Archiv 2010

Gegenseitiges Lernen und Staunen


16 PASCH-Schulleiter aus Mittelamerika und Mexiko besuchen mit dem GI in Düsseldorf und Berlin Schulen, Ministerien, Studienseminare und Ausbildungsbetriebe. Zu Verblüffung kommt es da auf beiden Seiten.

„Was haben wir nicht alles gesehen, erlebt, gelernt! Diese ganzen Eindrücke müssen sich jetzt erst einmal setzen.“ Rocío Rojo Gómez, Leiterin des VW-Sprachengymnasiums im mexikanischen Puebla, klingt beinah atemlos, als sie auf dem Frankfurter Flughafen aufs Boarding nach Mexiko-Stadt wartet. Eine dichte Woche liegt hinter ihr und ihren 15 Kolleginnen und Kollegen, allesamt Leiter von Partnerschulen der Bundesrepublik in Mexiko, Guatemala, Costa Rica und Panama. Auf Einladung des Goethe-Institutes hatten die Direktoren der Sprachdiplom- und „Fit“-Schulen in Berlin und Düsseldorf Schulen und Ministerien, besucht sowie Ausbildungsbetriebe, Lehrerausbildungsseminare und das Weltkulturerbe „Zeche Zollverein“ in Essen. Für fünf der 16 Gäste war es der erste Aufenthalt in Europa überhaupt.

Fotomotiv: Fahrradwege

Nach dem Transatlantikflug und der Zwischenlandung in Frankfurt beginnt die Delegationsreise mit der Fahrt vom Flughafen Berlin-Tegel zum Hotel in Prenzlauer Berg. Am Samstagabend sind nur wenige Autos in der deutschen Hauptstadt unterwegs – die erste Überraschung für die Gäste, die die chaotische Fahrweise und chronisch verstopften Straßen mittelamerikanischer Metropolen gewohnt sind. Selbst Fahrradwege werden so zum attraktiven Fotomotiv. Betroffenheit am nächsten Morgen beim Besuch der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Ecke Bernauer/Ackerstraße. Vor dem original erhaltenen Wachturm und in der Dokumentationsstätte gegenüber müssen die Begleiter Andrea Ruf und Nicolas Grossmann vom Goethe-Institut Berlin viele Fragen beantworten. Gebannt schauen die Reisenden aus Mittelamerika auf die Schwarzweiß-Szenen, die dramatische Fluchtversuche durch Stacheldraht und die Absurdität der ehemaligen Teilung der Stadt illustrieren. Bei der anschließenden Stadtrundfahrt präsentiert sich Berlin bei schönstem Kaiserwetter, zum Höhepunkt des Tages avanciert die Besichtigung des Reichstagsgebäudes.

Einer der vielen Termine im Laufe der Woche ist der Besuch im Goethe-Institut Berlin. Bei der Vorstellung des deutschen Schulsystems staunt Elias Gonzalez, Referent im Erziehungsministerium von Panama, über die deutschen Regelungen zu Mutterschutz und Elternzeit. Kopfschütteln bei Hannia Araya Abarca, Leiterin der Franz-Liszt-Schule in Costa Rica: „Dass auch Väter zur Betreuung eines Kindes auch nur vorübergehend zu Hause bleiben, wäre bei unserem Familienverständnis noch unvorstellbar.“ Ungewohnt ist auch dieser Rollentausch: Bei einem Mini-Sprachkurs lernen die Schulleiter erste elementare Redewendungen der deutschen Sprache. „Guten Tag, ich heiße Armando Soltero Macías“ oder auch „Mir geht es gut, und Ihnen?“ sind Wendungen, die an den kommenden Tagen immer wieder gerne eingeworfen werden.

Besuchstermin im Auswärtigen Amt

Beim Besuchstermin im Auswärtigen Amt ist die weite Welt noch ein Stückchen näher. Neben einer Lateinamerika-Konferenz findet zeitgleich die Botschafterkonferenz statt, zu der alle deutschen Botschafter einmal jährlich an den Werderschen Markt Nummer eins einbestellt werden. Im „Saal des 20. Juli“ erläutert die PASCH-Beauftragte des Auswärtigen Amtes, Dr. Katharina Ochse, das Zusammenwirken der unterschiedlichen Mittler, die ausländischen Partner häufig etwas verworren erscheint. „Am Beispiel unserer Schule kann man aber gut veranschaulichen, wie das funktioniert“, bemerkt Sonia Bojórquez, Leiterin der DSD-Schule Álvaro Obregón im Mennonitengebiet des mexikanischen Bundesstaates Chihuahua. „Die ZfA führt das Sprachdiplom durch und hat uns eine Bundesprogrammlehrkraft vermittelt, der PAD schickt uns Kulturweit-Freiwillige und schreibt Stipendien aus, und vom Goethe-Institut haben wir zum Auftakt der PASCH-Initiative, vor dem Übergang zur DSD-Schule, moderne Lehrbücher erhalten.“ Mit Blick auf das Kampagnenjahr „Deutsch – Sprache der Ideen“ wirbt Katharina Ochse für die intensivere Nutzung der PASCH-Webseite als Forum und Kontaktbörse. Einmütiges Nicken bei den Schulleitern, hatten sie doch schon bei der Direktorenkonferenz zum Auftakt der Deutschlandreise versichert, künftig vermehrt ihre Lehrkräfte und Schüler zum Gebrauch der Seite zu motivieren.

