Archiv 2009

„… beinahe noch im Busch.“


Sich mit einem malischen Schuldirektor auf Deutsch unterhalten können – dazu hat man die Gelegenheit im Lycée Fily Dabo Sissoko in Bamako, der Hauptstadt Malis. Dieses Gymnasium ist die eine von zwei Partnerschulen des weitläufigen, zur Hälfte in die Sahara hineinragenden Landes im Herzen Westafrikas. Monzon Diarra war selbst jahrelang Deutschlehrer. Während viele seiner Generation noch von Deutschlehrern aus Frankreich unterrichtet wurden, hatte er das Privileg, in den 80er Jahren bei einem Muttersprachler zu lernen: sein Lehrer stammte aus der ehemaligen DDR.

Das Lycée Fily Dabo Sissoko liegt im Nordosten der Millionenstadt Bamako. Die Straßen sind hier nicht verstopft und abgasverseucht wie in der Innenstadt zu beinah jeder Tages- und Nachtzeit. Als eine typische Dritte-Welt-Stadt dehnt sich auch Bamako anarchisch in alle Himmelsrichtungen aus. Monzon Diarra erzählt: „1993, als Fily Dabo Sissoko gegründet wurde, hatten manche Leute Angst, hierherzukommen. Die Schule lag beinah noch im Busch, fanden sie.“ Inzwischen haben sich längst etliche Wohnblöcke mit den für Westafrika typischen Klein- und Kleinstläden und -buden um das drei Hektar große Schulgelände gelegt.

Vor fünfzehn Jahren gab es hier in Djélibougou, einem stark wachsenden Viertel der einfachen Leute, nicht ein einziges Gymnasium. Mittlerweile hat Fily Dabo Sissoko sich mit knapp 1500 Schülern (davon 770, die Deutsch lernen) zum zweitgrößten Lycée der Stadt gemausert. Doch obgleich noch jung, täte der Schule schon eine Frischzellenkur gut. Von den quaderförmigen, weit auseinander liegenden Gebäuden blättert die Farbe ab, der Sportplatz ähnelt einer Kraterlandschaft, drinnen fehlt es an würdigen Sitzgelegenheiten für die Schüler, viele Räume haben keinen Strom. Ein Einzelfall ist das nicht: Das Erziehungswesen ist in Mali chronisch unterfinanziert, Stiefkind hierbei aber ist die Sekundarschule.

Direktor Diarra und seine Lehrer müssen sich seit Gründung der Schule mit Alltagsproblemen wie fehlender Ausstattung und überfüllten Klassen herumschlagen. Häufig macht sich die Unzufriedenheit bei Lehrern, aber auch Schülern mit landesweiten Streiks Luft. Die vier Deutschlehrer des Lycée Fily Dabo Sissoko haben gegen ihre schwierigen Arbeitsbedingungen und für die Motivation ihrer Schüler ein eigenes Rezept: Sie haben mit Hilfe des vom Goethe-Institut geförderten „Deutsch-Malischen Kulturkreises“ (CCGM) in Bamako einen sogenannten Deutschclub gegründet. Hier führen sie ihre Schüler auf spielerische Weise an die deutsche Sprache heran, indem sie Sketche, Gedichte und Lieder einüben.

Wie kommt es, dass in diesem Land überhaupt Deutsch gelernt wird? Wer so fragt, weiß nicht, dass die Sprache Goethes in allen frankophonen Ländern Subsahara-Afrikas eine traditionell starke Position einnimmt. Diese erstaunliche Tatsache hat historische Gründe: Von Frankreich kolonisierte Länder wie Burkina Faso, die Côte d’Ivoire oder Mali haben das französische Erziehungswesen häufig eins zu eins übernommen; in ihm aber hatte Deutsch früher eine hohe Bedeutung. So ist Deutsch in Mali mit knapp 50.000 Lernern nach Englisch unangefochten die wichtigste zweite Fremdsprache; dahinter folgen Arabisch, Russisch, Spanisch und Chinesisch.

Da Arabisch in letzter Zeit verstärkt gelernt wird, kommt die anstehende Einführung eines neuen Deutsch-Lehrbuchs für das gesamte französischsprachig geprägte Afrika gerade recht. „IHR und WIR plus“ ist die gelungene Neubearbeitung eines bewährten, Anfang der neunziger Jahre zum ersten Mal erschienen Deutschlehrwerks. Verfasst hat es ein Kollektiv von acht afrikanischen Autoren und einer deutschen Autorin, das auf kommunikativen und handlungsorientierten Unterricht setzt. Ein Seminar von zwei dieser Autoren im Dezember 2008 in Bamako (nach Stationen in Abidjan/Côte d’Ivoire und Ouagadougou/Burkina Faso) hat in dieses Buch eingeführt. Diese Frucht der Partnerschulinitiative sollte von vielen Schulen gepflückt werden: Lehrer aus allen Teilen des Landes, nicht nur der zwei Partnerschulen, waren zur Fortbildung eingeladen.

Was verspricht sich nun Monzon Diarra von PASCH? „Ich hoffe, dass wir mit einer verbesserten Ausstattung, der Fortbildung unserer Lehrer und den Goethe-Sprachkursen für unsere Schüler den Deutschunterricht modernisieren können. Wenn alle Beteiligten dabei so viel Freude haben wie beim Ausflug nach Sélingué, habe ich keine Bedenken, dass wir dieses Ziel zusammen erreichen werden.“

Frank Kahnert
Experte für den Unterricht

PASCH-net und Social Media