Archiv 2010

Die Welt zu Gast in China


Vor dem Deutsch-Chinesischen Bambus-Haus, dessen gotisch wirkende Glas- und Papierfassade in der Nacht wie ein geschliffener Edelstein leuchtet, haben sich rund 50 Kamera- und Reporterteams versammelt, um vom Besuch des Bundespräsidenten Dr. Horst Köhler auf der EXPO zu berichten.

Unter ihnen sind auch die beiden DAAD-Kinder-Reporterinnen Sophie (11) von der Deutschen Schule Shanghai und Lan (16) mit ihrem Kameramann Meng (14) von der Ganquan-Mittelschule. Sie dürfen den Bundespräsidenten und seine Frau nach deren Besichtigung des „Deutsch-Chinesischen Hauses“ als einzige Journalisten vor versammelter Presse kurz interviewen.

 

Interview mit Horst Köhler 

Lan: Herr Bundespräsident, wie gefällt Ihnen das Deutsch-Chinesische Haus?

Es gefällt uns sehr gut, vor allen Dingen, weil wir auch gehört haben, dass über drei Jahre Vorstellungen in ganz China gemacht worden sind, dass Deutschland sich vorgestellt hat und es stieß auf ganz großes Interesse, und ich habe auch gehört, dass in Chongqing, als das Erdbeben in der Nähe war, alle Leute Angst hatten, aber „Deutschland und China gemeinsam in Bewegung“ hat nicht aufgehört; also das hat uns zusammengebracht.

Sophie: Herr Bundespräsident, wieso unterstützen Sie als Schirmherr die Veranstaltungsreihe „Deutschland und China gemeinsam in Bewegung?“

Ich unterstütze das, weil ich dazu beitragen will, dass sich Chinesen und Deutsche noch besser kennenlernen; dass sie noch mehr voneinander wissen über die Geschichte und ihre Kultur; also zum Beispiel wie haben Chinesen vor ein paar hundert Jahren gelebt, wie gut oder schlecht ging es ihnen? Oder dass die Chinesen jetzt zum Beispiel wissen, wie die Leute in Bayern mal in einem Königreich gelebt und welche Fragen sie gestellt haben. Dass sie einfach mehr von einander wissen, und dann bin ich überzeugt, werden sie auch mehr Verständnis füreinander haben und neugieriger aufeinander sein. Die Chinesen werden dann vielleicht mehr daran denken, mal nach Deutschland zu kommen und die Deutschen mal nach China. Und wenn wir das schaffen, dann haben wir viel erreicht auf dem Weg der Zusammenarbeit.

Lan: Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht eine Weltausstellung in der heutigen Zeit?

Diese Weltausstellung bietet natürlich die Möglichkeit, dass dieses große Land China mit seinen vielen Menschen, sich der Welt zu präsentieren. Also ist die Welt jetzt zu Gast in China. Und das finde ich richtig, weil China das bevölkerungsreichste Land der Welt ist und dann sollen die anderen auch wissen, was China ist. Aber ich finde die Weltausstellung eben auch wichtig, weil man hier hört und sieht und erfährt, wie die Menschen in anderen Ländern leben und vor allen Dingen, was die Menschen in anderen Ländern für Probleme haben oder wie sie daran arbeiten mit Problemen oder Aufgaben umzugehen, die uns alle beschäftigen, zum Beispiel wie wir sauberes Trinkwasser bekommen oder wie wir es zum Beispiel schaffen, dass alle Leute etwas zu essen und Arbeit haben. Also gibt es hier vor allen Dingen auch eine Möglichkeit, sich auszutauschen. Und das ist gut.

Sophie: Welche Rolle spielt die EXPO 2010 für die deutsch-chinesischen Beziehungen?

Ich glaube, dass die EXPO dazu beitragen wird, dass sich Chinesen und Deutsche noch besser kennenlernen. Und wenn ich dann zum Beispiel den Deutschen Pavillon nehme, der heißt ´Balance City´ - also Gleichgewicht – dann besteht gerade bei den Chinesen ein großes Interesse, den Pavillon zu besuchen. Also hier kommt genau das zustande, was ich möchte: Dass Chinesen mehr wissen über Deutsche und Deutsche mehr wissen über Chinesen. Und wenn das eintritt, dann werden sich auch unseren politischen Beziehungen weiter vertiefen. Und dazu möchte ich beitragen.

