Archiv 2010

Zeig mir Albanien!


Gegenbesuch des Albeck-Gymnasiums Stuttgart /Sulz a.N. beim Gjimnazi Sami Frasheri im Rahmen der Projektpartnerschaft.

Die vier Schülerinnen und ihre Lehrerin und ihr Lehrer aus dem kleinen Städtchen Sulz a. N. in der Nähe von Stuttgart verschwanden in die Menge der vor der Sicherheitskontrolle Wartenden des „Mutter Theresa-Flughafens“. Ab und zu reckte sich noch eine winkende Hand, dann war der erste Besuch der deutschen Gruppe vom Albeck Gymnasium Sulz beendet. Besonders die albanischen Schüler bedauerten in diesem Moment, nicht mehr Zeit für Ihren exklusiven deutschen Besuch gehabt zu haben, sah doch das eigene Programm noch so Vieles vor.

Das offizielle Programm hatte die deutschen Besucher stark vereinnahmt, stärker als geplant, da es auf ein so unerwartetes, anhaltendes Interesse stieß. Dazu kam eine bewundernswerte Bereitschaft, körperlichen Einsatz zu zeigen. Ob beim regnerischen Geländeaufstieg über Schutterosionen zur Petrela-Burg, einer der Wachburgen des skipetarischen Helden Skanderbeg südlich von Tirana oder bei dem Abstieg in den Erzen-Canyon und der Kletterei über riesige Gesteinsbrocken oder durch Dornengestrüpp dicht oberhalb des tosenden Wassers aus dem Canyon heraus. Es ging darum, die typischen Geländeformationen der albanischen Landschaft zu erkunden, die eingebrochenen Meeresterassen vor den auf 1600 m ansteigenden Gebirgsformationen am östlichen Rand von Tirana. Ausgangspunkt war die Pallumba-Höhle, entstanden durch eine glaziale Aufsprengung des Gesteins. Hier hatte Professor Doka von der Universität Tirana seinen Vortrag zur physischen Geographie begonnen. Die Begehung der stockdüsteren Höhle so tief wie nur möglich war unwiderruflich angesagt. Dann der steile Abstieg in Canyon. Am Ende schließlich, wo sich das Gelände zum Kulturland öffnete und das Wasser in ruhigere Bahnen geriet, kam die Belohnung: Baden erlaubt.

Baden verboten war dann allerdings in den hoch auflaufenden Wellen des Ionischen Meeres auf den Strand von Dhermi. Noch am Vortag hatte der Versuch, im Meer zu schwimmen, einem Waschgang der Schleuderstufe geglichen. Nach einer Nacht in kleinen weißen Strandhütten ging’s von Dhermi über die boomende Badestadt Seranda landeinwärts, entlang des Bistrica-Flusses nach Girokastra. Mit dem GTZ/Cim Experten Dömpke, zuständig für Denkmalpflege, erlebten die Schüler an der Seite deutsch lernender Schülern aus Girokastra einen Stadtrundgang auf den Spuren des Dichters Kadare vorbei an den notdürftig abgestützten Ruinen und grandiosen Turmhäusern, vorbei an den verbürgten Orten des Romans Chronik in Stein bis hin zum Geburtshaus des Schriftstellers. Ein Gang von Orten, an denen die Geschichte verloren geht, zu Orten, an denen sich die internationale Gemeinschaft und Einheimische dagegenstemmen.

Eine Diskussionsrunde in der Botschaft mit Kennern des Landes und ein Empfang beim Kultusminister Tafaj ermöglichten, die vielfältigen Eindrücke von Exkursionen und Hospitationen zum Gespräch zu machen. Politiker und Experten allerdings neigen dazu an der einen oder anderen Stelle abzuheben. Das durfte mal sein.

Die großzügige Unterstützung der Reise und Projektpartnerschaft durch RWE machte die Beschäftigung mit Fragen der Energieversorgung zur Pflicht. Mit einigen Winkelzügen hatte die Leiterin der bilingualen Physik-Ag T. Ködderitzsch einen Besichtigungstermin der Turbinenwerke der dritten Staustufe des Drin in der Nähe von Shkodra erreicht. So ganz war nicht klar, ob der Gast wirklich willkommen war. Der Leiter der Anlage war allerdings in der Moderne angekommen und zu Hause in der Welt der Turbinentechnik. 80% - 90% des in Albanien produzierten Stroms kommen von den 3 Staustufen mit ihren Turbinenwerken. Die chinesischen Turbinen aus den 70-ger Jahren sind ersetzt, die Regeltechnik wird digitalisiert. Stromausfälle in Albanien? Nicht das Problem des Produzenten, vielleicht die Verteilernetze. Niedrigwasserstand? Zu politischen Rechtfertigungen kein Kommentar. Reicht Wasserkraft? Das muss die Politik entscheiden. Auch das sind Antworten. Dennoch Respekt vor der technischen Leistung einer Zähmung von den riesigen Wassermassen des Drin und seiner Zuflüsse in drei Staustufen quer durch Albanien.

Ein Abschlussabend, auf dem die Schülerinnen Ihre Fotostrecken kommentierten, nachmittags saßen sie noch in der Jury des Lesewettbewerbs der Deutschlerner der Partnerschule (PaSCH) und der Sprachdiplomschulen (DSD-Schule), forderte auf, sich in die kreisenden Polonäsen des Volkstanzes einzureihen und forttragen zu lassen.

Nach Sulz a. N. konnte schon mal gemeldete werden: Wir können versichern, dass die deutschen Schülerinnen hervorragend auf den Besuch eingestellt waren, durchweg konstruktiv, neugierig und ausdauernd mitmachten. Sie erarbeiteten sich ein facettenreiches geographisches Bild des Landes auch abseits zugänglicher Routen, und sie taten das mit viel Freude. Stoff für Elternabende gibt es reichlich. Fazit: Schicken Sie uns mehr solche jungen, sportlichen und belastbaren Botschafterinnen im regulären Austausch wie in ergänzenden Projekten.

15.09.2010
Quelle: Wolf Diekmann, Goethe-Institut Thessaloniki

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