In der Joan-Miró-Grundschule mit zweisprachigem Europazweig hören die Gäste aus Mittelamerika erst fasziniert von „Förderbändern“, „bilingualen Profilen“ und dem jahrgangsstufenübergreifenden Unterrichtskonzept, um dann ungläubig zu fragen, wie es sein könne, „dass der stellvertretende Leiter einer solchen Schule nur vier Stunden Unterrichtsentlastung für seine Führungstätigkeit erhält“. Beim Treffen mit dem Oberstufenkoordinator der ebenso zweisprachigen Friedensburg-Oberschule, Wilfried Stotzka, werden eher Fragen der Konfliktlösung unter Teenagern thematisiert.

Auch Marita Hebisch-Niemsch, verantwortlich für Internationales bei der Berliner Senats-Schulverwaltung, stellt sich den Fragen der Direktoren. Die Oberschulrätin räumt ein, dass es in Familien mit Migrationshintergrund häufig zu Problemen im Umfeld Schule komme. „Zu deren Lösung benötigen wir noch viel Zeit und Geld.“

Deutsche Gerichte im ICE-Bordrestaurant im Nu ausverkauft

Mit der deutschen Küche haben die Gäste aus der Neuen Welt keine Probleme. Als die Gruppe mit dem ICE von Berlin nach Düsseldorf weiterreist, meldet der Chef im Speisewagen schon kurz vor Wolfsburg: „Alle typisch deutschen Gerichte ausverkauft!“ „Das Oktoberfest naht, das merkt man den Speisekarten an“, so Rafael Cravioto, Koordinator der gymnasialen Oberschulen der Universität im mexikanischen Pachuca. „Und bei Leberkäse oder Rostbratwürstchen können wir Mexikaner einfach nicht nein sagen.“

In Nordrhein-Westfalen runden ein Besuch im Schulministerium und im Studienseminar für Lehrämter an Schulen in Düsseldorf das Programm ab. Nun ist der Fokus auf Ausbildung gerichtet. Bettina Fischer aus dem Referat Internationales begrüßt die Gäste, Ute Wohlgemuth erläutert das System der in Deutschland so erfolgreichen dualen Ausbildung mit Berufskollegs und Ausbildungsbetrieben. Trotz tagelangen Inputs stoßen immer mal wieder die unterschiedlichen kulturellen Kontexte aufeinander. So fragt Rafael Cravioto, wie viel Prozent der jungen Menschen in NRW denn beschult würden. Bettina Fischer scheint zunächst die Frage nicht zu verstehen, dann antwortet sie: „Natürlich hundert.“ Rocío Rojo Gómez, die Chefin des VW-Sprachengymnasiums, tauscht mit Juliane Krüger, der Dezernentin für Spanisch an Gymnasien in NRW, Kontaktdaten aus, um möglichst bald einen Schüleraustausch mit einer Schule an Rhein oder Ruhr anzustoßen.

Besonders beeindruckt sind die Schulleiter von der zweistufigen Lehrerausbildung in Universität und Seminar. José Manuel Jurado, Leiter einer der Universitätsgymnasien in Guadalajara: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum man an diesem Erfolgsmodell rütteln möchte.“

Immer wieder wird beim Austausch unter den Gästen nach den Terminen deutlich, wie die gemeinsamen Erlebnisse die Gruppe zusammenschweißen, der Vernetzungsgedanke des Kampagnenjahres „Deutsch – Sprache der Ideen“ tatsächlich umgesetzt wird. Immer wieder tauschen die Schulleiter untereinander ihre Kontaktdaten aus, vereinbaren künftige gemeinsame Treffen. Bevor ein zünftiges Abendessen im Traditionsbrauhaus Schumacher die Besuchswoche beschließt, besuchen die Gäste noch das Ausbildungszentrum der Deutschen Telekom in Düsseldorf. Dort berichten zwei „Azubis“ von ihren komplexen Ausbildungsberufen. Sie schmunzeln verschmitzt, als sie gefragt werden, wie viel denn ihre Eltern im Monat „für diese hervorragende Ausbildung“ zahlen müssten. „In Deutschland werden die Auszubildenden bezahlt!“ Nun sind es wieder die Gäste, die staunen. Bei der Auswertungsrunde abends im Hotel fasst José Manuel Jurado zusammen: „Wir haben sehr viel gelernt in dieser Woche. Nun müssen wir schauen, welche der vielen Anstöße und Anregungen wir an unseren Schulen und in unseren Ländern umsetzen können und dafür sorgen, dass unsere Schulen, Lehrer und Schüler sich wirklich sichtbar vernetzen. In jedem Fall ist uns allen viel deutlicher geworden, dass hinter den pädagogisch-didaktischen Erwartungen und Wünschen des Goethe-Instituts an uns keine Willkür steht, sondern ein entwickeltes Welt- und Menschenbild – und komplexe didaktische Leitvorstellungen, bei denen der Schüler stets im Mittelpunkt steht.“

28.09.2010
Quelle: ZfA-Fachberatung Mexiko

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