Lan: Frau Köhler, was hat Sie in China am meisten beeindruckt?

Eva Köhler: Die Menschen. Und vor allem hat mir gefallen wie ihr [chinesischen und deutschen Kinder] gemeinsam Dinge begonnen habt. Wir ihr zusammen gespielt und gesungen habt. Das hat mir jetzt hier am besten gefallen.

Sophie: Herr Bundespräsident, was war Ihr Lieblingsfach in der Schule?

Horst Köhler (lacht): Geschichte und Sport.

Lan: Herr Bundespräsident, Frau Köhler. Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Horst Köhler: Wir danken euch für das Interview.

(Horst Köhler: Wie heißt du denn?
Sophie.
Horst Köhler: Prima gemacht. Und wie heißt du?
Ich heiße Lana.
Horst Köhler: Prima gemacht. Alles Gute. Seid ihr in der Schule zusammen?
Sophie: Nein. Wir sind auf verschiedenen Schulen. Ich auf der Deutschen, sie auf der Chinesischen.
Horst Köhler: O.k. Habt ihr euch hier kennengelernt?
Sophie: Nein wir waren in der DAAD-Kinder-Uni zum Thema Journalismus und haben auf der EXPO einen Film gedreht und gewonnen und durften Sie dann interviewen.
Horst Köhler: O.k. Ihr habt´s prima gemacht. Alles Gute Tschüss. - Ihr werdet bestimmt mal gute Journalisten. Aber überlegt es euch noch mal, ob ihr das wollt. Tschüß.
Lana und Sophie: Tschüß!)

DAAD-Kinder-Uni Shanghai zum Thema Journalismus an der Fudan-Universität 

Journalistisch ausgebildet wurden Sophie, Nan und Meng an der DAAD-Kinder-Uni Shanghai, die am 15. Mai im Rahmen von „Deutschland und China gemeinsam in Bewegung“ an der Journalistischen Fakultät der renommierten Fudan-Universität stattfand. Ein Wochenende lang wurden acht deutsch lernende chinesische Kinder der Ganquan Mittelschule und acht deutsche Kinder der Deutschen Schule Shanghai in die Grundlagen und Geheimnisse des Journalismus eingeführt.

Nach einigen kurzen Kennenlernspielen erfuhren die Kinder bei dem jungen Fudan-Dozenten Dr. Zhang Zhi´An durch viele anschauliche Beispiele, was (k)eine Nachricht ist und wie sich eine Nachricht von Werbung unterscheidet. Dass man, um an Informationen zu kommen, zur Not auch durch´s Toilettenfenster steigen muss, war für die meisten deutschen Kinder eine ebenso neue Erkenntnis wie für die chinesischen Kinder der Aufruf, dass es zu den moralischen Pflichten eines Journalisten gehöre, Korruption und andere Skandale aufzudecken.

Henrik Bork, China-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, betonte dagegen eher den handwerklichen Aspekt des Schreibens und erarbeitete mit den Kindern die 5-W-Fragen, bevor er sie aus einem kurzen Polizeibericht, in dem sich ein „Krokodil im Zürichsee“ verirrt hatte, eine Nachricht schreiben ließ.

Nach dem gemeinsamen Pizzaessen am Mittag im Studenten-Viertel und einem Campusspaziergang standen am Nachmittag die Recherche und das Interview auf dem Programm, denn ein Ziel der zweitägigen DAAD-Kinder-Uni war, die chinesisch-deutschen Tandems am nächsten Tag kurze Film-Reportagen auf der EXPO drehen zu lassen. Zur inhaltlichen Vorbereitung konnten sich die Kinder entweder ein Poster des Chinesisch-Deutschen Hauses oder des Deutschen Pavillons aussuchen, das sie nach Themen und Personen befragen sollten, um zu Hause weiter zu recherchieren und ein Storyboard zu entwerfen.

