Archiv 2014

Der Klub der Opernfreunde


Mit einem PASCH-Projekt hat Jasmin Mujkić, Deutschlehrer an der Dr. Mustafa Kamarić-Schule in Gračanica, Bosnien-Herzegowina, die Begeisterung seiner Schülerinnen und Schüler für die Oper geweckt.

Die Meinung, dass Jugendliche für die Oper und klassische Musik insgesamt nichts oder wenig übrig haben, ist weit verbreitet. Diese Auffassung teile ich persönlich nicht, denn die folgende kurze Geschichte aus dem PASCH-Gymnasium Dr. Mustafa Kamarić im nord-bosnischen Städtchen Gračanica beweist das Gegenteil.

Wie alles begann …

Das vor fünf Jahren in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Sarajewo ins Leben gerufene PASCH-Projekt begann für die sieben bosnischen PASCH-Schulen in unserem Gymnasium mit einem Musikseminar. Der Germanist Laszlo Papp bereitete die PASCH-Lehrkräfte und jeweils zwei bis drei Schülerinnen und Schüler auf ein Konzert des Liedermachers Torsten Riemann vor. Kurz danach folgte seine Tournee durch Bosnien. Seitdem sind seine Lieder ein fester Bestandteil des Deutschunterrichts in unserer Schule. Mit dem Sänger, der verschiedene Instrumente spielt, sind einige Schülerinnen und Schüler immer noch im freundschaftlichen Kontakt.

Was Musik anbelangt, waren wir schon damals keine Anfänger. Etwa drei Jahre zuvor hatten unsere Bemühungen um die Oper begonnen. Als Erstes hatten wir uns in Sarajevo eine wunderschöne Inszenierung der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß angeschaut. Anschließend wurden die Opernhäuser im benachbarten Ausland erobert: „Der Barbier von Sevilla“ in Slavonski Brod, „Carmen“ in Belgrad, „Traviata“ in Novi Sad, „Schwanensee“ in Zagreb. Da wir so positive Erfahrungen mit Oper, Operette und Ballett gemacht hatten, schlugen wir dem Goethe-Institut vor, in unserem Gymnasium für alle bosnischen PASCH-Schulen ein Opern-Seminar als Vorbereitung auf einen gemeinsamen Opernbesuch zu organisieren. Unter dem Titel „Ermutigung zur Oper“ fand ein dreitägiges Treffen für die sieben Partner des Goethe-Instituts statt. Meine Schülerinnen und Schüler, die das „Blut der Opernwelt geleckt hatten“, bekamen die Aufgabe jeweils eine ausgewählte und für Anfänger geeignete Oper vorzustellen. Sie erzählten von der Handlung der Oper und spielten interessante Arien und Duette vor. Vor allem versuchten sie, einen Teil ihrer Begeisterung auf die Gleichaltrigen aus den anderen Schulen zu übertragen, ihnen Ängste vor dem zunächst unverständlichen Gebaren und befremdlichen Gesangstil zu nehmen und sie zu einem Opernbesuch zu ermutigen.

Die mit dem Opern-Virus angesteckten Gäste sollten nun den musischen Virus in ihren Schulen weiter verbreiten. Zwei Monate später, nachdem in den einzelnen Schulen Vorbereitungen durchgeführt worden waren, rollten Busse mit 150 Schülern nach Zagreb in Mozarts „Zauberflöte“. Danach folgten weitere Opernbesuche wie vom Fließband: „Don Giovanni“ (Prag), „Carmen“ (Budapest), „Salome“ (Mannheim), „Die Fledermaus“ (Wien), „Traviata“ (Budapest), „Tosca“ (Budapest).

Der Höhepunkt 2014: Reise durch Europa

Die Krönung unserer bisherigen Bemühungen um die Oper ist der im Januar 2014 stattgefundene „Opernmarathon“: Eine ganze Woche lang war der Bus mit jugendlichen Opernfreundinnen und -freunden unterwegs. In fünf europäischen Metropolen haben wir fünf Meisterschöpfungen erleben dürfen. In glänzenden Inszenierungen erlebten wir drei Opern, eine Operette und ein Ballett: „Don Giovanni“ (Wiener Staatsoper), „Schwanensee“ (Staatsoper Bratislava), „Die lustige Witwe“ (Semperoper Dresden), „Nabucco“ (Statni Opera Prag) und „La Bohème“ (Ungarische Staatsoper Budapest). Zumindest in meiner Schule ist die Opernbegeisterung nun nicht mehr aufzuhalten.

Und was hat das mit Unterricht zu tun?

Ohne den Erfolg des „Klubs der Opernfreunde“ schmälern zu wollen, wird man mir als dem Leiter der Schüler-AG die durchaus berechtigte Frage stellen dürfen, was das Ganze eigentlich mit dem Unterricht zu tun hat. Meine Antwort ist folgende: Erstens sind Operntexte eine hervorragende Lektüre für jedermann. Zweitens bin ich nicht der Ansicht, dass der Zweck von schulischer Bildung nur und ausschließlich in der Vermittlung von „Stoff“ zu suchen ist. Die Erziehungsaufgabe der Schule hat in der letzten Zeit eher an Bedeutung gewonnen. Immer häufiger wird heutzutage auf das Prinzip hingewiesen, der Unterricht müsse den Schülern Spaß machen. Im Unterricht sollte alles eingesetzt werden, was ein bestimmtes Maß an erzieherischer Kraft entfaltet. Im anfänglichen Stadium unserer Bemühungen mussten sich interessierte Schülerinnen und Schüler, um nicht ausgelacht zu werden, vor der Öffentlichkeit verstecken, wenn sie den Wunsch verspürt und geäußert hatten, in die Oper zu gehen.

Begeisterung und Motivation ohne Ende

Mittlerweile herrscht in der Schule ein regelrechter Kampf um die Plätze. Kann man nun daraus den Schluß ziehen, alle Opernbesucher seien auch begeisterte Opernfreunde? Keinesfalls! Das Interesse ist jedoch derartig gestiegen, dass die sich ausbreitende Opernbegeisterung auch die schwächeren Schülerinnen und Schüler nicht unberührt lässt. Haben sie früher über die Operngänger gelacht, so wollen sie jetzt, weil das kritische Maß überschritten worden ist, gerne ein Teil der aus dem Nichts entstandenen Gemeinschaft sein.

Mittlerweile ist allen klar, dass die Zukunft nur noch mehr Opernbegeisterung bringen wird. Wenn die Jugendlichen im Unterricht bessere Leistungen vorweisen, bekommen sie die Gelegenheit, an einer Opernreise teilzunehmen. Die begeisterten Opernfreundinnen und -freunde der ersten und der zweiten Stunde haben schon längst die Schule verlassen und studieren mittlerweile unter anderem in Tuzla, Sarajewo, Graz, Wien und Karlsruhe. Sie sind jedoch im Kreis der vertrauten „Opern-Familie“ an unserer Schule geblieben und stehen für die Organisation größerer Unternehmungen vor Ort zur Verfügung. Auch dies ein Beweis, dass die Oper jeden reichlich beschert, der sein Gemüt ihrer Gestaltung anvertraut und sie so vor dem Vergessen bewahrt. „Habe Mut, dich mit der Oper auseinanderzusetzen“ – ist also der Wahlspruch des „Klubs der Opernfreunde“ am Gymnasium Dr. Mustafa Kamarić in Gračanica.

Datum: 19.05.2014
Quelle: Jasmin Mujkić, Dr. Mustafa Kamarić-Schule, Bosnien-Herzegowina

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