Archiv 2008

Deutschlernen mit Musik in den Ohren


Bereits früh am morgen steht vor dem Gymnasium Ernest Bichat in Lunéville in Lothringen ein riesiger Tourneebus mit Anhänger. Seit einer halben Stunde schleppen die Dozenten der Popakademie Baden Württemberg Trommeln, E-Gitarren, Keyboards und E-Bässe durch die Gänge des Gymnasiums. In der Zwischenzeit haben sich rund 70 Schüler aus den Oberklassen in der Aula versammelt und stehen etwas unschlüssig herum. Neugierig und ein bisschen aufgeregt, denn so genau wissen sie eigentlich noch gar nicht, was da heute auf sie zukommt.

Punkt 9 Uhr steht dann die Popakademie auf der improvisierten Bühne. Der Sänger Bastian Heuser dreht mit seiner Band die Verstärker auf volle Lautstärke. Fetzige Rockmusik erfüllt den Raum und einige Schüler überwinden schnell ihre anfängliche Schüchternheit, klatschen begeistert in die Hände. Die Musik dringt durch Fenster und Türen bis über den leeren Pausenhof, denn für den Rest der Schule hat der normale Unterricht längst begonnen. Nur Schüler, die Deutsch lernen, nehmen heute an diesem außergewöhnlichen Projekt teil: über Musik soll die deutsche Sprache vermittelt werden.

Nach einem kleinen Eröffnungskonzert werden die französischen Schüler in vier verschiedene Ateliers eingeteilt: Zwei Musikateliers, eins für Anfänger und eins für Fortgeschrittene, ein Gesangsatelier und ein Textatelier, wo eine handvoll Schüler versucht auf Deutsch einen Liedtext zu schreiben. Alle Ateliers werden von Musikstudenten der Popakademie aus Mannheim betreut. Am späten Nachmittag sollen die vier Ateliers wieder zusammenfinden, um dann ein gemeinsames Abschlusskonzert zu geben. Florian Körber kümmert sich um das Musikatelier für Anfänger. Hier werden Schüler, die noch nie ein Instrument gespielt haben, mit musikalischen Grundkenntnissen vertraut gemacht, und zwar ausschließlich auf Deutsch. Florian Körber: „Musik ist eigentlich eine Sprache, die jeder versteht. Gerade auch über Gestik, mit einfachen Worten und Haptik den Jugendlichen die Musik näher bringen, das funktioniert eigentlich immer.“

Lunéville war nur eine von insgesamt acht Stationen der Popakademie. Von Reims führte die Reise über Lunéville nach Rennes und Lille. Dann ging es runter in den Süden, nach Montpellier und schließlich in den Pariser Raum, Montigny-le-Bretonneux und etwas weiter im Norden Clermont-sur-l’Oise. Überall traf das Team der Popakademie auf den gleichen Enthusiasmus der Schüler.

Für Jürgen Kramayer, Deutschlehrer am Gymnasium Cassini in Clermont-sur-l’Oise, ist dieses PASCH-Projekt dann auch wirklich ein Geschenk des Himmels: „Die Schüler haben mit so viel Begeisterung an diesem Projekt teilgenommen, dass das auch auf andere Schüler abgefärbt hat. In der Schule gingen unzählige Gerüchte herum, dass da irgendetwas ganz Verrücktes und Revolutionäres passiert ist, und ich denke dass die Schüler das mit Deutsch in Verbindung gebracht haben, und dass aus diesem Grund das Fach Deutsch einen ganz anderen Stellenwert bekommt. Ich denke, dass die Deutschen endlich verstanden haben, dass auf diesem Gebiet etwas getan werden muss, und dass da Partnerschaften eben nicht ausreichen.“

