Archiv 2009

Deutsche Schule San José: Die Mauer wieder aufgebaut – Grundschüler erfahren Geschichte hautnah


Der Tag des Mauerbaus in Berlin: ein Unterrichtsthema weltweit. Auch Ulla Kebe, Deutschlehrerin an der Deutschen Schule San José in Costa Rica lag dieses historische Datum am Herzen. „Am 13. August letzten Jahres habe ich spontan mit meinen Deutsch-Muttersprachenschülern der 3. Klassen über den Tag des Mauerbaus gesprochen. Die Kinder zeigten sofort großes Interesse.“

Sie erstellten im Unterricht Plakate zum Mauerbau, zur Zeit der Teilung Deutschlands und zum Mauerfall. Schließlich hatten die Kinder die Idee, dass sie die Mauer selbst nachbauen könnten. Die Deutschlehrerin, die selbst lange Jahre in West-Berlin gelebt hat, war zunächst skeptisch. Doch „je länger ich mir dies durch den Kopf gehen ließ, um so besser gefiel mir dieser Einfall“, so Ulla Kebe. Nach Gesprächen mit der Schulleitung war schnell klar: Die Mauer soll wieder aufgebaut werden! Und zwar am 26. September 2008, dem Datum, an dem der Tag der Deutschen Einheit in der Sekundaria begangen wird, sollte diese Aktion in der Grundschule durchgeführt werden.

Sperrzone auf dem Schulhof

Das Ziel: quer über den Schulhof eine 25 Meter lange und zwei Meter hohe Mauer aus großen Kartons zu bauen. Dazu waren rund 300 Umzugskartons nötig. Doch wie sollten die Schüler diese Mengen zusammenbekommen? „Im Laufe des Vormittags stellte sich dann heraus, dass immer mehr Kartons auf dem Hof eintrafen und wir sogar noch einen Wachturm dazu bauen konnten“, berichtet die zufriedene Pädagogin. Nach Osten hin wurde der Innenhof zusätzlich durch Absperrband abgetrennt, weil dieser in der „Sperrzone“ lag und daher nicht betreten werden durfte.

Damit waren Fakten geschaffen: Der Schulhof war geteilt. Eine völlig neue Situation für alle Schülerinnen und Schüler. „Ich war traurig, weil ich nicht wie sonst zu meiner Schwester konnte. Sie war nämlich auf der anderen Seite“, erzählt Caroline rückblickend. Ein Jahr ist die Aktion jetzt her, in den Köpfen der beteiligten Schüler und Lehrer ist dieses Erlebnis der eigenen Art aber noch sehr präsent. Die Kinder erlebten die Einschränkungen ihres Lebensraumes und den Trennungsschmerz hautnah. „Ich fühlte mich komisch“, erinnert sich Benjamin, „weil ich die andere Seite nicht sehen konnte. Man konnte die anderen Klassenzimmer und auch den Sportplatz nicht mehr erkennen. Also war es anders als an den anderen Tagen, weil es viel kleiner war."

Geschichte erlebbar machen

„Es besteht erfreulicherweise ein riesiges Interesse der Kinder und auch der Kollegen, die durch ihren Wohnort bedingt die Mauer nicht ‚hautnah’ erlebt haben, darüber mehr zu erfahren“, teilt die Berliner Lehrerin mit. „Wenn ich ihnen, wie jetzt gerade wieder, z.B. davon berichte, wie ich mit meinen Eltern und Geschwistern bei Urlaubsreisen die Grenzkontrollen der Transitstrecke erlebt habe und die dabei empfundenen Gefühle schildere, dann hängen sie nur so an meinen Lippen und zeigen ein großes Bedürfnis nach mehr Information.“ Eine Aktion wie der Mauerbau auf dem Schulhof lässt Geschichte ein Stück weit nachvollziehbar und erlebbar werden.

Wer nicht wie Ulla Kebe Jahrzehnte lang in West-Berlin gelebt hat, kann kaum ahnen, was es heißt, nicht einfach die Umgebung besuchen zu können. Dieses besondere Kapitel der Berliner – und damit der deutschen – Geschichte konnten die Schüler der Deutschen Schule San José an diesem Vormittag auf ihrem Schulhof nun im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Die Kinder fühlten sich ratlos und einsam, so wie Mateo: „Man war voneinander getrennt. Wenn man einen Freund auf der anderen Seite hatte, wusste man nicht, was man machen sollte.“ Sein Klassenkamerad Noah ergänzt: „Ich fühlte mich alleine ohne meine Freunde.“

Im Gegensatz zur echten Mauer stand die Papp-Mauer auf dem Schulhof nur für ein paar Stunden. Der Mauerfall wurde bereits in der 5. Stunde gefeiert.

27. August 2009

PASCH-net und Social Media