erfolg gewesen, und ebensolche breite Mehrheiten in Ost und West äußern sich positiv zur herrschenden Demokratie.

Die „Erfahrung des Scheiterns“ hätten die Ostdeutschen den Westdeutschen jedenfalls voraus, mutmaßte schon vor einigen Jahren der Essayist Friedrich Dieckmann. Tatsächlich könnte es sich durchaus als Vorteil erweisen, dass die mängel- und krisengebeutelte Gesellschaft im Osten auf Krisen gelassener und beweglicher reagiert als diejenigen, die in der westlichen Wachstumsgesellschaft aufwuchsen. Und nebenbei – sind nicht die Malerschulen um Neo Rauch und die jungen Wilden in Dresden und Leipzig, Gerhard Richter, die Schriftsteller von Thomas Brussig bis Uwe Tellkamp und Ingo Schulze, nicht zuletzt Filmemacher („Sonnenallee“ und „Good bye Lenin!“) ein Indiz für kreative Widerständigkeit und Eigensinn?

Meine Vermutung läuft darauf hinaus, dass sich eine kulturelle Konvergenz abzeichnet, die uns auf ganz neue Weise eint und trennt – aber eben nicht nach dem Ost-West-Schema. Dass der Westen als „Sieger“ aufgetreten sei, in Wahrheit aber ohne ein Korrektiv im Osten nicht auskomme („ohne Osten kein Westen“), haben Schriftsteller und Intellektuelle im Osten wie Daniela Dahn zwar schon lange moniert. Wenn aber ein Autor wie Ingo Schulze, Jahrgang 1962, schreibt, „die Diskussion, die 1990 nicht geführt wurde, könnte und sollte jetzt stattfinden“ –, spricht er damit nicht etwas aus, was viele in Ost und West miteinander verbindet? Er wendet sich gegen die vollkommene Ökonomisierung des Lebens – die keine Erfindung der Westrepublik war, wie sich zeigt, sondern ein „systemisches“ Problem. In Schulzes Worten: „Wachstum und Gewinnmaximierung haben als Wünschelrute, die uns in die Zukunft führen soll, ausgedient. Die Klimaberichte geben uns noch fünf bis zehn Jahre, um die Notbremse zu ziehen. Während wir versuchen, den Konsum anzufachen, hat eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen, kein sauberes Wasser... Der Internationalisierung der Wirtschaft muss eine Internationalisierung der Bürgerinnen und Bürger folgen, also eine Internationalisierung der Politik. Über 20 Jahre friedliche Revolution zu sprechen und zu streiten heißt auch, über unsere heutige Welt nachzudenken.“

Ich denke nicht, dass es sich dabei um eine isolierte Stimme handelt, auch wenn Ingo Schulze mit seinem Urteil die Meinungen sicher teilt. Auch eine andere Erregung verflüchtigt sich. Nicht mehr annähernd so kontrovers wie während der Startjahre verläuft nämlich die Debatte über den angemessenen Umgang mit der Vergangenheit. Sie handelte, genauer, davon, wie gründlich die Aufklärung über das Ancien Régime in Ostberlin ausfallen soll, wer strafrechtlich von den SED-Bonzen oder Stasi-Verfolgern zu belangen sei, wie Opfer entschädigt werden können und wem ein „Recht auf Irrtum“ beziehungsweise die Chance auf Re-Integration gewährt würde. Eine Enquete-Kommission des Bundestags zur Aufarbeitung der „Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ versuchte den in 40 Jahren aufgestauten Unmut zu kanalisieren, auch das „Stasi-Unterlagengesetz“ und die Einrichtung der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR trug viel zu einer geordneten Auseinandersetzung bei.

Bei aller verständlichen Kritik – letztlich ist es geglückt, einen Mittelweg zu finden zwischen ehrlicher Vergangenheitsinspektion und dem Wunsch, den Keil nicht bis zur Spaltung und Paralysierung der eigenen Gesellschaft weiterzutreiben. „Die Täter sind unter uns“, lautet zwar der Titel einer Anklageschrift. Der Autor, Hubertus Knabe, der selbst mit der „Aufarbeitung“ von Stasi-Akten betraut war, hält daran fest, dass viele alte Seilschaften ungestraft davonkamen oder heimlichen Einfluss behalten hätten, und viele informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit würden gedeckt oder fänden Unterschlupf in der „Linkspartei“. Dieser Partei gelang 1990 als Nachfolgepartei der Sozialistischen Einheitspartei (SED) der DDR, damals noch unter dem Namen PDS, der Einzug in den Bundestag. Sie ist die jüngste politische Kraft in Deutschland und besonders stark in den fünf neuen Ländern vertreten. Aber auch in den übrigen Ländern ist sie inzwischen in die Landtage eingezogen und war Auslöser dafür, dass sich in Deutschland heute ein Fünf-Parteien-System etabliert hat. Aber auch die Frage nach einer Stasi-Vergangenheit ihrer Mitglieder wird nicht mehr erregt gestellt, sie rückt zunehmend in historische Perspektive.

Was war die DDR? Ausgerechnet der kluge Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler hat zum Abschluss seiner mehrbändigen „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ diesen aus sich heraus überlebensun¬fähigen Staat als bloßen Satrapenstaat beschrieben, mit einer insgesamt gekrümmten und angepassten Bevölkerung, der keines näheren Blickes bedürfe. Nichts von diesen 41 Jahren gelebten Lebens, hieß das für die Betroffenen, verdiene Anerkennung. Er verletzte viele im Osten. Aber auch diese Kontroverse, scheint mir, rückt in den Hintergrund. So, wie selbst die mutigen Oppositionellen aus DDR-Zeiten 20 Jahre nach der Vereinigung ohne Zorn darüber sprechen, dass sie in den Jahren 1989/90 schlicht überrollt wurden von der Vereinigungslawine. Sie waren die Demokraten, aber sie störten. So gingen sie unter. Die Bürger, so Ingo Schulze, seien nicht als Bürger angesprochen, sondern mit Wahlversprechen (D-Mark sofort, blühende Landschaften) aus der Verantwortung entlassen worden. Der Vereinigung, sagt Jens Reich, der 1994 für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte, hafte seitdem ein „demokratisches Defizit“ an, aber er spricht ohne Wehmut, die Geschichte ist einfach darüber hinweggegangen.

Was ist aus dem gemeinsamen Land geworden? Für die Bundesrepublik gibt es kein überzeugendes, griffiges Etikett, das sie im Kern beschriebe. Die Einheit hat das Land gewaltig verändert, mehr wohl, als es sich eingestehen will. Über die Fortsetzung des „europäischen Weges“ herrschte bislang jedenfalls Konsens. Auch der Osten Europas, voran Polen, wurde integriert. Sagen wir so: Eine Interessengemeinschaft ist daraus geworden, ein bisschen zerfranst und businesslike, aber stabil, und nicht mehr von der bohrenden Frage geplagt, ob die „zwei Seelen der Halbnationen“ (Karl-Heinz Bohrer), Ost und West, sich zu weit auseinandergelebt haben oder doch neu zusammenwachsen. So selbstverständlich ist das bereits, dass man sich bald nur noch anlässlich von Jahrestagen daran erinnern wird, dass es nicht immer so war.

01.10.2010
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