Archiv 2012

Leben und lernen in einer Gefahrenzone


14 Jugendliche am Colegio San Patricio in Monterrey, Nordmexiko, legen erstmals die Zentrale Deutschprüfung ab.

Am Colegio San Patricio in Monterrey, Nordmexiko, bereiten sich die Elftklässler auf die Zentrale Deutschprüfung (ZDP/A2) vor. Beim Training für die schriftliche Kommunikation sollen sie ihre Träume und Wünsche notieren. Die sehen in einer der gefährlichsten Städte Mexikos anders aus als hierzulande. „Ich habe die Hoffnung, dass ich nicht mit der Angst weiterleben muss, entführt zu werden und dass ich beruhigt nach Hause kommen kann, wann auch immer", schreibt z. B. die 18-jährige Monserrat Pérez. Ihre Gedanken tauschen die Jugendlichen anschließend mit ihrer Deutschlehrerin Brigitte Läubin aus. Teils auf Deutsch, teils auf Spanisch. „Ganz so differenziert können die jungen Leute ihre Gedanken auf Deutsch natürlich noch nicht ausdrücken", sagt die Pädagogin. Eines kann Monserrat aber doch noch schreiben: „Ich hoffe, dass mit einem neuen Präsidenten mehr Sicherheit kommt."

Einer der gefährlichsten Orte im Land

Das Colegio San Patricio ist eine schicke Privatschule in einer guten Wohngegend von Monterrey, Bundesstaat Nuevo Leon, knapp 220 Kilometer vor der Grenze zu Texas. Die zwei Standorte für Kindergarten und Grundschule sowie für den Sekundar- und Oberstufenbereich schmiegen sich an grüne Hügel. Noch vor zwei Jahren galt Monterrey, drittgrößte Stadt in Mexiko, als eine der sichersten Millionenstädte in Lateinamerika. „Inzwischen zählt sie zu den gefährlichsten Orten im Land“, sagt Dieter Jaeschke, Fachberater der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) in Mexiko.

Hier tobt der Drogenkrieg der sieben großen Kartelle untereinander und gegen den mexikanischen Staat besonders stark, gekämpft wird um Transportrouten für Drogen, Waffen und Menschenhandel. Im Zuge der Eskalation der Gewalt sind auch Delikte wie Entführungen sprunghaft angestiegen. „Der Drogenkrieg hat unser Leben verändert", berichtet die Deutschlehrerin. „Man fährt zur Schule und zur Arbeit und dann gleich nach Hause, auch die Jugendlichen gehen abends kaum noch aus." Die Familien rücken zusammen, Wohlstand werde nicht mehr so demonstrativ präsentiert wie früher gern. Inzwischen haben die teilweise sehr renommierten Universitäten der Stadt ihre Austauschprogramme reduziert, das US-Konsulat arbeitet nur noch mit Notbesetzung.

Wünsche und Träume

Angesichts diese Umstände sind die Wünsche der jungen Menschen mehr als verständlich: „Ich hoffe, dass die Situation nach den Wahlen besser wird", schreibt der 17-jährige Luis, denn im Juli wird in Mexiko ein neuer Präsident gewählt. Und die gleichaltrige Alma sagt: „Ich wünsche mir, dass Bildung und Erziehung in Monterrey so werden wie in Deutschland." Dabei ist ein Großteil der Menschen in Monterrey bildungsinteressiert, viele Schulen setzen auf eine mehrsprachige Ausbildung. Doch das Klima der Unsicherheit und der Angst belastet den Alltag in Schule und Unterricht.

„Selbstverständlich ist das Leben in Deutschland und die Sicherheit dort häufig ein Thema im DaF-Unterricht“, erzählt Jaeschke. Inzwischen ist die Zentrale Deutschprüfung ZDP/A2 durchgeführt, von den 19 Elftklässlern haben 14 bestanden. „Die Vorbereitung der Präsentationen hat allen viel Spaß gemacht und nicht zuletzt auch für etwas Ablenkung gesorgt", freut sich die Deutschlehrerin, die bereits seit einigen Jahren am San Patricio tätig ist. „Die Kollegin Läubin hat mit ihrer kleinen Fachschaft ein solides Deutschprogramm aufgebaut“, lobt Dieter Jaeschke. „Wir hoffen, dass wir mittelfristig auch die Prüfungen zum Deutschen Sprachdiplom hier abnehmen können.“

Ob die Präsentationsthemen in Monterrey andere sein werden als an friedlicheren Orten? „Manche Themen tauchen vermutlich überall auf“, schmunzelt Brigitte Läubin. So notiert Juan Carlos, 17, auf seinen Zettel mit den Hoffnungen und Träumen: „Ich möchte nach Deutschland reisen und den FC Bayern spielen sehen."

Datum: 01.06.2012
Quelle: Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA)
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