Archiv 2009

Fräulein Clemensias Spaß am Schnee


Das erste Mal konnte sie kaum erwarten – und als es dann endlich so weit war und die weißen Flocken vom Himmel fielen, tanzte sie vor Begeisterung durchs ganze Haus. Schnee, ein unvergessliches Erlebnis für Clemensia Haragaes, eine 18-jährige Oberschülerin aus Namibia.

Schneemannbauen, Schneeballschlachten und Snowboarden – Clemensias Begeisterung für die kalte Pracht lag nicht nur daran, dass sie aus einer heißen Gegend kommt und vorher noch nie Schnee gesehen hatte. Die junge Afrikanerin, die seit acht Jahren in der namibischen Hauptstadt Windhoek im Rahmen eines Patenschaftsprogramms die Deutsche Höhere Privatschule (DHPS) besucht und im Oktober 2008 mit hervorragenden Noten ihren Schulabschluss gemacht hat, nahm mit allen Sinnen und großer Offenheit alles Neue wahr, was das fremde Gastland Deutschland ihr bot. Den Schüleraustausch hat sie einer deutschen Lehrerin zu verdanken, die ihre Kontakte in die bayerische Heimat spielen und Clemensias Herzenswunsch wahr werden ließ. Von der ersten Minute an war das Mädchen in die Gastfamilie integriert – der gleichaltrige bayerische "Bruder" Jakob bekam sogar eine namibische Zopffrisur von ihr verpasst.

Deutschland – eine neue Welt für ein Mädchen aus Afrika

Denn nicht nur der Elf-Stunden-Flug von Windhoek nach München, den Air Berlin gesponsert hat, war eine aufregende Premiere in ihrem Leben. Manches hatte sich Clemensia kaum vorstellen können, obwohl sie in ihrer Heimat auch in der Großstadt lebt. Straßenbahnen in der City oder die Tatsache, dass Taxis hierzulande eher als Luxus gelten, anstatt, wie zu Hause, für jeden erschwinglich zu sein. Auch die glitzernden Weihnachtsmärkte und Großraumkinos sowie der Besuch im Fast-Food Lokal waren eine neue Welt für sie. Aber die aufgeweckte Schülerin mit den schwarzen Rastazöpfen gewöhnte sich schnell daran und wurde immer neugieriger auf weitere Entdeckungen.

Besonders gut gefiel es ihr auf "ihrem" Justus-von-Liebig-Gymnasium in Neusäß bei Augsburg, wo sie als Gastschülerin am Unterricht einer 11. Klasse teilnahm und ihre Mitschüler mit ihrem schier unendlichen Wissensdurst und die Lehrer mit ihren guten Deutschkenntnissen überraschte. "Alle waren freundlich und hilfsbereit", war ihr Resümee nach zehn Wochen Bayern, "und die Sprache habe ich noch besser sprechen und verstehen gelernt. Manchmal habe ich sogar auf Deutsch geträumt …"

Soweit gut vorbereitet, wagt Clemensia seit Januar ein weiteres Abenteuer – gemeinsam mit einem schwarzen Mitschüler will sie als erste schwarze Namibianerin auf der DHPS das deutsche Abitur machen. Jetzt ist die Unterrichtssprache nicht mehr Englisch, die Fächer Mathematik, Physik und Biologie werden auf Deutsch gehalten.

Für "Mencia", wie alle die 18-Jährige rufen, eine Herausforderung, der sie sich voller Ehrgeiz stellt. Denn sie will später studieren und auch wieder nach Deutschland kommen, um hier vielleicht zu arbeiten. Bis dahin hat sie ihr Lieblingsbild aus der neuen zweiten Heimat zur Erinnerung und zum Ansporn in ihrem Zimmer hängen: ein Poster von Schloss Neuschwanstein – ganz romantisch. Und im Schnee, versteht sich …

Autorin: Ilka von Goerne
Quelle: air berlin Magazin, Februar/März 2009

Die Deutsche Höhere Privatschule Windhoek ist eine der 132 Deutschen Auslandsschulen, die von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) betreut werden. Die ZfA verstärkt eine qualitätsorientierte Schulentwicklung und unterstützt die Gründung neuer Schulen mit deutschem Profil. Sie berät lokale Schulen beim Aufbau des Deutschunterrichts und bei der Einführung deutscher Schulabschlüsse nach internationalen Standards.

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27. April 2009

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