Archiv 2010

„Life is not out of tune“


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„Life is not out of tune“: Das musikalische Schulprojekt an der Schmidt-Schule in Ost-Jerusalem.

Alles begann mit „kulturweit“, dem vor einem Jahr gegründeten Freiwilligendienst des Auswärtigen Amts in Kooperation mit der Deutschen UNESCO Kommission, und der Entsendung von drei Volontären an die Schmidt-Schule in Ost-Jerusalem. Diese 1886 von dem deutschen Pater Wilhelm Schmidt gegründete Schule ist seit 2008 anerkannte Deutsche Auslandsschule und auf dem Weg zum Deutschen Internationalen Abitur. Der Einsatz der Volontäre passte hervorragend in das Konzept. Sie konnten ein Jahr lang mit ihren Ideen und ihrer Einsatzfreude den Schulalltag mitgestalten. Wir Freiwilligen, Clemens Rengier, Matteo Barutzki und ich, verstanden und ergänzten uns sehr gut – trotz oder gerade aufgrund unserer verschiedenen Charaktere. Wir teilten schließlich den Hang zum Musizieren!

Clemens, ein passionierter Cellospieler, gründete bereits zu Beginn des Schuljahres einen Chor aus den Klassen 5 und 6 und probte gemeinsam mit den Mädchen arabische, deutsche und französische Stücke. Es ließ nicht lange auf sich warten, dass zusätzlich die Idee einer Schulband aufkam und sich Mädchen aus der 9. und 10. Klasse mit den Instrumenten Oboe, Bongo, Bass und Klavier mit uns Freiwilligen (Cello, Gitarre und Schlagzeug) zusammenschlossen. Geprobt wurde am schulfreien Freitag und schon bald umfasste das Repertoire Stücke von den „White Stripes“ bis zur deutschen Band „Freundeskreis“.

Die Schülerinnen der Schmidt-Schule sind gut situiert und die meisten haben aufgrund der „Jerusalem-ID“, eines besonderen israelischen Ausweises für die in Ost-Jerusalem lebenden Palästinenser, die Möglichkeit sich frei zu bewegen. Anders sieht die Situation hinter den israelischen Sperranlagen im Westjordanland aus. Hier lebt jedes 5. Kind unter der Armutsgrenze, die Menschen können sich auch innerhalb der Westbank aufgrund vieler Straßensperren und Checkpoints nur wenig bewegen. Gerade in den Flüchtlingslagern ist die Situation schwierig. Bei knapper werdendem Wohnraum ist die Masse der Einwohner arbeitslos und der Altersdurchschnitt sehr niedrig. Jugendliche erzählen, dass der Schulabgang nach der 7. Klasse normal sei. Meist haben die Menschen in diesen Lagern noch nicht einmal ein kommunales Wahlrecht.

Das Wissen um die Not in diesen Lagern brachte uns dazu, darüber nachzudenken, wie der triste und sich monoton wiederholende Alltag der Menschen zumindest für eine Weile ausgeblendet werden könnte. Und hier lag die Lösung quasi schon in der Arbeit mit der Schulband und dem Chor. Gemeinsam mit dem Schulleiter Nikolaus Kircher, der uns sehr unterstützte, haben wir das Konzept des musikalischen Schulprojekts „Life is not out of tune“ ausgearbeitet. Finanzielle Mittel erhielten wir aus dem Schulhaushalt und durch Sponsoren wie den Lions Club in Konstanz, die das Anmieten von Bussen zu den Konzerten ermöglichten.

Das erste Konzert vor Publikum fand in der Schule selbst statt. Eingeladen waren Eltern, Lehrer und Freunde. Dann folgte das größte Konzert im AIDA-Flüchtlingslager auf einer Freilichtbühne direkt an der israelischen Sperranlage. Zudem spielten wir im Qalandia Flüchtlingslager bei Ramallah vor den Schülern der UNRWA Schule für Jungen. Dort fand das Konzert solch eine gute Resonanz, dass wir gebeten wurden, noch einmal vor der Mädchenschule aufzutreten. Durch eine private Spende konnten wir auch dieses Konzert ermöglichen und schlossen damit das Projekt ab. Gerne wären die Schülerinnen wie auch wir Freiwilligen aufgrund des großen Erfolgs noch öfter aufgetreten. Es wurde getanzt, gesungen, gefeiert und unsere Schülerinnen fanden einen Einblick in das Leben in den Lagern, das fast keine von ihnen zuvor kennengelernt hatte.

Nun stehen wir aber kurz vor dem Ende des Schuljahres. Die Schülerinnen müssen die letzten Klassenarbeiten schreiben und wir Freiwilligen bereiten uns langsam mit einem weinenden Auge auf den Abschied von ihnen vor.

Das Bundesverwaltungsamt – Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) – betreut die Schmidt-Schule Ost-Jerusalem als eine von 135 Deutschen Auslandsschulen in pädagogischer, personeller und finanzieller Hinsicht. Die ZfA ist außerdem – wie unter anderem auch das Goethe-Institut, der Pädagogische Austauschdienst und der Deutsche Akademische Austauschdienst – einer der Partner von „kulturweit“.

14.06.2010
Quelle: Philipp Wellmer

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