Archiv 2012

DSD II in Toronto – Junge Forscherinnen im Interview


„Ein Pfannkuchen in Berlin ist ein Eierkuchen in München.“ Wer glaubt, dass die Erforschung regionaler Unterschiede innerhalb des Deutschen nur Thema eingefleischter Philologen ist, wird von Alice Tan aus Toronto eines anderen belehrt.

Genau wie Julia Pomerantz besucht die chinesischstämmige Schülerin, Absolventin des Deutschen Sprachdiploms (DSD) der Kultusministerkonferenz, die University of Toronto Schools in Kanada. Beide Mädchen haben nach nur drei Jahren Deutschunterricht die DSD II Prüfung erfolgreich abgeschlossen. Somit sind sie zum Hochschulstudium in Deutschland berechtigt, ohne einen zusätzlichen Sprachnachweis zu erbringen.

Während Alice sich im Rahmen ihrer DSD-Prüfung mit deutschen Dialekten beschäftigte, forschte Julia zur Bedeutung technischer Innovationen in Deutschland. Beide Schülerinnen haben ihre Deutschkenntnisse fast ausschließlich in der Schule erworben. Ein Beleg dafür, dass Spracherwerb dann besonders gut funktioniert, wenn er mit spannenden Sachthemen verbunden ist.

Friedrich Broeckelmann, Fachberater / Koordinator der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) in Toronto, hat die beiden Mädchen interviewt. Lesen Sie hier, was Alice Tan und Julia Pomerantz an Deutschland und der deutschen Sprache besonders fasziniert:

Friedrich Broeckelmann: Welche Sprachen außer Deutsch sprecht ihr? Wo habt ihr sie gelernt?

Alice Tan: Außer Deutsch kann ich auch Englisch, Französisch, Mandarin und Kantonesisch. Kantonesisch ist meine Muttersprache, Mandarin habe ich in der Samstagsschule gelernt, und die anderen Sprachen in der Schule.

Julia Pomerantz: Außer Deutsch spreche ich Russisch, Französisch und natürlich Englisch. Zuerst lernte ich im Kindergarten Französisch, mit fünf Jahren, das habe ich dann in einem bilingualen Programm bis zur sechsten Klasse fortgesetzt. In der High School habe ich mich in einem Leistungskurs Französisch eingeschrieben und will nächstes Jahr die DALF (Diplôme approfondi de langue française) Prüfung machen. Russisch habe ich zu Hause bei meinen Eltern aufgeschnappt, außerdem hatte ich 10 Jahre zusätzlichen Russischunterricht bei einem Tutor, um die Sprache zu perfektionieren. Auf jeden Fall will ich das Studium von Fremdsprachen auf der Universität fortsetzen, vielleicht fange ich auch noch eine weitere Sprache an. Es gibt so viele Sprachen, die ich lernen möchte – am schwersten ist die Auswahl!

Friedrich Broeckelmann: Wie seid ihr auf euer Präsentationsthema gekommen? Was habt ihr bei der Vorbereitung erlebt?

Alice Tan: Mein Präsentationsthema war „Lokaldialekte in Deutschland“. Als ich in Deutschland war, sind wir sehr oft gereist und haben verschiedene Regionen in Deutschland besucht. Ich war wirklich fasziniert von dem Unterschied zwischen Hochdeutsch und den verschiedenen Lokaldialekten. Ich wohnte in München, aber wir sind auch nach Schwangau und Berlin gereist. Im Goethe-Institut München, wo man nur Hochdeutsch sprach, konnte ich fast alles verstehen, aber auf der Straße hatte ich manchmal Probleme, die Bürger zu verstehen. Ich fand Lokaldialekte sehr interessant. Bei der Vorbereitung auf meine Präsentation habe ich viel über die deutsche Sprache gelernt, z.B. ich habe eine echt tolle Site gefunden, auf der man über vierzig Lokaldialekte hören könnte.

Julia Pomerantz: Deutsche Hochtechnologie – dieses Thema interessiert mich aus verschiedenen Gründen: Seit Beginn der Rezession im Jahr 2008 sind die Medien voll von Meldungen über Deutschlands wirtschaftlichen Erfolg und seine Rolle als eines der ökonomisch stärksten – wenn nicht das stärkste – Länder der EU. Das motivierte mich, mehr über den Erfolg des Landes herauszubekommen. Ich habe erkannt, dass der Erfolg zum großen Teil auf den technologischen Leistungen im Umweltbereich, der Energieerzeugung und bei Kommunikationsnetzwerken usw. beruht. Ich wollte rausfinden, ob Deutschland diese besondere Rolle aufrecht erhalten konnte und so bin ich bei meinem Präsentationsthema gelandet. Bei den Vorbereitungen habe ich dann immer mehr über die Industrie- und Technologieförderung durch die deutsche Regierung erfahren. Natürlich habe ich mich mit den vielen Erfindungen deutscher Wissenschaftler befasst, vom Aspirin bis zum Auto.

Friedrich Broeckelmann: Habt ihr ein deutsches Lieblingswort? Wenn ja, welches?

Alice Tan: Es ändert sich sehr oft, aber heute ist mein Lieblingswort „Kuddelmuddel“.

Julia Pomerantz: Mein Lieblingswort ist „Gemütlichkeit“. Es ist in der deutschen Sprache einzigartig, es gibt kein englisches Äquivalent. Auf Englisch müsste man zu umschreiben versuchen: comfort and coziness when among friends and family.

Friedrich Broeckelmann: Mit dem DSD II könnt ihr in Deutschland studieren, aber ihr müsst natürlich nicht: Was habt ihr nach der Schule vor?

Alice Tan: Nächstes Jahr werde ich zur Uni gehen, und ich möchte Biotechnologie und Deutsch studieren. Im zweiten oder dritten Jahr möchte ich auch bestimmt mit meinem DSD II ein Semester Abroad in Deutschland studieren.

Julia Pomerantz: Nach der Schule, in drei Monaten, will ich zum wissenschaftlichen Studium auf eine Universität, aber ich muss noch entscheiden, auf welche! Ich suche ein Grundstudium, das meine Interessen für Naturwissenschaften, Ökonomie und Weltpolitik kombiniert. Idealerweise würde ich gern in einem Weltgesundheitsprogramm arbeiten, dafür wären meine Fremdsprachenkenntnisse sicher sehr nützlich! Irgendwann in den nächsten vier Jahren will ich auch im Ausland studieren und arbeiten. Toll finde ich, dass Deutschland sich so bemüht, ausländische Studenten zum Studium – vor allem im Bereich Naturwissenschaft und Technologie – ins Land holen will. Ich überlege, ob ich nach Deutschland gehe, internationale Erfahrungen sammle und mein Deutsch perfektioniere!

Das Deutsche Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz ist eine gemeinsame Aufgabe von Bund und Ländern. Es kann von Schülerinnen und Schülern an weltweit 870 DSD-Schulen und über 60 Deutschen Auslandsschulen, die von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen des Bundesverwaltungsamtes betreut werden, als Nachweis deutscher Sprachkenntnisse abgelegt werden. Dabei werden die vier Fertigkeiten: Hörverstehen, Leseverstehen, Schriftliche Kommunikation und Mündliche Kommunikation abgeprüft. Das DSD II gilt dabei als Nachweis der für die Aufnahme eines Hochschulstudiums in Deutschland notwendigen Sprachkenntnisse.
Datum: 04.04.2012
Quelle: Friedrich Broeckelmann, Fachberater / Koordinator der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) in Toronto

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