Archiv 2009

Unterwegs mit den Schildkröten-Rangern von Mayto

39 Jugendliche der PASCH-Schulen in Mexiko gehen nachts am Pazifik auf Streife. Gemeinsame Aktion des Goethe-Institutes und der ZfA stärkt das Gruppengefühl und die Motivation, Deutsch zu lernen.

Streifenfahrten nachts am Strand, Zelten an der Pazifikbrandung, aktiver Schildkrötenschutz: Das erste gemeinsame Camp der PASCH-Schulen in Mexiko bescherte 39 jungen Deutschlernern und ihren Lehrern ein unvergessliches Wochenende im kleinen Ort Mayto bei Puerto Vallarta. Organisatorin Susana De Kuthy vom Goethe-Institut Mexiko-Stadt und der eingeladene ZfA-Mexiko-Koordinator Dieter Jaeschke sind überzeugt: „Diese Vernetzung war ein wichtiger Schritt bei der Fortsetzung der PASCH-Initiative in Mexiko. Und das tolle Erlebnis wird stets mit dem Deutschunterricht verbunden in Erinnerung bleiben.“

Mit dem Quad am Pazifikstrand entlang

Eine Samstagnacht Ende November. Anstatt irgendwo in der Disko abzutanzen, knattern Martin (15) und Carla (16) mit dem Biologen Israel (29) auf einem Quad am Pazifikstrand entlang. Die Brandung tost, am Himmel glitzern Sterne. Dort! Irgendwo im Sand hat sich etwas gerührt, Israels geschultes Auge hat die Bewegung sofort registriert. Langsam nähert sich das Vierrad dem kleinen Sandhügel. Und tatsächlich: Eine riesige Meeresschildkröte ist dabei, Eier in den Pazifiksand zu legen. Im Lichtkegel des Quads schimmert der dunkle Panzer des Tieres, es hat fast einen Meter Durchmesser, sein Kopf ist so groß wie ein Handball. Martin und Carla sind begeistert. Eine solche Beobachtung haben sie in ihrem jungen Leben noch nicht gemacht. Die beiden besuchen eine der Deutschen Auslandsschulen in Mexiko. Gemeinsam mit 37 Altersgenossen verbringen sie das Wochenende im kleinen Küstenort Mayto, gut zweieinhalb Autostunden entfernt von Puerto Vallarta. Dr. Armando Soltero Macías, Leiter des dortigen Gymnasiums, der zur Universität Guadalajara gehörenden „Preparatoria Regional“, hat vor fünf Jahren das Camp zum Schutz der gefährdeten Meeres-Reptilien aufgebaut. Da die Preparatoria selbst Fit Partnerschule der Bundesrepublik ist, sind die jungen Deutschlerner von zehn der elf PASCH-Schulen in Mexiko zu Gast, um sich untereinander kennenzulernen und die Arbeit des Camps nicht nur zu beobachten, sondern aktiv mitzugestalten. Mit dabei: Biologie- und Deutschlehrer, die gemeinsam mit ihren Schulleitern die Teilnehmer für diese besondere Aktion ausgewählt haben. „Schüler sollten für Engagement und Motivation belohnt werden“, erklärt Biolehrerin Nicole Geilmann (33) von der Deutschen Schule Guadalajara. Ihr Kollege Patric Ewert (26) von der Deutschen Schule „Lomas Verdes“ in Mexiko-Stadt wird plötzlich selbst zum Schildkröten-Ranger. Auch er ist mitten in der Nacht mit drei Jugendlichen auf einem Quad unterwegs. An den Dünen entdeckt das Quartett einen Mann, der mit einer Taschenlampe den Boden absucht. Genau das ist das Problem: In der Region gibt es zahlreiche Wilderer, die Nacht für Nacht an den Stränden ausschwärmen, um die Eier der international unter Schutz stehenden Tiere zu stehlen. Zweimal verscheuchen Ewert und sein Trio den Mann, immer kehrt er zurück. Beim dritten Mal droht Ewert: „Wenn du jetzt nicht verschwindest, nehmen wir dich mit zum Camp und rufen die Polizei!“ Das wirkt, der Mann trollt sich. Trotz drohender Gefängnisstrafen ist die Staatsmacht weit entfernt in diesen entlegenen Küstenregionen.

