Archiv 2010

PASCH sucht den Superstar


Lampenfieber liegt in der Luft: Dicht gedrängt stehen die Schüler der Maadi Narmer School um ihre Lehrerin und bekommen die letzten Tipps. Es wird an Kleidern gezupft. Wenige Meter weiter übt Aya Baha el Din von der Al Bashaer Schule mit ihren Schülern eine Melodie.

Dazwischen hüpfen aufgeregt die Drittklässlerinnen der Egyptian Language School. Sie tragen Partnerlook: kurze Jeansröcke und pinke Shirts. Eilig bahnt sich eine Abiturientin im raschelnden Reifrock ihren Weg. Grund für die Aufregung - oder nennen wir es vielleicht: Die Star-Akademie-Stimmung - im Garten des Goethe-Instituts in Dokki ist die Talentshow der PASCH-Schulen. 9 Schulen treten gegeneinander an, schicken ihre besten Sänger, Schauspieler und Tänzer ins Rennen. Die Show war eine von vielen Aktivitäten, welche das Goethe-Institut den am „Schulen: Partner der Zukunft“-Programm beteiligten Schulen, Lehrern und Schülern anbieten. Es geht darum, Deutsch als Sprache an Schulen in Ägypten zu fördern. Lehrer werden fortgebildet, Schulen mit Materialien ausgestattet, es gibt Leseprogramme und vieles mehr.


Die meisten PASCH-sucht-den-Superstar-Kandidaten kommen von Schulen in Kairo, doch auch die City-School in Sohag hat Schüler geschickt: Mohammed und Hussein heißen sie und sie verknoten vor Spannung die Hände. „Wir lernen erst seit drei Monaten Deutsch“, sagt Mohammed. Selbstbewusst klettern die beiden auf die Bühne. Mohammed tappt zweimal mit dem Fuß den Takt und stimmt einen Schlager (Info: Das Lied ist von Yvonne Catterfeld) an. Hussein macht ihm den Chor. Das Publikum klatscht begeistert mit. Das Lied hat ihre Lehrerin Nesma Mahrous bei YouTube entdeckt und mit ihnen eingeübt. Die 22jährige ist erst seit einigen Monaten an der City-Schule und erst mit ihr wurde Deutschunterricht überhaupt eingeführt: „Am Anfang hatte ich keine Schüler. Ich musste erst einmal Werbung machen“, erklärt sie und beschreibt, wie sie schon einige Musikshows an ihrer Schule vorbereitet hat. „Es kommt sehr auf das Engagement der Lehrer an“, kann auch Mona Al Agouz bestätigen. Die 50jährige Lehrerin an der Mustaqbal-Schule wurde im vergangenen Jahr vom ägyptischen Ministerium zur Lehrerin des Jahres gekürt. Lehrer für Englisch und Französisch bräuchten sich nicht so ins Zeug zu legen, sagt sie. Nach dem Motto: Diese Sprachen müssen sowieso alle lernen. Typisch für Deutschlehrer wäre, dass sie mit ihren Schülern Ausflüge und Projekte machen; einfach ein bisschen mehr als nur Sprache anbieten: „Tja, und deswegen mögen wir Deutsch“, sagt Schülerin Dina und hängt sich bei ihrer Lehrerin ein: „Na, und weil Frau Mona eine tolle Lehrerin ist“. Mona Al Agouz lacht. Sie ist stolz auf ihre Schüler. Besonders auf Dina, denn die hat das Theaterstück geschrieben, dass ihre Schüler heute im Goethegarten aufführen. Eine Liebeskomödie frei nach Shakespeare. Auch sie bekommen großen Beifall für ihren Auftritt.

„Es ist eine sehr schwierige Entscheidung“, erklärt Houda Youssef, die beim Talentwettbewerb sozusagen die Rolle von Dieter Bohlen übernommen hat: Sie muss gemeinsam mit Simone Jore, PASCH-Projektleiterin und Haitham Shoukry, der die PASCH-Schulen als Geschichtenerzähler besucht, entscheiden, wer das Rennen macht. Wer wird PASCH-Superstar? Nachdem alle Schulen aufgetreten sind, zieht sich die Jury zurück. Ein Knistern liegt über dem Garten. Spannung. Am Ende macht weder das Theaterstück der Mustaqbal-Schule noch die Schlager-Nummer aus Sohag das Rennen: Vor Begeisterung kreischend hüpfen die sechs Mädchen in Pink auf die Bühne. Ihr: „Wo sind meine Hände?“ hat die Jury überzeugt. Es gibt wohl keine Deutschklasse in Kairo, in der das Lied nicht gesungen wird und so können bei der Preisverleihung alle einstimmen: „Wo sind meine Hände?“ Auch später noch, als die Party längst vorbei ist, hört man in den Straßen von Dokki Kinder das Lied summen. Sie nehmen die gute Stimmung mit nach Hause. Wie hat es Mona al Agouz ausgedrückt? Schüler, die Deutsch lernen, bekommen ein bisschen mehr als Sprachunterricht angeboten. Spaß, zum Beispiel.

27.05.2010
Autorin: Julia Gerlach, Jahrgang 1969, studierte Politik- und Islamwissenschaften in Aix-en-Provence, Berlin und Alexandria. Sie arbeitet als Journalistin für das ZDF, die „Zeit“ und andere.

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