Archiv 2011

Adrenalinstoß aus Poesie und Russendisko

Fotos: Dieter Jaeschke, Jan Pietrowski

PASCH-Projekt 2011 „Sprache kreativ“: 37 junge Deutschlerner der Partnerschulen in Mexiko dichten gemeinsam mit Bas Böttcher und tanzen mit Wladimir Kaminer in der Deutschen Schule Guadalajara

Ein Gespräch mit der Regisseurin Doris Dörrie, Dichten mit dem Slam-Poeten Bas Böttcher, Lesung und „Russendisko“ mit Wladimir Kaminer: „Dieser Workshop war ein einziger Adrenalinstoß“. Ricardo Esquivel vom Campus Cuernavaca der Schweizerschule Mexiko klingt, als sei er außer Atem. Hinter ihm und den 36 anderen Deutschlernern im Alter zwischen 14 und 17 Jahren der deutschen Partnerschulen in Mexiko liegen vier erlebnisreiche Tage. Im Rahmen des dritten gemeinsam vom Goethe-Institut Mexiko und der Zentralstelle für Auslandsschulwesen organisierten PASCH-Projektes konnten die Schüler auf der „Internationalen Buchmesse Guadalajara“ (FIL) deutsche Autoren, Regisseure und Künstler persönlich kennen lernen.

In nur vier Workshop-Blöcken wurden eigene „Poetry-Slams“ entwickelt.

„Oh Meer, oh Meer, ich mag dich so sehr. Wenn wir an deiner Küste sind, ist der Wind…“ – „Voll frisch!“ – „Du musst aber frischhhh sagen, nur so wird der Text zur Show.“ In ihrer Kleingruppe denken Karla, Erick, Luis und Maria intensiv über die Wirkung von Worten nach – so, wie es der Berliner Autor Bas Böttcher gerade in seiner Einführung vermittelt hat. „Beim Poetry-Slam geht es darum, mit der Macht der Sprache zu spielen. Wichtig ist das freie Assoziieren, um den Filter der Realität im Gehirn etwas auszuhebeln.“ Gespannt haben die Jugendlichen zugehört, nun wollen sie Verse reimen und „Ideen, Text und Show“ in ästhetischen Einklang bringen.

„Die Aufgabe ist schon eine Herausforderung, denn die jungen Leute kommen aus den drei Partnerschultypen in Mexiko“, sagt Dieter Jaeschke, Fachberater der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA). „Die Sprachniveaus sind sehr unterschiedlich – in den Deutschen Auslandsschulen wird bereits ab Kindergarten Deutsch gelernt, hingegen haben die Schüler an den öffentlichen mexikanischen Schulen gerade einmal 2 Jahre Deutschunterricht. Daher haben wir bewusst die Gruppen gemischt, um den Austausch der Schüler untereinander anzuregen, um Sprachhemmungen entgegen zu wirken“, ergänzt Diana Petermann, Expertin für Unterricht des Goethe-Institutes Mexiko. Und genau um die Vernetzung der verschiedenen Schulen geht es bei diesem Projekt – dass junge Mexikaner nicht nur Sprache erkunden und kreativ erproben, sondern einen Blick über den Tellerrand werfen, sich gegenseitig besser kennen lernen und gemeinsam etwas auf die Beine stellen. „Im Idealfall erwachsen hier neue Freundschaften“, hofft Dieter Jaeschke.

Neue Freundschaften

Durch die euphorische Moderation des Slam-Poeten Bas Böttcher scheint es bereits nach kurzer Zeit so, als würden sich die Jugendlichen schon länger kennen, dabei waren sie erst am Vortag aus vielen Orten Mexikos angereist – aus der Hauptstadt, aus Puebla, Pachuca und Puerto Vallarta, sogar aus den Mennonitenkolonien im weiten nördlichen Bundesstaat Chihuahua. Einem kurzen Kennenlernen folgte der erste Messebesuch. Hier stand Regisseurin und Autorin Doris Dörrie zu ihrem Film „Bin ich schön?“ Rede und Antwort.

Zurück an der Deutschen Schule: Als Böttcher erzählt, wie er zur Slam-Poesie gekommen ist, müssen die Teenager schmunzeln: „Ich hab‘ mit einem Kumpel im Aufzug rhythmisch gegen die Wand getreten.“ Aus dem jungen Wilden ist längst ein vielbeachteter Autor geworden. 2007, im „Jahr der Geisteswissenschaften“ war Bas Böttcher „Botschafter der Sprache“. Mitten im Pulk stehend dirigiert er zungenbrecherische Sprechgesänge, sensibilisiert die Jugendlichen für Rhythmen und Reime, später geht er von Tisch zu Tisch und steht den einzelnen Arbeitsgruppen mit Rat und Tat zur Seite.

„Deutschland ist ja gar nicht so ernst, wie immer gesagt wird“

Freudig erwartet wird auch der deutsch-russische Autor Wladimir Kaminer („Russendisko“, „Militärmusik“), der die PASCH-Gruppe in der Deutschen Schule besucht und Geschichten aus seinem neuesten Buch „Liebesgrüße aus Deutschland“ zum Besten gibt. Wenn Kaminer in seiner trockenen Art die schönsten Kapriolen des Berliner Schulalltags wie „Sponsorenläufe“ und „ökologische Wandertage“ karikiert, hat er die Lacher auf seiner Seite. „Deutschland ist ja gar nicht so ernst, wie immer gesagt wird“, strahlt Sebastian vom Campus Xochimilco der Deutschen Schule Mexiko. Schnell entwickelt sich ein Gespräch über Stereotypen und Klischees, Alemania versus México. Auf die Frage, was Kaminer Deutschland wünsche, antwortet er: „Weniger ängstliche Zukunftsvorsorge, mehr Freude an der Gegenwart.“ Er und seine Frau Olga lassen sich später selbst nicht lange bitten - als sie Sowjet-Pop zur „Russendisko“ auflegen, mischen sie sich vergnügt unter das junge Tanzvolk, während dazu auf der Leinwand in einer Endlosschleife Clips des sowjetischen Zeichentrickklassikers „Nu, pogodi!“ der Hase vor dem Wolf Reißaus nimmt.

Zum Abschluss präsentieren die Jugendlichen mit Stolz und voller Freude vor Gästen im Auditorium der Deutschen Schule am nächsten Tag ihre inszenierten und besonders betonten Texte, die mal kritisch, mal witzig, mal sehr poetisch ausgefallen sind: „Die Sterne, sie scheinen wie eine Laterne. Das machen sie nur für uns, so gerne…“ Katharina Herzig, Deutschdozentin an der Universität Guadalajara: „Das ist wirklich ein gelungenes Beispiel, für die Schönheit der deutschen Sprache zu sensibilisieren.“

Datum: 06.12.2011
Quelle: : Dieter Jaeschke, ZfA Mexiko

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