Erschwerliche Anreise

Schon die Anreise am Freitag Nachmittag nach Mayto ist ein kleines Abenteuer. Nach einer Stunde Fahrt vom Flughafen Puerto Vallarta geht es ab Tuito in einem alten Mercedes-Bus über Sand- und Schotterpisten weiter. Bodenwellen und Schlaglöcher schütteln die Jugendlichen auf beinah jedem Meter. Immer wieder hüllen überholende Pick-Ups der in der Region lebenden Bauern den Bus in eine Staubwolke. Die Piste führt an dunkelgrünen hügeligen Dschungellandschaften vorbei in Richtung Küste. In Mayto gibt es eine Handvoll Häuser, zwei kleine Hotels – und eben das Camp. Schüler und Lehrer richten sich in sechs Zelten ein. Wer aus dem Zelt lugt, blickt direkt auf kleine Palmen und den Pazifikstrand. Wie mit der Reißnadel gezogen teilt der Horizont Himmel und Wasser an einer harten Kante. Das Meer funkelt dunkelblau, der Himmel darüber leuchtet in Azur. Als am Abend die untergehende Sonne Wellen und Meer in honigfarbenes Licht taucht, ruft Campleiter Israel Llamas Gonzáles die Jungendlichen zu sich. Vor seinem Bauch trägt er eine Kiste, in der Dutzende kleiner Meeresschildkröten krabbeln. Die Tierchen sind erst am Morgen geschlüpft, nachdem Campmitarbeiter sie vor den Wilderern gerettet und an einem sicheren Ort zum Schlüpfen gebracht hatten. Nun sollen die Schildkröten in die Freiheit entlassen werden. Mit dem Fuß markiert Israel eine Linie im Sand, die niemand überschreiten darf. An der Linie stellen sich die Campgäste auf. Jeder darf nun aus der Kiste eine kleine Kröte nehmen. Einige Tierchen schauen die Menschen mit großen Augen an, andere paddeln wild mit ihren kleinen Flossen. Als alle ein Tierchen in der Hand halten, werden sie zu Boden gelassen. Es dauert einen Moment, bis die ersten in Richtung Meer kriechen. Irgendwann hat es auch das letzte Schildkrötenbaby kapiert, wohin die Reise geht. In dem Moment schwappt eine riesige Welle über den Strandabschnitt und nimmt die meisten mit in ihre neue Heimat… Vivian (15) von der „Escuela Álvaro Obregón“ bei Cuauhtémoc schaut den Tieren noch lange nach. „Was war das für ein schönes Erlebnis…“

Erfrischendes Bad im Ozean

Am nächsten Morgen fährt die Gruppe in den Nachbarort, wo es einen kleinen Hafen gibt. Nun sollen die Meeresreptilien auf hoher See beim Atmen gesichtet werden. Zwar lässt sich keine Schildkröte blicken, dafür nehmen die Teenager ein erfrischendes Bad im Ozean. Mittags kommen Tanja Hutt, die Kulturreferentin der deutschen Botschaft, und Susana de Kuthy vom Goethe-Institut, die ganze Aktion mit dem „Kulturweit“-Freiwilligen Johannes Kraft (25) organisiert hat, zu Besuch. Sofort bemerken sie, wie gut die Stimmung unter Lehrern und Schülern ist. Spontan haben die Teenager im Strandrestaurant „Cande“ ihre Tische zu einer großen Tafel zusammengeschoben. „Kaum zu glauben, dass ihr euch gestern erst kennenglernt habt“, freut sich Tanja Hutt. Nach dem Mittagessen gibt es in einer Höhle Fledermäuse zu beobachten. Abends sitzen die jungen Tierschützer noch lange beim Lagerfeuer beisammen und lassen die Eindrücke des Tages auf sich wirken. „Ich bin so froh, dass wir hier mitfahren durften“, schwärmt Diana (16) von der VW-Sprachenschule in Puebla. Am Sonntagmittag heißt es schon wieder Aufbruch: E-Mail-Adressen und Handynummern sind längst ausgetauscht, als es wieder über die staubige Piste zurück zum Flughafen geht. Katharina Heuer (31), Deutschlehrerin an der gastgebenden Prepa von Puerto Vallarta, ist überzeugt: „Auch wenn die Jugendlichen untereinander viel Spanisch gesprochen haben, hat diese Aktion die Motivation, Deutsch zu lernen, geradezu befeuert.“ Für Carla und Martin von der Deutschen Schule „La Herradura“ mag der Naturtrip dagegen gar nicht enden: Sie müssen schon Montag früh wieder antreten. Zur Bio-Klausur.

Das PASCH-Jugendcamp in Mexico wurde initiiert und organisiert von der Expertin für Unterricht Susana De Kuthy (Goethe-Institut Mexiko).

4. Dezember 2009

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