Zum Abschluss des Seminars erklärte Xu Wang, der Produktionsdirektor vom „China Television Service“ aus Beijing anhand seiner Profi-Filmkamera die Einstellungsgrößen und Kameraperspektiven, bevor die Kinder selbst kleine Videokameras in die Hände bekamen und das Gelernte in kurzen Übungen anwenden konnten. Aufgrund zahlreicher Fragen zum Urheberrecht und zum Alltag eines Journalisten dauerte die DAAD-Kinder-Uni, die mit dem kinderakademischen Grad eines Diplom-Journalisten abschloss, zwei Stunden länger als geplant.
Am Sonntag, den 16.5., zogen dann jeweils ein chinesisches und ein deutsches Kind gemeinsam mit Kamera und Mikrofon über die EXPO und besuchten den Deutschen Pavillon sowie das Deutsch-Chinesische Haus, wo sie Filmaufnahmen machten und Architekten, Volontäre und Passanten befragten. Das Team, das die beste Reportage drehte, durfte drei Tage später den Bundespräsidenten und seine Frau interviewen.

Spätestens am Ende der zweitägigen DAAD-Kinder-Uni zeigte sich dann, dass die intensive chinesisch-deutsche Zusammenarbeit einige Kinder auch emotional bewegte, als beim Abschied eifrig Telefonnummern ausgetauscht wurden und so manche Träne floss.

DAAD-Kinder-Uni-Serie Shanghai (KUSS)  

Die Kinder-Uni wurde 2002 in Tübingen konzipiert und vom DAAD 2007 im Rahmen von „Deutschland und China gemeinsam in Bewegung“ in China implementiert. 2009 wurde das Konzept vom DAAD-Informations-center Shanghai um eine binationale, interkulturelle und praxisbezogene Komponente erweitert. Aufgrund des großen Erfolges der ersten Chinesisch-Deutschen Kinder-Uni werden während der EXPO 2010 acht Veranstaltungen an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Partnern stattfinden. Finanziell gefördert wird das Projekt vom Auswärtigen Amt, die inhaltliche Konzeption und Organisation liegen beim DAAD-Informationscenter Shanghai.

Weitere DAAD-KUSS-Themen und Termine 

28.5.: Was ist ein kulturelles Gedächtnis? – Auf den Spuren deutscher Juden in Shanghai
15.6.: Nachhaltige Stadtentwicklung (Deutsch-Chinesisches Haus auf der EXPO)
21.7.: Chemierecycling (CAS-MPG-Partner Institute for Computational Biology)
11.9.: Wie funktioniert ein Passivhaus? (Hamburg-Haus auf der EXPO)
20.9.: Was ist Solarenergie? (Aktions-Pavillon auf der EXPO)
25.9.: Ökologische Landwirtschaft (Elektro-Bus des AA)
10.10.: Raumfahrt (Bremen Pavillon auf der EXPO)

Deutschland und China gemeinsam in Bewegung 

...ist eine dreijährige Veranstaltungsreihe der Bundesrepublik Deutschland in China mit dem Ziel, gegenseitiges Verstehen als Grundlage erfolgreicher Zusammenarbeit zu fördern und das Bild von Deutschland als einem zukunftsorientierten, innovativen Land zu stärken.Träger der Veranstaltungsreihe ist das Auswärtige Amt. Partner sind der Asien-Pazifik Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (APA), das Goethe-Institut und die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“. Maßgeblichen Anteil an der Realisierung des Projekts haben die sechs offiziellen Wirtschaftspartner Allianz, BASF, Daimler, Deutsche Bank, DHL und Siemens.

Die Veranstaltungsreihe thematisiert die „nachhaltige Urbanisierung“ und steht unter der gemeinsamen Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler und Staatspräsident Hu Jintao. Die bisherigen 5 Stationen - Nanjing (2007), ChongqingGuangdong (beide 2008) Shenyang und Wuhan (beide 2009) besuchten über eine Million Menschen. Den Schlusspunkt setzt die Weltausstellung in Shanghai 2010, auf der das „Deutsch-Chinesischen Haus“ aus Bambus zu besichtigen ist, in dem man ein energetisches Schattenspiel spielen und so sein eigenes Haus in einer virtuellen Stadt erschaffen kann.


Bildergalerie 


31.05.2010
Thomas Willems
Leitung DAAD-IC Shanghai

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