Archiv 2009

Tiraner Mauerschau


Aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls hat der Berliner Theatermacher Stefan Neugebauer dieses Theaterstück speziell für die Aufführung mit albanischen Jugendlichen in Tirana geschrieben. Die Parallelen zur albanischen Geschichte liegen nah und wurden in Form von zahlreichen Bezügen explizit in das Stück aufgenommen.

Schon der Auftakt geriet zum Gesamtkunstwerks: Nie, so ließ Bernd Borchardt, der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Albanien, wissen, habe er sich träumen lassen, einmal unter der Flagge der DDR eine Ansprache halten zu müssen. Die Flagge war unvermeidlicher Bestandteil des Bühnenbildes im neo-barocken Theater der Kunstakademie, ein Gebäude aus der Zeit der kommunistischen Diktatur – der Spielort als Bühne. Und so waren auch die vorderen Logen zu Wachtürmen an der Mauer umfunktioniert, ein weiterer Regieeinfall zu dem sich Stefan Neugebauer, der Autor und Regisseur des Stückes „Mauerkinder“, am Ort der Inszenierung inspirieren ließ.

Das Talent von Stefan Neugebauer, der im Laufe eines Jahres immer wieder zu Proben anreiste, besteht offenbar darin, aus wenig Vorhandenem begeisterndes Theater zu erfinden. In Tirana formte er nicht nur eine Truppe aus Laien, er erreichte auch über einen langen Zeitraum Arbeitskontinuität und brachte im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen zum Tanzen. Wer auf Proben zugegen war, erlebte außerdem einen allseits präsenten Moderator, der sein Stück wachsen ließ, die spielerischen Möglichkeiten seiner Darsteller kritisch ausreizte und wohltuend ermuntern wirkte.

Vor vollem Haus…

…eröffnet ein wirrer Kommunist, gezeichnet von der Theorielast der Klassiker im Niemandsland der Vorbühne. Seine Behausung ist eine veritable Mülltonne des Systemkampfes. Enver Hoxha liegt ganz oben auf. Das Publikum nimmt es dankbar zur Kenntnis. Plötzlich ist die Mauer da – aufgebaut von Zombies und bestehend aus Umzugskartons. Die Akteure im Niemandsland, das Publikum, alle befinden sich in der DDR, eingesperrt. Das entgeht niemandem, das hatte man selbst erfahren, sprachliche Hürden gab es nicht, denn mal auf Deutsch, mal auf Albanisch, mal auf Englisch oder Französisch kamen die Botschaften ‚rüber‘, ohne die Handlung zu bremsen. Zunehmend prägen Uniformen das Geschehen im Niemandsland. Der wunderbar agierende Armal Zelaj, ein gestresster, gereizter, subversiver Fluchthelfer im Trenchcoat, mimt ihr Gegenbild. Von der anderen Seite der Mauer kommen die Schlachtrufe der freien Welt. Dann ein Rascheln im Karton. Die unterste Reihe schiebt sich zur Seite: Ein illegaler Grenzübertritt von Westen – aus den Logen wird das Feuer eröffnet. Mit den Mauertoten stirbt der Glaube. Die reine Lehre wird zur Makulatur. Als die Letzten erschossen oder verhaftet sind, erstirbt die DDR zum Wachsfigurenkabinett und zur Kulisse beflissener Berlintouristen. Den Ruf: „Die Mauer muss weg“ verhindert es nicht. Und dann ist sie wirklich weg, das Ende der Deutschland-Party zeigt die Bierleichen. Nicht alles ist einfach gut.

Großer Applaus für die Darsteller und den Regisseur. Eine verdiente Leistung fand ein verständiges und ein dankbares Publikum. Weggeschlossen zu sein mit den Verheißungen einer besseren Welt, ist eine gemeinsame Erfahrung. Das zum Thema zu machen, zeitnahe Originalität zu liefern, aus den Gymnasiasten und Studenten eine arbeitsfähigeTruppe gemacht zu haben, temporeiches, mehrsprachiges, inspiriertes Theater inszeniert zu haben – das alles ist der Verdienst von Stefan Neugebauer. Ein Glücksfall für Tirana. Ein einmaliges und herausragendes Ereignis im Rahmen des „Deutschen Oktobers“, der deutschen Kulturwochen in Tirana Albanien.

Stefan Neugebauer wurde von der Deutschen Botschaft in Albanien eingeladen, die die Produktion des Stückes für den „Deutschen Oktober“ 2009 in Tirana in Auftrag gab und förderte.

26. November 2009

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