Deutsch, das in Frankreich noch immer einen verstaubten Beigeschmack hat, nach Deklinationen und Grammatikregeln riecht und sowieso nur für begabte Schüler geeignet ist, soll den Rang einer normalen Kommunikationssprache erhalten. Und das ist durch das Projekt mit der Popakademie gelungen. Florian Körber erklärt: „Bei den Schülern soll der Anreiz geweckt werden, Deutsch zu lernen, und ich glaube, das ist auch der Fall. Die Resonanz der Schüler ist extrem groß, teilweise sind Schüler auf uns zugekommen und haben uns gesagt, dass sie versuchen wollen auf Deutsch Songtexte zu schreiben.“ Und auch das Deutschlandbild kommt dabei ganz schön in Bewegung, davon ist jedenfalls Florian Körber überzeugt: „Ich denke schon, dass wir auf unsere Art die Jugendlichen von dem Klischee der extrem starrsinnigen und uncoolen Deutschen weggebracht haben – wir sind Musiker und von daher sowieso eher von der lockeren Art. Ich denke auf jeden Fall, dass dadurch das Interesse an der deutschen Kultur geweckt wurde.“

An allen Schulen wurde die ungewöhnlich hohe Motivation der Schüler hervorgehoben. Auch auf der letzten Station der Frankreichtournee, dem Lycée Pilote Innovant International in Poitiers. Die Schuldirektorin Mme Azihari, der innovative Unterrichtsmethoden nicht fremd sind, ist verblüfft: „Ich war überrascht, als ich einige Schüler im Musikatelier Gitarre spielen sah. Ein Schüler sagte zu mir: Madame, das ist genial. Das war ein Schüler, der laut seiner Lehrer keine 3 Sätze auf Deutsch zusammenbringt. Er war total in seinem Element, machte, was man von ihm verlangte und er sprach Deutsch! Das ist doch phantastisch! Und es ist der Beweis, dass, wenn man wirklich motiviert ist, man es auch schaffen kann.“

Der ungewöhnliche Schultag wurde durch das abendliche Abschlusskonzert gekrönt. Gemeinsam traten die Schüler aus den unterschiedlichen Ateliers auf die Bühne. Vom Musikatelier begleitet stimmte die Sängerin Eva Rathsfeld dann mit ihrem Popchor die PASCH-Hymne an: „Heute ist alles neu. Die Schule wird mal anders sein, und wir, wir sind dabei. Hast du es schon gehört? Heute wird spielend Deutsch gelernt. Denn die Musik ist es, die uns eint. Wir singen hey, hey, hey, hey, ey, ey,ey, wir sind ein Teil der PASCH-Akademie.“

Der absolute Höhepunkt der Tournee war jedoch das Abschlusskonzert im Goethe-Institut in Paris. Mit drei Bussen reisten Schüler aus den teilnehmenden Schulen an, glücklich, noch einmal mit den Dozenten der Popakademie zusammenzuarbeiten. Beim gemeinsamen Konzert am Abend kam dann echte Bombenstimmung auf, die Schüler feuerten sich gegenseitig an und jubelten den Mitschülern zu, die Solovorstellungen auf Deutsch wagten. Das Publikum, überwiegend Schuldirektoren und Deutschlehrer, die zuvor die Partnerschuleninitiative offiziell in der Deutschen Botschaft bei einem Festakt eröffnet hatten, war vom Enthusiasmus ihrer Schüler begeistert. Jürgen Kramyayer aus Clermon : „Das ist ein super Anfang. Aber nach diesem Anfang müssen wir weitermachen auf dieser Schiene. Und ich denke, Sprachlehrer müssen sich jetzt im Unterricht viel mehr darum kümmern, Sprachunterricht nicht nur auf Sprache auszurichten, sondern eben als Kommunikationsmittel, um andere Dinge zu unterrichten.“

Weitere Infos

Interview mit Bernhard Osterkorn vom Pariser Goethe-Institut zu PASCH
www.rfi.fr/actude/articles/108/article_943.asp 

Fernsehbericht eines französischen Senders zur Popakademie in Frankreich
www.eurodeutsch.eu/spip.php?article622

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